Praxistest: russisches Dekoteleskop ./. westliches Werbeprodukt

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

gestern Abend hab ich einmal den Test gemacht: zwei kleine Teleskope, beide nicht wirklich für Spechtelmeister. Welches ist besser? Das eine habe ich mir 2012 aus Sibirien als Souvenir mitgebracht, das andere war sozusagen ein “Werbegeschenk”, d.h. für umera zehn Euronen mehr bei irgendeiner Bestellung im Versandhandel hinzukaufbar.

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Das zweite ist also im Grunde dafür gedacht, dass Eltern mit astro-interessierten Kids für ihre Kinder ein billiges Spielzeug kaufen können: Dieses Linsenteleskop sollte also zur Beobachtung einsetzbar sein …DekoTeleskop1_web sozusagen, um zu gucken, ob ein spontanes Interesse der Kleinen sich länger hält oder nur eine vorübergehende Laune ist – ob es sich also für die Eltern lohnt, mehr in dieses Interesse der Sprößlinge zu investieren oder nicht.

Für mich ist es natürlich in erster Linie eine Dekoration auf dem Fensterbrett. : – )

 

Refraktor

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Blätter durchs Linsenteleskop

Der Karton behauptet “Astronomical Telescope”, also das, was man häufig auch als Keplersches Fernrohr bezeichnet: vorne eine Linse, lange Röhre, hinten Okular: fertig. Ein Fernrohr ist – wie der Name schon sagt – dazu gemacht, in die Ferne zu schauen.
Mit diesem Gerät soll man angeblich – wie auf dem Karton als Bildergeschichte erzählt – die Plejaden (unten), den Planeten Saturn (mitte) oder ein Insekt auf einem grünen Blättchen (oben) sehen können, wobei man sich bei letzterem fragt, wie weit dieses Insekt wohl weg sein mag:
Fernrohre haben es nunmal an sich, dass man sie eben auf nahe Dinge nicht fokussieren kann. Ich habe einmal tagsüber die Baumspitzen auf der anderen Straßenseite anvisiert, um ein Bild davon zu kriegen, aber innerhalb meines Zimmers die Pflanzen zu sehen, war z.B. nicht möglich.

Die Anpreisung lautete, dass man für das wenige Geld sogar drei Okulare, ein Zenitprisma und eine Barlowlinse dazu kriegen sollte. Das auf dem Karton abgebildete Sucherteleskop war zwar dabei, aber habe ich nicht montiert, denn das ist bei solch schwachen Vergrößerungen nicht nötig: so ein Telesköpchen ist ja anderswo sozusagen selbst der Sucher.

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Der Karton, das Gerät selbst und das Zubehör ist durchgehend englisch beschriftet und auf dem Karton gibt es sogar ein kleines rotes Pfeilchen, das dem Transporteur mit seiner Richtung zeigt, wo “up” (oben) ist. Es gibt überhaupt keine verbalen Erklärungen, sondern es ist nur auf jedem der zwei Innenkartons abgebildet, was drin sein soll (als prüfbare Inhaltsangabe) und wie die Teile zusammenpassen, das muss man durch probieren selbst rausfinden.

Man kann das als didaktisch klug, also als Experimentieraufgabe verstehen – oder als besonders gewaltige Überforderung der Klientel, der man nicht einmal zutraut zu wissen, wo in dem Karton oben ist.

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ein Okular, Brennweite nicht angegeben, sondern nur beschriftet mit “1.5x” … dabei hängt doch die Vergrößerung nicht nur vom Okular ab, sondern auch vom Objektiv. Man geht offenbar davon aus, dass dieses 10 cm lange Kunststoffröhrchen – wenn überhaupt – dann eh nur mit diesem Teleskop benutzt wird.

Optik
Wer ein bißchen in Optik (Physikunterricht, Klasse 7 oder 8 – je nachdem, wann und in welchem Bundesland man zur Schule gegangen ist) aufgepasst hat, wird man sich vielleicht dunkel erinnern, dass ein astronomisches Fernrohr (wie es auf dem Karton genannt ist – und das ist wortwörtlich zu verstehen, also, ein Keplersches Fernrohr) das Bild umkehrt. Dies bedenkend wirkt das nicht auf dem Kopf stehende Insekt vielleicht fragwürdig: allerdings gibt es ja dazu ein (bildumkehrendes) Zenitprisma, mit dem die Erdbeobachtung richtig rum wird. Der Haken ist halt nur, dass die Barlowlinse, die die Vergrößerung verdoppeln soll, nicht mit dem Zenitprisma funktioniert, sondern nur als separates Langokular direkt an den Tubus angesetzt werden kann. Also, dieses Insektenbildchen auf dem Tubus wirkt irgendwie übertrieben … aber drücken wir mal ein Auge zu und verzeichnen es als eine der zahllosen kleinen Dummheiten der Werbeindustrie.

An dem Bild oben (Blätter) sieht man auch, dass natürlich die einfache Linse vorne von schlechter optischer Qualität ist: sie macht natürlich Farbsäume, die bei hellen astronomischen Objekten – also solchen, die sich Einsteiger zuerst angucken – unschön wirken.

 

Mechanik
Natürlich ist das dreibeinige Alu-Stativ einigermaßen wacklig. Da für das Billiggerät nur absolut billige Materialien verwendet wurden, ist es tags im Sonnenschein leider kaum nutzbar: der Kunststoff der LangOkulare ist so weich, dass dass man stets befürchtet, dass er bei den derzeitigen Außentemperaturen (25°C plus) schmilzt. Nachts hat man dieses Problem zwar nicht, aber die Bewegungen des azimutal aufgestellten, also in zwei Richtungen nachzuführenden Gerätes sind enorm schwergängig. Es ruckelt und hakt andauernd und schwingt natürlich auch noch ca. 20 Sekunden nach, wenn man es einmal los lässt. Zudem wackelt alles, wenn man mit den Wimpern oder dem Wangenknochen das Okular berührt.

Ich habe trotzdem gestern Abend mal den Mond damit angeguckt:

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Mal davon abgesehen, dass man leider das Bild nicht scharf kriegt (es liegt nicht nur an den Schleierwolken, sondern auch am verwendeten Okular: mit einem anderen wird das etwas besser) und es beim Mond selbst Farbsäume gibt, ist auch das ganze Bildfeld mit einem blauen Farbring umgeben.

ABER Beobachtungsfreude kommt da – ehrlich gesagt – leider nicht auf, sondern man ärgert sich eigentlich nur die ganze Zeit übers Instrument, anstatt die schönen Himmelsobjekte zu genießen.

Solche Billigeräte sind daher für Einsteiger komplett ungeeeignet – sie fördern nicht das Interesse an Astronomie und Naturkunde, sondern sie verleiden es einem!

Teleskop Njutona – ein Reflektor

DekoTeleskop2_webDas erste Teleskop hingegen hat als Zielgruppe wohl eher etwas “große” Astro-Freaks: es handelt sich um eine 1:1 Nachbildung des ersten Newton-Teleskops. Mit dem Charme einer groß geratenen Setzkastenfigur steht das Telesköpchen bei mir z.B. auf einem Bücherregal und will eigentlich mehr angeguckt als durchschaut werden. Der Karton ist komplett russisch beschriftet, aber auf dem Sockel steht in unseren Buchstaben “Isaac Newton 1668 Reflecting Telescope”, was es darstellt.

Der große, weltbildprägende Engländer war ja nicht der erste, der ein Spiegelteleskop entwickelte und daher hatte sein Prototyp, den er 1668 derRoyal Society demonstrierte, wirklich nur ca. einen halben Dezimeter Durchmesser. Der berühmte russische Hersteller guter Teleskope – auch für den Amateurmarkt – TAL hat davon eine Nachbildung produziert. d.h. dieses Teleskop werden sich eher historisch interessierte Optik- und Astronomiefans ins Wohnzimmer stellen. Es ist eigentlich nicht in zur Beobachtung gedacht.

In einem Newton-Teleskop ist das Okular vorne: Der große Fangspiegel (hinten) bündelt das Licht nach vorne, wo ein kleiner (planarer) Hilfsspiegel – hier nur halb so groß wie das Analogon, das man vom Zahnarzt kennt – lenkt das Licht zum Okular und ins Auge des Beobachters.

Der Karton inszeniert das Gerät als Deko-Objekt im Sonnenschein vor einem (sehr modernen) Himmelsglobus. Es ist offenbar nicht zur Beobachtung gedacht. Es gibt daher auch kein Zubehör, keine wechselbaren Okulare oder sowas, sondern es ist einfach ein Holzgerät, in dem das Okular fest ist.NewtonKarton_web

Da es aber eine Nachbildung des newtonschen Prototypen ist, kann man natürlich damit beobachten. Andernfalls hätte Sir Isaac wohl kaum damit die Royal Society überzeugen können:
Fokussieren kann man durch Ausziehen des vorderen Tubusteils und drehen kann man es, da der Tubus auf einer Kugel ruht, die auf ihrem Sockel drehbar ist.

Diese simple Mechanik funktioniert erstaunlich gut: Typisch russisch ist es wahnsinnig robust, also erschütterngsstabil. Die Kugel lässt sich einwandfrei bewegen und das Teleskop damit auf jeden beliebigen Punkt ausrichten. Sie ist aber auch icht so leichtgängig, dass sie von selbst herumkugeln würde, d.h. wenn man es einmal ausgerichtet hat, bleibt das Teleskop auch dort. Es ist also eine perfekte Balance von Haftreibung und Gleitfähigkeit.

Die Optik ist natürlich gegenüber der newtonschen modernisiert: Es sind zwei Glasspiegel in diesem Tubus und nicht – wie zu Newtons Zeit üblich – poliertes Metall, das schnell stumpf würde. Das ist also ein kleiner Anachronismus, aber da TAL als Marke dahinter steht, soll man mit diesem Deko-Objekt auch noch nach Jahren in den Himmel gucken können:

Ich habe es gestern Abend mal auf den Mond gehalten. Hier das Ergebnis:

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Als Spiegelfernrohr hat es naturgemäß keine Farbsäume und die Abbildungsqualität ist erstaunlich gut. Die Geräte sind nicht haargenau gleich (vllt. Handarbeit?) – wie wir vor zwei Jahren in Hildesheim mit einem Freund mal ausprobiert haben. Ich hatte leider das weniger gute Gerät abgekriegt, aber schon dieses ist deutlich besser an Bildqualität, Einfachheit der Bedienung und so weiter … als das oben getestete no-name-Billiggerät, dass man versteht, warum sich niemand dazu bekennt, solch schlecht Qualität hergestellt zu haben.

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Zusammengefasst:

Die Linse ist hier zwar größer als der Spiegel (also lichtstärker), aber das Bild und die Beobachtungsfreude sind in dem kleinen Newton viel besser. Eigentlich sollte für den Mond ja ein Linsenfernrohr viel besser geeignet sein, also das viel angenehmere Bild liefern als ein Spiegel. Dennoch kann dieses Billigprodukt nicht einmal mit einer Wohnzimmer-Deko konkurrieren.

1) Russische Variante: Holz und robustes Metall die Mechanik, darin Qualitätsoptik -aber mit der Hürde für die naive Alltagsvorstellung des Laienpublikums, dass man in den Tubus von vorne guckt und nicht von hinten.
Westliche Variante: bedient alle naiven Alltagsvorstellungen (Einblick von hinten ins Teleskop), aber durch Verwendung von weichen Kunststoffen für Zubehör und weichem Metall (Alu) fürs Stativ schwer benutzbar.

2) russische Variante: man erwartet nichts (weil’s ja nur ein Modell ist – quasi für einen großen Setzkasten) und kriegt verblüffend mehr als gedacht – nämlich ein funktionstüchtiges Instrument, an dem man lange doppelte Freude hat.
Westliche Variante: man erwartet ein funktionstüchtiges Spielzeug und kriegt so billiges Zeug, dass man schnell kein Interesse mehr hat und ein neues Spielzeug gekauft wird.

Meine Meinung:
Wer ehrliches Interesse an Astronomie hat und wecken will, sollte als Einstiegsgerät lieber die russische Wohnzimmer-Deko verwenden als das amerikanisches oder deutsches Werbeprodukt.

Achtung: hier ist keine (versteckte) politische Botschaft enthalten! Auch nicht zwischen den Zeilen!


GIMMICK

salz+pfeffer_webÜbrigens: amerikanische Modelle von Raumfahrzeugen können leider nicht einmal auf der Erde fliegen. Das wäre nämlich für meine beiden Gewürzstreuer (Shuttle und Explorer1) manchmal echt praktisch.

O;-D Kleiner Scherz am Rande. ;-D

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

4 Kommentare

  1. Für ein astronomisch interessiertes Kind wäre wohl ein selbstgebasteltes Kartonteleskop lehrreicher und inspirierender als ein hübsch anzusehendes, aber von seinem Leistungsvermögen enttäuschendes Billigteleskop aus dem Warenhaus oder erhalten als Werbegeschenk.

  2. Ich nehme mal an, die Leute bei TAL haben es nicht übers Herz gebracht, ein Teleskop herauszugeben, wo ihr Name dransteht, wenn es zur Beobachtung gar nichts taugen würde – selbst wenn es eigentlich nur als Deko vorgesehen ist. Nicht umsonst haben Teleskope “Made in Russia” ihren guten Ruf für solide mechanische und optische Wertarbeit.

  3. Der Salzstreuer ist nicht Explorer 1, sondern die Einheit aus Apollo-Command- und Service Module.

    Wo gibt’s eigentlich dieses Holz-Newton von TAL? So etwas würde ich mir gern ins Büro stellen.

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