Hypatia und griechische Astronomie

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

hypatiaTitelEs geht um eine Mathematikerin und Astronomin, die vielleicht klügste und weiseste Denkerin ihrer Zeit – von ihren Schülern verehrt, als schöne Frau von den Männern begehrt, doch lebenslang ledig und der Forschung gewidmet. Hypatia von Alexandria, in der spätantiken Politik und von den Weisen respektiert und darum vom aufstrebenden Christentum im Alter gepeinigt und zu Tode gefoltert. – Darum heute oft als Namensgeberin für feministische Propaganda (miss?)gebraucht.

Review: Agora – Die Säulen des Himmels

Der Film des spanischen Regisseurs Alejandro Amenábar skizziert eine sehr plausible Lebensgeschichte der Hypatia von Alexandria mit den korrekten politischen Umständen und der einzigen großen (offensichtlichen) Schwäche, dass Hypatia bei ihrem Tod im Film noch sehr jung erscheint. Historiker vermuten, dass sie schon 60+ war, als man sie tötete, denn in dem wenigen überlieferten Aussagen über sie, wird gesagt, dass sie eine “alte Frau” gewesen sei. Sehen wir mal von dieser Schwäche ab, liefert der Film aber ein recht überzeugendes Bild von den Zuständen der damaligen Zeit.

Der Film war im Astronomie-Jahr 2009 im Kino – aber damals hatte keinen Nerv für Kinobesuche. Darum jetzt ein Review, bevor ich vllt. demnächst Noah3D diskutiere (falls ich’s mal ins Kino schaffe). Hier der Trailer:

Der Film MUSS viel interpretieren

Die historischen Hintergründe sind gut skizziert: In Alexandria tobte damals ein Kampf der Religionen. Es gab noch immer Anhänger des griechisch-römischen Polytheismus (so die meisten Gelehrten am Museon), natürlich auch Juden, aber auch die aus den Juden hervorgegangenen neuen Monotheisten, die Christen, die sich anschickten, in großen Missionar-Wellen von ihrer Lehre zu überzeugen und die politische Macht an sich zu bringen. Im äg. Alexandria – fern ab von der römischen Hauptstadt – hielt sich dieses Multi-Kulti und der alte Polytheismus recht lange. Es ist nicht überliefert, dass Hypathia für oder gegen eine Religion Partei ergriffen hat – aber da sie sich in Philosophenkreisen bewegte, erscheint es sehr wahrscheinlich, dass sie dem alten Glauben angehörte – sicher ist das nicht und der Film skizziert ihren Charakter sogar mit einer Abkehr von jeglichem Gottesglaube. Das erscheint allerdings im Altertum eher fraglich – vielleicht war damals das Weltbild noch nicht “naturwissenschaftlich” genug und die Aufklärung noch nicht hinreichend bereitet, das diese rigorose Abkehr von jeglicher Religion sie so weit gebracht hätte, wie sie in der Tat kam.

“Über den Mut einer Frau”

titelt der Trailer. Das mag uns heutigem Publikum oft so erscheinen, weil wir ein zu schlechtes Bild von der Antike haben. Auch heute noch gibt es viele Lebensgeschichten (nicht nur bei Wissenschaftlern), die die meisten Kino-Zuschauer erschüttern würden, weil sie es nicht vorstellen können, was manch anderer so erlebt oder früher ertragen musste. Eigentlich hat Hypathia nur “ein ganz normales Leben” als Philosophin geführt [d.h. wie das den Gepflogenheiten von Philosophen eben entspricht] und wahrscheinlich hat sie sich wenig Gedanken darüber gemacht, dass sie ein anderes Geschlecht hat als die meisten ihrer Kollegen. Das erscheint einfach “normal”, denn erstens würde man ja verrückt, wenn man neben der Astronomie auch noch über sowas dauernd nachdächte (das machen schon die Leute von den Gender-Studies genug) und käme nicht mehr zum Forschen und Lehren und zweitens gab es eine philosophische Strömung in ihrem Umfeld, die genau dieses Nichtnachdenken über den eigenen Körper eigentlich immer tut: die Kyniker.

Mit guten Gründen kann man ihr daher unterstellen, dass sie auch selbst Kynikerin gewesen sein mag – also eine recht unverklärte, nüchterne Weltanschauung gehabt haben mag. Die Kyniker konzentrieren sich auf das Mentale und billigen dem Körper nicht besonders große Aufmerksamkeit. Das stellt der Film recht gut dar, ohne es natürlich explizit auszusprechen, denn die Einteilung mag ohnehin anachronistisch sein.

Als gesichert erscheint angesichts der Quellenlage, dass sie sich auch in politischen Kreisen bewegte. Sie trug den Philosophenmantel, lehrte nicht nur am Museon für eine Elite, sondern auch in der Öffentlichkeit (WELCH EIN FAUX-PAS damals), beriet Politiker – von denen einige in der Tat zuvor ihre Schüler gewesen waren (das wird im Film anhand des Beispiels des Statthalters Orestes und des Bischoffs von Kyrene aufgezeigt) – und verkehrte in deren Kreisen ebenso wie in der Wissenschaft, unabhängig davon, ob sie dort die einzige Frau gewesen sein mag oder nicht. Diese “Öffentlichkeitsarbeit” entsprach beim besten Willen nicht den Gepflogenheiten von Philosophen damals und stellt sie mithin durchaus als etwas Besonderes dar … insbesondere in einer Zeit, die im Film als eher feindlich werdend gegenüber solche griechischem Brauchtum dargestellt wird.
[Ich bin kein Experte für Spätantike, d.h. ich weiß nicht, wie es da und dort gerade war: im alten Ägypten waren Frauen gleichgestellt, durften heiraten und sich scheiden lassen, im Laufe der Antike wechselte es – z.B. waren grch. und röm. Frauen durchaus oft mann-unabhängig, von Sokrates will die antike “YellowPress” sogar wissen, dass er quasi “regiert” wurde von seiner Ehefrau – ein nicht seltenes Phänomen in allen Kulturen und Zeiten – und Heiratszwänge kennt man eher nicht. Unter Augustus gab es Ehegesetze, die unverheiratete Menschen beiderlei Geschlechts diskrimminierten und darum später wieder aufgehoben wurden … also … in den alten Kulturen war es ein zeitweises Hin und Her und oft im Grunde sehr viel liberaler, d.h. mehr “laisser faire” als im Christentum.]

Es erscheint natürlich absurd, dass eine Astronomin im 4. oder 5. Jh bereits die Keplerschen Gesetze entdeckt und ihre männlichen Kollegen das erst ca. 1100 Jahre später neu entdecken. Möglich wär’s aber und wenn wir ehrlich sind, könnten wir den Drehbuch-Autor kritisieren und wenn er uns auffordert das Gegenteil zu beweisen, können wir’s auch nicht. Wir wissen einfach nichts über sie, weil ihre Arbeiten als die einer Frau nicht überliefert wurden, sondern wir wissen nur durch Erwähnungen in den Büchern ihrer männlichen Kollegen, dass sie brillantes gesagt und geschrieben haben muss.

Unwahr oder “passt ins Bild”

Ich denke, wir können dem Film hier auch eine didaktische Überzeichnung unterstellen. Wahrscheinlich hat Hypatia nicht die Ellipsenbahnen der Planeten entdeckt, aber wahr scheint zu sein (das überliefern die Quellen), dass sie die führende Denkerin ihrer Zeit war und wie sollte man das im so einem Film anders darstellen, als ihr irgendeine (natürlich übertriebene) Erkenntnis zu grchN_Titunterstellen, die zu dieser Zeit einfach noch niemand (anders) gehabt hat.
Mathematisch gesehen ist der Schluss auf Ellipsen statt Kreisen gar nicht so fern – spätestens seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert liegt es förmlich in der Luft und wenn man sich die Geschichte anschaut, denkt man immer “ja, jetzt ham’se’s gleich”. Hipparch führte Exzenter ein, um die Planeten um das Zentrum eiern zu lassen, weil bemerkt worden war, dass Sonne und Mond nicht immer gleich groß am Himmel sind, also irgendwie ihre Entfernung zu uns verändern müssen. Ptolemaios setzte dann noch Epizykel (grch: Aufkreise) auf die exzentrischen Kreisbahnen, um größere Entfernungsunterschiede zu bewirken und halt die Rückläufigkeit eleganter zu erklären. Letztlich wird dadurch das Weltbild halt leider immer komplizierter, denn man braucht entweder (bei Aristoteles) eines “Ersten Beweger”, d.h. einen Mechanismus oder irgendeine göttliche Wesenheit, die die Gestirne steuert oder man braucht (bei den mathematischen Astronomen nach Hipparch) eine ausgeklügelte Überlagerung von mehreren Bewegungen – letztlich eben Kreise auf anderen Kreisen, die wiederum exzentrisch um die Erde laufen. Und das alles nur, weil man sich nicht vom Kreis-Dogma lösen wollte.

unglZahnRaeder_webIn der Tat hätte man aber schon sehr einfach erkennen können, dass das System auch mit nicht-kreisförmigen “Rädern” funktioniert. Mein früherer (erzgebirgischer) Kollege Christoph Keller – ein Mathematiker – hat einmal diese wunderschönen Zahnräder geschnitzt.
Dass so was funktioniert, sieht man hier [klick auf’s Bild]:

http://www.chilloutzone.net/video/krasse-zahnraeder.html

Es ist also quasi eine “Glaubens”frage, ob man unbedingt an den Kreisen festhalten will oder nicht. Insofern ist es gar nicht so falsch, wenn man den Charakter der Hypatia so zeichnet, wie es dieser Film tut (d.h. frei von jeglichem Glauben und wie es im Trailer im letzten Satz heißt: “Ihr stellt nicht in Frage, was ihr glaubt – aber ich msus das tun”), dass man ihr auch verrückte Planetenbahnen unterstellen könnte. Sobald man sich vom Kreisdogma löst, kann’s (siehe Zahnräder) im Prinzip alles sein und die Kegelschnitte des Apollonius von Perge (im Film dargestellt durch ein didaktisches Holz-Spielzeug für den antiken Unterricht der Hypathia) waren längst elementarer Schulstoff zu ihrer Zeit. Kepler hat später auch nichts anderes gemacht, als systematisch alle diese Kegelschnitte durchzuprobieren, um zu finden, welcher die besten Ephemeriden für den Mars (Daten des Tyge Brahe) liefern.

Historische Fakten

Was wir über Hypatia wirklich wissen, ist leider sehr mager: Sie war die Tochter des Philosophen Theon von Alexandria (335-405 n.Chr.), der die berühmte “Bibliothek”, das so genannte museon – ein altertümliches Forschungszentrum – leitete. Von ihrem Vater erhielt sie (aller Vermutung nach) die erste Grundlagenausbildung und wurde dann von dessen Kollegen weiter unterrichtet. Es war zu dieser Zeit absolut üblich, dass auch Frauen studierten und es war auch nicht ungewöhnlich, dass sie selbst als Philosophin arbeiteten und lehrten. Insofern war die Tatsache des Studierens und Forschens an sich zunächst einmal nichts besonderes – wahrscheinlich hatte sie sogar mindestens eine weibliche Lehrerin und Kollegin.

Was Hypathia auszeichnete, ist ihr Kontakt zur Öffentlichkeit. Sie lehrte offen, also für alle, in den Straßen und auf den Plätzen ihrer äqyptischen Heimatstadt und diskutierte ihre Wissenschaft mit jedem, der es wollte – egal, ob Sklave oder König (übrigens gab’s in der Antike auch “Wissenschaftssklaven”, also Unfreie, die für Wissenschaft und Lehre ausgebildet waren; Paradebeispiel ist hier oft Empedokles) – sie war sozusagen eine spätantike SciBloggerin … 

Tod. Das einzige, was wir von ihrem Tod relativ sicher wissen, ist, dass er durch Christen gewaltsam herbeigeführt wurde. Umstritten war schon in der Antike, ob diese Tat vom Christentum als Ganzes gut geheißen wird oder nicht. Christliche Würdenträger dieser und späterer Zeit sind sich da nicht einig.

Es gibt ungefähr zwei bis drei Varianten des genauen Tathergangs. Jedenfalls wurde sie durch ihre Peiniger entführt und zu einer Kirche gebracht, sie wurde (entweder dort oder wo anders) entkleidet (das zeigt der Film) und als wenn die Nacktheit einer Frau nicht schon genug der Demütigung gewesen wäre, wurde sie dann auch noch nackt zu Tode gefoltert.

Die Quellen geben drei Möglichkeiten an: Entweder wurde sie (nackt) gesteinigt – wahlweise mit Steinen oder Dachziegeln [das ist die Variante, für die sich der Film entscheidet] – oder sie wurde in diesem Zustand (nackt) mit Scherben so stark verletzt und massakriert, dass sie den Verletzungen erlag – oder sie wurde nackt an einen Wagen gefesselt und durch die Stadt geschleift – was gewiss mit Abstand die brutalste und demütigendste Methode gewesen wäre.
[Anm.: Frauen zeigen sich nicht nackt in der Öffentlichkeit – das bleibt den männlichen Heroen und Athleten vorbehalten.]

De facto wissen wir es nicht – und vielleicht ist das auch gut so. Jedenfalls wurde sie durch diesen gewaltsamen Tod – den sie eigentlich nur stellvertretend erlitt, weil in eine politische Intrige geraten war und man einem Freund von ihr Schaden zufügen wollte [der Film zeigt das sehr gut!] – zur Märthyrerin der WissenschaftlerINNEN.

Dabei wurde sie – so weit wir wissen – eigentlich weder für ihre wissenschaftliche Tätigkeit hingerichtet (wie das etwa in der Renaissance manchen Gelehrten erging) noch für die Tatsache, dass sie eine Frau war (wie mancher vielleicht ob der zahllosen feministischen Literatur glauben mag).

Der Film stellt diesen Teil dar als wäre sie eine weibliche Jesus-Figur, die brav ihr Kreuz trägt und weitsichtig alles vorhergesehen hat, mit ihren Peinigern mitgeht und sich still hinrichten lässt. Also… das ist noch das unplausibelste (neben dem jugendlichen Alter der Darstellerin in diesen Szenen) an der ganzen Sache. Eine Frau von ihrem Format hätte sich gewiss zu wehren versucht – sie hätte es nur nicht geschafft angesichts der Brutalität und Überzahl der christlichen Männermeute. Das war schließlich ein gezielt geplantes, tückisches, hinterlistiges Stellvertreter-Attentat.

Warum?

Was ihr Vergehen war: Eigentlich gar keins. Sie hatte lediglich “Pech”, dass man sie als (inzwischen) berühmte und angesehene Figur des öffentlichen Lebens auserwählt hatte, das Leid zu tragen in einem der typisch-männlichen Machtspielchen. Wer’s nicht glaubt. mag dies als Schwarmwissen (kollektive Intelligenz) in der wikipedia nachlesen.

Das Bild, das sich dem Historiker zeigt, skizziert, dass Hypatia selbst dafür überhaupt nichts konnte – und sie konnte (offenbar leider) auch nichts dagegen tun – ein Mann hätte das auch nicht gekonnt.

Ich denke, hoffe und wünsche uns, dass die Gesellschaft, in der wir heute leben, solchen Irrsinn zu unterbinden weiß!


GIMMICK

DenLiebIchDerUnmoeglichesBegehrt_WebDen lieb ich, der Unmögliches begehrt“…

… steht auf dem Grabstein eines Wissenschafts-Erklärers des 20. Jahrhunderts. Als junger Astronom besaß er den Idealismus, die wohlhabenden Bürger von Berlin um Spenden für das “größte Fernrohr der Welt” zu bitten. – Er hat es damit 1896 immerhin geschafft, das (bis heute) längste wennschon nicht größte (Linsen)-Fernrohr der Welt zu bauen, das heute dem Deutschen Technikmuseum Berlin gehört.

Er gehörte wohl auch zu jener Sorte “junge Idealisten”, für die der weise Satz gilt “alle sagten, das geht nicht – dann kam einer, der wusste das nicht und hat es gemacht”. Damit stehen Leute wie Archenhold, die Gebrüder Humboldt und andere Revolutionäre, Pioniere und Großes Leistende in derselben Tradition wie Hypatia. Meine persönliche Devise in diesem Zusammenhang ist ja eher das Captain-Picard-Zitat “Unmöglich … gibt es nicht”. Er sagte das, als die Ausführung einer Operation, die er beschlossen hatte, als “unmöglich” bezeichnet wurde.

zur feministischen Debatte um den Namen:
jufo2013_k Und wenn auch noch so viele Leute sagen, dass es nicht gehe, als Frau Wissenschaftlerin zu sein: Solange frau das nicht weiß und sich einfach keinen Kopf darum macht, studiert sie einfach und kann (je nach eigenem Geschick und Talent) genauso gut oder schlecht in irgendeinem Fach sein wie die Männer [denn für akademisches Arbeiten braucht man keins der Geschlechtsorgane, sondern nur solche Organe wie das Gehirn, die alle Menschen, geschlechtsunabhängig haben] und sie kann damit jegliche Debatte und jegliches Geplapper ad absurdum führen. Das ging auch schon früher – wie das Beispiel von Hypatia und tausend Jahre später Caroline Herschel, noch später Emmy Noether, Marie Curie … und anderen großen Astronominnen, Mathematikerinnen und Naturwissenschaftlerinnen zeigt. Also, auf geht’s – warum auch nicht. 🙂

[rechts: JugendForscht-Plakat 2013 … ]

 

 

Danke an Emilie Villey für den Film-Tipp.

Avatar-Foto

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

27 Kommentare

  1. ‘Über’ und ‘auch’ können auch anders geschrieben werden, die Abkürzung für ‘agyptisch’ ist üblicherweise eine andere und ‘Wikipedia’ wird groß geschrieben.

    Abär im Ernst: Der pol. Instrumentalisierung jener Kraft muss sich nicht angeschlossen werden.

    MFG
    Dr. W (der, der Farbe, Geschlecht und so, jedenfalls im webtypischen Austausch >:->, nicht sieht)

  2. Um es gleich vorweg zu nehmen, der Film ist mir unbekannt und deshalb sehe ich manches vielleicht anders. Hypatia von Alexandria war keine alltägliche Erscheinung und das gilt auch für alle anderen uns bekannten antiken Astronomen, Mathematiker oder Philosophen. Das damalige Weiblichkeitsideal legte den Frauen sehr wohl Zurückgezogenheit und Bescheidenheit auf und beschränkte ihren Aufgabenbereich auf die Verwaltung des Hauses und das Kinderkriegen. Sie standen ihr ganzes Leben unter der Vorherrschaft des Mannes und auch der Zugang zu öffentlichen Bildungseinrichtungen blieb ihnen in der Regel verwehrt. Man weiß, dass Hypatia von ihrem Vater unterrichtet wurde, der ihr eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Bildung zukommen ließ. Später wurde sie vermutlich auch im Museion unterrichtet, wo ihr Vater lehrte. Die antike Wissenschaft und Philosophie wurde vom aufkommenden Christentum als heidnisch und ketzerisch angesehen. Hypatia war Neuplatonikerin und Nichtchristin, zudem pflegte sie einen unabhängigen Lebensstil, der auf viele Eiferer wie ein rotes Tuch gewirkt haben muss. Dies alles wurde sicher als “Vergehen” gegen den neuen Glauben angesehen, sie wurde dann ja auch von fanatischen Christen in einer Kirche ermordet.

    Ich finde es schade, dass Sie den Kampf um Gleichberechtigung und weibliche Bildung so abtun, als wäre das alles für die Frauen schon immer normal gewesen, wenn sie es nur gewollt hätten. Das mag uns heute vielleicht so vorkommen, aber für die Frauen in früherer Zeit galt das keineswegs und man sollte nicht vergessen, dass viele davon den heutigen Frauen erst den Weg bereiten und gegen viele Vorurteile ankämpfen mussten. Und ist noch nicht mal 100 Jahre her, dass die Frauen in Deutschland das Wahlrecht bekamen. In Griechenland wurde es übrigens erst im Jahre 1949 eigeführt. Und in Lichtenstein noch später, nämlich 1984.

    • Mona :
      Mal absteifen.
      Historisch gesehen sieht es bspw. für Bayern so aus:
      -> https://www.statistik.bayern.de/ueberuns/zeitreihen/#

      Zu beachten hier die vierte Abbildung von oben.

      Zudem hat die Schweiz das Frauenwahlrecht zuletzt für einen Kanton im Jahr 1990 durchgesetzt.
      >:->

      Nicht nur hintergründig ist die Fertilitätsrate und deren Notwendigkeit für den Bestandserhalt zu beachten (die heutzutage, zumindest in D, durch antiselektive Immigration kompensiert werden soll – die seit ca. 1970 gegebene Fertilitätsrate von ca. 1,4 bedeutet ja eine Zweidrittelung je Generation).

      Verständig erscheinende Nachricht über Hypatia, und was genau die geleistet hat, muss nicht immer zeitgenössisch eingeordnet werden; böse Christen und so, wenn anderswo der Damm zu brechen scheint.

      MFG
      Dr. W

      • Wir reden hier über eine Gestalt aus dem antiken Griechenland und nicht über Bayern. Deshalb verstehe ich nicht, was Sie mit Ihrem Link aussagen wollen. Und ja, Hypatia von Alexandria wurde im März 415 von fanatischen Christen brutal ermordet. Zumindest steht es so auf der Homepage des “Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend”.

        • Mona, der Webverweis sollte zeigen, wie lange Zeit die demographische Lage war und dass es lange Zeit verdammt gute Gründe gab Frauen nicht noch mit Bildung zu belästigen.
          Die bekannte und oft vorgenommene politische Einordnung der Ermordung Hypathias bietet sich nicht an. – Es sei denn für die Zwecke der reinen Agitation.

          MFG
          Dr. W

          • “der Webverweis sollte zeigen, wie lange Zeit die demographische Lage war und dass es lange Zeit verdammt gute Gründe gab Frauen nicht noch mit Bildung zu belästigen.”

            Grundgütiger, da fällt man doch vom Glauben ab!

          • Von welchem Glauben denn, Mona?
            Was hat man Ihnen denn hier anderes gelehrt?
            MFG + GN
            Dr. W

      • Ja, ich stimm da Mona zu. Was verstehen SIe denn unter “feministische Propaganda? Und was soll denn die Unterstellung von Missbrauch? [1] Der Feminismus ist eine Klasse Sache, und weder ich noch irgendeine andere Wissenschaftlerin des 21. Jahrhunderts wäre, wo wir sind, ohne ihn, weder im Beruf noch in der kulturellen Akzeptanz, soviel es da auch noch hapert. Es wäre Zeit, dass das mal auch von den etablierten Herrschaften als eine banale Tatsache anerkannt würde.

        [1] Naja, Menschen sind Menschen, und alles und jedes und alle und jede prominente Person der Geschichte wird irgendwo mal missbraucht. Ich bin sicher, wir finden Beispiele für Hypatia in der Werbung für Banken. Ich meine die implizite Aussage, dass sich auf sie in feministischem Zusammenhang zu beziehen of (immer? in der Regel? Butter bei die Fische!) ein Missbrauch ist.

        • Danke für die Zustimmung. Ich verstehe die Blogautorin auch nicht, es dürfte doch allgemein bekannt sein, dass Frauen vielerorts noch bis ins vorige Jahrhundert der Zugang zu den Universitäten verwehrt war.

          Florian Freistetter hat mal eine kleine Serie über “Frauen in der Astronomie” verfasst. Er schrieb: “Wie überall in der Naturwissenschaft hat es leider auch hier lange gedauert bis sich die Frauen durchsetzen konnten. Heute sind Astronominnen völlig normal – aber auch früher gab es einige Frauen, die es geschafft hatten, sich gegen die Anfeindungen der Gesellschaft und der männlichen Kollegen durchzusetzen und hervorragende wissenschaftliche Arbeite geleistet haben.” Betreibt der Mann nun “feministische Propaganda” oder was?

          http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2009/03/08/frauen-in-der-astronomie/

          • Wenn man dem Artikel Hypatia in Wikipedia folgt, so gibt es keinerlei Hinweise, daß bei der Ermordung der Hypatia ihr Geschlecht eine Rolle gespielt hat. Sie wurde der politischen Einflußnahme auf einen christlichen Präfekten verdächtigt.

            Die Urteile über Hypatia gliedern sich nicht entlang der Grenze heidnisch/christlich. Ein zeitgenössischer christlicher Geschichtsschreiber rühmt sie und verurteilt den Mord, ein Teil späterer Berichte folgt ihm. Ein Bischof, der im 7. Jh. eine Chronik verfaßt hat, billigt ihrer Ermordung. Ein heidnischer Philosoph aus dem 6. Jh. ist nicht so gut auf sie zu sprechen und mißbilligt ihre öffentlichen Auftritte.

          • Es gibt keinen eindeutigen Hinweis, dass Hypatia wegen ihres Geschlechts ermordet wurde. Seltsam ist nur, dass man ihr die Kleider vom Leib riss und sie nackt ermordete. War das damals gängige Praxis oder wollte man Hypatia, die als keusche Frau bekannt war, zusätzlich demütigen?
            Wer sich mit der Geschichte der Hexenprozesse beschäftigt, der erfährt auch, dass die beschuldigten Frauen in der Regel nackt gefoltert wurden. Warum?

          • In der im abendländ. Kulturkreis exemplarischen Darstellung findet die Tötung ebenfalls nackt statt:
            “Nachdem sie ihn dann gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie das Los darüber warfen” (Mt. 27,35)

  3. Ich habe den Film vor ein paar Jahren gesehen, er ist sehenswert.

    Hypatia war eine Ausnahme, es gab noch andere, aber Frauen, abgesehen von Priesterinnen, nahmen auch in der Antike nur selten eine öffentliche Rolle wahr.
    Trotz einiger vermutlicher kynischer Elemente war sie aber sicherlich Neoplatonistin, das war in der Spätantike die führende, vielleicht noch einzige Philosophie, die übrigens wohl in Alexandria ihren Ursprung hat.
    Ihr Vater Theon war auch Astrologe, hatte Interesse an Divination, interpretierte orphische und hermetische Schriften. Ihr Schüler, der Christ Synesios, zeigt auch einen gewissen hermetischen Einfluss. Wenn sie dem Hermetismus zugeneigt war, was in Alexandria anzunehmen ist, dann war sie auch Anhängerin einer Geheimlehre, die von Lehrer und Schüler weitergegeben wurde. Wahrscheinlich betrachtete sie den Kosmos als göttlich (ein hermetischer Gedanke), während die heidnischen Götter eigentlich nur vereinfachte Aspekte des EINEN war, verständlich für das einfache Volk. Die platonische Vorstellung, dass über der irdischen Sphäre die ewige, himmlische Spähre beginnt, und zusätzlich die Idee der Göttlichkeit des Kosmos (Kosmotheismus) führte dazu, dass man Ellipsen als Planeten- oder Sternbahnen ausschloss. Die mussten rund sein, um “perfekt” zu sein.
    Davon waren die Naturphilosophie bis zu Kepler überzeugt. Er konnte sich vielleicht davon lösen, weil die präzisen Daten von Tycho Brahe ihn keine andere Wahl ließen. Aber auch er war noch ein platonisch-hermetisch geprägter Astrologe, der an die Sphärenharmonie glaubte.

    Bei ihrem Mord kam sicherlich einiges zusammen, poltisch-religiöse Machtkämpfe, ein lynchbereiter, christlich-fundamentalistischer Mob, politische Intrigen, vermutlich auch die zeittypische Frauenfeindlichkeit. Ich erinnere mich daran, dass das soziale Engagement der frühen Christen, die starke Gemeinschaft neben der Ideologisierung ebenfalls im Film thematisiert wurde.
    Man kann die Rollen und Konfessionen austauschen und befindet sich in der heutigen Realität, nicht in Europa, aber an einigen anderen Orten der Welt. Das war sicherlich auch die Absicht des Films.

  4. Korrektur:

    Wenn sie dem Hermetismus zugeneigt war, was in Alexandria anzunehmen ist, dann war sie auch Anhängerin einer Geheimlehre, die von Lehrer ZU Schüler weitergegeben wurde.

  5. “Eine aufgehetzte christliche Menge brachte sie in eine Kirche, ermordete sie dort und zerstückelte ihren Leichnam.” Das habe ich schon im meiner Jugend über Hypatia gelesen und als Urteil über das damalige und auch heutige Christentum bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgefasst. Die christliche Religion schuf mit ihren vielen Werturteilen, die sich in den katholischen und evagelischen Katechismen niederschlugen auch eine Geschlechterordnung: Hypatia wurde ermordert, weil sie angeblich gegen diese von der Bibel festgelegte Geschlechterrolle verstiess. Viele haben das heute vergessen. Sie haben vergessen, dass die christliche Kirche und ihre herausragenden Figuren wie Augustinus (die Frau wurde laut A. nicht nach dem Bild Gottes geschaffen) genau so dagegen war, dass die Frau in der Gesellschaft eine eigenständige Rolle einnehmen kann, wie es heute noch der Islam tut. Ja alle abrahamistischen Religionen auferlegen der Frau eine dienende Rolle entsprechend der Genesisstelle, in der die Frau aus einer Rippe Adams geformt wurde.
    Hypatia gehörte der hellenistischen Kultur an und in dieser Kultur gab es die bekannten Geschlechterrollen im Alltag fast genauso wie später im Christentum, Judentum und Islan. Doch diese Geschlechterrolle war nicht religiös fixiert, sie war nicht unantastbar eingebrannt in eines der Bücher der alten Griechen. Vielmehr lassen sich in den griechischen Sagen viele Stellen finden, wo Frauen eine sehr eingenständige Rolle einnehmen. Das Überdenken der Geschlechterrollen begann in der abendländischen Kultur wahrscheinlich mit der Renaissance, wo die griechischen Autoren intensiv studiert wurden.
    Was man oben liest, dass auch die Hellenen einen polytheistischen Glauben anhingen muss man richtig interpretieren, denn dieser Glaube war kaum mit dem Glauben an den einen Gott, den einen Patriarchen, der alle Gläubigen wie eine Herde führt, vergleichbar. Schon die alten Griechen haben sich von ihren eigenen Göttern emanzipiert. Sie akzeptierten beispielsweise in der Philosophie keine Erklärungen mehr, die das Wirken der Götter voraussetzten. Offenen Atheismus gab es zwar nur selten, aber die Götter spielten im Denken der griechischen Autoren eine untergeordnete Rolle.
    Aus der Sicht von Judentum, Christentum und Islam ist die Emanzipation der Frau eine Auflehnung gegen die göttliche Ordnung. Heute sieht das vor allem der Islam noch so, doch im Christentum war das bis vor kurzem genau so. Erst Renaissance und dann Aufklärung haben dies geändert und zwar gegen die Kirche, nicht mit der Kirche. Hypatia wurden von Religiösen ermordet und dieser Mord passte zur Relgion, in dessen Name das geschah. Und sie blieb nicht allein. Tausende von Hexen wurden verbrannt und heute noch beschränkt Hamid Karzai die Rechte der afghanischen Frauen im Namen der Religion.
    Wer für Frauenrechte eintritt müsste eigentlich zuerst sagen: Nieder mit der Religion, steinigt den Papst.

    • Ja zu der Sicht auf das Christentum als Geschlechter-Ordner und diesen Ausführungen. Das hatte ich nicht so expliziert, aber auch schon immer gedacht.

      Das Zitat im Anfangssatz habe ich auch irgendwo gelesen, aber seine historische Realität ist bezweifelbar, denn es ist wohl gar nicht so sicher, dass Hypatia *in* der Kirche ermordert wurde. “Du sollst nicht töten” ist schließlich eines der zehn Gebote des Ägypters Moses, an das sich auch die Christen halten wollen – also ist die ganze Aktion von vorne bis hinten unchristlich. Die Alternativgeschichte, die ich ehrlich gesagt sogar früher kannte, war das zu Tode schleifen mit einem Wagen – wäre natürlich als Tötungsfakt auch nicht sicher vor Gottes Missgunst und würde die Täter ins ewige Fegefeuer führen.

      Die Sache unterstreicht nur ein weiteres Mal, dass Fanatismus in jeglicher Form einfach widerlich ist. Die Geschichte mit der Kirche ist natürlich im Sinn der christlichen Missionare, dann könnte man wenigstens argumentieren, dass man die ungläubige Frau zu bekehren versucht hat. Sie aber in dem Haus eines Gottes zu ermorden, der Mord verbietet, ist irgendwie dumm … das passt irgendwie nicht zur politischen Tücke – aber wer weiß, was die aufgestachelte und aufgebrachte Meute da alles angestellt hat…

      Wie gesagt: ich glaube, es ist besser, dass wir das nicht so genau wissen.

  6. Geheimlehre: ja, das wäre auch typsich und hab ich auch gelesen – ich hab’s oben rausgelassen, denn es wird im Film nicht thematisiert. Geheimlehren haben es aber nunmal an sich, dass sie oftmals sehr schlecht überliefert sind – wenn nicht doch mal jmd. etwas davon an eine der innersten, hintersten Geheimwände irgendeines Tempels gemalt hat oder sie eben im Laufe der Zeit ihren Geheim-Status verlieren, wissen wir eben nix davon.

    Sie haben aber Recht, dass man der Vollständigkeit halber erwähnen sollte, dass Hypatia bestimmt beides tat: GEHEIMLEHREN nur von Lehrer zu Schüler weitergeben und ÖFFENTLICHE Lehren “draußen” lehren.
    Nur dass die interne Weitergabe dieser Geheimlehren eben nichts besonders war für Philosophen, während das öffentliche Lehren sehr wohl etwas besonders und nicht von allen für gut befundenes Handeln war.

    Divinationslehren jeglicher Art (Astrologie genauso wie Vogel- u. Leberschauen etc. pp.) waren im Altertum in allen Kulturen verbreitet und wie man so schön sagt, “eine Wissenschaft für sich” und zu dieser Zeit sehr umstritten: manche Gelehrten waren strikt dagegen, manche schwörten auf die Richtigkeit dieser Lehren. Selbstverständlich hat sich jeder anständige Gelehrte damit beschäftigt – bestimmt ebenso männlich wie weiblich. Das kann man nur schwer in einem Kino-Film unterbringen, weil das für den modernen Zuschauer sofort einen Touch von Unwissenschaftlichkeit hervorrufen würde.

    Was aber tut so ein Film denn aus didaktischer Sicht: er zeichnet ein Bild und zwar nicht nur für die Augen (bei Bedarf in 3D), sondern auch für die Ohren und vor allem – und das ist der *stärkste* Eindruck für die Gefühle – also ein EMOTIONALES Bild.
    Schon Richard Feynman beschreibt es wunderbar in seinen Memoiren “Sie belieben wohl zu scherzen, Mr Feynman”, dass man durch Aussagen beschreiben kann, was man will (aber “worüber man nicht reden kann, soll man schweigen”) und man kann auch die Wahrheit sagen, aber wenn die Zuhörerschaft dies – z.B. aufgrund von Sprachmelodie oder verschmitztem Lächeln als Gestus – nicht glaubt, dann ist das, was langfristig in Erinnerung bleibt, eben der emotionale Eindruck, d.h. das, was sich die Zuhörenden DACHTEN und nicht das, was gesagt wurde.

    Insofern ist es vllt klüger, in einem Drehbuch für einen Kinofilm, also ein Millionenpublikum (im Gegensatz zu wissenschaftlichen Fachbüchern, die i.d.R. nicht so hohe Verkaufszahlen erreichen) eine leichte Kost zu präsentieren und auf Dinge zu verzichten, die man erst lange erklären muss … wie z.B. die antiken Divinations”wissenschaften”.

    FEMINISMUS
    Mir war fast klar, dass bei dem Namen Hypatia dieses Thema auch aufkommen würde. Frauen-Geschichte dieser Art eignen sich nun einmal besonders gut als Filmstoff und insofern ist der Film sicher gut – aber vor allem als Skizze (nicht vollständiges Bild) der zeitgenössischen Verhältnisse, denn die Biografie der Hauptfigur ist vielfach Spekulation. Was wir wissen, ist die Anekdote mit dem Menstruationsblut als Geschenk für einen verliebten Schüler (im Film gezeigt), wer der Vater war, dass sie sich mit Naturwiss. & Mathe beschäftigt hat und dass sie brutal gewaltsam ermordet wurde. Vom REST ist viel interpretiert.

    Wenn ich sagte “normales Leben”, dann meinte ich nicht “normal, wie jede andere Frau” (trivial, denn die meisten Frauen kriegen i) Kinder und beschäftigen sich ii) nicht mit Wissenschaft), sondern “normal, wie die anderen Philosophen”. Ich habe diesen Nachsatz präzisierend ergänzt. Das ist plausibel im kynischen Kontext. UNGEWÖHNLICH ist, und das habe ich klar herausgestellt, ihr Engagement in der Öffentlichkeit: sowohl das politische als auch das Lehren auf Marktplätzen. Im Film wird nur das politische thematisiert … aber das sagt ja schon viel über ihr Interesse für die Gesellschaft als Ganzes. – Sie war eben keine Philosophin im Elfenbeinturm.

    TROTZDEM: Das war es nicht, weshalb sie getötet wurde – sondern die Tatsache, dass sie mit dem Statthalter befreundet war, den man schädigen wollte.

    Ich will aber keine Feminismus-Debatten führen, sondern verweise dafür auf die (anderen) Geisteswissenschaften und Leute, die sich mit sowas auskennen. – Ich wollte nur zu skizzieren versuchen, dass sich a) der Film aus didaktischer Sicht durchaus lohnt und b) dass man ihn aber – wie alle Kunstprodukte – aus didaktischer Sicht sicher diskutieren kann. Visualisierungen in motion pictures haben nunmal die Eigenschaft, sehr klar zu sein.
    Bilder können zwar mehr als tausend Worte (pro Bild) sagen, aber wenn sie so viel mehr zeigen als die wenigen überlieferten Worte zuverlässig aussagen, dann sind Bilder notwendigerweise Interpretationen, d.h. sie extrapolieren (oder interpolieren), was die Worte weglassen. Das beginnt bei der Haarfarbe von Hypatia und endet bei ihrer Geschichte und ihrem Charakter noch lange nicht.

    MEINE TIPPFEHLER
    Ich habe einige davon korrigiert und bitte alle weiteren zu entschuldigen. Ich bin ein Mensch und als solcher leider unvollkommen. Blogposts sind ein Hobby, d.h. ich schreibe sie einfach gerade runter, wie’s mir in den Sinn kommt – ohne Rechtschreibprüfung und Auto-Korrektur. Hin und wieder entgeht mir auch mal ein Typie.

    Im gleichen Kontext schreibe ich auch “wikipedia” hier bewusst klein, eben als Online-Notation und nicht als Substantiv der deutschen Sprache und manchmal schreibe ich auch Jargon oder Dialekt. Es sind sozusagen “e-Letters to the World”, eben wie mir der Schnabel gewachsen ist.

  7. Wir haben ein zu gutes Bild unserer unmittelbaren Vergangenheit und tun so als ob unsere Gesellschaft und wir selbst immer schon aufgeklärt, fair und gleichheitsbewusst waren. Dies zum obigen TextFragment: “Über den Mut einer Frau” titelt der Trailer. Das mag uns heutigem Publikum oft so erscheinen, weil wir ein zu schlechtes Bild von der Antike haben.” Doch im Zeitalter des Hellenismus war so eine Figur wie Hypatia immerhin möglich, eine Frau, die Wissenschaft trieb und um Rat gefragt wurde. Im New Scientist-Artikel Unsung heroines: Five women denied scientific glory liest man über mehrere Frauen, die trotz akademischer Bildung von ihrer Berufsausübung ausgeschlossen waren. Das gilt beispielsweise für Hertha Ayrton (1854-1923), welche an der Universität Cambridge Mathematik studierte, aber keinen Abschluss erhielt weil sie Frau war.
    Ein Film wie Hypatia ist immer auch eine Projektion eigener gesellschaftlichtlicher Probleme in eine andere Zeit, die man als Zeitgenosse immer letztlich als rückständig ansehen kann, wobei man leicht vergisst, dass die Rückständigkeit Teil der eigenenen, gar nicht so lange vergangenen Geschichte ist.

    Auch heute noch gibt es viele Lebensgeschichten (nicht nur bei Wissenschaftlern), die die meisten Kino-Zuschauer erschüttern würden, weil sie es nicht vorstellen können, was manch anderer so erlebt oder früher ertragen musste.

  8. Wir haben ein zu gutes Bild unserer unmittelbaren Vergangenheit und tun so als ob unsere Gesellschaft und wir selbst immer schon aufgeklärt, fair und gleichheitsbewusst waren. Dies zur obigen Textstelle: “Über den Mut einer Frau” titelt der Trailer. Das mag uns heutigem Publikum oft so erscheinen, weil wir ein zu schlechtes Bild von der Antike haben.” Doch im Zeitalter des Hellenismus war so eine Figur wie Hypatia immerhin möglich, eine Frau, die Wissenschaft trieb und um Rat gefragt wurde. Im New Scientist-Artikel Unsung heroines: Five women denied scientific glory liest man über mehrere Frauen, die trotz akademischer Bildung von ihrer Berufsausübung ausgeschlossen waren. Das gilt beispielsweise für Hertha Ayrton (1854-1923), welche an der Universität Cambridge Mathematik studierte, aber keinen Abschluss erhielt weil sie eine Frau war.
    Ein Film wie Hypatia ist immer auch eine Projektion eigener gesellschaftlichtlicher Probleme in eine andere Zeit, die man als Zeitgenosse immer letztlich als rückständig ansehen kann, wobei man leicht vergisst, dass die Rückständigkeit Teil der eigenenen, gar nicht so lange vergangenen Geschichte ist.

    Auch heute noch gibt es viele Lebensgeschichten (nicht nur bei Wissenschaftlern), die die meisten Kino-Zuschauer erschüttern würden, weil sie es nicht vorstellen können, was manch anderer so erlebt oder früher ertragen musste.

    • @ Herr Holzherr :

      Wir haben ein zu gutes Bild unserer unmittelbaren Vergangenheit und tun so als ob unsere Gesellschaft und wir selbst immer schon aufgeklärt, fair und gleichheitsbewusst waren.

      Nett formuliert, aber auch nicht richtig, es ist sogar so, dass “wir” [1] kein gutes Bild der Gegenwart haben, was sich bspw. offenbart, wenn Problemstellungen außerhalb eines engen Radius bearbeitet werden. [2]

      Ein Film wie Hypatia ist immer auch eine Projektion eigener gesellschaftlichtlicher Probleme in eine andere Zeit, die man als Zeitgenosse immer letztlich als rückständig ansehen kann, wobei man leicht vergisst, dass die Rückständigkeit Teil der eigenen[], gar nicht so lange vergangenen Geschichte ist.

      Es scheint nicht angebracht bezogen auf die griechischen Verhältnisse in jener Zeit derart einzuschätzen. Ihr Kommentatorenfreund geht zudem davon aus, dass beträchtliche Teile der hier kommentierenden Menge, und auch allgemein, nicht wissen, wo Alexandria liegt. Soviel zu: Rückständigkeit.

      Ganz irre wird es, wenn Antichristliches und Feministisches zum bedauerlichen Vorfall eingebracht wird.

      MFG
      Dr. W

      [1] gemeint: aufklärerische Gesellschaften, die der bekannten Ideenlehre folgend implementiert haben
      [2] Stichwort: Ukraine – die dbzgl. Ahnungslosigkeit in den o.g. Gesellschaften scheint grenzenlos zu sein

      • Mit “ein zu gutes Bild unserer unserer unmittelbaren Vergangenheit” meinte ich ein zu positives Bild, nicht etwa ein vermeintlich genaues Bild. Es gibt eine Tendenz zur Verklârung der Vergangenheit und dazu, neu erworbene moralisch/ethische Urteile gnädig auf die Vergangenheit anzuwenden und zudem Fehler eher bei andern als bei sich selbst zu sehen. Ein Beispiel: Während meiner Jugendzeit wurden die traditionellen Geschlechterrollen zunehmend in Frage gestellt und der Frau immer mehr zugetraut, was zu einer Umwertung der Werte führte und dazu, dass eine Gesellschaft, in der die Frau unterdrückt war, neu negativ bewertet wurde. Doch meine Eltern hatten ihre eigene Jugend noch in genau so einer Gesellschaft verbracht. Doch anstatt darüber zu sprechen, phantasierten sie etwas zusammen von der Unterdrückung der Frau in der Sowjetunion. Wohl einfach darum, weil das Negative nicht bei einem selbst sein durfte. Vielmehr war es dort, wo man sowieso alles Schlechte vermutete.

        • Jaja, so ist es. Aber es ist auch so, dass eine Überhöhung der aktuellen politischen Werte stattfindet [1], die sich eben auch ändern können. Womit jetzt aber nicht die grundsätzlichen Werte der Aufklärung gemeint sind, die sich nicht ändern können, wie Ihr Kommentorenfreund findet. (Zudem wäre es schön, wenn die christlichen Werte stabil bleiben könnten.)
          BTW, waren die SU und deren Satelliten nicht für einige i.p. Gleichstellung der Frau vorbildlich?
          MFG
          Dr. W (der aber nicht vom Thema weggehen will, noch einen schönen Abend wünscht)

          [1] mit der Folge in der fernen Geschichte zu moralisieren

          • Natürlich war die SU hier im Westen für die Förderung der Stellung der Frau bekannt. Doch im Grunde genommen wussten die Wenigsten hier was dort genau lief. Man konnte fast alles annehmen. Wenn es einem passte auch das Gegenteil vom offiziellen Bild. Viele westliche Intellektuelle haben die Sowjetunion verklärt, Antikommunisten haben sie pauschal verteufelt.
            Wahrscheinlich wussten die Bürger der DDR mehr über den Westen als die Bundesdeutschen über die DDR, denn das Westfernsehen wurde von vielen in der DDR empfangen.

  9. Dr. Webbaer: “(Zudem wäre es schön, wenn die christlichen Werte stabil bleiben könnten.)”

    Was sind für Sie diese Werte?
    Spezifisch christliche Werte scheinen mir das Gebot der Nächstenliebe und Feindesliebe zu sein (bei “Werten” reden wir ja nicht über die Glaubensinhalte).

    Man kann das genauer als die sieben Werke der Barmherzigkeit spezifizieren: Dem Hungrigen zu essen, dem Durstige zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, die Kranken und Gefangenen besuchen, die Toten begraben.

    Ketzer und Hexer verurteilen und von der weltlichen Macht hinrichten lassen, Kreuzzüge zu veranstalten (es gab nicht nur jene ins Heilige Land sondern sehr viel mehr), Inquisition, Index, Judenhetze, den Menschen Höllenangst einzujagen, um das Erbe für die Kirche einzuheimsen, Kindesmissbrauch und vieles andere mehr, ist offensichtlich so unchristliche wie gängige Praxis von Christen gewesen.

    Vielleicht sollten Sie mal intensiver an diesem Klops knabbern. Vielleicht kann das Christentum doch nicht so gut bessere Menschen aus uns machen.

    • Diese Ergänzung – ‘(Zudem wäre es schön, wenn die christlichen Werte stabil bleiben könnten.)’ – sollte primär der sittlichen Einordnung dienen. Wenn heute sittlich eingeordnet wird, benötigt es ein Bezugssystem, üblicher- und dankenswerterweise die Aufklärung; es ist in diesem Zusammenhang aber schwierig bis unmöglich historische Gegebenheiten, bspw. die geschilderten Zustände in Alexandria oder das Wirken des Islam im siebten bis sechszehnten Jahrhundert, einzuordnen, wenn das genutzte Einordnungssystem seinerzeit nicht existierte.
      Und so wie die Ideen und Werte der Aufklärung sich nicht im Kern ändern können, so können sich die Ideen und Werte des Christentums im Kern nicht ändern; werden sie aber den Kern betreffend geändert, die EKD (im Sinne von “Man muss die Bibel wörtlich oder ernst nehmen” , d.h. der Gläubige oder “Gläubige” wird überschreibend bis bestimmend) sei hier beispielhaft genannt, wird es diesem neuen Christentum schwierig bis unmöglich historische sittliche Gegebenheiten einzuordnen, weil es eben neu ist.
      Das war die Theorie, die Ihr Kommentatorenfreund vorstellen wollte, der aber gerne widersprochen werden darf, no prob.

      MFG
      Dr. W

  10. Ich denke, dass es keine historische Fehlinterpretation ist, wenn man sagt, dass auch im Alexandria der Spätantike Mord und politischer Mord als Verbrechen aufgefasst wurde. Daran ändert auch nichts, dass die Täter und ihre Hintermänner ihre Tat schön redeten, so etwas machen die Menschen eben. Ein Mord in einer Kirche führt übrigens zu einer Entweihung. Die Kirche muss dann neu geweiht werden. Einem Kleriker ist grundsätzlich das Töten, z.B. im Krieg, verboten.
    Die Vergangenheit wie die Gegenwart ist gekennzeichnet von chronischen Verstoßen irgendwelcher Ethiken. Das Christentum stand eigentlich ständig im Widerspruch zur Staatsräson, zum Selbstverständnis einer Ritterwelt (eher warlords als Ritter der Tafelrunde, den Widerspruch von Rittertum und Christentum hat Barbara Tuchmann in ihrem Buch “Der ferne Spiegel” gut herausgearbeitet; die Metapher vom “fernen Spiegel” für Geschichtsbetrachtung finde ich auch sehr treffen.), zur Politik der Machterhaltung in der katholischen Kirche.
    Wenn man tiefer bohrt, stößt man auch immer wieder auf Christen, welche die Botschaft christlicher Nächstenliebe ernst genommen habe, z.B. ein Jesuit, Michael Alexius Schabel, der zu Beginn des 18. Jh. zwei europäische Kaufleute auf Curacao in der Karibik überzeugen konnte, dass Sklavenhandel unchristlich ist. Er hat damit aufgehört, die anderen Christen haben weiter gemacht.
    Oder Sebastian Castellio, der gegen Calvin schrieb und die Hinrichtung von Ketzern verurteilte:
    „Einen Menschen töten, heißt nicht, eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Castellio

    Warum wurde das Christentum gegenüber abweichenden Lehren nach dem Sieg über das Heidentum so schnell unterdrückerisch? Ich weiß nicht, ob der übliche Hinweis auf den absoluten Wahrheitsanspruch da völlig ausreicht.

    • Das Spezielle an einer Lehre wird oft in seiner Bedeutung für die Entwicklung einer Glaubensgemeinschaft überschätzt gegenüber den allgemeinen Gruppen-Mechanismen, die in jeder Glaubensgemeinschaft festzustellen sind. Dies zu : “Warum wurde das Christentum gegenüber abweichenden Lehren nach dem Sieg über das Heidentum so schnell unterdrückerisch? Ich weiß nicht, ob der übliche Hinweis auf den absoluten Wahrheitsanspruch da völlig ausreicht.”

      Übrigens lassen die grossen, bereits etablierten Glaubensbekenntnisse im Allgemeinen mehr Dissens zu als Sekten. Zur Zeit Hypatias war das Christentum wahrscheinlich noch fundamentalistischer als heute, musste es sich doch gegen konkurrierende Lehren durchsetzen. Wenn Hypatia aber getötet wurde, weil sie die vorgesehene Geschlechterrolle nicht einhielt, dann fanden die christlichen Mörder wohl Zustimmung bei fast allen betont religiösen Gemeinschaften der damaligen Zeit.
      Und zwar nicht nur, weil diese Geschlechterrolle im Alten Testament festgeschrieben ist, sondern weil in Gemeinschaften mit grosser sozialer Kontrolle oft auch die Rolle der Mitglieder innerhalb der Gemeinschaft stärker festgeschrieben ist.

Schreibe einen Kommentar