WissenschaftlerIN (continued)

Uhura Uraniae

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten im Team. Sie gehen einer Fragestellung nach, bearbeiten ein Problem, entwickeln etwas. Der Chef ist nicht dabei, weilt für einige Monate im Ausland. Als er zurückkommt, ist die gestellte Aufgabe gelöst, der Prototyp steht. Er ist natürlich nicht perfekt, denn Prototypen sind dafür da, dass man an ihnen lernt, was im Feinschliff noch verbesserbar ist. Zusätzlich zur gestellten Aufgabe haben Sie noch einen weiteren Prototypen (für ein anderes Problem, das der Chef gar nicht gesehen hatte, sondern Sie selbst erst angesprochen hatten) entwickelt, gebaut und erfolgreich getestet. Bei beiden Prototypen wissen Sie dann also, was gut geklappt hat und was weniger gut. Sie können jetzt in die nächste Entwicklungsstufe gehen und das fertige Modell bauen. Der Chef allerdings untersagt dies (ohne sachlichen Grund, sondern weil er es kann), fragt Sie, ob Sie jemals etwas allein gemacht hätten und behauptet, die Kollegen hätten Ihnen mehr als üblich helfen müssen. Und das, obwohl Sie die meiste Arbeit gemacht haben, die meisten Überstunden vorweisen können (z.B. bis dato noch nie Urlaub genommen haben) und die Kollegen nur hin und wieder Korrektur gelesen haben und einiges von Ihnen gelernt haben (so ist das nunmal im Team). Mal abgesehen davon, dass Sie neben diesen zwei Entwicklungsaufträgen in der selben Zeitspanne natürlich auch noch zwei weitere Projekte stark vorangebracht haben. 

Sollten Sie hernach auf die Idee kommen, im Folgenden dann mehr allein zu arbeiten, die Kollegen weniger zu fragen etc., um zu beweisen, dass Sie sehr wohl in der Lage sind, selbständig zu arbeiten und die Kollegen Ihnen nicht “helfen müssen” (sondern man nur im Team zusammengearbeitet hatte), dann wird man das selbstverständlich mit der Klage quittieren, dass Sie nicht im Team gearbeitet hätten – bzw. insbesondere nicht in dem Team, das der Chef angeordnet hatte (denn irgendeine Hilfe müssen Sie schließlich gehabt haben: niemand macht so viel Arbeit allein). 

Stellen Sie sich vor, Sie machen eine Weiterbildung. Die zwei Klassenbesten sind nicht nur beide außergewöhnlich gut, in dem, was sie tun, arbeiten konzentriert und auch beide sehr fleißig und liefern daher beide eine nahezu perfekte Abschlussarbeit ab. (Buchstäblich perfekt geht nicht, weil wir Menschen sind; irgendwelche Kleinigkeiten, die missverständlich oder nicht ganz sauber sind, gibt es immer.) Bei dem einen wird die Abschlussarbeit mit Bestnote und Auszeichnung (Geldprämie) bewertet, bei der anderen nur mit “super gut”. Und das, obwohl die “super gute” Abschlussarbeit umfangreicher ist als die andere und die darin präsentierten Resultate auf sehr viel dahinter steckende Rechenleistungen und Originalität schließen lassen. (Eine Karte z.B. kann man entweder mit einem Standard-Tool wie Google Maps ausgeben lassen oder man kann sie selbst programmieren: Für die Abschlussarbeit wäre ersteres hinreichend, zweiteres ist ein krönendes Bonbon.) Aber es kann halt nicht sein, was nicht sein darf. Darum wird dem einen einfach gesagt “sehr gut, Auszeichnung” und bei der anderen so lange gesucht bis man irgendeine kleine Ungenauigkeit gefunden hat oder eine Missverständlichkeit, … irgendwas, das man zum Fehler aufbauschen kann. 

Stellen Sie sich vor, Sie sind darin geübt, eine bestimmte bestimmte Maschine zu bedienen. Sie haben darin eine Ausbildung, haben dann studiert, um es noch besser zu verstehen und das Handwerk stets weiter praktiziert. Sie haben über Jahre stets gute Zeugnisse davon, nie etwas kaputt gemacht und sogar von Ihrem Lehrmeister ein Zeugnis, das Ihnen besonders schnelle Auffassungsgabe bescheinigt. Nachdem Sie einmal den Betrieb gewechselt haben, wird Ihre Bitte an den technischen Leiter, dass Sie bei der Einweisung/ Einweihung eines neuen Zubehörs dabei sein möchten, mit der Antwort quittiert “das ist zu technisch für dich”. Als Sie ihn brüskiert zur Rede stellen, macht die Antwort “du siehst halt so aus” es nicht besser. 
Nachdem Sie (wiedermal) den Betrieb gewechselt haben, arbeiten Sie sich in die dortigen (ähnlichen) Geräte ein, die sogar noch viel einfacher bedienbar sind. Eines Tages sollen Sie mit einem jungen Kollegen zusammenarbeiten, der wochenlang vorher und an jenem Tag stundenlang nicht mit Ihnen redet, aber Ihnen hinterher vorwirft, dass Sie normale Handgriffe nicht ohne Absprache hätten tun dürfen. Er beschwert sich beim Chef über Sie und als dieser Sie beide befragt, heißt es, dass (i) der Kollege schließlich schon drei Jahre hier sei, Sie aber nur zwei (außer Acht gelassen wird natürlich, dass er deshalb auch nur auf Kommando seines Ausbilders handeln darf und Sie mehrere positive Arbeitszeugnisse aus den letzten 21 aufweisen), (ii) es Ihnen offensichtlich an Sensibilität mit der empfindlichen Technik mangele (oder ist es vllt offentliches Klischeedenken des Chefs?), und Sie (iii) die Anleitung nicht gelesen hätten, da dort angeblich alles so drin stünde wie der junge Kollege sage. 
(Rückfragen: Wie sonst, wenn nicht mit Anleitung, man die eigenständige Einarbeitung hätte bewerkstelligen sollen, steht wahrscheinlich in den Sternen (Sie bekommen natürlich keine Einarbeitung von Kollegen, denn Sie sind ja schon groß) // dass der Kollege über den Inhalt der Anleitung leider nicht die Wahrheit sagt (was im Grunde zeigt, dass *er* sie nicht gelesen hat, denn er wurde schließlich durch den Ausbilder eingearbeitet), muss auch nicht überprüft werden, sondern glaubt man einfach // und dass Sie einige wichtige Sachen, die als “tacit knowledge”/ Grundwissen in der Anleitung eben nicht stehen, vllt von woanders her wissen könnte – z.B. wegen früherer Berufserfahrung – das kann nicht sein, weil es nicht sein darf).
Liebe Herren, Ihnen ist hoffentlich klar, dass schlanke, sensible Frauenhände in vielerlei Hinsicht viel geschickter sind als Männerpranken. Da Sie gewiss auch die Weisheit “nach fest kommt ab” kennen, wissen Sie natürlich auch, dass es meist nicht auf Kraft, sondern auf Geschicklichkeit ankommt. Zudem ist jedem Macho völlig klar, dass Fragen nach Lüftung/ Heizung/ Kühlung selbstverständlich zu den Kernkompetenzen von Frauen gehören müssten, denn das braucht man sowohl in Küche/ Haushalt als auch in medizinischen Fragen, also bei der Pflege von Menschen (Kinder, Senioren, Ehemänner…) und ist daher ein Gebiet, auf dem Frauen seit Jahrhunderten und von Natur aus übermäßig geschult sind. Die Fähigkeit, das eigene Gehirn zu nutzen, um solche Anwendungsfragen zu entscheiden, ist ebenfalls nichts geschlechtsspezifisches. Das grch Wort “techne” (Kunst) widerspiegelt schließlich, dass all diese artifiziell geschaffenen Hilfsmittel von der Natur abgeschaut sind und von Menschen für Menschen entwickelt wurden. Es ist also überhaupt nicht einsichtig, warum Frauen weniger gut mit Technik umgehen können sollten als Männer. Aber irgendeinen Grund braucht man halt, mit dem man SIE aus einem gewissen Bereich (z.B. eines Tempels) heraushält, auf den man(n) sich dann zurückziehen kann. 

Stellen Sie sich vor, Sie sind weltweit anerkannter Experte auf einem bestimmten Gebiet. Sie haben studiert und einige Jahre Berufserfahrung, haben mehr als einmal gezeigt, dass Sie das Handwerkszeug Ihres Faches beherrschen – z.B. können Sie lesen, schreiben (haben vllt. sogar mehrere Essaykurse mit Bravur absolviert), rechnen (haben vllt. sogar ein Physik-/Mathe-Studium erfolgreich absolviert) und sprechen mehrere Sprachen (waren vllt. sogar eine Zeitlang im Ausland). Dann tragen sich Sachen zu wie:

* Ein Kollege schreibt Ihnen eines schönen Samstags eine E-Mail, dass er sich heute (am Wochenende, d.h. in seiner Freizeit) hingesetzt hätte und die Bedienungsanleitung einer Software für Sie gelesen hätte. Es versteht sich, dass er dafür Dankbarkeit erwartet, weil er meint, dass Sie das ohne ihn nicht geschafft hätten und dass er dann pickiert ist, wenn Sie ihm sagen und beweisen, dass Sie diese Bedienunganleitung bereits ~2 Wochen früher und in der Originalsprache (statt in Übersetzung) gelesen hatten, wodurch Sie die aktuellere Version hatten – nur keine Notwendigkeit sahen, dies dem Kollegen mitzuteilen, weil man solche Kleinigkeiten für nicht erwähnenswert hält und Sie ja nicht wussten, dass dies den Kollegen auch interessierte.

* Ein Kollege macht Ihnen Vorschläge, einen gemeinsamen Text abzuändern, umzuformulieren und wenn Sie nachgiebig sagen “ok, machen wir es so, wie Du möchtest – die beiden Formulierungen sind äquivalent und mir ist das nicht so wichtig” – wird hinterher behauptet, Ihr Text wäre schließlich falsch gewesen (Sie hätten es selbst eingesehen, denn Sie haben die Änderung akzeptiert) und nur der rettende Hinweis des Kollegen hätte dazu beigetragen, dass es nun richtig sei.

* Ein Kollege macht eine Rechnung sehr schlampig (als sehr grobe Abschätzung), Sie machen es genauer, doch es wird ignoriert (ist ja nicht so wichtig). Einige Monate später wird an Ihrer Rechnung herumgemäkelt, Sie hätten sie nicht allein gemacht – oder sogar behauptet, der Kollege hätte diese Rechnung gemacht (sowas kann schließlich unmöglich von Ihnen kommen):
Liebe Herren, Sie wussten schon, dass Rechnen eine der besonderen Stärken von Frauen ist? siehe historisch gute Verfilmung wie Hidden Figures und wer das nicht glaubt, dem kann ich es auch Macho-gerecht erklären: Jahrhundertelang waren es die (Haus)Frauen, die den Haushalt führten, also auch – und das war das wichtigste – dessen Kassenbuch. Lesen Sie einmal die Biographie der Astronomin Caroline Herschel, die nämlich von ihrem Bruder vor allem als Haushälterin nach England geholt worden war, aber dann zusätzlich zur Haushaltsführung zuerst als Sängerin Karriere machte, dann als seine Assistentin bei der Uranusentdeckung dabei war und viele eigene Entdeckungen und Sternkatalog-Arbeiten vorweisen kann. Und womit: mit ganz typischen Frauentätigkeiten (Buchhaltung, also Auflisten, Rechnen, Bilanzieren), weil sie nämlich nach Wunsch ihres weiblichen Elternteils keine höhere Bildung erhalten sollte und folglich nicht hatte.

* Nachdem Sie ein Jahr lang eine Thematik bearbeitet haben und die Ergebnisse zusammengeschrieben haben, überfliegt ein Kollege Ihren Text, liest davon die Hälfte gar nicht und behauptet dann, einige zum Verständnis wichtige Punkte stünden nicht im Text. Das ist falsch; wahr ist vielmehr, dass der Kollege nach eigener Aussage diesen Teil des Textes nicht gelesen hat. Dafür hält er es aber für nötig, Ihnen im Detail zu erklären, wie man einen Text schreiben müsse – sinngemäß, dass die Einleitung vor dem Hauptteil kommt und sowas. Ist es nicht großartig, dass es diese Sorte Kollegen gibt?! 

* Ein Kollege, der keine Ahnung hat oder nicht vom Fach ist, fragt sie aus und nimmt effektiv sowas wie Nachhilfestunden. (Soweit, so in Ordnung.) Dann stellt er sich bei nächster Gelegenheit hin und gibt mit voller Inbrunst Halbgares, halb Unverstandenes von sich – am liebsten auf einer Konferenz, zu der Sie nicht fahren dürfen, weil der Kollege ja hinfährt (einer reicht, denn das Budget ist knapp und vor zwei Jahren – das können Sie nicht wissen, weil Sie da noch gar nicht in dieser Abteilung waren – wurde ja auch schon mal das Reisekostenbudget überzogen).
Dass das dem Ruf des Faches, der Abteilung etc. sehr schadet, wird von der Obrigkeit in Frage gestellt, denn schließlich muss man jetzt nach vorne schauen und sich neuen Aufgaben widmen…

Man lernt: Der Kollege bildet sich ein, dass etwas, das sogar Sie können, ja nicht so schwer sein kann – dass Sie dafür >zehn Jahre Studium + Promotion + Berufserfahrung gebraucht haben (die er nicht vorweisen kann), heißt ja nichts…

Wenn Ihnen Dinge wie diese öfter mal begegnen, dann sind Sie wahrscheinlich eine Frau und arbeiten viel mit Männern zusammen. Das geht ja auch nicht anders, denn ab einem gewissen Level haben Sie überwiegend männliche Kollegen – egal, in welchem Job. Es hat zwei Ursachen: Erstens die bekannten Karriere-Einschnitte bei Frauen aus biologischen Gründen, zweitens die oben genannten Mobbing-Strategien, die sich vor allem gegen Frauen richten (wenngleich es auch männliche Opfer gibt, weil Neid auf Kollegen, die einfach gut sind in dem, was sie tun, nicht geschlechtsspezifisch ist).

 

In was für einer Welt wollen wir leben?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte… liebe Mitmenschen… dann

  • dass das Schubladendenken aufhört, sondern die Individuen nach Können und Tugend beurteilt werden und nicht nach Geschwätz,
  • dass Menschen nicht nach Äußerlichkeiten beurteilt werden oder nach dem Geschlecht …
  • … auch nicht nach (sozialer, ethnischer…) Herkunft, sondern nach dem, wo sie hinwollen und was sie können/ leisten, 
  • Respekt vor den Leistungen anderer,
  • dass mehr Menschen aufhören mit der Selbstbeschränkung durch vorgefertigte Meinungen wie “wenn man Sprachen kann, kann man kein Mathe” oder simpler – schon in der Schule – “Physik ist schwer”. Probiert’s doch einfach, wieder und wieder: Wir Menschen haben die komische Eigenschaften, meistens mehr zu können als andere von uns dachten und wir selbst vorher für möglich gehalten hätten. 

Ich wünsche mir, dass Mädchen und Jungen/ Frauen und Männer wirklich die gleichen Chancen haben (wie’s im Grundgesetz steht) und dass alle Geschlechter vorurteilsfrei miteinander zusammen arbeiten und nicht gegeneinander

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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