Tür 14: Waage und Jungfrau

Laut Planetariumslethargie ist die Waage, der einzige unbelebte Gegenstand im so genannten Tierkreis, ganz klar ein Attribut der Jungfrau, denn diese sei damit ganz klar als Göttin der Gerechtigkeit Dike (oder römisch Justicia) ausgewiesen. Dieser Quatsch geht auf römische Eselsbrücken zurück und hat mit der historischen Entwicklung nichts zu tun – aber wer sowas glaubt, muss sich auch nicht wundern, dass Sternbilder (vor allem die Waage, aber eigentlich beide) nicht vor Anschaulichkeit strotzen. In Wahrheit wird hier es sternbildhistorisch ein wenig verquer, denn diese beiden gehören überhaupt nicht zusammen und es gab sie auch gar nicht immer und überall.

Jungfrau

In alten babylonischen Schriften (MUL.APIN und anderen um -1000) gab es noch keine Jungfrau, sondern eine “Furche mit einer Weizenähre”, wobei letztere durch einen hellen Stern markiert war. Spica, der helle Stern des Sternbildes, heißt noch heute “die Ähre” und hat diesen Namen stabil seit ca. 3000 Jahren – mindestens! Nur ursprunglich lag die Ähre in einer Furche. Irgendwann zwischen -1000 und -300 gab auch die babylonische Astralwissenschaft die Ähre einem Mädchen in die Hand: So ist sie abgebildet auf einer Tontafelritzzeichnung aus hellenistischer Zeit, die im Louvre (Paris) liegt. Das Sternbild wurde als babylonisch von Furche nach Jungfrau umgedeutet.

Im griechischen war es seit Beginn der Aufzeichnungen (mit Aratos) ein Mädchen. Das griechische Wort lautet auch entsprechend allgemein Parthenoy (Mädchen) und Eratosthenes sammelt mindestens fünf Möglichkeiten, wer dieses Mädchen sein könnte (die syrische Göttin Atargatis, die ägyptische Göttin Isis oder von den griechischen kommen Demeter mit der Ähre, Tyche, weil sie keinen Kopf(stern) habe oder eben tatsächlich Dike in Frage: es gibt aber keine Waage bei Eratosthenes und Arat, so dass ihr das Attribut fehlt). Wir sehen, in der frühen griechischen Zeit ist das noch nicht festgelegt – aber das babylonische Bild vom Mädchen mit der Ähre existiert – neben anderen – auch.

Offenbar ist das stabile Element durch alle Jahrtausende der hellste Sterne namens “Ähre”, unsere Spica. Dass man den hellen weißen Stern stets so nannte, kann einleuchten, weil es ein Name ist und ein Punkt kein Bild malt, das sich wandeln müsste. Das Drumherum um diesen Stern hat sich aufgrund seiner Unanschaulichkeit offenbar oft und stetig verändert, aber schlussendlich hat sich durch Verbreitung des Almagest durchgesetzt, aus den schwachen Sternen eine wenig anschauliche, längs der Ekliptik liegende und in ein langes Kleid gehüllte Dame – je nach Wunsch des Graphikers mal mit und mal ohne Flügel – zu sehen.

Jungfrau – auf dem Farnese Globus mit Flügeln und Ähre. Umzeichnung SMH 2017.

Waage

Damals, als in alt- und mittelbabylonischen Texten die Jungfrau noch nicht existierte, sondern eine Furche war, gab es daneben das Sternbild Waage. Ein Sternfreund machte dieses Jahr bei der Arbeitsgruppe Astronomiegeschichte in Berlin [Einladung zur Teilnahme; übrigens auch aus der Ferne!] einmal den Vorschlag, dass es die Waage sei da, um nach der Erntezeit (die die Jungfrau markiert) die Ernte zu wiegen – was in dieser kalendarischen Deutung gewiss Sinn ergibt.

Die griechische Astralwissenschaft hat mit Übernahme des babylonischen Tierkreises und der 360°-Teilung der Ekliptik (spätestens im -4.Jh. bei Eudoxos, möglicherweise früher) allerdings die Waage zunächst abgeschafft. Babylonisch existierte sie weiter, aber durch politische “eiserne Vorhänge” entwickelten sich die beiden Kulturen zeitweise wieder unabhängig voneinander weiter.

Bei Aratos, Eratosthenes und Hipparch gibt es dieses Sternbild nicht – erst bei Ptolemaios im Almagest taucht es wieder auf und wird von da in die Moderne transformiert. Die Waage des Ptolemais führt allerdings dazu, dass der Skorpion extrem kleine Scheren hat, die nicht durch Sterne markiert sind: viel eindrucksvoller wäre die Gestalt, wenn man die Waage-Sterne zum Skorpion hinzu nehmen könnte.

Skorpion-Waage Konstellation in den Sternen: eine frühe babylonische Version, Erstveröffentlichung dieser These in meinem Buch Hipparchs Himmelsglobus, Springer-Verlag, 2017 (mit anderem Bild). Die Scheren des Skorpions (blau), die einst riesig gewesen sein mögen, werden in griechischer Zeit zunächst als eigenes Sternbild abgespalten. Das Sternbild heißt “Scheren des Skorpion” und die Waage fällt einfach weg.

Wandlung der Skorpion-Waage-Konstellation in römischer Zeit. Die Scheren des Skorpion werden verstümmelt, weil man paartout die Waage wieder einführen will. Erstveröffentlichung dieser These in meinem Buch Hipparchs Himmelsglobus, Springer-Verlag, 2017 (mit anderem Bild).

Auf dem Atlas Farnese ist die Waage in eben dieser Form dargestellt: der Skorpuon hält sie in seinen Scheren – allerdings ist die Figur halb abgeschnitten, weil dort eine Hand des steinernen Titanen Atlas die Himmelskugel hält.

 

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“physics was my first love
and it will be my last
physics of the future
and physics of the past”

Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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