Klimaschutz als strategische Handelspolitik

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Die wichtigste Nachricht des ersten Tages beim COP26-Klimagipfel in Glasgow kommt aus Rom. Dort beschlossen gestern die mächtigen G20-Staaten, darunter auch das jüngste Mitglied Türkei, sich an das 1,5 Grad-Ziel des Paris-Abkommens zu halten, das sie – ausgenommen die Türkei – schon völkerrechtlich verbindlich in 2015 unterzeichnet haben. Damit könnte das Treffen in Glasgow mehr bewirken als skeptische Beobachter, zu denen ich mich zähle, erwartet haben. Die Vorzeichen waren nicht gut. Die Corona-Pandemie hat den Normalgang der Klimaverhandlungen gestört, die Rolle des Klimasekretariats geschwächt, und die britische Verhandlungsdiplomatie im Vorfeld des Klimagipfels schien mit der Absage der Teilnahme durch Xie Jinping aus China und Putin aus Russland glücklos.

Nun das Aufbruchssignal der Mächtigen aus Rom. Die 20 größten Volkswirtschaften der Welt bekennen sich zu einer historisch beispiellosen fundamentalen Transformation, die bis zur Mitte des Jahrhunderts eine klimaneutrale Welt schaffen soll. Für die Systemkritiker unter den Klimaschützern sind dies durchaus zwiespältige Beschlüsse, denn die sie markieren auch das Ende einer von Wachstumskritik geprägten Klimapolitik. Jahrzehntelang schienen Klimaschutz und wirtschaftliches Wachstum unvereinbar, jetzt geht Wachstum nur noch mit Klimaschutz.

Das zentrale Problem des Trittbrettfahrens – dass Länder vom weltweiten Klimaschutz profitieren, egal, ob sie selbst Anstrengungen unternehmen oder nicht – scheint überwunden. Jetzt regiert ein wirtschaftsmächtiger Klimaklub, an dem niemand mehr vorbeikommt. Länder, die sich dem Klimaschutz verweigern, müssen in Zukunft mit Nachteilen im Handel mit den USA und China rechnen. Dies geschieht nicht allein aus Sorge für das Klima. Vielmehr haben die beiden Großmächte im Klimaschutz einen wichtigen Schauplatz ausgemacht, auf dem sie ihr Duell um die wirtschaftliche und technologische Vormachtstellung in der Welt austragen wollen.

Schon im US-Wahlkampf hatte Biden versprochen, “jedes Instrument der amerikanischen Außenpolitik zu nutzen”, um auch andere Länder zu einem wirksameren Klimaschutz zu drängen. Noch deutlicher wurde sein jetziger Außenminister Antony Blinken in einer Rede, die er nur wenige Tage vor dem „Biden-Klimagipfel“ im April 2021 mit markigen Worten eröffnete: „Unsere Diplomaten werden die Praktiken von Ländern angreifen, deren Handeln – oder Nichthandeln – die Welt zurückwirft. Länder, die ihre Energie weiterhin zu einem signifikanten Teil aus Kohle gewinnen, die in neue Kohlekraftwerke investieren oder massive Abholzungen von Wäldern zulassen, werden von den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten zu hören bekommen, wie schädlich dieses Handeln ist.“ Hiermit kommt ein wiedererstarkender hegemonialer Anspruch der USA zum Ausdruck, der mit den Druckmitteln der internationalen Handelspolitik durchgesetzt werden soll. Länder, die sich dem Klimaschutz verweigern, müssen mit Nachteilen im Handel mit den USA und seit gestern auch der mächtigsten Handelsnationen der Welt rechnen. Dem Druck haben sich Saudi-Arabien und Russland mit ihren Zusagen beim Ziel der Klimaneutralität bis 2060 gebeugt. Umgekehrt dürfen kooperierende Länder mit Handelsbegünstigungen und wirtschaftlichen Vorteilen rechnen. Trittbrettfahren ist in einer solchen Welt keine Option mehr, weil es mit Handelshemmnissen bestraft würde. Klimapolitik ist ab sofort strategische Machtpolitik.

Reimund Schwarze ist Klimaexperte im Department Ökonomie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Als Professor für Volkswirtschaftslehre hält er Vorlesungen an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Seine Forschungsschwerpunkte sind ökonomische und juristische Untersuchungen zur Klimapolitik. Er beobachtete in den letzten Jahren die Klimakonferenzen der UNO und berichtete davon im UFZ-Klimablog.

27 Kommentare

  1. Der Handelskrieg der USA mit China und die vielen neu eingeführten oder erhöhten Zölle für chinesische Waren bestehen ja auch noch unter der Biden-Administration und haben den Weg geöffnet für Zölle und Handelstarife auch anderswo, beispielsweise beim Klimaschutz. Allerdings besteht für die USA auch die Gefahr, dass sich solche Klimatarife auch gegen US-Produkte richten. Jedenfalls besteht diese Gefahr solange die Biden-Administration ihren Klimainvestitionsplan noch nicht durch den Kongress gebracht hat.

    Der Klimaplan Bidens ist tatsächlich ambitioniert. Im Guardian (übersetzt von google translate) liest man dazu:

    Dieser vorgeschlagene Rahmen sieht Anreize, Investitionen und Steuergutschriften in Höhe von 555 Mrd. Der Gesetzentwurf wird dazu beitragen, neue Elektrobusse und Lastwagen einzusetzen, die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft gegen katastrophale Waldbrände und Überschwemmungen zu stärken und 300.000 Menschen in einem neuen „zivilen Klimakorps“ zu beschäftigen.
    Insgesamt sagte das Weiße Haus, dass die Gesetzgebung die Emissionen der Planetenerwärmung bis 2030 um 1 Milliarde Tonnen reduzieren und die USA ihrem Ziel, die Kohlenstoffverschmutzung in diesem Jahrzehnt um die Hälfte zu reduzieren, deutlich näher bringen wird.

    Wenn Joe Biden diese vorgeschlagene Gesetzgebung und die dazugehörigen Investments über die Bühne bringt, dann kann er gegenüber andern Ländern, die weniger in den Klimaschutz investieren, bestimmter auftreten und irgendwann ist dann sogar so etwas wie ein Klimazoll oder sind sogar Sanktionen für ausländische Klimasünder denkbar.

  2. Joe Biden ist 79 Jahre alt, erwarten wir keine Wunder.
    Über den Klimaschutz kann man politisch auf die Konkurrenz einwirken und unerwünschte Konkurrenten mit Strafzöllen beeinflussen.
    Bei China wird diese Waffe langsam stumpf, denn China tritt de facto als Monopolist auf, man schaue mal auf die Chipproduktion.

    Gut dagegen ist, dass sich die Welt immer mehr als Risikogemeinschaft begreift und die Risiken minimieren will. Das Beispiel Brasilien mit dem Abholzen Regenwald wird zeigen, ob wir es nur mit Absichtserklärungen zu tun haben.

  3. Klimaschützer fordern, möglichst sofortigen Ausstieg aus Kohle, Gas und Öl – Immer wieder lustig🥴, wenn es nicht zum Kotzen wäre, denn eher bombt der Westen seine Konkurrenz zurück in die Steinzeit, als dass er jetzt den Weg in die richtige Richtung Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik einschlagen würde (aber das fordert natürlich kein Wohlstands-/Gewohnheitsmensch auf steter Schuld- und Sündenbocksuche, denn das ist ja der tabuisierte Beelzebub des imperialistisch-faschistischen Erbensystems!👹).

  4. Die Vorgehensweise der Politik und der Wirtschaft beim Klimaschutz vor allem auf Wind- und Sonnenenergie und auf E-Autos zu setzen ist offensichtlich nicht durchdacht, wie der SPIEGEL in diesem Artikel:
    “Raubbau für die Rettung des Planeten” https://is.gd/xfHAWb
    und in seiner aktuellen Print-Ausgabe gerade berichtet.
    Über das gleiche Thema, nur ohne Bezug auf die Umweltschäden, berichtete bereits vor einigen Monaten die BBC:
    https://www.bbc.com/news/science-environment-57234610

    Beide Artikel setzen auf ein zukünftiges Recycling, um die riesige Lawine der nun in gigantischen Mengen benötigten Rohstoffe Kobalt, Nickel, Neodym sowie Aluminium und Kupfer überhaupt in den Griff zu bekommen.
    Es wird auch schon im Spiegel-Artikel direkt angesprochen, dass man da etwas angefangen hat, das überhaupt nicht zu Ende gedacht wurde.

    Mir kommt es nach Lesen dieser beiden Artikel so vor, dass man nun den Teufel mit dem Belzebub austreiben will: man begeht heute und in den nächsten Jahren schon eine gigantische Umweltzerstörung zur Förderung und Verarbeitung der nun benötigten Rohstoffe um die Umwelt vor einer zukünftigen Zerstörung durch den Klimawandel zu retten.
    “Man” ist weder auf den total veränderten und wirklich gigantischen Rohstoffbedarf (lt. BBC z.B. allein die 80-fache jährliche Fördermenge von Kobalt und die 40-fache von Neodym nur für E-Autos global, die Windkraftanlagen sind da noch außen vor) und das unbedingt notwendige Recycling vorbereitet noch auf die Überbrückung der in Deutschland drohenden Blackouts, wenn die letzten AKWs abgeschaltet sind und nachts kein Wind weht oder die Kalten Dunkelflauten im Winter auftreten.

  5. Nachtrag zu meinem ersten Kommentar:
    China scheint bei den Rohstoffen, sowohl im eigenen Land als auch in vielen Schwellenländern, sehr stark die Hand im Spiel zu haben.
    Das bedeutet dann, dass China nicht nur die meisten CO2-Emissionen verursacht und diese auch noch Jahr um Jahr steigert, so dass unsere Klimaneutralität total unterlaufen werden wird, sondern auch noch, dass China den Teil der neuen “grünen” Energiewirtschaft zu einem großen Teil kontrolliert und “uns” so doppelt an der Leine hat.

    • Was aber kaum kommuniziert wird…da es nicht in das Bild des “Umweltsünders China” passt:

      China ist der weltgrößte Hersteller von Photovoltaik- und Windkraftanlagen und der größte Produzent von daraus gewonnener Elektrizität. Aus einem Bericht der Zeitschrift Nature von August 2020:
      China ist der weltweit tüchtigste Produzent von Windenergie, mit einer Kapazität, die mehr als doppelt so groß ist wie die des zweitgrößten Generators, der Vereinigten Staaten. Dazu verfügt es über rund ein Drittel der weltweiten Solarkapazitäten und errichtete letztes Jahr mehr Systeme als jedes andere Land.“

      Die Olympischen Winterspiele, die vom 4. bis zum 20. Februar 2022 in Peking und Zhangjiakou stattfinden, wurden von der chinesischen Regierung zu „grünen Spielen“ erklärt. Alle Sportstätten sollen mit „grüner“ Energie betrieben werden. Der öffentliche Nahverkehr in beiden Städten soll zu 85 Prozent elektrisch, mit Erdgas, mit Brennstoffzellen oder mit Hybridantrieben funktionieren.

      • @Dirk Freyling,
        Das ändert doch nichts daran, dass China 1077 Kohlekraftwerke in Betrieb hat (Stand 2020) und 384 weitere geplant und im Bau sind, dass China eine gigantische Kohleneisenbahnlinie gebaut hat
        https://www.youtube.com/watch?v=1SdI1JZcITY
        und extra darauf hinweist, dass es nicht auf Wind- und Sonnenenergie setzen wird: https://www.cnbc.com/2021/04/29/climate-china-has-no-other-choice-but-to-rely-on-coal-power-for-now.html
        Das “for now” wurde von einem Journalisten bereits so analysiert: China will, bevor die Kohle endgültig knapp wird, auf neue AKW, wie den gerade erstmals dort in Betrieb gegangenen Thorium-Reaktor und auf den in China ebenfalls mit Milliardensummen geförderten Fusionsreaktor setzen.
        Alles andere ist Augenwischerei für den gutgläubigen Westen, so auch die “grünen Spiele” jetzt in Peking.
        Gleiche Augenwischerei sind die laut Xi zukünftig nicht mehr im Ausland zu bauenden Kohlekraftwerke, wobei es sich offensichtlich nur um ca. 10 Stück handelt, zu denen noch nicht die Verträge unterschrieben sind, während über 200 schon fest geplante und zugesagte gebaut werden.

        Warum nur nehmen hier und an anderen Stellen in den online-Medien so viele Kommentatoren China in Schutz, obwohl es doch den Klimaschutz total an die Wand fährt? Man könnte glauben, die Aussage von Theo Sommer in seinem Buch “China first”, welche lautet: “Die Chinesen kommen? Sie sind schon da!” auch für die entsprechenden Kommentare gilt.

        (Zur Vermeidung von Mißverständnissen: Ich bin kein “Gegner” Chinas, ich treffe nur Feststellungen. Ich habe eine ganze Reihe von Wissenschaftlern und Technikern aus und in China kennengelernt und weiß, welche exzellente Fachleute es dort gibt, die viel konsequenter und sicherer arbeiten als viele “westliche” Fachleute, die ich ebenfalls kennengelernt habe.)

        • @Wolfgang Richter: “… obwohl es doch den Klimaschutz total an die Wand fährt?”

          Zum einen haben viele westliche Staaten ihre Produktionen AUCH nach Asien/China ausgelagert, was die CO2-Bilanz im Westen täuschend glänzen lässt, zum anderen ist die Einstellung Chinas gegenüber dem Westen verständlich, denn die Hierarchie des imperialistisch-faschistischen Erbensystems bleibt starr zur wettbewerbsbedingten Symptomatik – Allein wenn die gewohnten Intrigen (manipulativ-schwankende “Werte” / Inflation) zu einer weiteren Weltwirtschaftskrise betrieben werden, dann wird die Taiwan-Provokation das kleinste Problem sein.

          • Die Verlagerung nach China ist relativ klein und spielt bei den massiven und weiter zunehmenden Emissionen Chinas nur eine kleine Nebenrolle, denn es sind nur gerade 10% des BIP die bei China den Exportanteil ausmachen, wozu ja auch die von westlichen Firmen in China produzierten Waren gehören.
            Und dann geht es aber doch auch umgekehrt, denn Deutschland exportiert ja auch kräftig nach China oder westliche Firmen produzieren in China, wie Sie schreiben.
            Laut statistischem Bundesamt hat Deutschland 2020 Waren im Wert von rund 96 Mrd. Euro nach China exportiert und Waren im Wert von rund 116 Mrd. Euro von China importiert, so dass letztlich nur noch eine Differenz von 20 Mrd Euro Import-Überschuss bleibt.
            Für die CO2-Emissionen dürfte das dann kein allzugroßer Wert mehr sein, der sich aus den 20 Mrd. Euro errechnen ließe, die China mehr produziert als wir.

        • …„Laut statistischem Bundesamt hat Deutschland 2020 Waren im Wert von rund 96 Mrd. Euro nach China exportiert und Waren im Wert von rund 116 Mrd. Euro von China importiert, so dass letztlich nur noch eine Differenz von 20 Mrd Euro Import-Überschuss bleibt.“… Das entspricht dann einem Exportfaktor von 116/96 ~ 1,21

          Das ist offensichtlich eine „Milchmädchenrechnung aus deutscher Sicht“. Denn Im Jahr 2020 exportierte China Waren im Wert von rund 2,59 Billionen US-Dollar. Dem gegenüber stehen Warenimporte nach China im Wert von rund 2,06 Billionen US-Dollar. Das entspricht dann einem Exportfaktor von 2,59/2,06 ~ 1,26. Absolut in US-Dollar ist der Exportüberschuss Chinas 530 Milliarden für 2020. Da fallen die ~ 4,5% deutscher Anteil nicht sonderlich ins Gewicht (hier habe ich mal grob einen Euro mit 1,18 Dollar gleichgesetzt (23,6/530 ~ 0,0453 ~ 4,5%)
          Darüber hinaus ist dieser Warenwert-Vergleich im Sinne der CO2-Emissionen mit Vorsicht zu geniessen. Denn jedes Produkt hat eigene CO2-Werte (Rohstoffgewinnung, Weiterverarbeitung). Fakt ist: Der pro Kopf-Ausstoss von CO2 in Deutschland ist um ~ 10% grösser als in China.
          China ist in vielerlei Hinsicht nicht mit Deutschland zu vergleichen. Alle staatlichen (Infrastruktur-)Projekte dauern in Deutschland ein Vielfaches an Zeit und sind um ein Vielfaches teurer als in China.
          Windkraft-Anlagen waren im 1. Halbjahr 2021 in Deutschland zu 21 % ausgelastet. Insgesamt stammten 44,0 % des eingespeisten Stroms im 1. Halbjahr 2021 aus erneuerbaren Energieträgern.

          • Laut Spiegel, gestützt auf die Rhodium Group, sind die CO2-Emissionswerte Chinas höher als offiziell angegeben. Die Rhodium Group gibt gestützt auf eigene Quellen in China einen wesentlich höheren Wert für die CO2-Emissionen 2019 an als das Global Carbon Project, nämlich statt 10 Gt sollen es 14 Gt gewesen sein, womit der das Klima kein bißchen beeinflussende pro-Kopf-Wert auch schon über dem deutschen Wert liegt:
            https://www.spiegel.de/wirtschaft/studie-zu-treibhausgasen-china-stoesst-erstmals-mehr-dreck-aus-als-alle-industrielaender-zusammen-a-a02b584b-5c2d-46a9-be8c-d513a4605be7

    • Reimumd Schwarze: “… auf dem sie ihr Duell um die wirtschaftliche und technologische Vormachtstellung in der Welt austragen wollen.”

      Gerade weil China (aus Enttäuschung) den Rückzug in einen konzentrierten Nationalismus verkündet hat, glaube ich garnicht an diese doch sehr seltsame These.

      Um China wieder an den Tisch zu holen, bedarf es klare Bekenntnisse für eine Kommunikation diese Welt in ein Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik zu transformieren.

  6. Zur Orientierung
    Spricht man heute von „seit dem Beginn der Wetteraufzeichnung“ so ist damit maximal der Zeitraum ab 1781 gemeint. In manchen Regionen aber auch viel kürzere Zeiträume von lediglich einigen Jahrzehnten. Viele Temperaturkurven fangen mit dem Beginn der regelmäßigen Messungen um 1860 an. Dieser Termin fällt mit dem Ende der Kleinen Eiszeit und somit einem Temperatur-Minimum zusammen. Man vergleicht also mit einem Extremwert…

    Exemplarisch alternative Meinung
    Josef H. Reichholf, Biologe, Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe, lehrte an beiden Münchner Universitäten Ökologie und Naturschutz: “Warum freuen wir uns eigentlich nicht darüber (über die Prophezeiungen wärmerer Sommer und milderer Winter)? Wir Menschen sind als biologische Art in den Tropen entstanden. Unser Körper ist auf warmes Klima eingestellt. Bei 27 Grad Celsius fühlen wir uns wohl. Liegt die Umgebungstemperatur niedriger, brauchen wir Kleidung und geheizte Räume. In der Kälte zu leben, kostet Energie. Sehr viel sogar. (…) Im milden Winter 2006/07 sparten die Deutschen so viel Energie, dass sie das Sparziel von 20 Prozent zum Klimaschutz glatt erreichten. Wenn solche Winter die Regel werden und die Bevölkerung in den Ländern der EU bis zum Jahr 2050 im vorhergesagten Umfang schrumpft, kommt die Verminderung von einem Fünftel des Verbrauchs von 1990 ohne weitere Massnahmen von selbst zustande. Europa dürfte wie in der Vergangenheit zu den Gewinnern eines insgesamt wärmeren Klimas gehören. Das zeigen die regionalisierten Klimamodelle.“…

    Zum Mitdenken
    …Beim Ausbruch des nordamerikanischen Vulkans Mount Saint Helens in den Achtzigerjahren wurde eine Schadstoffmenge in die Atmosphäre geblasen, die gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen den gesamten CO2-Ausstoss des weltweiten Motorfahrzeugverkehrs innert zweier Jahre übertraf. Schon ein grösserer Vulkanausbruch kann den Klimatrend umkehren…

    • Zum Verständnis der Vulkan-Auswirkungen

      Als vulkanischer Winter wird die Abkühlung der unteren Erdatmosphäre nach einem Vulkanausbruch bezeichnet. Asche und Schwefeldioxid, aus denen sich Aerosole aus Schwefelsäure bilden, werden bei einer größeren Eruption bis in die Stratosphäre geschleudert und verteilen sich dort wie ein Schleier über den gesamten Erdball. Die Sonnenstrahlen werden dadurch teilweise absorbiert oder zurückgestreut.

      Das derzeit größte Gefahrenpotenzial eines vulkanischen Winters weist der Supervulkan Yellowstone im Yellowstone-Nationalpark (USA) auf. Sein Ausbruch könnte zu mehreren Jahrzehnten eiszeitartigen Klimas führen, was weltweite Missernten und Hungersnöte zur Folge hätte.

      Zu einer Abkühlung um mehrere Kelvin und einer dramatischen Klimaänderung führte auch der letzte Ausbruch des Supervulkans Toba auf Sumatra während der letzten Kaltzeit vor etwa 74.000 Jahren. Nach der kontrovers diskutierten Toba-Katastrophentheorie soll sich dadurch die Population des Homo sapiens auf wenige tausend Individuen reduziert haben. Das könnte die geringe genetische Vielfalt der heutigen Menschen erklären („Genetischer Flaschenhals“ genannt).

      Für die jüngere Erdgeschichte seit dem Oligozän wurden bisher über vierzig Supervulkan-Ausbrüche nachgewiesen.

      Folgenschwer war beispielsweise der Ausbruch des Tambora auf Sumbawa im Jahr 1815. Er wirkte sich durch einen Rückgang der Durchschnittstemperatur um 2,5 Grad aus und in Europa gab es Frost im Juli, weshalb das Jahr 1816 auch das Jahr ohne Sommer genannt wird. Bis 1819 führte die Kälte zu Missernten und dadurch zu Auswanderungswellen von Europa nach Amerika…

      Hier sieht man deutlich die Komplexität und „paradoxe“ Wirkung von Naturereignissen. Trotz u.a. riesiger langanhaltender CO2-Ausstösse kam es im Gesamtergebnis zu einer signifikanten Abkühlung…

      • @Dirk Freyling: Langanhaltende Klimakatastrophen infolge von Naturereignissen gibts weniger als einmal in 50‘000 Jahren, die moderne durch den Menschen geprägte Welt gibts aber erst seit ein paar tausend Jahren.

    • @Dirk Freyling
      zum Nutzen der Erwärmung: Skandinavien, Kanada und Alaska sowie Sibirien werden von einem wärmeren Klima ziemlich sicher profitieren, alle äquatornäheren Gebiete aber darunter leiden. Das heisst: Wenige im Norden kriegens bald schon wärmer, die Vielen des Südens aber bekommen es eingeheizt. Das ist das Thema des Buches The New North: The World in 2050
      Schon die chinesische Hightech-Region Shenzen wird unter einer Erwärmung leiden, ist es dort doch bereits heute nur im Winter angenehm warm während im Sommer die Ventilatoren laufen.

      Übrigens werden Sibirien und Kanada erst nach längerer Zeit von der Erwärmung profitieren, zuerst einmal werden sie darunter leiden, schwindet doch der Permafrost, was bestehende Gebäude und Strassen instabil macht.

      Zu natürlichen CO2-Emissionen: Vulkanausbrüche und grossflächige Waldbrände können die menschlichen Emissionen kurzfristig überbieten. Doch es zählen letztlich nur die Emissionen in einem 10 oder 30-Jahren Mittelwert. Und über solche Zeiträume sind die menschlichen Emissionen dominant.

    • Dieses Zombie-Argument mit den Vulkan-Emissionen ist nicht tot zu kriegen, obwohl es tausendmal schon widerlegt wurde.

      “Die CO2-Emissionen von Vulkanen betragen nur etwa ein Hundertstel der menschengemachten, zum Klimawandel tragen sie nicht bei.”

      https://www.klimafakten.de/behauptungen/behauptung-vulkane-emittieren-mehr-kohlendioxid-als-die-menschen

      Und wenn ein Supervulkan ausbricht, können Sie sich auch das Steuerzahlen sparen, ist das nicht toll? Falls Sie den Ausbruch überhaupt längere Zeit überleben.

      Wenn so etwas passiert, dann “isch over”, dann muss ich auch keine dummen Kommentare mehr in Foren lesen.

      • @Paul Stefan:
        “Die CO2-Emissionen von Vulkanen betragen nur etwa ein Hundertstel der menschengemachten, zum Klimawandel tragen sie nicht bei.”

        Wenn das also das schlagende Argument gegen die Aussage ist, dass Vulkane den Klimawandel beeinflussen, dann fällt mir spontan folgende Formulierung ein:

        Die CO2-Emissionen Deutschlands sind nur etwa 1,8 Hundertsel der anthropogenen Emissionen (Stand 2019) und tragen deshalb auch nichts zum Klimawandel bei.

        Wo ist denn die Grenze oder Grauzone von CO2-Emissionen, ab der sie zum Klimawandel überhaupt oder nennenswert beitragen?

        • Vulkane allein verursachen keinen Klimawandel, sofern es sich nicht um Supervulkanismus handelt. Ein Teil des CO2 wird ja auch wieder absorbiert.

          “Für eine Kalkulation der Netto-Emissionen könnte man andererseits noch Kohlendioxid abziehen, das der Atmosphäre bei der Neubildung von Gestein aus dem von Vulkanen ausgestoßenen Material (kontinentalem Basaltgestein) entzogen wird. Studien zufolge (Dessert et al. 2003) schlägt dies mit ungefähr 180 Mt/Jahr zu Buche. Der Beitrag der vulkanischen Emissionen zum CO2-Umsatz der Atmosphäre betrüge dann sogar nur noch 30 bis 180 Mt/Jahr.”

          https://www.klimafakten.de/behauptungen/behauptung-vulkane-emittieren-mehr-kohlendioxid-als-die-menschen

  7. @Freyling 01.11. 13:09

    „Schon ein grösserer Vulkanausbruch kann den Klimatrend umkehren…“

    Ja, aber nur ganz kurzfristig. Schwefel und Staub wirken auf wenige Jahre kühlend, das ebenso freigesetzte CO2 wirkt auf Jahrtausende erwärmend. Unterm Strich sind Vulkanaktivitäten insgesamt ein wenig erwärmend.

    Das einzige was positiv wäre, dass ist wenn ein Supervulkan z.B. zu einer zweijährigen Abkühlung von beispielsweise 3° führt, das wir bei einem zukünftigem Niveau von plus 2° dann eine Abkühlung haben, die nur noch 1° unter ehemaligen Normalwerten liegt. Der kurzfristige Einbruch der damit verbundenen landwirtschaftlichen Produktion durch Missernten wäre also kleiner als ohne Klimawandel.

    Dagegen stehen aber die Effekten einer um 2° aufgeheizten Welt, die nicht nur in 2 Jahren Schwierigkeiten machen, sondern dauerhaft.

  8. Fakt ist: Weder China noch Deutschland können in absehbarer Zeit auf Kohle-, Gas oder Kernenergie verzichten. Der Unterschied ist der, dass – warum auch immer – Deutsche mehrheitlich glauben (sollen), dass das Abschalten von „konventionellen“ Kraftwerken möglich sei. Die chinesische Führung weiß, dass dem nicht so ist. Dort wird Schritt für Schritt realitäts- und ressourcenbewusst gehandelt. Interessant ist noch zu erwähnen dass der deutsche Ablasshandel bisher keinerlei nennenswerte Ergebnisse liefert)e.

    Deutschland sieht sich zwar gerne als Vorreiter in der Energiewende. Doch an dieser Sichtweise scheint nicht viel dran zu sein. Wie eine aktuelle Statistik zeigt, liegt Deutschland beim Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttoendenergieverbrauch unter dem EU-Durchschnitt. Das Selbstbild bekommt bei genauer Betrachtung deutliche Risse. Auch Frankreich, Italien, Polen und Spanien liegen teils deutlich unter dem EU-27-Durchschnitt und damit meilenweit von dem Ziel für 2030 entfernt. Ein trauriger Höhepunkt der verfehlten deutschen Energiepolitik ist die Tatsache, dass in Deutschland der Strompreis für private Haushalte der höchste der Welt ist.

    Ist das Nachfolgende Satire oder Realität?
    Mehr als 100 Privatjets sind notwendig, um diese besonderen Menschen, die wissen, wie man den Planeten retten kann, hin und her zu bringen. Zwei Kreuzfahrtschiffe sind am River Clyde vertäut, um die Tausende Beschäftigten zu beherbergen, die hinter den 10.000 Delegierten herlaufen. Die Energie an Bord wird von Diesel-Motoren, die konstant laufen, bereitgestellt. Eine Flotte aus zahllosen elektrischen Autos steht für die VIPs in Glasgow bereit.
    Sie hatten einen Tagesausflug zum Luxushotel und Spa in Gleneagles. Dort herrscht eine erdrückende Knappheit an Ladestationen. Es mag nur eine einzige geben. Deshalb wurden Duzende Generatoren, die Frittier-Öl für Pommes verbrennen, herbeigeschafft, damit die Flotte aufgeladen werden kann.

    Halten wir fest: Unabhängig davon, ob es einen signifikanten Einfluss des Menschen auf das Klima gibt oder nicht, dass die Verantwortlichen, die sinnbildlich stetig “Wein saufen und Wasser predigen”, geeignet sind, dass zu „verkörpern“, an dass sie sich nachweislich nicht halten, ist absurd und heuchlerisch.

    • Vielleicht an dieser Stelle ergänzt, Herr Dirk Freyling :

      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_größten_Kohlenstoffdioxidemittenten#Nach_Ländern (Hinweis : Einige glauben hier nicht so-o ganz an die faktische Richtigkeit der webverwiesenen Aufstellung, es könnte noch schlechter aussehen.)

      Ergo :
      Die BRD scheint schon recht “nett” i.p. Sparen an CO2-Emission zu sein, das Problem scheint also aus diesseitiger Sicht nicht die “Nettigkeit” der BRD zu sein, die schon irgendwie “vorreiterisch” ist, sondern die diesbezügliche Ignoranz anderer.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Webbaer

      PS:
      Es ist intuitiv und teils auch physikalisch bewiesen, dass der Ausstoß von CO2 ein sogenanntes klimarelevantes Forcing darstellt; von der Annahme, dass die sogenannte (das CO2 meinende) Klimasensitivität in puncto Prädiktion wie eine Art Dreisatz bearbeitet werden kann, rät Dr. Webbaer (der dem hiesigen werten Inhaltegeber (unter anderem) auch für seine Toleranz und Kompetitivität dankt, auch in Annahme von Kommentar) ab.

  9. @Schwarze: “Das zentrale Problem des Trittbrettfahrens – dass Länder vom weltweiten Klimaschutz profitieren, …”

    Es “zentralisiert” die armen Länder schon immer an “Entwicklungshilfe”/Waffenhandel und ERPRESSERISCHER Ausbeutung (Bodenschätze) durch die “Surfer auf dem Zeitgeist” – Einmal mehr soll so die “Globalisierung der Dienstleistungsgesellschaft” zum Schlittenfahren für den “Rest der Welt” werden!?

  10. “Nach ihr die Sintflut”, betitelt heute die taz ein Bild von Merkel vor schmelzenden Eismassen – Naja, das wird wohl für fast alle gelten, die da atheistisch oder religiös denken: “Man lebt nur einmal”. ☝🤮👍

    • @Schwarze: “… jetzt geht Wachstum nur noch mit Klimaschutz.”

      Das macht doch Sinn – Geschützt wird ein System des bewusstseinsschwachen & systemrational-bewusstseinsbetäubten “Zusammenlebens” wie ein wachstumwahnsinnges Krebsgeschwür!?
      🤔🤫😏😕🥱🤮😕😎

  11. Nur zur Sprachlichkeit des (wohl informierten, auch weil involvierten) und partiell netten Berichts des werten hiesigen Inhaltegebers ergänzt :

    Klimaschutz als strategische Handelspolitik [Artikelüberschrift]
    […]
    Trittbrettfahren ist in einer solchen Welt keine Option mehr, weil es mit Handelshemmnissen bestraft würde. Klimapolitik ist ab sofort strategische Machtpolitik.

    Die Bedeutung von ‘Strategie’ (vs. ‘Taktik’) ist sicherlich bekannt, aus der ‘strategischen Handelspolitik’ ist dann im letzten Absatz ‘strategische Machtpolitik’ geworden, letzte Absätze haben etwas Fazitäres.

    Und “ketzerisch” gefragt :
    Muss sich der Schreiber dieser Zeilen Sorgen machen?

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

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