Tür 20: Prokyon und Argo

Beim Hund hatte ich bereits erwähnt, dass er – der große – antik der einzige Hund war. Heute gibt es zwei Begleiter des Jägers Orion, einen kleinen und einen großen Hund. Der kleine hat als hellsten Stern den hellen Prokyon, aber auch noch mit noch so viel Phantasie kann man ihn sich nicht als Hund vorstellen.

Das ist auch nicht nötig, denn in Wahrheit ist dort gar kein Sternbild gewesen: Prokyon war für die Griechen der Stern, der den baldigen Aufgang des Sirius ankündigt. Er ist also namentlich “der, der vor dem Hund kommt”, auf griechisch “pro kyon”. Diese Beschreibung wurde zusammengezogen zum Eigennamen des Sterns. Babylonisch war der Stern nicht mit Sirius in Verbindung gebracht worden, sondern wahrscheinlich [wie Philologen bereits seit Jahrzehnten mutmaßen] ein Indikator für den heliakischen Frühaufgang des Tierkreissternbildes des Krebses. Da der Krebs aus schwachen Sternen besteht, die man in der Dämmerung kaum/ nicht sieht, aber sein heliakischer Aufgang aufgrund seiner Lage an der Sommersonnenwende so wichtig war, tat der helle Prokyon hier gute Dienste. Das alte babylonische und griechische Konzept haben hier also völlig verschiedene Ziele.

Der einsame Prokyon ist also ehrlich gesagt, nicht als Hund vorzustellen. Da nun aber zwischen dem (großen) Hund und den Zwillingen eine Lücke klafft, die zu keinem Sternbild gehört, hat man sich entschlossen, diese Region ohne Namen und ohne helle Sterne, aus denen man eine Figur bilden könnte, einfach “Kleiner Hund” zu taufen.

Ein antikes Bild gibt es also nicht, sondern nur ein Wort, das ich nicht an die Kuppel “zeichnen” kann.

Argo

Das Schiff hat eine sehr interessante Geschichte, denn eigentlich gibt es das Sternbild am Südhimmel gar nicht (mehr). Es ist ein antikes Sternbild, das durch Gestaltsehen sogar einigermaßen erkennbar ist, also wohl der Anschauung entsprungen sein mag. Es sollte als Schiff der Argonauten den Zug gleich mehrere griechischer Helden mythologisch in Erinnerung rufen – gleichwohl war es wohl eine Verstirnung der Seefahrt als große technische und menschliche Leistung – vor allem im griechischen Inselstaat und übers Mittelmeer.

Es handelt sich um ein nur halbes Schiff. Das kennen wir ja schon: halbes Pferd, halber Stier – warum nicht auch halbes Schiff. Allerdings sind griechische Schiffe offenbar hinreichend symmetrisch, dass man aus den Sternen nicht erkennen kann, ob es sich um die hintere oder die vordere Hälfte handelt. In der modernen Nomenklatur ist das “Ende” klar das “Achterschiff” und damit hinten. Auch Aratos sagt, dass die Argo “mit dem Heck voraus” über den Himmel ziehe und Ptolemaios macht seine Sternnamen auch als Beschreibung eines Heckes. Hipparch aber beschreibt eine Galionsfigur am Bug des Schiffes und sieht es also nicht “rückwärts einparkend”, sondern in voller Fahrt.

Argo – Umzeichnung vom Atlas Farnese, SMH 2017.

Das Schiff, das sich riesengroß am Himmel ergießt, war den modernen Astronomen zu groß und man hat es für die internationale Benennung 1930 in die Teile Achterschiff, Kiel, Segel zerlegt und ihm in der Frühen Neuzeit einen Schiffskompass beigegeben (komischerweise am Mast, aber immerhin). Trotzdem existiert in der offiziellen Liste der Sternbilder, die durch die IAU seit 1930 nicht verändert wurde, immer noch beides parallel: Es gibt das Sternbild Argo (abgekürzt Arg) sozusagen als 89-stes Sternbild und seine Teile als drei der üblichen 88 Sternbilder.

 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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