Wie viele Sterne haben die Plejaden?

Weißt du, wie viel Sternlein stehen? … Am weiten Himmelszelt, sagt man, sind es ca. 6000, die das menschliche Auge erfassen kann. Allerdings hat dies niemand nachgezählt, sondern das ist eine Hochrechnung von Sternfeldzählung. Der Hipparcos-Survey hat ca. 9000 Sterne, heller als Vmag 6.5.

Spannend wird es, wenn wir fragen, wie viele Sterne Menschen in dem markanten Sternhaufen der Plejaden zählen. Das sind weniger als zehn und daher dürfte es doch nicht so schwer sein, eine einhellige Antwort zu erhalten. Denkt man. 

Allerdings ist die Sache so einfach dann doch nicht. Schauen wir uns nur einmal die kulturellen Repräsentationen an: 

  • Auf Englisch wird das Sternhäuflein oft “Sieben Schwestern” (Seven Sisters) genannt. Das kommt zwar aus der Kolonialzeit durch den Einfluss von Indien, stimmt aber mit der griechischen Mythologie überein. 
  • Im Deutschen sagen wir oft “Siebengestirn“. Das ist unverbindlicher, sagt nicht, ob Sterne weiblich oder männlich sind, aber irgendetwas Siebenzähliges ist mit diesem Namen verbunden. Es liegt ja nahe zu glauben, dass es dann wohl ein Gestirn aus sieben Sternlein sei – aber alle Volkssternwärter werden Ihnen sagen “heißt so – aber man sieht niemals sieben Sterne, sondern entweder vier bis sechs unterm Stadthimmel oder bei hochalpinen mondlosen Super-Bedingungen und guten Augen gleich acht oder neun; sieben ist eine Anzahl, die man niemals sieht”. (Bei dieser Aussage kann man dann noch die Veränderlichkeit des siebten diskutieren, der genau so hell ist wie der achte, aber ein bisschen schwankt… aber dieses Detail für Kümmelspalter ändert nichts an der Grundaussage.) Woher also der Name kommt, ist mir nicht ganz klar: Hinweise von Germanisten bitte in den Kommentaren. 
  • In Keilschrift heißt das Objekt “MUL.MUL”, das ist ein Plural des Worts “Stern”; man kann es wörtlich “die Sterne” oder etwas freier “Sternhaufen” übersetzen. Eine Anzahl wird jedenfalls nicht gegeben.
  • Das arabische Wort al-Thurraya bezeichnet auch nur eine unbestimmte Vielzahl, Fülle. 
  • Das griechische Wort “Pleias” bedeutet wörtlich “Fülle” oder “Überhäufigkeit”, wurde im Altertum aber auch (volksetymologisch) mit dem Wort für “segeln” (pleiu) in Verbindung gebracht. Die Plejaden läuteten mit ihrem heliakischen Aufgang die Segelsaison ein und beendeten sie mit ihrem acronischen Aufgang (Opposition). Die sieben Damen in der griechischen Mythologie sind eine Eselsbrücke und ihr Mythos mag auf östlichen Einfluss zurückgehen. Interessant ist, dass wir hier sieben Töchter von zwei Eltern haben, die alle in den Sternen gesehen werden (also neun). 
  • Die Maori auf Neuseeland sehen eben auch neun Sterne in diesem Häuflein. 
  • Eine große japanische Automarke zeigt in ihrem Logo aber das, was wir als Großstadtmenschen auch kennen: sechs Sternlein, die man unter halbdunklem Himmel sieht, wenn man die Großstadt gerade verlassen hat (wozu sonst sollte man ein Auto nutzen: in der Stadt ist es eher nicht so praktisch). 
  • Freiäugig sieht man leicht fünf Sterne (wie ich bei der Plejadenbedeckung im Mai dokumentierte), bei gutem Himmel sechs und mit sehr viel Glück auch den siebten und achten, die gleich hell sind. 

Wir lernen: elementares Zählen ist schwer!

Vielleicht kommt die “Sieben” nur von dem Blue-Seven-Phänomen (dt. Wikipedia, engl. wikipedia)?

Maori-Plejaden: 9 Sterne
Japan: 6 Sterne
5 Sterne sind leicht zu sehen

Öffentlichkeitsdarstellung

Eigentlich … werden jetzt alle Astrophysiker dagegen halten … eigentlich haben die Plejaden als Sternhaufen einige hundert Mitglieder. Das ist zwar wahr und richtig, sagte aber nichts über die Sichtbarkeit fürs bloße Auge. Die Frage der meisten Menschen in der Öffentlichkeit und der Hobbyastronomie ist ja eher: Warum heißt es “Siebengestirn”, wenn man doch niemals sieben Sterne sieht (wie schon der griechische Dichter Aratos schreibt, der dann die Namen von sieben Mädchen aufzählt, die hier angeblich verstirnt seien und von denen sich eines versteckt)? 

Ich vermute, dass dies nicht mit einem Zählfehler zusammenhängt, sondern mit der religiösen/ kultischen Bedeutung der Zahl Sieben in manchen Kulturen. Das griechische Wort sagt ja nur, dass es hier “viele” Sterne gibt, und das babylonische/ sumerische Wort ist auch nur ein Plural ohne Zahlwort. Man hat also eine unbestimmte Vielzahl von Sternen mit einer Siebengottheit verknüpft – und zwar sowohl in Indien als auch in Mesopotamien. Zwar waren die indischen Göttinnen weiblich und die babylonischen männlich, aber grundsätzlich könnte “sieben” einfach symbolisch für “mehr als drei” stehen – eine unbestimmte Vielzahl. 

Nicht die Plejaden

Weimarer Stadtwappen
Kirche in Tel Aviv
Foto der Nebra Scheibe
cc-by-sa-FrankVincentz2022

Himmelsscheibe von Nebra

Himmelsscheibe von Nebra zeigt eine Gruppe von sieben Goldknöpfchen dicht beieinander in einem sonst ziemlich geometrisch, in gerade Linien, angeordneter Himmelssymbolik. Manche Leute nennen dieses Sternhäuflein lapidar “die Plejaden”, aber dass das so einfach nicht ist, hatte ich bereits 2022 in Fachpublikationen betont und hier im Blog thematisiert. 

Aus der Tatsache, dass es eben sieben Goldpunkte sind, lässt sich das jedenfalls nicht schließen – es deutet vielmehr auf vorschnelle, populistische Hypothesen ohne Überprüfbarkeit hin. 

Auf der Flagge der Volksrepublik China sieht man auch fünf Sterne, die nicht die Plejaden sind. 

Ich möchte das nur anmerken, weil der Plejadisierungswahn sonst bestimmt auch hier weitergeht. 

Das Schönste: Das Stadtwappen von Köpenick (früher eigene Stadt und berühmt durch die Geschichte vom Hauptmann von Köpenick – heute Ortsteil von Berlin) hat sieben Sternlein (am Rathaus sogar zwölf) und zwei Fische. Dennoch sind hier keine Gestirne dargestellt, nicht das Sternbild Pisces (Fische) und der Sternhaufen “Siebengestirn” (M45). 

Köpenick

Stadtsage: “köpf mich nicht” sagte der Krebs, der nicht im Sternbild Cancer dargestellt ist.

Und das Bärchen oben in der Mitte ist auch weder Ursa Major noch Ursa Minor, sondern das Stadtwappentier von Berlin – wobei der Name “Berlin” übrigens etymologisch nichts mit Bären zu tun hat, sondern mit einem slawischen Wort für “Sumpf”. 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

2 Kommentare

  1. Plejaden kommen auch bei den Aborigines in den Traumgeschichten vor und aich dort werden sie die sieben Schwestern bezeichnet. Vor allem im Kulturblock Western Desert gibt es ein männliches Ahnenwesen, Wati Nyiru, Yurlu, etc (je nach Volk der Aborigine), der durch Sterne im Orion, den Jäger dargestellt wird, der die sieben Schwestern verfolgt, dabei verwandeln sich die Schwestern in Sterne. Die Geschichte kommt sehr bekannt vor, findet sie sich doch fast gleichlautend bei den alten Griechen. Meines Wissens ist die gängige Theorie dazu, dass die Vorstellungen auf sehr alte gemeinsame Wurzeln beruhen und wieder kommt die Sieben vor, die auch bei anderen mythischen Erzählungen in aller Welt immer wieder vorkommt.

  2. Sie vermuten u. a. einen religiösen Hintergrund – Frau Hoffmann.
    Bei Wikipedia gibt es dazu tatsächlich einen Hinweis, nämlich auf die
    Bibelstelle > Hiob 38, 31.
    Das dort genannte Siebegestirn wird jedoch nicht im Zusammenhang mit
    den “Plejaden” aufgezählt.
    Vor einigen Jahren fand ich das Siebengestirn, lt. Sternenatlas, in einem anderen Sternenbild und war dann so frei, es auf meiner Homepageseite zu
    etablieren:
    http://www.4-e-inigkeit.info
    Mir geht es um sachliche Darstellungen, mehr nicht.
    M .f. G.

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