Tempi of Time

Eine der interessantesten Lehren der Astronomie ist die Winzigkeit unserer menschlichen Existenz(en) – nicht nur des Individuums, sondern auch der Menschheit als Ganzes. Letztes Jahr fand in der Nähe von Neapel die vermutlich letzte Konferenz in der Serie „Zeitkonzepte“ einer – nun emeritierten – Professorin der Universität Wien statt. Die Themen der Konferenzen waren immer „Zeit & …“, diesmal „Zeit und Geschwindigkeit“. Ich nahm dies zum Anlass für ein paar Reflexionen über Zeit, die ich während des vergangenen Vierteljahrhunderts ganz gern mal in Planetarien präsentierte. Kürzlich erschien die Veröffentlichung „Tempi of Time“ in den Codices Manuscriptii et Impressi. Man kann dies als Meditation über unsere raumzeitlich verschwindend kleinen Dimension lesen, die dazu führt, sich selbst weniger wichtig zu nehmen oder als Lehrstück darüber, wie schnell die Zeit vergeht… chaqun à sa façon.

Ziel des Planetariumsvortrags ist es, die historischen Zeitskalen der Entwicklung der Menschheit (und dem verschwindend geringen Anteil davon, den wir „historisch“ nennen, also durch Schriftzeugnisse dokumentiert) in Relation zu den Zeitskalen der Erdentwicklung und den Zeitskalen der Astronomie zu setzen. Wenn man allerdings über diese großen Skalen nachdenkt – sei es in der Zeit oder im Raum – lädt dies stets zu Kontemplation ein. 

Menschheitsgeschichte am Himmel kartiert

Das astronomische Hilfsmittel hierfür ist die Präzession, die den Himmelsnordpol von unserem Polarstern zu sternlosen Himmelsgegenden und anderen Sternen führt, wobei die Erdachse an der scheinbaren Himmelskugel näherungsweise einen Kreis auf der Sternkarte beschreibt. Er wird mitunter „Großes Jahr“ (oder „Platonisches Jahr“, Weltzyklus) genannt und dauert fast 26.000 (Erdumdrehungen)Jahre. 

In der Sternkarte (Stellarium!) sehen Sie, dass der Präzessionskreis seinen Mittelpunkt im Sternbild Drache hat. Anders gesagt: der Drachenkopf und -hals winden sich um den Mittelpunkt des Kreises = den Ekliptikpol = den Punkt, um den sich der Rotationspol (der heute gerade zufällig durch einen Polarstern markiert ist) wandert. 

Dieser „Drache“ im Sternbild Draco ist eigentlich eine Schlange, Python, die Apollo-Schlange von Delphi.

Delphi, Draco etc.

Dort ist der Nabel der Welt und nicht im Ego irgendeines Homunculus (Menschleins):

Der „Nabel der Welt“ (grch.: Omphalos) im Apollo-Heiligtum in Delphi, Griechenland. Im Altertum sah man diesen Ort als politisches und religiöses Zentrum: Orakel, die die Politik lenkten und Geschichte schrieben. 

Das Analogon am Himmel ist der Pol der Ekliptik, um den sich der nächtliche Rotationspol (Durchstoßpunkt der Erdachse) in einem Großen Jahr dreht. Da der „Nabel der Welt“ das Grab der Riesenschlange Python markiert, die von Apollo getötet wurde und seither der delphischen Priesterin Pythia die Orakelsprüche „eingibt“, muss auch der Himmelspol durch eine Riesenschlange markiert werden: das Sternbild, das heute Draco heißt und im Altertum „Schlange“. 

Neapel, Pompeii etc.

Im Artikel „Tempi of Time“ geht es, wie gesagt, um die Entwicklung der Menschheit: da die Konferenz bei Neapel (Universität Salerno) stattfand, bot der Vesuv-Ausbruch von 79 CE natürlich als Beispiel an – ich nutzte dieses Beispiel aber auch bereits vorher in Planetarien, weil es aus dem Geschichtsunterricht der Schule allen bekannt ist. 

Große Vulkanausbrüche wie der des Vesuvs, der das römische Pompeii verschüttete (und in der Hauptstadt Rom kaum bemerkt wurde) oder der letzte Ausbruch der Vulkan-Eifel in Deutschland passen ganz wunderbar in ein Großes Jahr, während es noch etwa zwei Große Jahre dauern wird, bis die Niagara-Fälle den Felsen weggewaschen haben, über den sie derzeit fallen (also die Grenze zwischen den USA und Kanada dem Erdboden gleichgemacht wird – das können Sie politisch interpretieren oder nicht: je nach Wahlverhalten) oder sogar noch etwa drei bis vier Große Jahre bis der Schulterstern des Orion, Beteigeuze, als Supernova explodieren wird.

Die Flegreischen Felder nebenan (also ebenfalls in Neapel) sind Europas größter Supervulkan und ihr letzter Ausbruch fällt etwa mit dem Verschwinden der Neanderthaler zusammen. 

Die klimatischen Folgen von der Drehung der Erdachse (dass die Sahara einmal pro Großem Jahr für einige Millennia grün wird) und von Vulkanausbrüchen sind zwar landläufig bekannt, aber dürften die Entwicklung der Menschheit mehr beeinflusst haben als die wechselnden Polarsterne. Allerdings liefern letztere eine anschauliche Karte von den Geschehnissen. 

Markt von Pompeii und Vesuv

ein erhaltenes Fresco in Pompeii zeigt die Muse der Sternkunde, Urania.

Ein Vortrag von mir zum Thema ist während des Lockdowns vom Haus der Astronomie (HdA) in Heidelberg aufgezeichnet worden. Als Inspiration für Planetarier mag aber das achtseitige Paper ein einfacherer Zugang sein als das einstündige Video:

Reisen bildet – Die Sterne laden ein zum Reisen in Raum und Zeit

Lasst uns die Segel der Argo (oben) setzen und mit Jason (links) auf die Reise gehen: Wir suchen das Goldene Vlies – das Fell des Widders, den wir im Sternbild Aries sehen – und kehren damit nach Hause zurück.

Kontemplation unter Sternen

Wie der gestirnte Himmel über uns, das moralische Gesetz in uns [Kant Zitat] und die Bildung im Allgemeinen, kann auch die Kontemplation in der Natur und das Nachdenken über sie, eine gewisse seelische Ruhe verschaffen. Reisen bildet und vor allem hilft es, ein wenig Abstand vom Alltag zu gewinnen, sich selbst und das Marktgeschrei der Politik weniger wichtig zu nehmen.

Wenn man die Werbeplakate der Parteien anschaut, versprechen sie alles, was sich alle Menschen wünschen („keine schlechten Nachrichten mehr“: was ist denn das für ein Wahlprogramm?). Wie viel sie davon halten können, steht nicht in den Sternen: hab gestern erst wieder nachgeguckt! Als Historikerin weiß ich: Die menschliche Entwicklung geht wie ein Pendel stetig zwischen Extremen hin und her. In den 1960ern war eine Liberalisierung nötig und ein starker Ausschlag nach links führte zu teilweise etwas übertriebenen Capriolen (von Latein „caprae“ = Ziege, verrückte Sprünge junger Ziegen). Dann bewegte sich das Pendel wieder gen Mitte und jetzt halt stark nach rechts. In gewisser Weise ist das normal und nicht überraschend – man muss nur bei allen Extremen aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Die Physik des Fadenpendels lehrt, dass man nämlich an den Extrempunkten kaum vorankommt: in der Mitte geht’s schneller. 

klassische Mechanik zeigt, wie die Welt funktioniert: die Extrema haben Potential und geben den Anstoß (Verbieten ist keine Lösung), aber Impuls und Bewegung gibt’s nur in der Mitte 

von Károly Simonyi (1986). A Cultural History of Physics (dt. 1995)

Tatsächlich zeigt das Diagramm links, dass sich die Geschmacksrichtungen von Kultur (Kunst und Wissenschaft) stets ähnlich entwickeln: Literatur & Kunst (nach links am Zeitstrahl) und Naturwissenschaft (nach rechts am Zeitstrahl – heute unüblich geht dieser nach unten). Wenn das eine floriert, dann auch das andere – mitunter etwas zeitversetzt, weil sie sich gegenseitig inspirieren und antriggern.

Simonyi: Kulturgeschichte der Physik zielt bereits darauf ab, die scheinbare Verschiedenheit von Natur- und Geisteswissenschaft (nach C. P. Snow „Two Cultures“) zu überwinden.

Nicht alle Parteien, die das Himmelblaue versprechen, bieten auch wirklich eine Alternative … zumindest vllt nicht die, die wir brauchen (und dass wir eine solche brauchen, dürfte allen klar sein – aber bitte einmal hinter die Worte schauen; denn „man sieht nur mit dem Herzen gut“ Saint-Exupéry). 

Venus in der Abenddämmerung über Delphi

Vielleicht sollten wir bisweilen einfach mal kurz meditieren, über das Leben als Ganzes kontemplieren – wofür sich ein klarer Sternhimmel sehr gut eignet. 

klein in der Weite des Weltraums
kleine Menschen unterm großen Sternenzelt

Carl Zeiss

winzig auch auf den Zeitskalen der Sterne

Bruno Bürgel 

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Veröffentlicht von

Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

11 Kommentare

  1. Die Wissenschaft/Philosophie hat bisher noch keine Definition für ´Zeit´ vorgestellt. D.h. Aussagen darüber sind von mangelnder Qualität – solange diese Lücke nicht geschlossen wird.

    In meinem Buch – Kinseher Richard „Auflösung großer Fragen: Was ist Bewusstsein? Was ist Zeit?“ – stelle ich eine konkrete Erklärung/Definition für ´Zeit´ vor:

    Dazu muss man sich nur mit Zweck und Arbeitsweise von Uhren beschäftigen:

    Unsere Vorfahren haben bemerkt, dass sich bestimmte Ereignisse immer wieder wiederholen und ein System entwickelt, um diese Ereignisse einzuordnen: den Kalender – mit der Festlegung, was ein Jahr, ein Tag, eine Stunde, eine Minute, eine Sekunde ist.
    Man hat die Kalender immer weiter entwickelt und heute kann man kleine Versionen in Form von Armbanduhren tragen.
    Von Uhren kann man deshalb nur KALENDERDATEN in Form von UHRZEIT ablesen.

    ´Zeit´ kann man mit Uhren nicht messen und auch nicht davon ablesen – da die Wissenschaft bisher keine Definition dafür vorgestellt hat: Man kann nichts messen bzw. ablesen – von dem man doch noch gar nicht weiß, was es ist.

    Um zu verstehen, was ´Zeit´ ist, muss man zuerst erklären was ´vergeht´ ,wenn eine Sekunde ´vergeht´.
    Uhrwerke sind Maschinen, die nach den Gesetzen der Thermodynamik funktionieren: Wenn man eine Batterie einlegt oder eine Feder aufzieht, dann fügt man potentielle Energie zu. Diese wird in kinetische Energie umgewandelt und treibt dabei das Uhrwerk mit der angefügten Uhrzeit-Anzeige an.
    Der Energiefluss in dem Uhrwerk ist einseitig gerichtet.

    Damit eine Sekunde vergehen kann, ist immer ein einseitig gerichteter Fluss von Energie im Uhrwerk notwendig. Wenn man das Vergehen von Sekunden bzw. den dafür notwendige Fluss von Energie als das Vergehen von ´Zeit´ betrachtet kann man daher sagen bzw. definieren: ZEIT IST ENERGIE.
    Denn ´Zeit´ vergeht nur dann, wenn es einen einseitig gerichteten Fluss von Energie gibt.
    Daher meine Definition für ´Zeit´: ZEIT IST ENERGIE

    (Anmerkung: Diese Definition habe ich seit 2009 veröffentlicht.)

  2. Bischof Augustinus hat schon vor 1600 Jahren (In ´Bekenntnisse´, Buch 11, Kap. 13-29) drei Typen unterschieden:
    die a) göttliche, b) physikalische, c) menschliche Zeit bzw. Zeitwahrnehmung.

    Wer verstehen will, was ´Zeit´ ist, sollte diese Unterschiede in den Überlegungen beachten:
    a) Gott ist zeitlos: Dies bedeutet, dass für Gott unsere physikalischen Gesetze und menschlichen Vorstellungen nicht gelten

    b) ´Zukunft´ und ´Vergangenheit´ kann es nicht real geben – denn wenn es sie gäbe, wären sie der ´Gegenwart´ zuzuordnen. D.h. es gibt physikalisch nur die ´Gegenwart´- welche wiederum keine Dauer/Ausdehnung haben kann. D.h. ´Gegenwart´ ist nur eine imaginäre Grenze des Übergangs, an der alle Veränderungen sich ereignen. (Diese Idee ist auch aus der buddhistischen Philosophie bekannt.)

    c) Wir Menschen können Zeiträume empfinden bzw. uns vorstellen – weil wir ein Gedächtnis haben: mit dem wir uns die Zukunft, Gegenwart bzw. Vergangenheit vorstellen können.

  3. It’s just the West, going down in a blaze of cringe…

    Etablierte und Populisten wirken wie Raider und Twix – beide haben mit den üblichen Folgen einer Rockstar-Wirtschaft zu tun, die erst durch harte Arbeit viel verdient, dann größenwahnsinnig wird, alles verprasst und schließlich in der Gosse landet.

    Beide sind das gleiche pöbelnde, winselnde Wrack, das wir als Abgehalfterte-Primadonna-Klischee kennen, und beide verjagen in Massen das Publikum aus dem Konzerstaal. Beide leben vom gleichen Gewinnsel: Der Superstar hat’s vermasselt, das Publikum ist schuld, das Publikum ist doof, das Publikum muss mit der Peitsche im Konzertsaal gehalten werden, es muss gezwungen werden, weiterhin Tickets und Merchandise zu kaufen und sich das Gejaule von der Bühne weiter anzuhören.

    (Genauer – die Bosse haben’s versaut, weil sie nix von Wirtschaft verstehen und den Hals nicht voll kriegen, die Gewerkschaft ist schuld, weil sie einen Teil der Gewinne an die Arbeiterschaft verteilt, und die Bosse brauchen die Kohle, um sich noch radikaler, brutaler, skrupelloser um die Kohle zu raufen, die sie noch nicht versoffen und verkokst haben).

    Beide setzen auf Sündenböcke, Fan-Treue, gemeinsame Vergangenheit, wie ein Ehemann, der von seiner Frau rausgeworfen wird. Beide versuchen, das Volk, die Ehefrau, mit Gewalt zu halten, mit Gehirnwäsche, das übliche Ehe-Drama, und führen sich auf wie Zuhälter. Im Moment bekommen wir den Ausraster, Amerika verprügelt uns und gibt uns das übliche „Bitch, where’s my money!“ Dann wird es sagen, dass es uns verzeiht und uns einen Lutscher kaufen, was wir irgendwie als Entschuldigung verstehen werden, es wird in Selbstmitleid zerfließen und getröstet werden wollen, wir werden uns schuldig fühlen und wieder auf den Strich gehen, weil es in Missbrauchsbeziehungen, ob Sekten, im Rotlicht-Milieu, in Staaten und Nationen, bei geprügelten Ehefrauen eben so läuft. Für Emanzipation reicht es nicht, die Menschen aufzuklären, es reicht ja auch nicht, der einzelnen Frau zu sagen, dass sie nicht immer auf die gleichen Bad Boys hereinfallen soll, oder dass sie jederzeit ihr Stockholm-Syndrom überwinden und ihren Pöbel-Prinzen zum Teufel schicken kann.

    Sie betteln um Geld, Werbeanzeigen zeigen Ihnen überall, dass die Zocker die Glückssträhne am Pokertisch schon riechen können, sie brauchen nur noch Ihr letztes Erspartes für den Einsatz. Wenn Sie einen Säufer, Zocker, Junkie in der Familie haben, kennen Sie das, wenn Sie einen Fernseher haben, haben Sie das Klischee schon eine Million mal gesehen.

    Was hat das mit Zeit zu tun? Dass wir hier viele Uhren mit unterschiedlicher Frequenz ticken hören. Der Rockstar-Zyklus ist überall, im Herzschlag, im Leben eines jeden Lebewesens, in den Karrieren von Menschen, von Staaten, von Lebewesen, von Sternen. Diese Lebensuhr tickt extrem schnell bei sehr kleinen Dingen, wie Lichtstrahlen, und sehr, sehr langsam bei ganzen Universen.

    Langsamer Spannungsaufbau, schnelle Entladung. Das Universum ist ein Computer, der mit Wellen rechnet, er ist fraktal aufgebaut. Alles spiegelt sich in allem. Und die Rhythmen der ganz großen Dinge bestimmen den Rhythmus der ganz kleinen Dinge mit.

    Ein Beispiel ist Gravitation – wenn ich mir das Universum als Welle vorstelle, die explodiert und implodiert, dann sind dichtere Massen schwerer zusammenzudrücken, wenn es als Ganzes zusammengedrückt wird, und dehnen sich schneller aus, wenn es sich als Ganzes ausdehnt. Stellen sie es sich als Scheibe vor, die mit der breiten Fläche vorwärts fliegt, als würden Sie einen Clown eine Torte ins Gesicht klatschen wollen: Weil sie immer als Ganzes von der „Schallmauer“ aufprallt, die sie sich immer wieder aufbaut, wirkt auch der Druck auf alle Punkte exakt gleich, die Proportionen bleiben erhalten, und wir merken herzlich wenig von dem ganzen Vorgang – bis auf das Bisschen Gravitation eben.

    Raum und Zeit müssen sich gleichmäßig dehnen, damit uns das Ganze als Konstante erscheint. Und – es erklärt mir alle Zeit und Bewegung des Universums – als die Veränderungen, die Kopierfehler, die auftreten, wenn alle Netzwerke ihre Schaltkreise abwechselnd trennen und schließen.

    Das ist wichtig – das Leben als Stop-Motion-Film. Das Meiste darin passiert zwischen den Schnappschüssen unseres Bewusstseins, zwischen den Momentaufnahmen, den Punkten, die für uns eine ununterbrochene Zeitlinie formen. In der Zeit, in der wir bloß zusammenhanglose, bewusstlose Wolken von Staub sind, die sich entweder gerade auflösen, oder wieder ungefähr in ihre alte Form gepresst werden, weil ihnen durch den enormen Druck um sie herum der Platz fehlte, um wirklich zu explodieren.

    Und ich finde es interessant, dass bei einer Fraktalstruktur Menschen aller Zeiten das Universum hätten verstehen können – einfach indem sie aus dem, was sie im Alltag sehen, extrapolieren. Menschen hatten schon immer Augen im Kopf. Sie meditierten, beobachteten das Universum in ihrem Schädel und kamen durch Erfahrung und Experimente an Daten, die die Quantenphysiker heute herausfinden, indem sie ebenfalls als Riesen sehr kleine Welten studieren.

    Der Jäger ist eine Leseratte, die ein Bilderbuch studiert, ein Kinobesucher, der in einem Netflix lebt, das ihm unendlich viele neue Geschichten erzählt, er hockt den ganzen Tag in der Bibliothek und liest Spuren in Wolken, Gerüchen, Vogelflug. Das Gehirn ist als Einheit geschaffen worden, das rationale Raubtier, das sich einer konkreten Beute widmet, und der Künstler, der große Datenmengen mit den Mitteln der statistischen Analyse und Wahrscheinlichkeitsrechnung verarbeitet. Kunst und Wissenschaft beflügeln sich, weil die Evolution ein paar Probleme bei der Funktionsweise von neuralen Netzwerken bereits gelöst hat, auf die die KI-Entwickler noch kommen müssen.

    Die Kunst ist ein Traum, der rationale Verstand ist Sigmund Freud. Der Patient muss viele Geschichten erzählen, damit der Analytiker die gemeinsamen Nenner herausfinden kann. Ich selbst bin nicht gut im Denken. Ich sehe, ich höre, dann sagen mir Menschen und Dinge schon selbst alles, was sie zu sagen haben. Solange mein eigener Verstand nicht dazwischen quatscht.

    Irgendwann fingen wir an, die Geschichten und Symbole der Natur um eigene Zeichen zu ergänzen. Irgendwann reichten Sterne und Tierspuren nicht mehr, um uns zu leiten. Wir markierten zum Beispiel die Wege zur Wasserstelle mit einer Wellenlinie – und irgendwann machte die Fantasie daraus die Schlangengöttin der alten Europäer.

    Wie war es wohl für all die vielen Migrationswellen, die immer wieder nach Europa kamen, und Zeichen und Bauten vorfanden, die damals schon älter waren, als für uns die Pyramiden? Auf der ganzen Welt wurden Menschen in Welten hineingeboren, in denen unzählige Welten Spuren hinterlassen hatten, die entstanden und vergangen waren, und nichts hinterlassen hatten als Ruinen und Märchen und ein Wissen, das stets wuchs, doch manchmal unterging und wiederentdeckt werden musste – indem man die gleichen Erkenntnisse noch mal gewann, oder indem man die Orte fand, wo es überlebt hatte.

    Auch das ist Zeit – im Großen und Ganzen folgt die menschliche Evolution dem gleichen Muster, das wir auch bei der Bildung von Planeten sehen, Masse zieht Masse immer schneller an, sodass es wirkt, als wäre da in der Zukunft ein Attraktor, eine Schwerkraftquelle, auf die die Weltgeschichte zurast, das Zentrum und der Höhepunkt aller Dinge.

    Doch im Kleinen gibt es eben Fortschritt und Rückschritt. Wenn die Klümpchen der Zeit zusammengedrückt werden, kann es sein, dass Ihr Dienstag schon fertig ist, während ich noch im Montag lebe. Und so wirkt es manchmal so, als könnten wir in die Zukunft sehen, weil die Brocken zeitgleich existieren, und schon interagieren können, bevor sie in der richtigen Reihenfolge montiert werden.

    Nehme ich zumindest an. Läuft so auf vielen Baustellen und in vielen Fabriken, und wenn es sich automatisch aus der Natur der Dinge ergibt, dann ergibt es sich für alle Dinge. Wir verbringen nicht umsonst den Großteil unseres Lebens mit Warten oder Hetzen. Und, wie ein Berg, auf den wir mit dem Auto zurasen, muss das Große und Langsame unserer Zukunft in vielen Teilen bereits fertig sein. Das folgt aus dem Fraktalmuster, das allem zugrunde liegt.

    Heute geht alles sehr schnell. Einige Menschen, die Napoleon kannten, erlebten noch die Weimarer Republik. Einige Menschen, die im Wilden Westen geboren wurden und im Sezessionskrieg gekämpft haben, erlebten noch die Mondlandung. Wir leben zu lange für die Zeit, in der wir leben. Wenn jede Generation nur für eine Welt erschaffen wurde, muss sie mehr als ihr halbes Leben als Gespenst im Jenseits verbringen, in der Welt, die darauf folgt, und dann noch in der übernächsten.

    Der ganze Text wirkt auf mich wie zusammengewürfelte Bruchstücke eines Puzzles – Sorry, bin nicht so richtig bei der Sache. Und dennoch passen sie zusammen und ergänzen sich.

  4. Als ich ca. 20 Jahre alt war, habe ich auch nach einer Definition von Zeit gesucht. Ich verfolge dieses Ziel nicht mehr. Physik und Geschichtsforschung nutzen sie einfach als „Wäscheleine“ (Zeitstrahl/ Koordinatensystem-Achse), an der wir unsere Daten aufhängen. Ich brauche nicht die Wäscheleine bis ins i-Tüpfelchen zu verstehen, um sie zu benutzen.

    „Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt, denn er wird niemals alt, die Hölle wird nicht kalt,“ sang ein Schlager vor langer Zeit.

    „Drama“ (@Paul S.) ist eine Stadt in Griechenland, gleich neben Kavala (Kabale) und an beidem habe ich kein Interesse. Und wenn Sie Ratten haben (Leseratten oder andere) wäre meine Empfehlung ein Kammerjäger. Nochmal: Was soll dieses „freie Assoziieren“ hier?

  5. Versucht hier jemand eine Diskussion über die Zeit anzuzetteln. Woher kommt sie? Wohin geht sie? Wird sie ewig dauern?
    Ich beteilige mich nicht an solchen Diskussionen, da sie von einigen sehr schnell ins Absurde gezogen wird.

    • Fluffy schrieb (12.09.2026, 11:32 Uhr):
      > Versucht hier jemand eine Diskussion über die Zeit anzuzetteln. Woher kommt sie? Wohin geht sie? Wird sie ewig dauern? Ich beteilige mich nicht an solchen Diskussionen, […]

      Für die aufmerksame Leserschaft des obigen SciLogs dürfte sich die darin angezettelte Diskussion über die Zeit mit der Fragestellung verbinden:
      „Wie schnell vergeht bzw. verfließt sie ?“.
      Ich beteilige mich an der Diskussion dieser Fragestellung vor allem mit dem Absicht, sie (Vorzugs-weise schnell) in die Fragen

      – „Wie sind Verhältnisse von Dauern zu messen ?“,

      und

      – „Wie sind Gangraten von Uhren miteinander zu vergleichen ?“

      aufzulösen.

      p.s. — (Simulations-)Vorschau auf einen in Aussicht stehenden Anlass („ACES Desynchronization“) diese Diskussion zu führen.

      • @Wappler
        Wenn man Uhren als Messgeräte benutzen will, dann muss man zuerst genau definieren, was man messen will, ob dies überhaupt möglich ist und welche Fehlerquellen es bei den Messungen geben kann

        Hier hat man bei Uhren gleich zwei Probleme:
        A) bisher ist noch nicht definiert, was ´Zeit´ ist – man kann nichts messen, von dem man gar nicht weiß, was es ist.
        B) Wenn man eine Uhr kalibriert/eicht – dann sind die Messwerte nur für diesen Mess-Ort gültig. Wenn man eine Uhr an einen anderen Ort bringt – dann muss man prüfen, ob man dort dieses Messgerät korrekt anwenden kann oder ob dort die Messung falsch ist
        Wenn festgestellt wird, dass Uhren an anderen Orten langsamer/schneller gehen als am Eich-Ort, dann darf man daher nicht sagen ´Zeit ist relativ´ – sondern muss feststellen: diese Messung ist falsch.

        • KinseherRichard schrieb (15.09.2026, 08:56 Uhr):
          > […] zuerst genau definieren, was man messen will, ob dies überhaupt möglich ist und welche Fehlerquellen es bei den Messungen geben kann

          Ohne diese löbliche Absicht völlig negieren zu wollen —
          es ist jedenfalls auch denkbar (und womöglich praktisch), jeweils zuerst zu definieren und festzusetzen, wie (also durch Anwendung welcher festhaltbaren, nachvollziehbaren Auswertungs-Operationen) aus gegebenen Beobachtungsdaten ggf. bestimmte Messwerte ermittelt werden sollen, und welche (Art(en) von) Beobachtungsdaten deshalb/dafür zur Kenntnis genommen und zur Weiterverarbeitung aufgezeichnet werden sollen.
          (Und Zweifel-los auch zu bedenken, in wie fern dieses „Sollen“ bzw. dieses löbliche „entsprechend Festsetzungs-Deklaration Wollen“ daneben gehen könnte.)

          Aber irgendein geeignet-unverbrauchter Name für die betreffende Methodik und für somit noch zu ermittelten Werte würde den Ausführenden doch bestimmt einfallen, um schließlich auch das „Was (ist denn der Tauf-Name dieser neugeborenen Mess-Größe)?“ zu bedienen.

          > A) […] man kann nichts messen, von dem man gar nicht weiß, was es ist.

          Im oben beschriebenen Sinne doch:
          Man muss „nur“ festsetzen (und mitteilen), wie jeder vorgehen, beobachten, auswerten soll. (Und möglichst so, dass „so gut wie jeder“ auch entsprechend kann, „wenn er will“.)

          > B) Wenn man eine Uhr kalibriert/eicht

          … sich die betreffende Uhr „beim Eichen“ also insbesondere mit einem „Normal“ trifft bzw. getroffen hat (und dabei denke ich sowieso eher an „Marzke-Wheeler“ als an „unperturbed Cs/Sr/Yb“) …

          > dann […]
          > Wenn festgestellt wird, dass Uhren an anderen Orten

          … bei anderen Versuchen, anderen Treffen …

          > langsamer/schneller gehen als am Eich-Ort

          … Ich behaupte (ebenfalls): Ja, das ist ggf. feststellbar. Schwierig, und (noch) unüblich; aber: machbar/messbar. …

          > dann darf man daher nicht sagen ´Zeit ist relativ´

          … (Würde ich mir nie einfallen lassen. &) …

          > sondern muss feststellen: diese Messung ist falsch.

          Genau welche Messung denn ? —
          Die Messung des „Geeicht-Seins“ beim Eichen ?,
          Die Messung der veränderten Gangrate in einem anderen Versuch ? …

  6. Susanne M. Hoffmann (11. Sep. 2026):
    > […] die vermutlich letzte Konferenz in der Serie „Zeitkonzepte“ einer – nun emeritierten – Professorin der Universität Wien statt. Die Themen der Konferenzen waren immer „Zeit & …“ […]

    Wie bedauerlich und leider typisch, dass die beharrlich an dieser Thematik interssierte SciLogs-Leserschaft erst durch diese Bemerkung davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass es die genannten Anlässe und Gelegenheiten gab, die Diskussion mit anderen Interessenten zu suchen.
    Ich (als Physiker) denke dabei vor allem an die (Möglichkeit der) Definition der Messgröße „Dauer“ (als Maß zeitlicher Ausdehnung) auf Grundlage von „Koinzidenz“-Bestimmungen (und Bestimmungen von „Kausal-Beziehungen“ insgesamt).

    Obwohl: in den Programmen dieser vergangenen Konferenzen taucht ja überhaupt keiner dieser (jedenfalls für mich wichtigen) Schlüsselbegriffe auf! …

    Also, anscheinend — nix verpasst.

    • Die Konferenzserie wurde von einer apl Professorin für Wissenschaftsgeschichte organisiert. Es war auch immer mal ein Physiker dabei, aber nur österreicherische. Diesmal, in Salerno (Italien) waren es italienische Organisatoren und kein Physiker dabei.

      Die Organisation von Konferenzen inkl. der „Werbung“ dafür bzw. die Einladung/ Call for Papers … obliegt stets den Organisatoren. Solange ich nicht explizit gebeten werden, etwas im Blog zu schreiben, mache ich keine Vorabmeldungen.

      Das Blog mit dem Untertitel „Tagebücher der Wissenschaft“ hat verlagsseitig die Funktion, dass Forschende aus ihrem Leben erzählen. Das geht selbstredend immer nur, nachdem man etwas erlebt hat und nicht vorher. Manche Kollegen haben sogar „Angst“ davor: mein Doktorvater z.B. – vor langer Zeit – artikulierte diese Sorge expressis verbis „wenn ich etwas beim Mittagessen sage…“ (mit mir hat er nie Mittag gegessen) und wollte ein schriftliches unterschriebenes Statement, dass ich nichts öffentlich schreibe, was im Institut passiert. Da ich vor der Promotion versuchte, in nichtakademischen Jobs mein Geld zu verdienen und relativ spät promovierte, hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits fünfzehn Jahre Berufserfahrung (und ebenso lange Öffentlichkeitsarbeit), so dass dies für mich selbstverständlich war und ist: im Fall von mehreren Arbeitgebern habe ich nie beim einen über den anderen geredet – schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Vielleicht bin ich zu anständig, aber mir erschien dies damals absurd. Dennoch gab mir diese – aus meiner Sicht unbegründete – Angst meines Doktorvaters Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer Leute: er ist vllt nicht der einzige. Aus Rücksicht und weil ich auch künftig einen bezahlten Job haben möchte, schreibe ich normalerweise immer nur hinterher und stets aus astronomischer Perspektive (auch wenn es oft auch andere Aspekte gibt, für die ich mich nicht zuständig fühle).

  7. Zitat (sh. oben):
    Vielleicht sollten wir bisweilen einfach mal kurz meditieren, über das Leben als Ganzes kontemplieren – wofür sich ein klarer Sternhimmel sehr gut eignet.
    = = =
    Sehr empfehlenswert, nur wer findet heutzutage dazu noch Z e i t und Stille. Die KI übernimmt leider immer mehr das Denken für die Menchen, allerdings nicht unbedingt zum besten.
    Der folgende Artikel sollte aber doch zu eigenem Nachdenken (Meditieren) anregen:
    . . . . http://www.4-e-inigkeit.info/Raum-Zeit.htm
    Hier erfährt man einiges über den Begriff Zeit. Hat man bis zum Ende des Artikels gelesen, wird erkennbar, wer der Chef der Zeit ist.🙏

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