Zu Besuch bei Albireo in Köln

Der Fax. des historischen Goldbach-Himmelsatlanten letztes Jahr war eine Qualitätssensation. Jetzt hat der Albireo-Verlag ein nächstes Projekt: Doppelmayr (1742). Der ist farbig, großformatig (53 x 34 cm²) und daher noch viel komplizierter in der Reproduktion: Modernste Bildbearbeitung der Werbeindustrie, Digitalisierungsverfahren moderner Archive, hochwertige Papierauswahl und das Herzblut einer kleinen Gruppe von super-erogatorischen Menschen kommen hier zusammen. Das Ergebnis wird ein Buch sein, das zwar eine Reproduktion ist, aber sich fast so anfühlt wie ein Original.

Flyer zum Doppelmayr Atlas gibt eine Impression, wie das historische Buch aussieht. (klick aufs Bild zeigt ihn lesbar)

Flyer zum Doppelmayr Atlas gibt eine Impression, wie das historische Buch aussieht. (klick aufs Bild zeigt ihn lesbar)

So geht’s: Man nehme: einen Familienvater auf der Suche nach neuem Hobby bei Auszug der Tochter und seinen besten Freund mit Tochter im gleichen Alter, der in der Bild-Industrie arbeitet, gebe ihnen ein historisches Bilderbuch – z.B. einen der wunderschönen historischen Himmelsatlanten – und ein paar Flaschen köstlichen Moselwein und warte ab. Ein Jahr später hält man ein Buch in der Hand, das sich ein kommerziell arbeitender Verlag gar nicht leisten könnte zu machen. Rentabel ist diese Arbeit nicht, sondern deckt höchstens die Materialkosten und eingekaufte Arbeitsgebühren.

Projekte wie diese kann man nur mit Leidenschaft und persönlichem Engagement – dies meistenfalls außerhalb der normalen Arbeitszeit – verwirklichen.

Die Daten auf dem Flyer geben Auskunft, wer dieses aufwändige Projekt unternimmt.

Die Daten auf dem Flyer geben Auskunft, wer dieses aufwändige Projekt unternimmt. (klick aufs Bild zeigt größer, lesbar – wer Herr Doppelmayr war usw.)

Die Antwort auf die Frage, wie er auf diese Idee gekommen ist, kann man nun schon fast erraten: Der Verlagsgründer hat sich schon immer für Astronomie interessiert, auch hin und wieder durch sein privates Teleskop geguckt, aber angesichts der Wetterfühligkeit dieses Hobbies und auch der nachlassenden Augenqualität nach alternativen Input auf diesem Gebiet gesucht. Nachdem er eines Tags einen historischen Himmelsatlas gekauft hatte, der mit seiner üppigen Bebilderung viele Menschen fasziniert, beschloss der menschenfreundliche Jurist, diese Art Bücher auch denjenigen Menschen zugänglich machen zu wollen, deren Geldbeutel nicht ganz so groß ist. 100 bis 150 Euro für ein Bilderbuch mag auf den ersten Blick zwar viel Geld erscheinen, aber wenn man überlegt, dass dafür mehrere Menschen mit viel Fleiß deutlich unter Tarif arbeiten und dass ein historisches Original das zehn- bis fünfzigfache kostet, dann wirkt der Kaufpreis regelrecht fadenscheinig.

Warum ist das so kompliziert?

Es gibt bei der Reproduktion gleich mehrere Schwierigkeiten:

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  1. Geometrie:
    ein Steg wird gebunden, auf den die doppelseitige Karte aufgeklebt wird.

    ein Steg wird gebunden, auf den die doppelseitige Karte aufgeklebt wird.

    Die Seiten des Doppelmayr-Atlas sind vom Format her sehr groß. die Karten selbst sind so angelegt, dass sie doppelseitiges Format haben. Sie sollten dabei aber trotzdem knickfrei lesbar sein. Dazu hat man ein raffiniertes Verfahren entwickelt, bei dem die Riesenkarte auf eine Mittelfalz aufgeklebt wurde. Diese Technik soll natürlich im Fax. reproduziert werden! – Nun finden Sie mal im 21. Jahrhundert einen Buchbinder, der das noch kann und zu einem erschwinglichen Preis machen kann. Das Problem dabei ist, dass sowas auch heute noch nur in Handarbeit geht und also richtig viel Arbeitszeit von Menschen kostet. – Es wurden zwei Buchbinder probiert und dieses Woche lagen nun endlich die Angebote vor, so dass nun eine Entscheidung dafür getroffen werden konnte.

  2. Farbechtheit: Erstens muss man sich fragen, welches Papier man wählt. Es ist natürlich ein starkes Papier zu wählen, damit man beidseitig drucken kann, ohne dass es zu sehr durchdrückt. Zweitens wählt man ein Papier, das sehr stark porös ist und sich dann also auch anfühlt, wie ein historisches (wohlmöglich soar handgeschöpftes) Papier. Heute wird das natürlich maschinell hergestellt, so dass jedes Blatt die gleiche Stärke hat und spätestens nach ein paar Jahrhunderten unterschiedlicher Nutzung auch unterschiedliche Farbe. Man wählt dafür einen Kompromiss.
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    Zweitens: Historische Kupferstiche und Lithographien (Steinplatte statt Kupfer als “Stempel”-Vorlage) sind naturgemäß nur einfarbig, also schwarz-weiß. Im Doppelmayr-Atlas sind aber die Sternbilder und anderen Abbildungen farbig. Das war historisch dadurch bewerkstelligt worden, dass jedes einzelne Exemplar von einem “Maler” handkoloriert wurde. Vielleicht auch nicht alle vom selben Maler, denn die erhaltenen Exemplare können durchaus verschiedene Farbgebung haben.

    hier sieht man, dass beim Kolorieren mancher ein bißchen nachlässig war - da wurde drüber gemalt oder mal auch die Linie verlassen ... großflächige Hintergrundfarben wurden mit einem breiten Flachpinsel aufgetragen, der - wie man auf anderen Seiten sehen kann - kreuz und quer über die Seiten bewegt wurde.
    hier sieht man, dass beim Kolorieren mancher ein bißchen nachlässig war – da wurde drüber gemalt oder mal auch die Linie verlassen … großflächige Hintergrundfarben wurden mit einem breiten Flachpinsel aufgetragen, der – wie man auf anderen Seiten sehen kann – kreuz und quer über die Seiten bewegt wurde. Auch im Bild: eine schräge Kante, die die zwei Varianten vor und nach der digitalen Farbkorrektur gegenüberstellt. Man sieht, das wirklich nur der kritische Bereich der Strichfelder betroffen ist.

    Vom Doppelmayr sind weltweit noch ungefähr 500 Originale erhalten. Man könnte nun hergehen und alle hinsichtlich der Farbe prüfen – oder man entscheidet sich, was wir für besser hielten, ein bestimmtes Exemplar möglichst originalgetreu zu reproduzieren. Man macht also ein modernes Buch mit einer Auflage von n Stück, die alle Kopien eines und desselben historischen Buches sind und nur hinsichtlich der Geometrie (Stempelvorlage) wirklich alle Doppelmayr-Atlanten auf der Welt widerspiegeln. Die Farben hingegen sagen nur, was überhaupt koloriert wurde. Es könnte z.B. – was nicht der Fall ist, nur um’s klar zu machen – sein, dass in einer Gesamthimmelskarte der Tierkreis in einem historischen Original grün und im anderen orange ist, denn als transportierte Information hat man ja nur zu überliefern, dass der Tierkreis von den anderen Sternbildern ausgezeichnet ist. Es kommt hier also – im Gegensatz zu Gemälden der Kunst – nicht auf exakte Farbnuancen an, denn die sind ja in jeder erhaltenen Bildvariante u.U. verschieden und man kann also naturgemäß gar nicht “das Original” reproduzieren. Oder anders gesagt: Man hat es schon gut reproduziert, wenn man ein bestimmtes Exemplar zur Repro auswählt, denn die dargestellte Information bleibt ja erhalten.

    derselbe Bildbereich etwas größer
     erster Druck nach dem Scan (links) wirkt unsauber/ unscharf – das ist rechts korrigiert (Klick aufs Bild sollte’s vergrößern)
  3. saubere Darstellung des Kupferstichs trotz Kolorierung: Wenn man so ein Werk modern vervielfältigen will, muss man es digitalisieren – also eine PDF-Datei daraus machen und diese dann mehrfach auf einer Druckmaschine ausgeben. d.h. das historische Buch wird entweder gescannt oder abfotografiert. Dabei ergibt sich aber das Problem, dass man nunmal durch die Kolorierung des historischen Stichs einen Farbscan erfordert und mithin für unsere modernen Maschinen drei Farben des RGB-Raums gespeichert werden. Eine Druckmaschine muss nun die Farben wieder korrekt mischen, also einen schwarzen Strich des Bildes aus den drei Grundfarben plus schwarz zusammen setzen:
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    Dabei führen Mikrometer des Versatzes der drei Farbkanäle zur Auffächerung des schwarzes Strichleins in ein bis drei farbige Strichlein. In den Bereichen des Bildes, wo im Kupferstich Räumlichkeit oder Schattierungen durch dicht gesetzte Linien erzeugt wurden, wirkt das häßlich, weil dann die einzelnen schwarzen Linien nicht sauber getrennt wirken, also irgendwie verklebt wirken (obwohl man sie noch unterscheiden kann, aber die Lücke dazwischen läuft eben ein bißchen mit Farbe zu, weil sie der Nebenstrich in dem porösen historischen Papier nunmal verteilt). Dieses technische Problem lässt sich aber nicht durch Justierung des Druckers lösen, wie man naiv meinen könnte (kleine Ungenauigkeiten bleiben halt immer, das liegt an der Mechanik des Druckers), sondern wird durch Unterfarbkorrektur am Bildschirm in jedem Bildabschnitt separat nachbearbeitet.
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Das sind durchaus Fragen, die man teilweise entscheiden muss und sich dabei natürlich viele Gedanken macht, wie man verfährt. Wem nützt so ein Buch, also wozu braucht jemand es? Wer kauft sowas und wofür: für den Nutzen oder nur, weil’s schön ist?

Liebe Kosmologs-Lesende, wer von Ihnen dazu Meinungen hat, sei herzlich eingeladen, uns in diesen Fragen weiter zu helfen.

Mein persönlicher Gedanke war: Es gibt beides. Erstens ist ein Faximile etwas für Leute wie mich, die alte Bücher Wert schätzen und gern haben möchten, sich aber nicht ein 10.000-Euro-Exemplar eines Originals leisten können. Zweitens (ebenfalls wie ich) eben dann, wenn man vor allem an dem Inhalt des alten Buchs interessiert ist und es nur sekundär auf den kunsthistorischen Wert (nur auf historisch korrekte Wiedergabe) ankommt. Drittens sind dies beides aber Kriterien, die für jeglichen Unterricht zutreffen: In Schulen und Hochschulen wird man nicht rein zu Ausbildungszwecken ein Buch in die Klasse/ das Seminar mitnehmen, das einige zehntausend Euro kostet – aber wenn es ein Buch ist, das nur hundert Euro kostet, dann könnte es vllt sogar in der einen oder anderen Schulbibliothek landen und Generationen von Schülern begeistern.

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DANKE an Herrn Meier von der Fa. Fröbus für die stundenlange Studioführung und die vielen Informationen.

Solche Bücher sind wirklich toll! Man kann die Bilder nämlich auf vielfältigste Weise interpretieren: Man schnappt sich einfach eines der Bilder, guckt stundenlang drauf und dann kann eine beliebig zusammengesetzte Schulklasse sich damit beschäftigen und für jede Interessenlage ist was dabei: Der Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler interpretiert die Bilder und ihre Mach-Art, also die Wahl der Farben, das technische Verfahren der Herstellung, was uns viel über die Zeit verrät usw. … der Naturwissenschaftler untersucht die benutzten Koordinatensysteme, der Historiker die Bezeichnungen von verschiedenen Kosmologien/ Weltbilder und die Darstellungsweise der Sternbildfiguren.

Schon allein bei unserer Zusammenkunft am Freitag im Studio saßen wir teilweise stundenlang vor einem Bilddetail und diskutierten optimale Farbgebung oder die Spuren von Korrekturen, die offenbar vor Jahrhunderten der Kupferstecher unternommen hatte und was uns diese Darstellungen über den Zeitgeist bzw. die damalige Lehrmeinung verraten.

Ich freue mich schon jetzt auf das Buch! Es soll (hoffentlich) im September fertig sein. Wenn wir Glück haben, klappt es schon mit einer Präsentation auf der AstroMesse in Villingen-Schwennigen mit ersten verkaufbaren Exemplaren. Es ist schließlich ein Produkt für echte Buchliebhaber und wahre Freaks der Astronomiegeschichte!

Zu Weihnachten soll’s jedenfalls im Handel sein. – Es versteht sich, dass ich die Inhalte dann nach Erscheinen hier besprechen werde.

Nächste Woche gibt’s aber erstmal einen Beitrag zu den Repro-Details, d.i. Teil II von diesem hier. (Ich werde darüber im Detail in den nächsten Wochen schreiben, um den Beitrag in lesbarer Länge zu halten.)


Gimmick

Ein Himmelsglobus aus Kupfer vor einem repräsentativen Gebäudeeingang. Auf der anderen Seite liegt symmetrisch natürlich ein Globus der Erde. 🙂

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Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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