Tür 12: Stier und Zwillinge

Der Stier ist ein Sternbild, das durch Gestaltsehen jedem Menschen am Himmel einsichtig sein dürfte: Die Hörner sind etwas übertrieben und der Stier ist auch nur bis zum Bauchnabel dargestellt… aber ansonsten ist es schon einleuchtend. Der alte offene Sternhaufen der Hyaden konturiert das Gesicht, die Augen werden durch den hellen Stern Aldebaran und einen Hyadenstern gebildet und die Plejaden markieren den Buckel.

Stier auf dem Atlas Farnese, Umzeichnung SMH 2017.

Hier ist der Kopf so lang gezogen, dass die Mini-Hörnchen in den Locken verschwinden können – aber ehrlich gesagt, ist es mir kaum gelungen, dieses Bild an den Planetariumshimmel anzupassen: So passt es einfach nicht zu den Sternen.

Plejaden

Der offene Sternhaufen der Plejaden wird in allen griechischen und akkadischen Texten aufgeführt – mitunter sogar wie ein eigenes Sternbild behandelt, aber auch wenn er als Teil des Stiers betrachtet wird, ist er als besonderer Asterismus mit einem Eigennamen versehen.

Zwillinge

Die beiden hellen Sterne Pollux und Kastor sind wohl schon seit Beginn der Aufzeichnungen als Zwillingspaar gesehen worden. in der frühen babylonischen Form gab es allerdings zwei Zwillingspaare, ein großes (unsere beiden) und ein kleines: vermutlich der Bereich von Gemini, der unterhalb der Ekliptik liegt.

Die Uranographie-Tafel VAT 9428 aus dem -8. Jh., die nur ein Fragment einer Himmelsbeschreibung überliefert, berichtet uns, dass die großen Zwillinge mit Waffen ausgerüstet sind und die kleinen mit Attributen der Landwirtschaft. In jedem Fall handelt es sich um bärtige, bekleidete Figuren – so steht es da wortwörtlich (wir verstehen noch nicht das Wort, das sagt, womit sie bekleidet sind, aber das Wort “bekleidet” kommt vor).

Auf dem Atlas Farnese sind die zwei griechischen Helden aber – wie es sich für männliche griechische Heroen gehört – nackt dargestellt.

Die Zwillingsbrüder Polydeukes und Kastor auf dem Atlas Farnese. Umzeichnung SMH 2017.

Babylon

Stier + Plejaden

Im Babylonischen handelte  es sich um den Großen Himmelsstier, der von Gilgamesch besiegt worde war und daher nur halb (besiegt, durchgeschnitten) am Himmel abgebildet ist. Die Plejaden sind die Borsten an seinem Buckel. In Mesopotamien wurde die Gruppe der Plejaden manchmal als Sternhaufen (“die Sterne”) bezeichnet und der Siebengottheit zugeordnet. Der sumerische Ausdruck MUL.MUL bezeichnet eine unbestimmte Mehrzahl von Sternen und man sieht auch zu keiner Zeit sieben Sterne. Vermutlich leitet sich daher die unerklärliche Siebenzähligkeit der Benennungen (Sieben Schwestern, sieben Brüder, sieben Geißlein…) ab, die nicht mit der Anschauung übereinstimmt, denn man sieht entweder fünf/sechs oder gleich acht/neun Sterne in dieser Gruppe. Besonders lustig finde ich allerdings die Abbildung auf einer Tontafel aus hellenistischer Zeit (also sehr spät für die babylonische Kultur), wo die Plejaden gemäß der akkadischen Bezeichnung zappu die Buckelhaare/ Borsten des Stiers sind.

Zwillinge

Bis ins beginnende -1. Jahrtausend gab es babylonisch zwei Zwillingspaare: Die großen und die kleinen Zwillinge. Die Großen Zwillinge trugen Waffen, die Kleinen waren Landarbeiter.

Große und Kleine Zwillinge (babylonisch)
MUL.APINs Große und Kleine Zwillinge sowie Himmelsstier in Stellarium.

China

In Fernost ist hier wieder ein Stenrbilder-Tohuwawohu: Die beiden hellen Zwillingssterne bilden einen Fluss, danach kommt die Kette der Fünf Feudalen Könige, ein königliches Weinglas, ein Brunnen, eine Monster-Gottheit (also die für die Monster zuständig ist, sie verwaltet) und das Gesicht des babylonischen Himmelsstiers, der nach Griechenland kopiert wurde, ist im Chinesischen ein Netz. Die Plejaden sind natürlich ein eigener Asterismus, sie heißen “Mao”, die Haarschopf (erstaunlich gleich dem akkadischen Wort zappu).

Gem-Tau-Region in Stellarium, chinesische SkyCulture.
Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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