Quo vadis Planetarium?

Ein Artikel von Hans-Ullrich Keller und ein Leserbrief in SuW 5/2017 von Manfred Holl heizen gerade auf Twitter und Facebook die Gemüter der Planetarier auf. Ich möchte hier, auf der Plattform des Verlags der Planetarier-Öffentlichkeit und den Autoren dieser Beiträge, die Möglichkeit zur Diskussion geben.

Ausgangssitation: Früher wurden Planetarien überall (vor allem, als Extremfall in der DDR, wo es das Unterrichtsfach Astronomie obligatorisch für alle gab) als erweitertes Klassenzimmer genutzt. Kleinplanetarien gibt es deshalb so zahlreich im Osten, weil sie mitunter sogar in Schulen selbst errichtet für den Unterricht -so nötig waren wie ein OH-Projektor/Polyloux und eine Kreidetafel. Denken wir bspw an die Vermittlung von sphärischer Trigonometrie oder auch nur Kugelkoordinatensystemen, wenn doch manche Mathe-Schüler schon mit der Cavalierperspektive Probleme haben… da ist so eine Kuppel ein prima Medium gewesen. Hinzu kommt der emotionale Aspekt, wenn man zusätzlich zu mathematischen Koordinaten (Zahlentupeln) auch Sternbildersagen und historische Geschichten erzählen kann.

Dieses Nutzungskonzept ist durch die Geschichte überholt, weil es das Fach Astronomie nicht mehr obligatorisch gibt und weil sie die moderne Medientechnik andererseits mit IMAX und Omnimax in eine Richtung entwickelt, die es erlaubt, Kuppeln auch anders zu nutzen. Nämlich so, wie es schon die barokke Kirchenmalerei tat als Projektionsfläche für alle möglichen Themen (Phantasie, Gesellschaft- und Naturdarstellung). Früher wurde es in secco oder fresko einmal draufgemalt und fertig – heute können wir lebendige Bilder projizieren. Sensationell! Lasst es uns nutzen und weiter entwickeln!

Das sind die beiden Extreme: reine Show/ Unterhaltung einerseits, reine Lehre andererseits. Die Planetarien stehen dazwischen, möchten beides und stehen vor der Frage, wie man das schafft und in welchem Maße mehr das eine oder mehr das andere.

Die Geister scheiden sich nun aber an dem Maß der Akzeptanz verschiedener Inhalte: Wieviel Astronomie neben anderen Wissenschaften, wieviel Unterhaltung muss und darf sein? Wird Astronomie zur Randerscheinung in Planetarien? Dürfen/ Sollten wir reine Musikshows zeigen oder entziehen wir uns damit die Lizenz zum Lehren und werden zu reinen Showtempeln? … Fragen über Fragen, die ich gerne hier zu diskutieren einlade!!!

Meine bescheidenen Gedanken zum Thema:
Was wir im Planetarium doch eigentlich wollen (sollten) ist Wissen vermitteln über Naturwissenschaften bzw. die Beschaffenheit unserer schönen, erhaltenswerten Welt. Astronomie als Thema ist dazu eines der besten Zugangstore – aber nicht das einzige. Die Entwicklung immersiver Medien im Bereich Home-TV, Internet, Kino, Theater … darf an uns Planetariern nicht vorbei gehen! Wir sollten und müssen zwecks Geld verdienens auf Unterhaltsamkeit (der Lehre im Allgemeinen, aber vor allem im Planetarium) großen Wert legen. Das Problem der Planetarien fängt m.E. dort an, wo man sich zu sehr auf nicht zertifizierte Hobbyastronomen als Lehrende versteift: wir brauchen unbedingt exzellente Planetariumsdidaktiken (also Konzepte) und in den Kuppeln sehr gute Pädagogen, die diese umsetzen – andernfalls zelebrieren wir gefährliches Halbwissen an ein sehr breites Publikum und das auch noch enttäuschend gründlich (und hier trifft der Leserbrief mit der Abnahme des Astro-Allgemeinwissens m.E. leider einen Nerv!).
Durch Beachtung von Details können wir in Planetarien neue Maßstäbe setzen: z.B. (als kurzes Brainstorming):
  • Auch in Musikshows die „beiläufige“ Wissenschaft spärlich, aber eben korrekt – bis ins kleinste Detail 1001prozentig korrekt, aber eben nur wenige dieser Details, weil’s in erster LInie Unterhaltung ist – darstellen. Beispiel aus einem anderen Genre: Es gibt das großartige Musical „Elisabeth“ über das Leben der Sissi. Es ist eine gefeierte künstlerische Interpretation, aber sie ist im Detail korrekt: Man muss darauf achten, dass eine blonde Hauptdarstellerin eine brünette Perücke trägt und dass die Anzahl der Kinder der Kaiserin korrekt ist etc. (Gegenbeispiel: in dem Film „Vermessung der Welt“ ist die Anzahl der Kinder von Hr. Gauß nicht korrekt dargestellt: was kostet es denn, das richtig zu machen? oder den Sternhimmel beim Untergang des Schiffs in einem sündhaft teuren Hollywood-Film „Titanic“ korrekt darzustellen? …) Solche Details in unseren „reinen“ Kultur-/ Unterhaltungsprogrammen zu beachten, ist m.E. der Garant für ein kluges neues Planetariumskonzept
  • Je mehr wir live moderieren, desto besser können wir auf aktuelles Tagesgeschehen und auf Kundenwünsche eingehen. Wir bleiben auch mit den Menschen unmittelbar in Kontakt und nicht in einer abgehobenen Hollywood-Welt.
  • Vielleicht brauchen wir über Dachverbände (GDP, GÖP) organisierte Absprachen, Schulungen (z.B. von Schauspielenden in Astronomie sowie von AstronomInnen/ Astrolehrkräfte in Schauspielerei und Gesang …). Ich weiß es nicht, das sind nur Ideen, Denkanstöße…
  • Es ist wichtig beim Lehren, dass man die Lernenden menschlich berührt und persönlich für sie da ist, dass man kompetent auf Fragen eingeht und nicht nur herumkaspert. Insofern ist es wichtig, dass die Moderatoren zwar auch, aber eben nicht nur reine Unterhalter sind – nicht nur Schauspielende, die einen Text lernen, denn dann könnte man die Show auch gleich produzieren anstatt live zu moderieren – sondern eine solide Grundbildung haben in dem, was sie lehren. Wir dürfen neben aller nötigen und erwünschten Show den Lehrauftag auch nicht vergessen! Es ist nur ein Detail und ich weiß nicht, wie man es lösen kann: Die Balance zwischen Show-nach-strenger-Regie (durch Schauspielende gesprochen, sei es live oder produziert) und dem anschließenden Dasein-für-Fragen ist eine Grätsche, die uns noch zu wenig gelingt und die in der Tat derzeit leider am Abnehmen ist.

Wenn ich länger nachdenken würde, fällt mir bestimmt noch mehr dazu ein. Ich hoffe und wünsche mir, dass die Diskussionen von verschiedenen anderen medialen Kanälen, die oft nur Teilgruppen und sicher nicht die beiden SuW-Autoren erreichen, sich hierher umlenken lassen und diese eine konstruktive Diskussion gibt!

Nachtrag, 13. April 2017

Hier ein Beitrag von Arte, in dem ab der 32sten Minute mustergültige Zusammenarbeit fürs Planetarium gezeigt wird: Indem nämlich die Produktionsleitung quasi eine Moderationsrolle zwischen Kunst (verkörpert durch einen 3D-Grafiker) und Wissenschaft (verkörpert durch einen Neutrinoforscher) übernimmt.

http://www.arte.tv/de/videos/053954-000-A/neutrinos

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte (beide Diplomarbeiten in Astronomie), promovierte in Wissenschaftsgeschichte sowie Medienwissenschaften, Physikdidaktik. Sie ist seit 1998 als Astronomin tätig (manchmal an Universitäten, manchmal in Planetarien und öffentlichen Sternwarten). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine kleine Korrektur: Der Artikel von Hans-Ulrich Keller stand schon in SuW 8/2012 und steht hier kostenfrei zum Download bereit: http://www.spektrum.de/magazin/quo-vadis-planetarium/1156559

    In SuW 1/2017 widmete sich die von Christoph Leinert geschriebene Kolumne „Vor 50 Jahren“ dem Thema „Wie funktioniert ein Planetarium?“: http://www.spektrum.de/magazin/wie-funktioniert-ein-planetarium/1431345
    Diese Kolumne haben wir freigeschaltet, um die Diskussion des Themas zu erleichtern.
    Viele Grüße
    Uwe Reichert

  2. Liebe Planetarier,
    liebe Kolleginnen & Kollegen,

    ob man Herrn Holl nun inhaltlich zustimmt oder nicht. Es ist doch grundsätzlich gut, dass hin und wieder solche „Gretchenfragen“ gestellt werden. Wie hältst du’s mit der Astronomie?
    Frau Hoffmann will und muss ich aber in zwei Punkten entschieden widersprechen, Zitat: „Das Problem der Planetarien fängt m.E. dort an, wo man sich zu sehr auf nicht zertifizierte Hobbyastronomen als Lehrende versteift“
    Es gibt meiner Meinung nach hervorragende Beispiele dafür, dass dies nicht zutrifft bzw. der umgekehrte Fall richtig ist. Ist wüsste auch nicht, woher wir diese „zertifizierten astronomisch ausgebildeten Didaktiker mit dramaturgischer Schauspielerausbildung und Lust am Erklären“ rekrutieren sollen.

    Entscheidend für die Entstehung einer guten Show ist doch Teamarbeit. Dazu gehört ganz bestimmt der fundierte wissenschaftliche Part. Dazu gehört aber auch der Blick von Menschen, die Ahnung von Didaktik, Dramaturgie und Visualisierung haben und dabei das Zielpublikum nicht aus den Augen verlieren. Das ist aber auf auch ehrenamtlicher Basis wunderbar zu leisten und wird geleistet! Sicher, man wächst mit den Erfahrungen und dem Kontakt zum Publikum…

    Ich kann die Kritik an vorproduzierten Shows auch nicht nachvollziehen. Diese haben ganz bestimmt Nachteile, die auch genannt wurden und eine gut gemachte Livemoderation ist ein tolles Erlebnis. Nicht vergessen sollte man aber die Vorteile einer Show. Hier wurde sehr viel Zeit in einen didaktisch guten und spannenden Aufbau sowie in eine gute Visualisierung oftmals komplexer Sachverhalte gesteckt. Alleine in einem guten Skript stecken sehr viele Arbeitsstunden. Das ist für eine wechselnde Livemoderation so nicht zu leisten! Wenn es um komplexere astrophysikalischere Zusammenhänge geht, die über die Projektionsmöglichkeiten eines Sternenprojektors hinausgehen, sehe ich solche Shows ganz klar im Vorteil! Die Bezeichnung „abgehobene Hollywood-Welt“ (Zitat oben) im eindeutigen Zusammenhang mit vorproduzierten Shows finde um ehrlich zu sein weder fair noch sachlich nachvollziehbar. Ich kann die Diskussion „Livemoderation oder Show“ eigentlich auch nicht nachvollziehen.

    Zuletzt zurück zum aktuellen Artikel in der SuW. Vielleicht sollte man unterscheiden zwischen „Feststellung“ und „Bewertung“: Zunächst die Feststellung, dass in den Kuppeln zunehmend nicht-astronomische Inhalte präsentiert werden. Das entspricht zwar grundsätzlich auch meinem Eindruck. Ein erster oberflächlicher Blick auf einige Spielpläne zeigt aber nicht, dass diese Inhalte im Vordergrund stehen.
    Bei der Bewertung könnte man noch unterscheiden, ob denn wenigstens naturwissenschaftliche Inhalte präsentiert werden oder ob es sich „nur“ um Musik- und Lasershows handelt. Auf jeden Fall aber könnte man ja darüber nachdenken, ob solche Shows vielleicht ein ganz neues Zielpublikum erschließen, die daraufhin auch mal eine „normale“ astronomische Kuppelshow genießen und ohne alternative Inhalte den Weg in ein Planetarium niemals gefundne hätten.

  3. 1986 habe ich in Budapest im Planetarium eine Lasershow mit Musik von Pink Floyd gesehen von der ich sehr begeistert war und lange gezehrt habe. Das war damals auch etwas besonderes.
    Ich war schon immer begeistert von Astronomie und gehe auch gerne in Planetarium. Ebenso mag ich Musik.
    Musik und Lasershow im Planetarium kann in zwei Richtungen helfen: Menschen an die Astronomie und an die Musik heranzuführen. Das zweite wird immer als so selbstverständlich angesehen, ist es aber imho nicht.

  4. @ Rolf Stökler: Anm: „zertifizierten astronomisch ausgebildeten Didaktiker mit dramaturgischer Schauspielerausbildung und Lust am Erklären“ habe ich nicht geschrieben. Im Hinterkopf hatte ich einen Eindruck von der GDP-Tagung letztes Wochenende, wo ein professioneller Schauspieler einen Workshop anbot, der von den Planetariern dankbar aufgenommen wurde. Daher war mein Gedanke „brauchen wir vllt. mehr davon?“
    Ebenso gjbt es bereits seit einigen Jahren innerhalb der GDP einen Arbeitskreis Planetariumsdidaktik. Gleiche Frage im Hinterkopf: „brauchen wir mehr davon“ und vllt. auch „müssen wir dies anders aufziehen/ popularisieren unter den Planetariern“

    Und damit sind wir d’accord – nehme ich jedenfalls an, nachdem, was Sie oben schreiben – denn ich bin ein großer Verfechter von Teamarbeit, wenn es darum geht, dass SpezialistInnen zusammenarbeiten! In Expertenteams ist nach meiner Erfahrung immer die große Schwierigkeit am Anfang, eine gemeinsame Sprache zu finden – aber wenn man das geschafft hat, erhält man die großartigsten Ergebnisse und revolutionär-innovative Ergebnisse; viel großartiger als wenn man die eierlegende Wollmilchsau suchen würde.
    Mir war das leider bisher nicht in jedem meiner Projekte vergönnt, aber da, wo es möglich war, hat die Arbeit besonders großen Spaß gemacht. Ich hoffe noch auf viele produktive Teamarbeiten – gerne auch mit Planetarier-KollegInnen.

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