Liebesheirat, nicht Zweck-Mariage

Die Berliner Sternenhäuser sind nun endlich vereint! In einer Pressekonferenz auf der Berliner Archenhold-Sternwarte wurde heute die Gründung der Stiftung bekannt gegeben, die ab heute die drei Einrichtungen Archenhold-Sternwarte im Treptower Park, Zeiss Großplanetarium an der Prenzlauer Allee und Wilhelm-Foerster-Sternwarte mit Planetarium am Insulaner verwalten wird. Ziel der neuen Stiftung ist es, innerhalb Berlins die astronomische Bildung besser zu koordinieren und die Profile der einzelnen Häuser transparenter zu kommunizieren. Mit der Pluralität und medialen Vielfalt der zahlreichen Kuppeln von zwei exzellent ausgestatteten Sternwarten und einem ganz frisch sanierten Planetarium und einem vor wenigen Jahren sanierten, die wir hier in Berlin mit den Ergebnissen der noch viel zahlreicheren Forschungseinrichtungen bespielen können, sollen in der Astronomie und ihrer Vermittlung neue Maßstäbe gesetzt werden.

Pressemitteilung (PDF): Stiftung Planetarium Berlin – Stadt wird astronomischer Spitzenstandort

Jedes der drei Häuser behält seinen derzeitigen Leiter.

Die derzeitigen Leiter der drei Häuser: Dr. Felix Lühning, Tim Horn, Dr. Monika Staesche.

Kommissarischer Vorstand dieser Stiftung ist der Medienwissenschaftler Tim F. Horn, der Leiter des gerade im Umbau befindlichen Zeiss Großplanetarium Berlin, der als glühender Planetarier-aus-Überzeugung und Vater von drei Kindern sehr hohe Ansprüche an die Wissensvermittlung stellt: Sie soll sowohl sachlich korrekt als auch mit hohem ästhetischen Anspruch erfolgen – oder – wie Sandra Scheeres, Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft es formuliert: „Berlin verfolgt mit der Fusion das Ziel, zum Standort Nr. 1 für astronomische Populärwissenschaft in Deutschland zu werden. Aus den Sterntheatern werden moderne Wissenschaftstheater, die Wissenschaft verständlich präsentieren.“

Spitzenniveau in der Astronomie und Wissensvermittlung

Damit wird die Bildung in Berlin sowohl der Senatsverwaltung für Bildung als auch der Senatsverwaltung für Kultur gerecht und ungeschickterweise waren daher die Berliner Sternenhäuser bei unterschiedlichen dieser beiden Verwaltungen zugeordnet. Die beiden Senatoren, Frau Scheeres (Bildung und Wissenschaft) und Herr Renner (Kultur) waren bei dieser heutigen „Dreier-Hochzeit“ der Einrichtungen daher die Trauzeugen und wünschten dem Dreigestirn der Leitungen für die Zukunft alles Gute.

Anstoßen auf (weiterin) gute Zusammenarbeit.

Anstoßen auf (weiterin) gute Zusammenarbeit.

Wiedervereinigung als Berliner Programm

Die bisherigen Betreiber der Häuser, die Stiftung Deutsches Technik Museum (Treptow, Prenzl.berg) und der Trägerverein Wilhelm-Foerster-Sternwarte e.V. (Insulaner) entließen ihre Schützlinge wohlwollend in eine gute Zukunft: Herr Böndel bekannte, dass in einer so großen Stiftung wie seiner mitunter dazu kommen kann, dass ein einzelnes Satelliten-Museum episodisch vernachlässigt wird – also nicht die Aufmerksamkeit bekommt, dies es verdienen würde und hofft daher, dass „seine“ wertvollen Satellitenmuseen jetzt unter der neuen Stiftung in noch besseren Händen sein werden. Herr Hoffmann (WFS) freut sich über diese astronomische Wiedervereinigung und sieht die bisherige Trennung als Relikt der ehemaligen politischen Teilung Berlins, dass die Erben der Amateurastronomen, die in der Nachkriegszeit von der Archenhold-Sternwarte kommend in West-Berlin eine neue Gruppe gegründet und später eigene Häuser gebaut hatten, nun mit ihren Treptower Artgenossen „wiedervereinigt“ werden.

Ansprachen von Herrn Dr. Böndel (Stiftung Dt. Technikmuseum) und Herrn Dr. Hoffmann (WFS Berlin).

Ansprachen von Herrn Dr. Böndel (Stiftung Dt. Technikmuseum) und Herrn Dr. Hoffmann (WFS Berlin).

Herr Renner macht seiner Eigenschaft des Kulturchefs in Berlin alle Ehre, indem er die Entwicklung als regelrechtes Bühnenstück darstellt: Im Grunde werde ja bereits seit 1990 um Zusammenlegung verhandelt, aber in den 90ern kam halt auch immer der Beigeschmack von „zu viel“ in alle Berliner Gespräche: Man war damals dabei, überall zu hinterfragen, ob es denn wirklich nötig sei, so viele Kuppeln zu haben – typisch Berlin nach der Wiedervereinigung, eben von allem zwei: zwei historische Fernrohre, zwei gut ausgestattete Sternwarten, zwei (damals veraltete) Planetarien. Nach einer langen Schaukelpartie zwischen den Senatsverwaltungen und schließlichen Überführung der Ost-Häuser zum Technikmuseum, dem aber das West-Haus fernblieb, gab es eine längere Hängepartie. Im Jahre 2010 sei die Senatsverwaltung für Bildung und Wissenschaft zu ihm gekommen und wollte die Wilhelm-Foerster-Sternwarte an seine Senatsverwaltung „loswerden“ … mit dem Ergebnis, das wir heute – sechs Jahre später – in der Archenhold-Sternwarte feiern, dass umgekehrt seine Senatsverwaltung zwei Häuser in Treptow und Prenzlauer Berg an Frau Scheeres abtritt: „Habt Ihr toll gemacht,“ zieht er sie zur Erheiterung der versammelten Journalisten und Würdenträger auf.

Senatorin Scheeres und Senator Renner.

Senatorin Scheeres und Senator Renner.

Frau Scheeres erhofft sich von dieser „Liebesheirat“, wie Herr Lühning den Zusammenschluss nannte, neue Möglichkeiten für noch großartigere Bildungsangebote und erhebliche Verbesserungen im Marketing. Beide Namensgeber der Häuser, der Urania-Gründer Wilhelm Foerster und der Astronom und Urania-Lehrling Friedrich Simon Archenhold, haben damals im 19. Jahrhundert in Berlin neue Maßstäbe für die Populärastronomie gesetzt und darum erwarten wir nach dem chaotischen Intermezzo des 20. Jahrhunderts eine lineare Fortsetzung der Ziele dieser großen Namen im 21. Jahrhundert. Berlin will wieder an sein einstiges, hohes Niveau der astronomischen Bildung anknüpfen und für die populäre Astronomie Konzepte, Visionen und Visualisierungen schaffen, die international wahrgenommen und reproduziert werden [wie die Urania-Gründung im 19.Jh.].

Eröffnungstermin Planetarium bekanntgegeben: 25.8.2016

Stadt-intern soll daher jedes der Häuser einen separaten Arbeitsschwerpunkt erhalten, um sein Profil zu schärfen:

  • Die Wilhelm-Foerster-Sternwarte und Planetarium am Insulaner wird sich überwiegend der schulischen Astronomie und der Amateurastronomie widmen. Das heißt natürlich nicht, dass Schulklassen nur dorthin und nciht in die anderen Häuser dürfen (im Gegenteil!), sondern es heißt nur, dass dort der Arbeitsschwerpunkt des Hauses liegt.
  • Das gerade in der Sanierung befindliche Großplanetarium Prenzlauer Berg wird gerade zum hypermodernen Wissenschaftstheater umgebaut: Für etwa 13 Mio Euro aus Mitteln der Stadt, der Europäischen Regionalförderung und Lottomitteln wurde in den vergangenen zwei Jahren die Kuppel wurde von außen geputzt und von innen saniert, Kabelschächte ausgehöhlt, Verkleidungen erneuert und die Technik von Zeiss modernisiert, d.h. der alte Sternenprojektor raus und ein neuer hineingeräumt. Am 25. August soll die Wiedereröffnung mit einer derzeit in Produktion befindlichen tollen neuen Show gefeiert werden.
  • Die Archenhold-Sternwarte wird ihren künftigen Arbeitsschwerpunkt in dem Forschungsauftrag sehen, den die Astronomie in Berlin schon immer hatte und auch weiterhin hat. Astronomiehistorische Forschung war hier schon seit Jahrzehnten, im Grunde sogar seit der Panbabylonismus-Debatten, denen Archenhold persönlich am Anfang des 20. Jh. mit eigenen Forschungen begegnete, der Arbeitsschwerpunkt und man möchte dies künftig (wieder, weiterhin) vertiefen.

Tim Horn, als kommissarischer Vorstand der neuen Stiftung, wünscht sich in diesem Sinne, dass sie noch vieles „gemeinsam aushecken“ werden, d.h. dass die Zusammenarbeit der drei Häuser, die er in den vergangenen drei Jahren mit viel Freude und Engagement etabliert hat, auch weiterhin so gut klappen wird.

Gruppenfoto vorm Riesenfernrohr.

Gruppenfoto vorm Riesenfernrohr, dem längsten frei beweglichen Linsenfernrohr der Welt.

persönliche Bemerkung: Ich persönlich hoffe, dass in dieser Neuordnung der Berliner Astronomie für mich und meine Forschung einmal Platz sein wird. Im Augenblick schreibe ich natürlich gerade an Forschungsanträgen und versuche mich zu orientieren. Doch wenn ich mir diese Konstellation anschaue, scheinen meine Wünsche nun endlich aufzugehen und Ideen hier auf sehr fruchtbaren Boden zu fallen.
Ich fühlte mich früher immer wie das letzte Einhorn – aber im Augenblick scheinen mir in Berlin auch andere Einhörner zu leben. Sie befinden sich nicht nur hier, sondern z.B. auch in meiner ehemaligen Forschergruppe an der Humboldt-Universität, bei den Kollegen an der FU und es scheint für uns durch die heutige (wieder)Vereinigung der „Häuser der astronomischen Bildung und Forschung“ auch jetzt die richtige Raumzeit angebrochen zu sein:
Auch Einhörner ziehen es vor, in Herden zu leben anstatt allein!

Auf in die neue Ära, die Einhörner-Raumzeit!

Archenhold-Sternwarte Berlin

Archenhold-Sternwarte Berlin

PS: In der Archenhold-Sternwarte hatte 1915 Einstein seinen ersten Vortrag über die Allgemeine Relativitätstheorie gehalten. Das war übrigens ein seltener Fall von Publizierung von aktueller Forschung zuerst in der Öffentlichkeit (bevor die wissenschaftliche Publikation draußen war).

Diese Sternwarte, die um ein Riesenfernrohr herum gebaut worden war, das anlässlich der nicht-ganz-Weltausstellung 1896 gebaut worden war, war schon immer ein Forschungsinstitut, obwohl es auch schon immer zum Großteil von Eintrittsgelder von öffentlichen Veranstaltungen finanziert wurde.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte (beide Diplomarbeiten in Astronomie), promovierte in Wissenschaftsgeschichte sowie Medienwissenschaften, Physikdidaktik. Sie ist seit 1998 als Astronomin tätig (manchmal an Universitäten, manchmal in Planetarien und öffentlichen Sternwarten). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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