Wie wird ein historisches Buch reproduziert?

Uhura Uraniae

altesBuchOffen_webJahrhunderte alte Bücher kann man manchmal gar nicht mehr richtig aufschlagen, d.h. man kann sie nicht platt drücken und auf einen Scanner legen, um den Inhalt zu digitalisieren. Da gehen die Probleme schon los: Man braucht alternative Verfahren. Das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte verwendet z.B. eine andere Konstruktion, bei dem ein Glaskeil das Buch so weit es geht offen hält und gleichzeitig plättet, so dass man dann Seite für Seite abfotografieren kann. Andere professionelle Archive und Bibliotheken haben hierfür andere Methoden.

Bei dem Kölner Doppelmayr-Exemplar gab es aber noch ein anderes Problem: Nicht nur eine morsch ungeschickteBindung_webgewordene Buchbindung verhinderte ein komplettes Öffnen der Seiten, sondern zusätzlich waren die großformatigen Kartenblätter des Buches derart ungeschickt an ihren Steg angeklebt (Erklärung im vorherigen blog-post), dass jedes Kartenblatt in der Mitte auch an sich selbst angeklebt war. Das ist natürlich gegen das Konzept der Stegbindung, aber so wurde es damals gemacht: Das Blatt aus der Lithografie kommend war also durchgehend als eine Seite bedruckt und wurde dann durch die Mittenklebung so gerafft, dass man in der Mitte einen Teil nicht lesen kann.

Zu Reproduktionszwecken wurde daher entschieden, das historische Buch komplett auseinander zu nehmen: Ein professioneller Buchbinder löste die Rückenverleimung, so dass dann wieder jede Karte einzeln vorlag. Eine spezialisierte Restauratorin konnte dann jede Einzelseite behutsam vom Leim befreien und damit jede Einzelkarte wieder öffnen und glatt streichen.

Klebeknick

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So sieht das jetzt aus: Man kann die Seiten wieder lesen, nur dass da, wo früher Leim war, natürlich oft die Farbgebung des Papiers und die blaßere Intensität der Tinte vom historischen Zustand künden.

JETZT kann’s losgehen!

 

Nach dieser Vorlage konnte nun die eigentliche Arbeit des Digitalisierens beginnen: Diese Arbeiten sind nun wieder voll im Repertoir der Firma Fröbus. Da nun jede Druckseite im Format 53×63 cm² vorliegt, hat man das Problem des Öffnens nicht mehr. Man bedient sich nun einer Gebläsewand, um das Papier stehend optimal auszuleuchten und dann abzufotografieren. Im Grunde könnte man das mit handelsüblichen Digitalkameras machen, aber die Fröbus-Profis haben natürlich ihre Spezialgeräte zur Hand. Man könnte statt einer Kamera auch einen Scanner nutzen, was u.U. die Auflösung verbessern kann, aber in diesem Fall ist das nicht nötig. Der Aufbau wurde von der Firma selbst dokumentiert.

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klick aufs Bild vergrößert

Durch die Poren in der Wand wird ein Unterdruck erzeugt, der das Papier ohne viel Druck an die Wand ansaugt (wie ein Staubsauger, nur sanfter). Starke Wellen im Papier sieht man auch hinterher im Bild noch, aber leichte Wellen verschwinden. Wählt man zusätzlich noch ein weiches Licht auf dem porigen vergilbten Papier, fallen auch historische Unebenheiten nicht mehr auf und das Bild der Karten wird schon durch die Beleuchtung quasi homogenisiert: im Foto erscheint es glatt.

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Nach der Digitalisierung setzt die Bildbearbeitung ein. Hier ist das Ziel, dass der Atlas im Neudruck (auf modernen Druckern, die im CMYK-Farbraum arbeiten und nicht im größeren RGB-Farbraum der Kameras und anderen Aufnahmegeräte) genauso aussehen soll wie Original.

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das Palettenraster dient zur Prüfung, ob die Farben im Druck den Originalfarben gut entsprechen …

Das ist das tägliche Handwerkszeug bei Firma Fröbus – nur, dass man dies normalerweise für Werbekataloge diverser Online-Shops und Großmärkte macht und nicht für Himmelskarten. Die Bilder werden also in diesem Fall nicht im strengen Sinn bearbeitet, d.h. sie werden nicht geändert oder gar verfremdet. Was man hier lediglich macht, ist eine Umwandlung des Bilds aus der Kamera in ein Bildformat, das ein Drucker originalgetreu ausgeben kann.

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Im Detail sind das Unterfarbkorrekturen, die dafür sorgen, dass schwarze Striche (aus der Lithografie) auch auf modernen Druckern schwarz sind, weiße Zwischenräume weiß und Farben in CMYK eben so aussehen wie die in RGB aufgenommen. Am eigentlichen Bild wird weder hinsichtlich des Inhalts noch hinsichtlich der freien Interpretation des Kolorators noch hinsichtlich der historischen Originalität der konkreten Einzelanfertigung etwas verändert. Alle Repros sollen genaue Kopien des vorliegenden Originals sein.

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Zum Schluss muss der Atlas noch einen Einband erhalten, der so aussieht wie das Original: Lederblenden und der dunkelbraune Schutzumschlag werden sicher wieder genauso treffsicher mit allen sichtbaren Dellen optisch-korrekt reproduziert wie beim Goldbach-Atlas letztes Jahr.

Alles in allem kann man nun also gespannt sein, auf das neue Produkt aus Köln: sobald der Doppelmayr neu erschienen sein wird, werden Sie es sicher hier erfahren. 🙂 Ich freue mich jedenfalls schon darauf!


GIMMICK

berlin_Herz_webzurück in Berlin, unterwegs auf dem Radweg gesehen:Das Glück liegt uns manchmal zu Füßen – dann sollten wir nicht drauf rumtrampeln, sondern es augenblicklich festhalten. 🙂

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

4 Kommentare

  1. Das Original soll rekonstruiert werden, was einer Restaurierung gleichkommt. Damit ergeben sich die gleichen Probleme wie bei der Restaurierung: eine Verfälschung ist durch die Bildbearbeitung, durch das Entfernen von inhomogenen Vergilbungen und anderen Artefakten, nicht ausgeschlossen.
    Die Restaurierungstechnik, wie sie bei historischen Kunstwerken angewandt wird, ist sich dieser Problematik bewusst und (Zitat)“verfolgt das Ziel, durch möglichst auf ein Minimum beschränkte Eingriffe am Objekt die Erhaltungsbedingungen zu verbessern. Dabei ist heute die Reversibilität des Eingriffs eine der Hauptanforderungen”. Bildbearbeitungen sind zum Glück prinzipiell reversibel, kann man doch jederzeit zum Zustand vor der Bearbeitung zurückkehren.

    Eigentlich will mir nicht einleuchten, warum das restaurierte Buch am Schluss wieder gedruckt werden soll. Ein guter, farbtreuer, selbstkalibrierender Monitor (Marken möchte ich keine nennen) oder Projektor sollte sogar bessere Resultate liefern als ein Druck. Zudem würde dann die Konversion von RGB nach CMYK entfallen.

    Besonders wichtig scheint mir zudem die digitale Archivierung, also das Festhalten des fertig digitalisierten Buches in einem Format, das auch in 100 Jahren noch gelesen werden kann oder besser noch, in einem Format, das von späteren Besuchern unseres Planeten auch noch in Millionen von Jahren gelesen werden kann. Es könnte ja sein, dass die Menschheit schon bald über die Klinge springt. Das sollte aber Grund für den vollkommenen Verlust sämtlicher von der Menscheit erstellter Dokumente sein. Leider fehlen noch die Standards für die digitale Archivierung. Vielversprechend scheint mir, was im Artikel Towards Gigayear Storage Using a
    Silicon-Nitride/Tungsten Based Medium
    vorgeschlagen wird. Um sicher zu sein, dass sämtliches archiviertes Wissen der Menschheit in 1 Milliarde Jahren noch zugänglich ist, müsste man die Archiv-Datenträger wohl nicht nur auf der Erde, sondern auch in einem hohen Orbit, auf dem Mond und dem Mars deponieren. Man stelle sich vor wie überwältigt Extraterrestrier sein müssen, wenn sie später einmal einige 100 Millionen Jahre nach dem Ableben der Menscheit auf ein digitales Archiv stossen, das diese Menschheit hinterlassen. Ein Archiv mit vielen Petabytes von Daten. Daten unter denen sich auch das Kölner Doppelmayr-Exemplar befindet. Die Archäologen und Dokumentalisten unter den Extrraterrestrien wären wohl hoch begeistert – sicher auch und speziell über das Kölner Doppelmayr-Exemplar.

  2. Drucken oder nicht: Tja, das ist eigentlich nicht wirklich die Frage.

    Es stimmt, dass für die meisten Forschungszwecke heute die Digitalisierung wichtig ist und das haben wir auch hier diskutiert. Ich als Forscherin hätte gern die PDFs, in die man reinzoomen kann bis auf mikroskopische Ebene, die man vervielfältigen kann – mit Anmerkungen oder ohne, weil man in ihnen hemmungslos rumkritzeln kann …
    Ich hatte bei meinem Besuch in Köln in der Tat angeregt, auch die PDFs zu veröffentlichen, aber dafür haben wir keine gute Lösung auf die Schnelle gefunden. Die Leute, die hieran arbeiten, müssen ja erstmal wenigstens ihre Kosten decken und das machen sie über den Buchverkauf. Es ist ja ein privates Unternehmen, das hier arbeitet und nicht staatlich finanzierte Forschung: Wissenschaft will die Digitalisate natürlich frei zugänglich haben, d.h. auch ohne finanzielle Barrieren … das passt nicht zusammen mit den kommerziellen Absichten der Leute, die ihren Fleiß entlohnt haben wollen. Fazit: dafür gibt es leider augenblicklich keine flächendeckende Lösung.

    ANYWAY das digitale Produkt _ersetzt_ eben nicht das gedruckte Buch, das ich gern haben möchte, weil es *schön* ist. Manchmal schalte ich gerne alle Computer aus und mag einfach ein Stück Papier zum Umblättern oder drauf schreiben. Außerdem finde ich gerade bei historischen Büchern, dass sie ihren Wert (d.h. auch ästhetischen Reiz) erst entfalten auf dem historischen Medium. Eine Keilschrift-Inschrift mit modernen Computer-Einheitskeilen und normierten Keilen zeigt nicht die individualität der Keile und Ausnutzung der Form und Gegebenheiten der Tontafel und eine arabische Handschrift in Norm-Lettern von rechts nach links gedruckt verliert jegliche Ornamentik, die ihr der Schreiber ursprünglich gab… nur als zwei Beispiele.

    Die unterschiedliche Vergilbung wird ja nicht absichtlich weg-rutschiert fürs Fax., sondern man wählt eine bestimmte Papiersorte (Mittelwert der Vergilbung) und kann bzw will nicht jede Seite einzeln nachgilben oder bleichen. Das ist eine Entscheidung, die man treffen muss, um das Buch in halbwegs anständigem Preis zu “kopieren”.

    • Hab den Atlas coelestis in der Google-Books-Liste gesucht aber nicht gefunden (ausser einem leeren Fake-Eintrag). Dafür gibts bei Google ich diverse andere Werke von J.G.Dopplemayr. Man muss wohl davon ausgehen, dass Google nicht das Recht erhalten hat, den Atlas coelestis zu “photokopieren” – sonst hätte Google das schon lange getan.

  3. Immanuel Kant – der Vielleser (Doppelmayr-Leser?) – las ungebundene Bücher
    Immanuel Kant liess sich in seinen späten Königsberger Jahren Bücher ungebunden zustellen um sie später zurückzuschicken (war wohl billiger). Ob der Doppelmayr auf seiner Leseliste war kann ich nicht mit Sicherheit sagen. In Arthur Wadas Werk “Immanuel Kants Bücher” taucht Doppelmayrs Atlas coelestis jedenfalls nicht auf.
    Ungebunden wäre im Fall des Kölner Doppelmayr-Exemplars wohl deutlich besser gewesen als am Bund zusammengeklebt, so dass man Teile des Textes nicht lesen und Teile der Bilder nicht sehen kann. Solch ein Doppelmayr war damals sicher wertvoll und teuer. Und trotzdem wurde schon damals beim Binden gepfuscht.

    Der Atlas coelestis als frühe Power-Point-Foliensammlung
    Interessant am Atlas coelestis finde ich, dass Doppelmayer nicht nur Himmelskarten darstellt, sondern einen wichtigen Teil des astronomischen Wissens seiner Zeit bebildern will und dass er dieses Wissen in mehrere Graphiken “giesst”. Aus heutiger Sicht ist der Atlas coelestis von J.G. Doppelmayr eine Art frühe Power-Point-Foliensammlung. Wie bei Power-Point geht es um die Visualisierung von Wissen.

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