Tür 19: Hase und Hund

… sagen sich hier noch nicht “gute Nacht”, denn noch ist nicht Weihnachten. Diese beiden Sternbilder sind unter dem Orion sehr leicht am Winterhimmel auffindbar. Der (große) Hund glänzt mit dem hellsten Stern Sirius, den man deshalb auch den Hundsstern nennt. Griechisch war er schon immer der (einzige) Hund des Sternhimmels und auf dem Atlas Farnese hat dieser Hund quasi ein Krönchen:

Door 19: Hare and Dog

… don’t say goodnight to each other here yet, because it’s not Christmas yet. These two constellations are very easy to find under Orion in the winter sky. The (big) Dog shines with the brightest star Sirius, which is therefore also called the Dog Star. Greek, it has always been the (only) dog of the starry sky and on the Atlas Farnese this dog has a little crown, so to speak:

Der (große) Hund mit Sirius im Auge auf dem Atlas Farnese. Umzeichnung SMH 2017.

Was für uns als moderne Betrachter wie eine Krone aussieht, ist eine anachronistische Fehlinterpretation. Zackenkronen sind eine Erfindung der Karolinger (Mittelalter) und noch nicht in der Antike, insbesondere nicht in griechischer Kunst bekannt. (In römischer Kunst lassen sich manche Kaiser später mit Strahlen am Haupt darstellen, aber das hat eher etwas von einem Nimbus/ einer Glorie und meint nicht eine metallische Krone). Dies sind also in Wahrheit Strahlen des Sirius, die den hellsten Stern des Nachthimmels im Auge des Hundes als besonders kennzeichnen. Die Besonderheit ist sowohl anschaulicher als auch mathematischer Natur, denn hier ist sozusagen der “Nullmeridian” der Himmelskugel – zumindest beschreibt das Ptolemaios so im Almagest (Buch 8, Kap. 3).

Hase

Der Hase ist ein weniger bekanntes Sternbild, weil es aus eher schwachen Sternen besteht, aber die Planetariumsanekdote, dass sich das schlaue Tier unter seinem Jäger versteckt, lässt sich gut merken. Vielleicht auch deshalb, weil so wenig über den Hasen geredet wird, wird auch nicht viel Falsches über ihn gesagt. Auf dem Atlas Farnese spürt man deutlich, dass wir hier künstlerisch in der Zeit vor Dürer sind:

What looks like a crown to us as modern observers is an anachronistic misinterpretation. Serrated crowns are an invention of the Carolingians (Middle Ages) and not yet known in antiquity, especially not in Greek art. (In Roman art, some emperors are later depicted with rays on their heads, but this is more like a nimbus/glory and does not mean a metallic crown). So these are in fact rays of Sirius, marking the brightest star of the night sky in the eye of the dog as special. The peculiarity is both descriptive and mathematical, for here is the “zero meridian”, so to speak, of the celestial sphere – at least this is how Ptolemy describes it in the Almagest (Book 8, Ch. 3).

Hare

The hare is a lesser-known constellation because it consists of rather faint stars, but the planetarium anecdote that the cunning animal hides under its hunter is easy to remember. Perhaps also because so little is said about the hare, not much wrong is said about it. In the Atlas Farnese one clearly senses that artistically we are here in the time before Dürer:

Hase auf dem Atlas Farnese. SMH, 2017.

Babylon

Da, wo bei den Griechen ein Hund ist, sehen die Babylonier ihre zwei sternbilder “Pfeil” und “Bogen”. Ich habe sie für Stellarium in einander gezeichnet, was eine übliche Deutung ist, aber es gibt auch die Alternative, dass der Bogen etwa da und der Pfeil bereits abgeschossen etwas weiter nördlich fliegt – vllt. sogar die Sterne Sirius und Prokyon verbindet. Diese Deutung halte ich für unwahrscheinlich, weil Prokyon wahrscheinlich eher ein Anzeigestern für die schwachen Krebssterne war und folglich eher mit der nördlicheren Gruppe zusammengedacht wurde.

Der griechische Hase war babylonisch ein Hahn. Der Hahn ist vermutlich im -2. Jahrtausend an den Himmel versetzt worden, weil in dieser Zeit Hühner domestiziert wurden. Man hatte damals die Angewohnheit, zur Unterhaltung der Mensche Hähne gegeneinander antreten zu lassen: Sie kämpften (weil es in ihrer Natur liegt) und die Menschen schlossen vermutlich Wetten auf den Gewinner ab. Erst später hatte man entdeckt, dass Hähnchenfleich auch köstlich sein kann – gezüchtet wurden sie vermutlich zuerst zur Belustigung der Menschen.

Babylon

Where the Greeks have a dog, the Babylonians see their two constellations “arrow” and “bow”. I have drawn them into each other for Stellarium, which is a common interpretation, but there is also the alternative that the bow flies about there and the arrow already shot flies a little further north – possibly even connecting the stars Sirius and Prokyon. I think this interpretation is unlikely, because Prokyon was probably more of an indicator star for the faint Cancer stars and was therefore more likely to be thought of together with the more northerly group.

The Greek hare was Babylonian a cock. The cock was probably moved to the sky in the -2nd millennium because chickens were domesticated at that time. At that time, people had the habit of having cockerels compete against each other for the entertainment of the people: they fought (because it is in their nature) and the people probably placed bets on the winner. It was only later that people discovered that chicken meat could also be delicious – they were probably first bred to amuse people.

Die babylonischen Sternbilder Pfeil, Bogen und Hahn unter dem “Treuen Himmelshirten” (Orion).

In China

… gab es hier lustigerweise auch Pfeil und Bogen (ohne dass ich eine Verbindung postulieren möchte). Der helle Stern Sirius wird als Wolfsstern bezeichnet und neben ihm gibt es den Soldatenmarkt. Was wir als Hase bezeichnen, ist in China eine Toilette (was man nicht alles am Himmel braucht 😉 ).

In China

… funnily enough, there were also bows and arrows here (without me wanting to postulate a connection). The bright star Sirius is called the Wolf Star and next to it there is the Soldier’s Market. What we call a hare is a toilet in China (what you don’t need in the sky 😉 ).

Chinesische Sternbilder

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als (Kultur)Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Jobbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, 2017 in Semarang (Indonesien), seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten), Jerusalem+Tel Aviv (Israel), Hefei (China)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

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