Tür 15: Skorpion und Schütze

Skorpion und Schütze sind zwei Bilder, die anschaulich klar sind und auch in ihrer Bedeutung zusammengehören: Der Schütze war babylonisch nicht irgendeiner, sondern der Gott der Jagd mit Namen Pabilsag. Er wird als Mischwesen dargestellt mit einem menschlichen Oberkörper, Pferdeleib, Schwanenflügeln und Skorpionschwanz. Begleitet wird diese Figur in der Kunst oft einem Skorpion und so passt es auch am Himmel ganz gut. Beide Bilder sind durch Gestaltsehen klar.

 

Der Skorpion auf dem Atlas Farnese wird halb verdeckt durch die Hand des steinernen Titanen. Darum fehlt auch in meiner Umzeichnung der obere Teil. Eigentlich hält der Skorpion noch eine Apotheker-Waage in der Schere hoch, aber die habe ich hier leider vergessen abzumalen: Entschuldigung.

Schütze

Pabilsag war natürlich in dieser extremen Kombination für die Griechen unverständlich und so adaptierten sie ihn in ihre Kultur unter didaktischer Reduktion auf einen Kentauren (Mischwesen halb Mensch, halb Pferd). Am Himmel sind nur drei der vier Hufe durch Sterne markiert (zumindest laut Almagest). Für Eratosthenes macht das größere Probleme, denn er diskutiert seitenweise, was das für eine komische Darstellung sei: Zentauren seien schließlich Tölpel, die nicht mit Pfeil und Bogen umgehen können und also müsse der Schütze zwei Beine habe – manche sagen aber, er hätte vier… er kann sich keinen Reim darauf machen. Die Lösung findet (später?) die griechische Mythologie, indem sie eine Ausnahme schafft: der weise Kentaur Chiron, der Lehrmeister zahlreicher griechischer Helden, sei der einzige nicht-tölpelhafte, sondern sanftmütig gute unter den Kentauren: Er ist es, der hier abgebildet ist.

Der Kentaur mit Pfeil und Bogen auf dem Atlas Farnese. Zu seinen Füßen ein weiterer Kranz, den wir heute “Südliche Krone” nennen, der aber in hellenistischer Zeit nur als Asterismus im Schützen und nicht als eigenes Sternbild aufgeführt wird.

 

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“physics was my first love
and it will be my last
physics of the future
and physics of the past”

Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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