Rathenower Riesenfernrohr – denkmalgeschützter Verfall

Saison gestartet im Optikpark! Rathenow ist eine Kleinstadt zwischen Berlin und Hannover, etwa in der Mitte zwischen den beiden, eine Stunde mit dem Zug. Nördlich davon erstreckt sich der Sternenpark Westhavelland, eines der Dark Sky-Naturschutzgebiete: die brandenburgischen Wasserwege, das Gut Ribbeck (mit dem berühmten Birnbaum des von Ribbeck im Havelland) und die grünen Weiten inspirierten nicht nur Fontane – sie sind eine Idylle für Romantiker: radeln Sie doch einfach mal den Havelland-Radweg.
Rathenow ist eine der zwei Optik-Hauptstädte Deutschlands: Fielmann stellt seine Brillengläser dort her. Die Optik ist von exzellenter Qualität, aber deutlich günstiger als von anderen Standorten. Rathenow gilt als „Wiege“ der dt. Brillenindustrie und viele große Optiker, die später in Jena mit eigenen Firmen oder im Rahmen von Großkonzernen berühmt wurden, hatten vorher in Rathenow gelernt. Aber nicht nur die verstorbenen Optikmeister auf dem Stadtfriedhof sind weltberühmt, sondern die optischen Bauteile und Instrumente der städtischen Industrie sind nachwievor Weltklasse. Große Leuchtturm-Optiken bis kleine Mikroskopbauteile, z.B., werden dort ebenfalls hergestellt.
Zu sehen ist das im Stadtbild nicht nur die Dekorationen auf jedem Kreisverkehr in den Straßen, sondern auch durch das „Optik-Industrie-Museum“ in der Stadtmitte und den Optikpark am Sportstadion am Stadtrand.
Seit Ostermontag geöffnet
Der Optikpark öffnete Anfang April wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit und lohnt ganz sicher einen Wochenendausflug von Berlin oder Hannover. Er wurde zur Bundesgartenschau 2006 angelegt und zur Landesgartenschau 2016 erneuert. Die Idee sind Blumenbeete mit optischen Elementen, auf dass die lebendige Farbenpracht der Pflanzen den Lichtweg in der Optik erklärt.
Ich besuchte den Park vor Saisonstart, so dass da noch alles kahl war – aber die Idee ist, glaube ich, klar. Nicht nur die Blumenbeete helfen, die Optik zu erklären (hier: Lichtbrechung), sondern auch jeder Kinderspielplatz: da gibt es farbige Tulpen am Wegrand, die sich als Sitzgelegenheit aufklappen lassen oder ein dreiteiliges Klettergerüst, bei dem Kinder quasi die Photönchen in einem Periskop oder anderer Optik bilden: man klettert den Strahlengang herauf oder rutscht ihn auf einer Rutsche hinunter – alternativ kann man auch durch ein Prisma klettern:
Highlight des Parks ist aber neben dem Ostsee-Leuchtturm in der Havel auch ein Riesenteleskop:
Teleskopische Superlative
Das größte „verkürzte Medialfernrohr“ (Brachymedial) der Welt! Die technischen Daten (70 cm Linsendurchmesser, 21 m Brennweite … naja, 20,8 m) sind fast gleich mit dem Riesenfernrohr der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, aber das Rathenower Instrument ist trotz gleicher Brennweite nur 10,15 m lang. Die kürzere Baulänge, die deutlich weniger Material erfordert, war in der Nachkriegszeit ein enormer Vorteil!
Warum Archenholds Teleskop in Berlin so lang ist, witzeln meine Kollegen, ist „weil er auch mal den längsten haben wollte„. Technische, optische oder astronomische Gründe gibt es dafür jedenfalls nicht – nicht einmal damals beim Fundraising in den frühen 1890ern (siehe Archenhold-Post 2021). Der Grund mag eher gewesen sein, dass das Gerät in Treptow zur verkappten Weltausstellung 1896 eben besonders viel zum Anschauen hermachen musste (und nur sekundär zum Durchschauen). Der andere Grund, warum Archenhold z.B. kein verkürztes Medial bauen konnte, war ganz simpel: es war noch nicht erfunden! Das Brachymedial ist ein Schupmann-Teleskop, d.h. eine von vier Spielarten eines hybriden Fernrohrtyps (Linsen und Spiegel nutzend), die der Aachener Ingenieur Ludwig Schupmann in einer Schrift 1899 erfand – derselbe Schupmann, der auch die „Schupmann-Kandelaber„, also die Bauart der Straßenlaternen in Berlin Unter den Linden erfand.
Denkmalschutz
Beide Instrumente stehen unter Denkmalschutz, aber das Treptower ist derzeit in einem deutlich besseren Zustand. Es ist natürlich herzerfrischend und hoch erfreulich, dass das Berliner Riesenfernrohr so gut gepflegt und technisch erhalten ist. Schade ist allerdings, dass das Rathenower Gerät, das technisch noch ausgeklügelter ist, sich leider nicht solcher Aufmerksamkeit erfreuen kann.

2008 hatte ich berichtet, wie das stattliche Instrument auf dem Schulhof der Bruno-Bürgel-Schule demontiert und anschließend im Optikpark wieder aufgebaut worden war. Einen historischen Film (30 min) des brillanten Ingenieurs Edwin Rolf, der es konzipiert, dessen Ehefrau es berechnete, und der es mit Hilfe der Bürger der Stadt 1945 bis 1953 gebaut hat, hatte ich für meine Diplomarbeit in Technikgeschichte ausgewertet (Kurzfassung, 4 min). Leider ist seit 2008 offenbar nicht viel daran gemacht worden, sagte man mir jetzt, und das wunderbare Gerät ist derzeit leider nicht beweglich:
Extrem schade ist dieser Zustand, denn hier gäb’s durchaus noch viel zu studieren/ erforschen!
Kürzlich war ich mit einer kleinen Gruppe von befreundeten Wissenschafts- und TechnikhistorikerInnen in Rathenow. Eine liebe Mitarbeiterin schloss für uns extra an einem Sonntag auf (sogar vor der offiziellen Saisoneröffnung des Parks, weil meine Gäste von anderen Kontinenten nicht so lange da waren) und zeigte uns das weltberühmte Instrument. So manches an dem Steuerrad in der Hütte konnten wir aber nicht spontan erklären – z.B., warum da die Planetennamen eingraviert sind und ob die kleinen Nöpsies neben ihnen früher beweglich waren (und wenn ja, dann zu welchem Zweck).
Schon allein der Strahlengang des Teleskops ist sensationell konzipiert: das Licht, das normalerweise durch den Fangspiegel geblockt und damit fürs optische System „verloren“ wäre, wird hier einfach für einen Sucher genutzt! Das gesamte Instrument bewegt sich (ähnlich wie beim Coudé oder dem Archenholdschen Teleskop) um einen zentralen Punkt, so dass das Okular stets an der gleichen Stelle – in einer Hütte in der Mitte – sein kann und kein beweglicher Beobachterstuhl nötig ist… und während der initialen Bauphase des Geräts hatte man auch ein Gebläse und Luftfilter, um das Seeing im Tubus-Inneren zu kontrollieren.
Die optische Qualität ist genial – keine Farbsäume, perfekte Korrektur aller optischen Fehler (siehe Bericht für die Akademie der Wissenschaften 1953); das Problem ist nur der hohe Lichtverlust an den zahlreichen Bauteilen, so dass es für die Forschungsobjekte der 1960er (Galaxien!) leider nicht adäquat war und daher nur in Form eines Sonnenteleskops gebaut werden konnte. Das Rathenower Instrument ist ein Prototyp (Mock-up) für optische Tests, also für Forschung in Optik und nicht in Astronomie gebaut.
Die Wikipedia weiß mehr Details zum Instrument.
Wünschen wir ihm, dass es schnell die restauratorische und betreuerische Aufmerksamkeit erfährt, die es verdient hat!
Mir liegt es aus zahlreichen (persönlichen und fachlichen) Gründen jedenfalls sehr am Herzen – ich wohne nur nicht nah genug, um mich kümmern zu können (F.S. Archenhold, Video erstellt von seinem Enkel Max).











