Venustransit als Jugend-Expeditionen zur Vermessung des Sonnensystems

Heute vor zwei Jahren auf diesem Planeten… Das Jahr 2012 war aufregend: Seitdem ich im September des Vorjahres beim Hildesheimer Astro-Stammtisch mit einem dortigen Sternfreund, Arndt Latußeck, über Expeditionen zum Venustransit gesprochen hatte, war ich mit den Vorbereitungen zu meinem eigenen Projekt beschäftigt. Ich wollte mindestens zwei Expeditionen ausstatten: eine nach Norwegen und eine nach Sibirien. Anschließend sollte mit deren Daten die Entfernung zur Sonne vermessen werden. Und zwar nach historischer Methode.

Mir war aufgefallen, dass historisch die Astronomische Einheit (AE) insbesondere durch Franz Encke aus Venustransitdaten bestimmt worden war und Encke war später Sternwarten-Direktor in Berlin: Das war in mehrererlei Hinsicht ein Anreiz! Erstens konnte ich ein historisches Forschungsprojekt machen, Encke als Mensch (biographisch) und vor allem – was mir ja immer lieber ist – seine Forschungsmethoden und -ergebnisse aufarbeiten. Glücklich, dass ich dafür sogar gute Gründe hatte, in mein geliebtes Berlin zurück zu kehren. Zweitens konnte ich meine Kontakte nach Russland nutzen und als mein persönlich letztes großes Jugendarbeit-Projekt eine Maßnahme organisieren, wie ich sie für die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Jugendarbeit und -bildung für richtig halte: ein Projekt, bei dem die jungen Leute zwar internationalen Austausch haben, ein astronomisches Ereignis als Aufhänger nehmen und aber zudem auch ein sinnvolles, übergreifendes Ziel haben, eine übergeordnete Fragestellung – in diesem Fall: Wie weit ist es zur Sonne?

Ich arbeitete gerade an der Universität Hildesheim, wo das Institut für Physik so klein ist, dass man Physik und Physikdidaktik in Personalunion an nur eine Professorin vergibt. Die meisten Studierenden in Hildesheim studieren auf Lehramt (ehemals PH) und darum hatte ich in meinen Studierenden auch dankbare Unterstützung: Ich konnte also das machen, was ich selbst am besten kann, d.i. das Projekt organisieren und das Lehrkonzept entwickeln. Die Betreuung der Jugendlichen während der Maßnahme – die überhaupt nicht mein Ding ist(!) – übernahmen glücklicherweise meine Studentinnen. So waren alle Beteiligten glücklich: Die Studis, weil sie praktische Erfahrung mit SchülerInnen sammeln konnten und dafür Seminarscheine bekamen, die beteiligten Lehrer (Arndt Latußeck aus Hildesheim, Jörg Trebs (Berlin), Thilo Pfeiffer aus Hamburg), weil sie bei einem interessanten Projekt beteiligt waren, fachlich etwas lernten und sich gegenseitig im Umgang mit Schulprojekten austauschen konnten und ich, weil ich als Naturwissenschaftshistorikerin arbeiten konnte und gleichzeitig der Welt etwas Gutes tun konnte, indem ich einige Schüler, Studierende und Lehrer auf (m)eine große Reise mitnehmen konnte.

Der Termin für das Kernprojekt stand fest: Der Venustransit am 6. Juni 2012 – darum herum waren nun also ein paar Expeditionen, ein Auswerte-Workshop und eine Vorbereitungsreise zu platzieren.

Die Vorbereitungsreise fand im März statt: Mit den beteiligten Lehrern, einem Techniker der Uni Hildesheim, der mich gern unterstützte sowie Eckehard Schmidt von Wissenschaftsreisen.de, der Kontakte nach Norwegen hatte und dorthin eine Expedition mitorganisieren und vor allem auch leiten wollte, fuhr ich im März nach Novosibirsk. Wir trafen dort auch eine Gruppe aus Krasnojarsk und hatten einen Vormittag lang eine Sitzung, bei der ich die Ziele des Projekts zu vermitteln versuchte und wir versuchten, die Elite-Schule von Novosibirsk zu überzeugen, mit uns gemeinsam ein Projekt ein Krasnojarsk zu machen, weil dort die Beobachtungsbedingungen besser waren (weiter östlich, also Sonne auch beim ersten Kontakt schon überm Horizont).

Anschließend führen wir nach Baykonur, um auch die dortige International Space School auf eine Beteiligung anzusprechen und für die Zukunft den Kontakt zu knüpfen. Über die Projektidee “Encke und der Venustransit” und die Reise nach Baykonur habe ich im März 2012 hier berichtet. Der Termin des Venustransits rückte näher und im Mai 2012 habe ich nochmals ein paar Rückblenden auf 2004 als Vorbereitung zusammengefasst.

Dann reisten wir los: Da die Kollegen aus Novosibirsk sich nicht entschließen konnten, nach Krasnojarsk zu reisen, haben meine Studentinnen eingewilligt, sich auf drei Gruppen aufzuteilen und es waren also sogar drei Expeditionen – eine nach Norwegen mit den Schülern von Jörg Trebs und Thilo Pfeiffer sowie einer fleißigen Mathe-Studentin von mir und Eckehard Schmidt als lokale Reiseleitung und zwei Expeditionen nach Sibirien, nämlich eine nach Novosibirsk und eine Krasnojarsk. In Novosibirsk waren meine Studentinnen mit den lokalen Lehrerin, insbesondere Elena Merkulova aus Iskitim verantwortlich und in Krasnojarsk war ich selbst (zusammen mit Arndt Latußeck) die Verantwortliche.

Hier sind die Berichte von fleißigen Schülerinnen, die sich dankenswerterweise haben breitschlagen lassen, nach dem jeweiligen Projekt zwei Berichte zu verfassen:

Meine eigenen Berichte konnte ich natürlich schneller online stellen:

Glücklicherweise hatten alle drei Expeditionen gutes Wetter und wir konnten mit Kontaktzeiten aus Sibirien und Norwegen triangulieren. Im September fand daher ein Auswerte-Workshop in Hildesheim statt. Über diese Auswetung hatte ich ebenfalls im September 2012 hier berichtet, zudem auch auf der Tagung der Astronomischen Gesellschaft (AG) in den Arbeitskreisen Astronomiegeschichte und Astronomiedidaktik mit einem Vortrag und einem Poster vorgetragen (Hamburg, Sept. 2012) und auch schon vor diesem Workshop allein die Expeditionen bei der International Conference for History of Science in Science Education (Kiel, August 2012) präsentiert.

Ich war sehr zufrieden mit dem Verlauf des Hildesheimer Workshops, es war ein gemütlicher Abend und aus Hamburg, Berlin und Erlangen reisten Schülerinnen an, um dabei zu sein UND wir haben sogar verblüffend gute Ergebnisse für die AE aus unseren Daten erhalten. Die kreativen SchülerINnen hatte dies mit verschiedenen Methoden bewerkstelligt, einige allein am PC die Bilder ausgewertet und andere mit Papier und Stift – wunderbar! Bedauerlich fand ich nur, dass wir es nicht geschafft hatten, die russischen Schulleitungen zu überzeugen, noch im selben Jahr einen Schüleraustausch nach Deutschland zu genehmigen. Die russischen Partner waren also leider nicht bei der Auswertung dabei, sondern die umgekehrte Austauschmaßnahme fand erst im Frühjahr 2013 statt und baute unter der Projektleitung von Thilo Pfeiffer (Hamburg) auf der Insel Föhr einen Planetenwanderweg, während ich selbst schon in Berlin war und mich in einem neuen eigenen Forschungsprojekt der Forschung widmen durfte, für die wirklich und viel mehr mein Herz schlägt: Geschichte der Astrometrie, d.h. Geschichte der Himmelskarten und Sterngloben.

Hier noch ein schönes Buch zu historischen Venustransits von Andrea Wulff.

Nachbereitung:

Mein Artikel in der MNU-Zeitschrift über die Expeditionen und Auswertung des Venustransits erschien erst zwei Jahre später, im Sommer 2014. Dafür habe ich aber auch auf meiner Lehrmittel-Sammlung-Webseite eine eigene Rubrik dafür eingerichtet und hoffe, dass dies den Lehrern in den Schulen zur Unterrichtsvorbereitung nützt. Man kann nicht so schnell wieder solche Expeditionen machen, aber man kann die vorhandenen Daten auswerten.

Wer gute Kontakte zu dem Didaktiker Udo Backhaus von der Uni Duisburg-Essen hat, kann ja versuchen, den Kontakt von mir herzustellen. Ich hatte ihn Anfang 2012 mehrfach per E-Mail zu kontaktieren versucht und um Zusammenarbeit gebeten (hatte nämlich immer noch gehofft, damit vllt. doch noch zu promovieren, so dass also nicht nur die TN, sondern auch ich selbst daraus einen Gewinn ziehen könnte und meine Chefin in HI unterstützte das Projekt nicht, sondern duldete es nur zähneknirschend); er hat nicht reagiert. Stattdessen erhielt ich später (im Sommer) eine pampige E-Mail, was mir denn einfiele, ihn nicht in meinen Blog-Posts zu zitieren (sorry, seine Datenbank hatte mit meinen Expeditionsberichten nichts zu tun und im Frühjahr bei der Projektankündigung hatte ich ihn zitiert!). Mit mir wollte er leider nicht zusammenarbeiten, sondern zickte mich nur per E-Mail an und versuchte mich anschließend via MNU zu diffamieren. Ich stelle ihm daher meine Daten nicht von selbst zur Verfügung und da das Venustransitprojekt mein letzter Paukenschlag in punkto Jugendarbeit (und mithin Didaktik) sein sollte, habe ich vermutlich wohl keine Gelegenheit mehr, ihn persönlich irgendwo zu treffen.

 

 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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