Startschuss: IYA 2009 in Berlin

Astronomie ist "everybody’s second darling" pflegt Astronaut Reinhold Ewald zu sagen, wenn er gefragt wird, was ihn zur Raumfahrt brachte. Klar: Derart abgestumpft kann wohl selbst der Kühlste nicht sein, dass er nicht von der Erhabenheit, Schönheit und Majestät des echten Sternhimmmels ergriffen wäre. 

Utilitaristisch gedacht: Was man mit dieser Leidenschaft anfangen kann, ist sehr
vielfältig. In Vertretung von Frau Schavan skizzierte ihr Staatssekretär Thomas Rachel in wenigen Minuten den gewaltigen Umfang unseres Fachgebietes von der Beobachtung mit großen Teleskopen, der Datenauswertung und der Philosophie zu ihrer Auswertung sowie der langen Geschichte und Tradition dieser alten und zugleich hochmodernen Wissenschaft. Faszinierend ist ja, dass irgendeine Form von Astronomie in allen Kulturen der Erde sehr zeitig entstanden ist – und dann unterschiedlich entwickelt wurde. Sie scheint also einer Art Urinstinkt zu folgen (?) und ist somit eine Triebfeder für viele Wissenschaften, Technologien und Künste: Materialwissenschaften (was wäre die Küchenindustrie ohne Zeranfelder, die für Teleskopspiegel entwickelt wurden?), Gedichte, Musik, Malerei… .

Sternenhimmel in der Nacht
hast mich um den Schlaf gebracht
hast mich behutsam fasziniert
und aufs Neue inspiriert.
 (Dalena)

Insofern leistet die Astronomie – mindestens über die Künste – auch stets einen erheblichen Beitrag für Erkenntnisse zum Selbstverständnis des Menschen!

Neben den Hobby- und Profiastronomen der drei lokalen Volksstern warten und den AstrophysikerInnen der großen Institute hier in Berlin und Potsdam kamen auch Gäste aus München, Stuttgart, Heidelberg… kurz: von überall her aus der deutschen Astronomieszene. Der Physiker und Kabarettist Vince Ebert (dessen kürzlich erschienenes Buch den Titel trägt "Denken Sie selbst, sonst tun es andere für Sie", 2008) moderierte das Abendprogramm als einer Komposition von Lyrik und Grußworten zahlreicher Institutsdirektoren, ESA-Astronauten, Kosmonauten und einer Live-Schaltung zur ESO – sowie einer Sonnensystemaufführung einer Kindergruppe des Exploratoriums Potsdam. Von Potsdam aus wurde übrigens auch diese Veranstaltung organisiert: Die Federführung oblag Gabi Schönherr vom Bereich Öffentlichkeitsarbeit des AIP – und das hat ihre Abteilung toll gemacht!

"Lohnt es sich denn, die Hintergrundstrahlung zu entdecken und ferne Sterne zu erforschen?" fragt Ebert die Astrophysiker provokativ und erhält als Antwort von Prof. Dr. Wörner (DLR) die Gegenfrage: "Hat es sich gelohnt, auf den Mt. Everest zu steigen und in die Tiefsee zu tauchen? Hat es sich gelohnt, Amerika zu entdecken?" Eine wahrlich gute Antwort: der menschliche Forschungsdrang ist unergründlich; er gehört zur menschlichen Natur wie die Gravitation zur Masse.

In diesem Fall besser nicht fragen, warum – sondern einfach machen: forschen! und zwar auf vollem Spektrum.

 


Bild ganz oben: Museum für Kommunikation blau angeleuchtet. 

Bild, Mitte: Prof. Dr. J.-D. Wörner (Vorstandsvorsitzender des DLR), Dr. R. Ewald (ESA-Astronaut), Prof. Dr. Th. Hennig (Direktor des MPIA) werden von Vince Ebert über den Nutzen der Astronomie befragt.

Bild unten: Kinder stellen die Abstände der Planeten unseres Sonnensystems dar; Vince Ebert spielt den Jupiter.   


 

Eine persönliche Bemerkung: Astro-Ballett

So lange ich mich mit Astronomie beschäftige, springe ich wegen der Hahnenkämpfe gewisser Leute zwischen zahlreichen Welten: Da mault Potsdam (Brandenburg) über Berlin und Berlin über Potsdam, da mault ehemals-Ost gegen ehemals-West und West gegen Ost (20 Jahre nach der Wiedervereinigung!), da feinden die Profi-Forscher die Profi-Lehrer und beide die Amateure an und die Amateure die Profis, dort hacken sich philosophische und naturwissenschaftliche Fakultäten gegenseitig die Augen aus…
Und dazwischen flitzt die "kleine Susanne M. Hoffmann" wie ein kleines Gluon zwischen den Häusern, Fakultäten und Menschen, versuchend, alles unter einen Hut zu kriegen – als wenn es nicht schon schwer genug wäre, studien- und forschungsorganisatorisch alle diese Wissenschaft(en) einzeln zu bewältigen, weil unter den friedliebenden scheuen Astronomen keiner mehr alles macht (ich versuch’s). 

An diesem einen Abend war es doch tatsächlich möglich, dass all diese Leute (viele meiner Professoren und Amateurfreunde, nur die Geisteswissenschaften fehlten leider fast gänzlich) unter einer großen Kuppel versammelt waren und vom Staatssekretär der Frau Schavan gemeinsam begrüßt wurden und alle zusammen u n s e r aller Jahr einläuteten!

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erleben darf – und dann auch noch "jetzt schon" und nicht erst zu meiner Berentung in einigen Jahrzehnten. 🙂 Ich war überglücklich – entschuldige mich aber bei allen, die ich evtl. nicht oder nur sehr kurz gesprochen habe. Jedenfalls gaben mir die Gespräch wieder Mut, dass wir es vielleicht doch hinkriegen mit dem Fach Astronomie in der Schule und Hochschule (Universität). Mit etwas Rücksicht von allen Seiten für die Bedürfnisse der anderen sollte das doch machbar sein.

Das breite Spektrum der Astronomie (die eben mehr ist als nur ein Teilgebiet der Physik) sieht man nirgends besser als an der Liste der fast 20 Fachgruppen der VdS – das sollte doch auch auf akademischer Ebene mal wieder machbar sein?

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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