Tür 11: Dreieck und Widder

Das Dreieck, in alten Sternkarten mitunter auch “die Triangel” genannt, ist ein Sternbild, bei dem sich viele Lehrkräfte und Moderatoren in Planetarien fragen, was das soll. Flapsiger Kommentar, den ich hin und wieder hörte “Geodreieck – hat da jemand liegen lassen”. Aber so war das natürlich nicht im Altertum!

Eratosthenes (-3./-2. Jh.) erklärt vielmehr, dass wir den griechischen Buchstaben Delta Δ erkennen sollen. Konsequenterweise heißt das Sternbild im Altertum bei Aratus (-4./-3. Jh.) und Co eben auch “das Schriftzeichen” oder Deltoton. Auch Eratosthenes weiß aber nicht, warum dieses Schriftzeichen – im Gegensatz zu den anderen 24 Buchstaben des griechischen Alphabets – an den Himmel versetzt wurde. Zwei hauptsächliche Vorschlage seien zitiert: Erstens könnte es sein, dass das Delta so wichtig ist, weil es der Anfangsbuchstabe des Göttervaters ist: “EK ΔIOΣ APX ΩMEΣΘA… Mit Zeus lasst uns beginnen,” beginnt auch Aratos seine einleitenden gottlobenden Verse, bevor das eigentliche Lehrgedicht beginnt (ΔIOΣ, Zeus). Zweitens könnte es aber auch sein, schreibt der Bibliothekar von Alexandria am Nil, dass das Schriftzeichen an “die Form Ägyptens” erinnert; wobei er wohl einen breiten Küstenstreifen mit einem “Wurmfortsatz” längs des Stroms im Landesinneren meinen könnte oder tatsächlich das, was wir heute das Nil-Delta nennen.

Alexandria am Nil. Karte erstellt von mir mit Wolfram Mathematica 2014. In der Karte habe ich die Jahrhunderte wechselnder politischer Regentschaft in die Einheiten “Griechenland” und “Mesopotamien” gegliedert, weil Griechisch auch in römischer Zeit die Sprache der Wissenschaft war und weil Akkadisch in Mesopotamien Wissenschaftssprache blieb, auch als man in den Straßen aramäisch sprach.

Das kleine Sternbild unter dem Herbstviereck fehlt ebenfalls (wie das Füllen auf dessen anderer Seite) auf dem Atlas Farnese. Wir haben also kein antikes Bild erhalten. Es dürfte allerdings in diesem Fall nicht schwer fallen, das Aussehen zu rekonstrieren, denn drei Sterne. die nicht auf einer Linie liegen, verbindet man nun einmal mit einem Dreieck.

Widder

Wir sind im Tierkreis angekommen. Unter dem Herbstviereck befinden sich auch die schwachen Sterne des ersten Tierkreissternbildes. Das “erste” ist es, weil es im Jahreskreis das erste ist – keinesfalls das älteste. Im Gegenteil. Es ist unter den Sternbildern des Tierkreises dasjenige, das hinsichtlich seiner Herkunft die größten Rätsel aufgibt und wo sich die Forschung beim besten Willen nicht einigen kann.

Vielleicht war es ein syrisches oder griechisches Bild, das von den Mesopotamiern aufgenommen wurde – denkt z.B. Prof. John Wee (U Chicago). Vielleicht – und das ist m.E. wahrscheinlicher – ist diese Benennung aber auch ein babylonisches Wortspiel: und die Babylonier liebten Wortspiele!

In babylonischen Himmelsbeschreibungen früheren Datum gab es an Stelle des Widders jedenfalls einen Lohnarbeiter. Der war freilich genauso unanschaulich in dieser sternarmen Gegend wie das Hornvieh, aber noch unklarer ist, wie aus einem Menschen ein Vierbeiner werden kann: Wahrscheinlich haben die Babylonier durch systematisches Abkürzen ein neues Wort gebildet: Das funktioniert ungefähr so als würde ich “Mesopotamien” systematisch mit “.pot.” abkürzen und irgendwann “Pott” schreiben, und ich hätte dann aus einem griechischen Lehnwort ein umgangssprachliches deutsches Wort mit anderer Bedeutung gemacht. – Anschaulich wird die Figur dadurch natürlich nicht.

Das Schäfchen Aries auf dem Atlas Farnese zeigt dessen griechische Vorlage. Zeichnung SMH 2017.

Die Figur in den Sternkarten ist meist ein schlankes Lämmchen, weil es die Zeit der “Springe”, der Lämmergeburt markiert. In römischer Zeit wird das Lämmchen oft durch einen Ring hüpfend dargestellt, weil es den römischen Jahresbeginn (im Frühling) markiert. Dass der Ring auf dem Atlas Farnese (römische Zeit) fehlt, ist ein Indiz dafür, dass er – wie die meiste römische Kunst – die Kopie eines griechischen Originals ist.

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“physics was my first love
and it will be my last
physics of the future
and physics of the past”

Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Susanne, vielen Dank für Ihre sehr schönen und interessanten Adventstürchen. Ich habe sie eben entdeckt und erfreue mich außerordentlich an ihnen.

  2. PS:
    Jetzt erst lese ich die Bildunterschrift:…” weil Akkadisch in Mesopotamien Wissenschaftssprache blieb, auch als man in den Straßen aramäisch sprach.”
    Es war Sumerisch, das bis etwa +100 Wissenschaftssprache in Mesopotamien blieb.

    • Lieber Andreas,
      bedaure, da muss ich widersprechen: Sumerisch ist die Wurzel der Keilschrift, d.h. sofern wir wissen, ist Keilschrift für diese Sprache erfunden worden. Wir wissen aber nicht, wohin sie sprachfamiliär überhaupt gehört – es ist keine semitische Sprache wie z.B. Akkadisch.
      Das Akkadische hat – ich glaube, im -2. Jh., das Sumerische verdrängt. Es wird aber mit den ursprünglich sumerischen Schriftzeichen geschrieben, so dass man in der Keilschrift oft mehrere Möglichkeiten hat, dasselbe zu schreiben: Man kann ein Sumerogramm nutzen oder syllabisch schreiben. Dieses Mischmasch wurde bis ca. +100 als Wissenschaftssprache geschrieben: Akkadisch mit eingeflochtenen sumerischen Schriftzeichen und Schreibungen.

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