Zodiac Ausstellung Berlin

Pünktlich zum Frühlingsäquinoktium wurde am Abend des 20. März im Neuen Museum in Berlin eine temporäre Sonderausstellung eröffnet: Das Schicksal in den Sternen – über die Anfänge des Tierkreises. Ab dem 21. März 2026 und bis 10. Januar 2027 ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und wird mit einem Programm von monatlichen Fachvorträgen begleitet. 

Neues Museum Berlin (Museumsinsel)
Zodiac vereint Menschen

Gäste aus Afrika (Ägypten), Amerika (USA), Asien (China) und Austronesien (Australien + Indonesien) waren anlässlich der Eröffnung nach Europa gekommen. Wieder mit Stolz – obschon aus anderen Gründen als zu Kennedys Zeiten – wird die Aussage „ich bin ein(e) Berliner(in)“ zu einem Synonym für Weltoffenheit, Freiheit und einen friedlichen Fleck in einer rauen Welt. 

Thema

Die Anfänge des Tierkreises sind eigentlich ein astronomisches Koordinatensystem. Die Orakel für das eigene Schicksal, die viele Leute heute mit dem Tierkreis verbinden, sind eigentlich eine recht „neue“ Ergänzung für das viel ältere Konzept des Tierkreises: seine Ursprünge liegen in Sternkalendern zur Vorhersage von jahreszeitlichem Wetter. Darum geht’s hier: die Anfänge des Tierkreises sind eigentlich observable „Kalender in den Sternen“.

Was macht dieses abstrakte, nicht observable, rein mathematische Konstrukt so sexy, dass es heutzutage in der Weltstadt Berlin eine internationale Klientel anspricht und historisch nach seiner Erfindung in Babylon ziemlich prompt in allen Nachbarkulturen Eurasiens aufgenommen wurde? Genau, es sind die attraktiven Bilder: die Sterne selbst und die Projektionen menschlichen Gestalt-Sehens.

Darum fokussiert die Ausstellung auf historische Abbildungen von Tierkreis-Figuren: der babylonische Ziegenfisch auf einer römischen Gemme wird auf dem Werbeplakat zur Ausstellung gezeigt. In Vitrinen finden sich Papyri, Tontafeln und Münzen: sie bezeugen stroboskopisch die Entwicklung des Tierkreises von einem rein mathematischen Konstrukt hin zu einem kulturellen Phänomen, das in der astronomischen Fachliteratur wie auch im Alltag aller Menschen sehr schnell nach seiner Erfindung in Babylon um 400 v.Chr. Einzug hält. Das erste bekannte Horoskop (auf einem Papyrus des 1. Jh.), Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln aus römischer Zeit, mathematische Tabellen zur Planetenbewegung auf Tontafeln, der „Mann im Mond“ eingeritzt auf einer Tontafel und der mittelalterlich-zentraleuropäische Zodiak-Mann, der Sternzeichen und Körperteile verschränkt… 

Durch seinen Bilderreichtum ist der Tierkreis eines der frühesten Beispiele für die visuelle Attraktivität und Popkulturtauglichkeit von Mathematik.

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung kam sogar der Generalsekretär der ägyptischen Antikensammlung in Kairo (Secretary General of the Supreme Council of Antiquity, Ministry of Tourism and Antiquities), Dr. Hisham El-Leithy, extra nach Berlin und begrüßte stolz die internationalen Gäste. 

Ein Highlight der Ausstellung ist das super-hochaufgelöste, 14 m lange Panorama-Bild des Tierkreises von Esna, das von einem deutsch-ägyptischen Team in Ägypten aufwendig restauriert wird. 

Tierkreismünze
Prunkstück
Teamleiter aus Europa & Afrika

Prof. Dr. Dr. Mathieu Ossendrijver, der Leiter des ERC-geförderten Forschungsprojekts ZODIAC an der FU Berlin erklärt ägyptischen Gästen den runden Tierkreis von Dendera (es gibt auch einen eckigen: siehe mein früherer post von dort). 

v.l.n.r. Bill Mak, Maria Teresa Renzi-Sepe, Alessia Pilloni, Thomas Peeters, Christian Casey, Kierán Meinhardt, Levente László, Michael Zellmann-Rohrer, Marvin Schreiber
Das aktuelle Kernteam von ZODIAC: Tanja Hidde, Alessia Pilloni und Thomas Peeters an der Vitrine mit Tierkreis-Münzen

Besonders stolz ist das Kuratoren-Team, dass alle Exponate für diese Ausstellung direkt aus den eigenen Berliner Sammlungen stammen. Es sei ein Aushängeschild für die traditionsreiche Spitzenforschung zur Geschichte des Altertums in Berlin: nicht nur wurde in früheren Jahrhunderten das der Liebesgöttin Ischtar gewidmete Stadttor von Babylon hier in Berlin wieder errichtet und die Büste der schönsten Königin der Welt, der ägyptischen Nofretete, hier in Berlin aufbewahrt und inszeniert. Auch heute ist die Berliner Altertumsforschung an der Weltspitze!  

Zur Geschichte des Tierkreises und dem Berliner Forschungsprojekt ZODIAC am Institut für Wissensgeschichte des Altertums hatte ich bereits früher geschrieben: 

Dass Berlin den im Boden gefundenen Himmel bis heute wertzuschätzen weiß, zeigt auch die Dekoration der U-Bahnstation „Museumsinsel“ an der U3, die bekanntlich seit einigen Jahren einen künstlichen Sternhimmel (LEDs in geometrischem Muster wie in Kirchendecken, frei nach Mozarts „Zauberflöte“) trägt: der Tempel unter den Musentempeln. 

Nachwievor ist Berlin ein weltweiter ‚Hub‘: nicht nur für Spione wie im Kalten Krieg, sondern auch für Forschende aus aller Welt und in allen Fächern und damit wissenschaftliche Forschung, nichtmilitärische und unpolitische Informationen. 

Ein Stück vom Himmel

Blau und Sandfarben: Die Farben der Ausstellung kombinieren Himmel und Erde; sie holen den Himmel auf die Erde – oder wenigstens ein kleines Stück davon. Damit greifen sie das gleiche Thema auf wie die zahlreichen Abbildungen von Tierkreisbildchen auf Münzen, Tellern und anderen Alltagsgegenständen, die den Versuch von Menschen früher Epochen zeigen, sich ein Stück vom Himmel (wie Grönemeyer singt) zu eigen zu machen

Der Tierkreis als transkulturelles Phänomen, als Ersatz oder Ergänzung anderer Religionen, hat im Augenblick wieder Hochkonjunktur (siehe National Geographic). Die Welt wird seit Jahren von einer Krise in die nächste geworfen und es ist menschlich, dass man dann Trost zu finden sucht in etwas, das man so wenig anfassen kann wie die Ursachen der Krisen, gegenüber denen man sich machtlos findet. 


Dies ist dein Ziel
Du bist ein UnikatDas sein eigenes Orakel spieltEs wird zu viel geglaubtZu wenig erzählt
Es sind GeschichtenSie einen diese WeltNöte, LegendenSchicksale, Leben und TodGlückliche Enden, Lust und Trost
Ein Stück vom Himmel 

(Grönemeyer)

Astrologie ist eben doch eine Art Religion. 

Viel Spaß!

winzige Gemme ganz groß – das Poster

Tagesschau

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Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

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