Plejaden-Tontafel VAT 7851

So sieht man die Plejaden und Hyaden derzeit gegen 00:30 Uhr in Mitteleuropa: die fünf hellsten Hyadensterne bilden eine V-förmige Formation, die – im Osten aufgehend – wie ein horizontparalleles Pfeilchen nach Süden zeigt. 

Genau so ist auch eine Gruppe von Sternen auf der Tontafel mit der Museumsbezeichnung VAT 7851 der Vorderasiatischen Abteilung des Pergamon-Museums Berlin abgebildet (hier die Zeichnung eines Berliner Hobby-Archäoastronomen in WikiCommons): eine V-förmige Formation, allerdings aus sieben und nicht fünf Sternen. Daher wurde sie bisher von Assyriologen folgerichtig als “Plejaden” interpretiert, was auch durch die Aufschrift “MUL.MUL” in dem Sternchenmuster auf der Tontafel verstärkt wird. MUL.MUL ist sumerisch, ist ein Plural des Worts für “Stern” und bedeutet folglich “Sternhaufen” (siehe früherer post) – der “Name” der Plejaden in Mesopotamien vor ~4000 Jahren. Daher erscheint es auf den ersten Blick klar und ohne Zweifel, dass auf der Tontafel die Plejaden abgebildet sind. 

Aber ist es wirklich so einfach?

In der neuesten Ausgabe des Archivs für Orientforschung (AfO) erschien diese Woche ein Artikel, der dies in Frage stellt: Es könnten auch die HyadenPlus in dieser Gruppe abgebildet sein bzw. es könnte sein, dass der Zeichner und der Beschrifter der Ritzzeichnung verschiedene Sternhäuflein meinten. 

Hier ist erstmal eine neue Umzeichnung der beschädigten Tontafel VAT 7851: 

Umzeichnung von VAT 7851 publiziert in Hoffmann (2025). Image Analysis of VAT 7851, Archivs für Orientforschung (AfO) 56, 45-53

Es geht um die Gruppe von Asterisken links. Bei genauerer Betrachtung sieht man, dass der mittlere Stern unten ein paar zusätzliche Strahlen hat. Dieser Stern ist also heller als die anderen. Wäre hier der rötliche Aldebaran gemeint, ergäbe es astronomisch mehr Sinn als die Plejaden-Deutung, da unter diesen weder eine V-förmige Formation zu sehen ist noch die zwei Sterne links neben den fünf V-formenden erklärbar sind. Liest man die Gruppe aber als Hyaden mit Aldebaran, wären die beiden Sterne ganz links beta und zeta Tauri, die Sterne, die man heute als Hornspitzen eines Stiers (mit Gazellenhörnern) darstellt und die in der mathematischen Astronomie Mesopotamiens der nördliche und südliche “Zügel” eines Himmelswagens genannt werden. 

Kurzum, die Deutung als Hyaden plus beta und zeta Tauri für diese Gruppe ergibt ebenso Sinn. Philologen werden jetzt einwenden, dass doch aber die Beschriftung “MUL.MUL” auf die Plejaden hindeutet. Ich würde das mit dem Gegenargument kontern, dass die “MUL.MUL” zwar ursprünglich die Plejaden bezeichnete, aber das war einige Jahrtausende früher. Als diese Tontafel erstellt wurde, konnte “MUL.MUL” genauso gut eine Bezeichnung für das Sternzeichen (oder vllt auch Sternbild) Taurus sein. Zudem ist es wörtlich eben nur ein Plural von Stern und dass hier mehr als ein Stern abgebildet ist, wird wohl niemand anzweifeln. Eine Hypothese könnte sein, dass bei der Beschriftung des Bildes etwas schief gelaufen ist. 

Der Stier ist aber mesopotamisch – zumindest für den/ diejenigen, die diese Tafel erstellten – keineswegs so groß wie wir ihn heute zeichnen. Er nimmt nur die Hälfte oder ein Drittel des Sternzeichens (aka des Abschnitts von 30° längs der Ekliptik) ein. Dass dies für das babylonische Sternbild wohl gegolten hat, hatte der große John Steele bereits 2018 publiziert und ist keine neue Erkenntnis: die Tontafel VAT 7851 zeigt es nur abermals sehr deutlich. 

Neugierig?

Wer mehr zu dieser gewagten Hypothese der Neu-Interpretation des Bildes auf dieser Tontafel erfahren möchte, darf sich gern das neueste AfO käuflich erwerben. Ich danke den lieben Kolleg:innen in Wien ganz herzlich für die inspirierenden Hinweise und schließlich die Publikation dieses Beitrags! 

Es ist einerseits relativ mutig, eine scheinbar so klare, hundert Jahre alte und von allen Größen im Fach geteilten Deutung in Frage zu stellen. Andererseits erschien es mir angemessen, meine Zweifel aufgrund der verwirrenden Doppeldarstellung der Plejaden im selben Bild einmal zu verschriftlichen: ich bin ja nur Astronomin (mit einem der Arbeitsschwerpunkte in babylonischer Astronomie) und so komplizierte Fragen erfordern interdisziplinäre Kollaboration (hier z.B. von Astronomie, Wissenschaftsgeschichte mit Philologie). Nur so kann vllt. irgendwer, der schlauer ist, als wir alle, einst die Wahrheit zur Lesung dieser Tafel finden. Ich tippe mal, dass die Kollegen im Berliner Zodiac-Projekt der FU das interessieren könnte.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

1 Kommentar

  1. Die Sache ist die: Ockhams Rasiermesser wirkt im Großen und Ganzen, versagt aber im Detail. Dass Leute zu McDonald’s laufen, weil sie Hunger haben, ist die wahrscheinlichste Erklärung, doch wenn Sie sie einzeln fragen, ist der eine drin, weil’s draußen regnet, der andere will nur Geld wechseln, der dritte holt nur ein Spielzeug für seine Kinder.

    Was wir also sehen, ist die Glockenkurve. Ein Attraktor, ein Gravitationszentrum, ein Trend, eine Energiequelle zieht andere Ereignisse an, die ihn auf allen möglichen verschlungenen Pfaden umkreisen. Ein Urozean, in dem die Kausalketten schwimmen, sich immer wieder neu bilden und zerfallen, ohne notwendigerweise je zum Kern zu sinken und sich einen Burger zu bestellen.

    Das heißt, wenn ich einen Einzelfall habe, kann ich nicht das „meistens“ als Beweis nützen. Es hilft mir nur, die möglichen Erklärungen nach Wahrscheinlichkeiten zu sortieren. Doch ich muss sie alle nebeneinander bestehen lassen, einschließlich der Option, dass alles viel zu wirr und zufällig und einzigartig passiert ist, sodass die Wahrscheinlichkeitsrechnung mich nur in die Irre führen kann.

    Vielleicht wollte da ein Assyrer nur auf seinem Touchpad einen längst vergessenen, gemeinsamen Vorläufer von Handball und Stierkampf kommentieren. Ich sehe da sieben Sterne um ein paar Schriftzeichen und eine Kuh, die mit Bubble-Boy widerwillig Handball spielt. Dann wäre MUL-MUL vielleicht nur ein Name für eine gängige Spieleraufstellung, wie „die Schildkröte“ bei den Römern.

    Fügen wir Ihre Erklärung den Wahrscheinlicheren hinzu, doch die Wahrheit steht in den Sternen. Sie können nur hoffen, dass da draußen irgendwelche Aliens sind, die das Licht, in dem die Abbildung des Ereignisses gespeichert ist, erst später sehen und ihre Aufzeichnungen unserer Geschichte irgendwann gegen unsere Aufzeichnungen ihrer Geschichte tauschen werden, sobald wir die Technologie dazu haben. Oder Sie basteln sich ein überlichtschnelles Raumschiff und sind selbst live dabei.

    Alles, was wir erleben und wahrnehmen, ist ja Vergangenheit. Dass wir uns mit Lichtgeschwindigkeit durch die Zeit bewegen, merken wir ja an den ganzen Einstein-Sachen überall um uns herum, und dazu gehört auch, dass die Gegenwart auf Null gepresst ist, und wir nur als unsere eigenen Schatten in ihrem Windschatten existieren können. Im Grunde auch so’ne Nummer mit Ockhams Rasiermesser und Chaos-Geistern, die auf der Klinge tanzen.

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