Review: Ingenieur des Universums

Geburtstag von Caroline Herschel; trotzdem: “Albert Einstein, Ingenieur des Universums” unter diesem Titel ist vor zehn Jahren ein Buch (zur Ausstellung) erschienen, dessen Untertitel das Programm angibt: “hundert Autoren für Einstein” schrieben damals anlässlich hundert Jahren “anno mirabilis” unter der Herausgeberschaft von Jürgen Renn ein Buch über diesen Teil des Revolution der Physik im 20. Jahrhundert. Dieses Jahr feiern wir wiederum 100 Jahre, allerdings erst im November: 100 Jahre Allgemeine Relativitätstheorie. Bis November ist es freilich noch ein gutes halbes Jahr Zeit, daher möchte ich im Einstein-Monat März nochmal in das alte Buch schauen:

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ca. 500 Seiten von 100 Autoren über Albert Einstein und sein vielseitiges Programm

Meines Erachtens ist es noch immer eines der besten Bücher zum Thema – wenngleich sich in den vergangenen zehn Jahren nur wenig verändert hat. Die Gravitationswellen sind immer noch nicht direkt nachgewiesen und der Satz zu den Hoffnung über den Detektor des MPI-Direktors Schutz von damals “Mit etwas Glück haben wir 2005 oder 2006 ein Signal […] wenn wir Pech haben, erst in zehn Jahren” (S.370) ist immer noch genauso wahr wie vor zehn Jahren.

Das Buch von Renn [Hrsg.] ist ein sachliches Buch, das – ganz im Stile des MPIWG – vortrefflich historische Dokumente und moderne Physik in einer eindrucksvollen Zusammenschau darstellt. Ich habe es immer wieder meinen Lehramt-Studis empfohlen und auch selbst viel darin gelesen, als ich Didaktik der Relativitätstheorie lehrte und mit meinen Studierenden verschiedene Analogversuche fürs Schülerlabor aufbaute.

Leider ist das großformatige (fast A4), schwergewichtige Buch nicht gerade das Taschenbuch, das man gerne mit sich herumtragen und folglich in der U-Bahn lesen möchte – aber es ist ein erfrischendes Lesebuch, um in einer Uni-Bibliothek mal etwas die Hirnwindungen auszulüften. Sachlich und rein bild-und-textlich, d.h. ohne gewaltigen Formelapparat und mit zahlreichen Bildern erklärt es die Entwicklungen zu und von den Relativitätstheorien.

Zudem werden von manchen Historikern (m/w) Einsteins politische Einstellungen und soziale Kontakte zu anderen Forschern seiner Zeit dargestellt und im letzten Viertel, S. 364-458 werden moderne Entwicklungen bis zum Jahr 2005 dargestellt, an denen die moderne Physik arbeitet. Schon ein Blick ins 5seitige Inhaltsverzeichnis spricht Bände: Wir erfahren hier etwas über “Einstein und Maxwell”, Einstein und Mach, “Pauli und Einstein”, “Einstein und Archenhold”, Einstein und Leo Szillard, die hebräische Universität, Einsteins politische Akte, Einstein, von Weizsäcker und die Bombe, Einsteins Frauen, Einsteins Lehrer, Einstein-Mythen und das Einstein-Russell-Manifest … um nur eine Auswahl zu nennen und das gewaltige Programm dieses Menschen sowie auch des Buches zu skizzieren.

 Jürgen Renn [Hrsg.]: Albert Einstein – Ingenieur des Universums,
Der Essay-Band zur Ausstellung, Wiley-VCH, Berlin 2005

So wertvoll und aktuell dieses zehnjährige Buch auch heute noch ist, so sehr denke ich vorsichtig, ob es vielleicht lohnen würde, etwas ähnliches auch dieses Jahr zu probieren: Vielleicht nur 50 Autoren statt hundert, denn 60 Jahre nach Einsteins Tod ändert sich wohl nicht mehr so viel an seinen politischen Akten und kommen keine neuen Zitate mehr hinzu. Allerdings könnten doch 100 Jahre ART wohl auch ein Anlass sein, eine kleine Monographie zur Geschichte der Kosmologie zu schreiben.


GIMMICK

einsteinBuch_GG_826auch ganz nett: Hentschel, Graßhoff: Albert Einstein – “Jene glücklichen Berner Jahre”, Stämpfli Verlag, Bern 2005

Ein Büchlein über Einsteins Zeit in Bern. In diesem Buch eines (ehem.) Berner Autorenteams werden dezidiert Orte in der Hauptstadt der Schweiz beschrieben, an denen Einstein agierte. Das Buch ist ebenfalls schön lesbar, fokussiert stark auf den Lebensabschnitt in Bern und die Schwierigkeiten auf dem Umweg Einsteins übers Patentamt in die akademische Welt.

Es ist nun einmal oft so, dass die klügsten Köpfe zunächst missachtet, verkannt oder gar verleumdet werden, bevor die wissenschaftliche Gemeinde ihre Arbeit zu würdigen lernt. Auch hier wird der private und akademische Kontext der Zeit beleuchtet, z.B. Diskussionen an der Hochschule dargestellt, deren altbackene Häuptlinge zwar Einsteins Brillanz wohl erkannten, ihm aber dennoch nicht vor Abschluss der akademischen Qualifikationsarbeit eine gescheite Stelle zusprechen wollten: ganz nach dem Motto “das war schon immer so”, anstatt – was man zumindest in Personaler-Lehrgängen lernt – sich klug und geschickt die besten Köpfe so früh wie möglich zu verpflichten und ans eigene Haus zu binden.

Wir lernen: Manches hat sich seit den 1890er Jahren kaum geändert… arme Akademikerwelt!

 

POST SCRIPTUM

Heute ist der Geburtstag (1750) der großen Astronomin Caroline Herschel!
Herzlichen Glückwunsch!

Warum machen eigentlich viele so einen Hype um den Geburtstag Einsteins, aber fast niemand kümmert sich zwei Tage später um den Geburtstag Caroline Herschels?
Diese Frau ist übrigens in Hannover geboren, also nahe dort, wo heute (in Sarstedt) der GEO600-Detektor nach Einsteins Gravitationswellen sucht und sie seit zehn Jahren noch immer nicht gefunden hat: Frau Herschel hingegen hat (in ihrer Zeit in England) ca. acht Kometen und drei Nebel entdeckt, einen Sternkatalog publiziert, war an der Entdeckung des Uranus zusammen mit ihrem Bruder maßgeblich beteiligt und wurde zeitweise sogar vom König als Astronomin bezahlt – manches sagen, als erste Frau in der Geschichte der Astronomie. Ich bin immer vorsichtig mit solchen Superlativen, aber Fakt ist, dass auch diese Dame heute noch geehrte werden sollte, wenn man schon überhaupt Geburtstage feiert.

[Das mit den Geburtstagen ist eine römische Unsitte, die im Zuge des wachsenden Astrologie-Glaubens entstanden ist: Der Grund, weshalb man Geburtstage notierte war, weil man besser das Schicksal vorhersagen wollte. In manchen Kulturen, bspw. im Islam, war und ist es ganz unüblich, um Geburtstage so ein Brimborium zu veranstalten.]

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. Ingenieur des Universums scheint mir ein fürchterlich missratener Untertitel für ein Buch über Albert Einstein. Ein Ingenieur erschafft etwas, während Einstein etwas erkannt hat. Wenn Einstein der Ingenieur unseres Universums wäre dann wäre seine Allgemeine Relativitätstheorie ein Konstrukt und nicht die Wahrheit. Möglicherweise ist sie das bis zu einem gewissen Grade, da die ART wohl früher oder später durch einen Quantengravitationstheorie abgelöst wird. Aber sogar bei dieser Sicht ist der Titel “Ingenieur” für Einstein missglückt. Wenn schon könnte man Gott – von Einstein der Alte geannt – als Ingenieur des Universums bezeichnen.

  3. Mit dem Titel ist es ja wirklich komisch. Richtig schräg geht es aber erst im Vorwort:

    „Gegen Ende der Weimer Republik wurde ein dünnes, polemisches Bändchen mit dem Titel 100 Autoren gegen Einstein veröffentlicht. Es war gewissermaßen ein harmloser Vorbote all des Unheils, das von einem Deutschland ausgehen würde, das Einstein zur Emigration zwang, die Stimmen der Vernunft zum Erlöschen brachte und durch Krieg und Holocaust die Welt an den Abgrund führte. Als diese Schrift erschien…“ usw.

    Mal überlegen… was kann man den Einsteins Gegnern noch in die Schuhe schieben?

    • ‘Weimer Republik’ ?!
      Ansonsten ließe sich vielleicht ‘noch’ die Doitsche Physik ‘Einstein Gegnern in die Schuhe schieben’?

      • In der Tat geht das… Allerdings war der Herausgeber von „100 Autoren gegen Einstein“ ein gewisser Hans Israel (vom Namen kann man in diesem Fall die Nationalität ableiten). Und es ging eigentlich um andere Umstände, die auch heute durchaus aktuell sind:

        „Ein offener Brief von Prof. Kraus (Prag) an Einstein und Laue (1925), in dem mit zwingender Logik entscheidende Antwort auf entscheidende Fragen gefordert wird, wurde ungeachtet gelassen. Schon vorher hatte man Kraus und Gehrke verhindert, in der “Zeitschrift für Physik” und im “Logos” neue Bedenken zu äußern und Schwächen des Gegners aufzudecken. Der Naturforscherkongreß in Innsbruck wünschte keinen Vortrag gegen RTH, nachdem im Jahre vorher Schlick einen solchen für Einstein hatte halten dürfen.
        Gerade weil die RTH zu einer Angelegenheit nicht nur Wissenschaft, sondern der Allgemeinheit geworden ist oder gemacht wurde, gerade weil sie unser ganzes Weltbild umgestalten will oder soll, hätte ihre Verfechter die Verpflichtung, Rede zu stehen im Dienste der Wahrheit, um die allein es geht. Hätten Zeitschriften und Zeitungen die Pflicht, den Meinungsaustausch nicht zu sabotieren.“

        http://www.amazon.de/Hundert-Autoren-gegen-Einstein-Originalausgabe/dp/3226005375

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