Tür 10: Pferd und Andromeda

Andromeda, die schöne Tochter von Kassiopeia und Kepheus, ist auf dem Atlas Farnese mit einem langen, mehrstufigen Kleid dargestellt. Der Saum über ihren Füßen wird durch schwache Sterne markiert, die andere Stufe bildet die Sternkette über beta Andromedae bis zu M31, der Andromeda-Galaxie – die übrigens, obwohl deutlich mit freiem Auge erkennbar, in antiken Sternkatalogen nicht vorkommt.
Aratos beschreibt die Dame als leidend, angekettet, aber im Bild ist davon nichts erkennbar:

Andromeda nach Atlas Farnese, SMH 2017.

Ihr Kopfstern überlappt antik übrigens konsequent, d.h. in allen erhaltenen Beschreibungen, mit dem Nabel des Pferdes. Der Stern hat folglich zwei antike Namen und daher auch zwei arabische Namen. Heute ist er eindeutig “alpha Andromedae”, also nicht im Sternbild Pegasus. Darum ist es – streng genommen – falsch von einem Pegasus-Viereck zu sprechen, sondern besser sagt man hier Herbstviereck.

Das Pferd – heute Pegasus

Pegasus ist übrigens auch ein moderner Name. Planetariumsmoderatoren amüsieren sich oft darüber, dass man das Ross nur mit viel Phantasie, aber sicher keine Flügel daran erkennen kann. Tja – das liegt daran, dass es antik auch keine Flügel hatte, sondern diese erst modern angedichtet bekam, als man es in Pegasos umtaufte. Dass es sich bei dem Rosse um das geflügelte Pferd handeln könne, schreibt auch Eratosthenes bereits auf – nur sagt er eben, dass das nicht sein könne, weil das halbe Ross keine Flügel hat. Die Astronomen der Neuzeit wussten es offenbar besser… 🙂

Das Pferd, wie es auf griechisch einfach hieß, ist halb von der Andromeda verdeckt, also nur bis zum Nabel am Himmel abgebildet. Auf dem Atlas Farnese haben wir in dieser Region zahlreiche Kuriositäten; insbesondere finden wir es auch begleitet von den zwei Fischen des Sternbildes Fische.

Das Sternbild des Pferdes auf dem Atlas Farnese hat Flügel – aber das ist eine sehr ungewöhnliche Darstellung, denn nach offiziellem Namen sollte es sich nicht um Pegasus handeln.

Babylon

Das Herbstviereck, das an unserem Himmel die beiden Sternbilder Andromeda und Pegasus (wie es laut IAU-Nomenklatur nun heißt) verbindet, ist übrigens babylonisch das Sternbild “Feld”. Ein “Feld” ist ein Flächenmaß, also als würden wir eines unserer Sternbild ein “Hektar” oder “Quadratmeter” nennen. Warum diese mathematische Einheit an den Himmel versetzt wurde, erschließt sich uns nicht, aber vermutlich hat es juristische Bedeutung.

Daneben, da, wo später die Prinzessin Andromeda angesiedelt wird, ist (allerdings um 90° gedreht gegenüber Andromeda) auch eine weibliche Figur: Die Göttin Anunitu, ein anderer Name für die Göttin der Liebe und des Krieges, Ischtar.

Die Babylonier hatten also schon recht gut verstanden: “Love is a battlefield”. 😉 Nein, Spaß beiseite: Sie hatten eine Göttin für die sexuelle Liebe, nicht aber für die romantische Liebe – Ischtar war daher auch eine Kriegsgöttin, wird mitunter auch mit Waffen dargestellt und nicht wie Aphrodite als naktes leichtes Mädchen.

Babylonische Göttin Ischtar, zu ihren Füßen (abgeschnitten) ein Löwe als ihr Attributtier.

China

Die Gruppe der babylonischen Göttin Anunitu ist chinesisch das Sternbild “Beine”. Man weiß nicht genau, von wem, aber das spielt wohl keine Rolle. Pegasus zerfällt in die Sternbilder “Wand” und “Feldlager” (Zelt).

 

“Beine” markiert, links daneben “Wand” und “Feldlager”.
Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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