neuer Fax-Bildband Doppelmayr 1742 – wow!

Uhura Uraniae

allmählich wird’s zur Gewohnheit, dass vom Albireo-Verlag Spitzenqualität kommt:

NEU: der Atlas Coelestis von Johann G. Doppelmayr, 1742 (Faksimile-Print erschien im September 2014), Hier die Infos zum Buch auf der Webseite des Verlags.
Lobpreisungen geistern schon seit schon seit der AG-Tagung über die internationale AstroHistorikerMailingliste und sonst durchs Web und inzwischen ist das Buch auch bei mir angekommen.

🙂

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Der äußere Einband ist zeitlos unscheinbar … historisch original (reproduziert) in unbeschriftetem und unbemaltem gemuscheltem Braun, die empfindlichen Stellen, d.h. die Ecken und der Rücken sind (auch in der Repro!!!) mit Leder verstärkt. Äußerlich also eher ein unscheinbares Buch, das lediglich durch seine unhandliche Größe – typisch für alte Kartenwerke – auffällt. Es ist (aufgeschlagen) in jeder Richtung ca. einen halben Meter groß, genauer: 53 cm x 63 cm, was die Lieferung etwas unbequem macht. Wenn man das Paket von viel Luftpolsterfolie befreit hat, kommt ein zunächst unattraktiv altmodisch aussehender Einband zum Vorschein.

Aber innen oho!

Kaum hat man’s aufgeschlagen, versteht man aber warum: Es ist ein sehr altes Buch … naja, zumindest inhaltlich. Eigentlich druckfrisch, aber so gut nachgemacht, dass man damit wunderbar Astronomiegeschichte lernen kann.

Joh. Gabr. Doppelmayr brachte 1742 ein Buch heraus, das sich zwar “Atlas” nennt, aber im Grunde nicht Sternkartenausschnitt für Sternkartenausschnitt den Himmel entlang pflastert, sondern ein Buch, das die (damalige) Welt zeigt. Man kann es beschreiben als “Schulbuch, das sich bemüht, nur mit Bildern und wenig Text auszukommen“. Manche postmodernen Medien- und vor allem Literaturwissenschaftlern würden sich wundern, wenn sie wüssten, dass solche Bücher schon im 18. Jahrhundert keine Neuheit waren. Natürlich war es nicht als “Schulbuch”, also wirklich für einen flächendeckenden Unterricht gemacht, aber das Kartenwerk zeigt eben alles, was man irgendwie großformatig darstellen kann.

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Inhaltsverzeichnis des Werkes von Doppelmayr

Nur zehn der 30 großformatigen Blätter sind wirklich Sternkarten. Die übrigen 2/3 zeigen die Erde als Landkarte und in ihrem Jahreslauf um die Sonne, verschiedene Planetenmodelle, Mondtheorie, visualisieren die Entstehung von Sonnen- und Mondfinsternissen oder bemühen sich um die Darstellung diverser Kometen und ihren Bahnen am Himmel. Alle diese Darstellungen sind (historisch handkoloriert) farbig.

zwei Beispiele: Darstellung der Erde und der Entstehung von Finsternissen: historisch handkoloriert, modern farbig reproduziert.
zwei Beispiele: Darstellung der Erde und der Entstehung von Finsternissen: historisch handkoloriert, modern farbig reproduziert.

 

Die Reproduktion hat es geschafft, nicht nur die Farben dieses speziellen Exemplars korrekt wieder zu geben — farbig zu sein, ohne quietschbunt zu werden — und sogar die feinen Strichmuster und Schraffierungen der Grafiken ohne jegliche Moirémuster in exzellenter Klarheit zu repoduzieren: graphisch waren hier – auch in der Repro – wieder wahre Meister mit viel Liebe zum Detail am Werke!

Grafik-Detail aus dem neuen Doppelmayr-Faximile - perfekte, saubere Reproduktion des Linienmusters
Grafik-Detail aus dem neuen Doppelmayr-Faximile – perfekte, saubere Reproduktion des Linienmusters. Die Zeichnung ist im Buch nur wenige Zentimeter groß, also hier stark vergrößert.

Die zehn Himmelskarten im Doppelmayr zeigen die Nordhalbkugel, dann die Südhalbkugel ganzseitig auf einen Blick. danach geht man in ein paar Einzelkarten ein wenig mehr ins Detail: Nordpolkalotte bis zum Wendekreis, dann der Bereich zwischen den Wendekreisen in vier Karten: Frühlingsäquinoktium, Sommersolstitium, Herbstäquinoktium, Wintersolstitium, dann die Südpolkalotte ab dem Wendekreis. Wer jetzt aufmerksam mitgezählt hat, verzeichnet acht Karten. Warum habe ich dann zehn im Buch gezählt? – Tja, nun: weil die beiden Hemisphärenkarten doppelt abgebildet sind. Das liegt nicht daran, dass der Doppelmayr einfach alles doppelt machen würde, sondern dass er – in allen Detailkarten – zwei Koordinatensystem zugrunde legt!

zwei Koordinatensysteme im Doppelmayr-Atlas: Ekliptik-Koordinaten, wie sie (mindestens) seit dem Almagest stets verwendet werden und Äquatorkoordinaten (Rektaszension und Deklination) wie wir sie heute meist verwenden.  Alle Daten sollen zum Äquinoktium 1730 gegeben sein, wozu dieser Frühlingspunkt übrigens gut passt.
zwei Koordinatensysteme im Doppelmayr-Atlas: Ekliptik-Koordinaten, wie sie (mindestens) seit dem Almagest stets verwendet werden und Äquatorkoordinaten (Rektaszension und Deklination) wie wir sie heute meist verwenden.
Alle Daten sollen zum Äquinoktium 1730 gegeben sein, wozu dieser Frühlingspunkt übrigens gut passt.

Die beiden Varianten der Nord- bzw. Südhemisphäre zeigt also die jeweilige Halbkugel einmal mit dem Pol des Äquators als Mittelpunkt des Großkreises, der die Hemisphäre begrenzt und einmal mit dem Pol der Ekliptik in dieser Funktion.

Nord- und Südhemisphäre des Himmels im Doppelmayr-Fax. (Original 1730)
Nord- und Südhemisphäre des Himmels im Doppelmayr-Fax. (Original 1730)

 

Typischerweise sind alle Sternkarten in dieser Version des Atlanten dezent grün untermalt, die Sterne selbst sind gelb.

Das moderne Werk ist – ebenso wie das historische – auf starkem und sehr saugfähigem (mattem) und leicht gelblichen Papier gedruckt, so dass man das Gefühl hat, wirklich in einem historischen Buch zu blättern. Und das, obwohl es frisch aus der Druckerei kommt. Die Bindung musste – damals wie heute – aufgrund des schweren Papiers und großen Formats an einem Steg erfolgen: So kann man jede Seite gerade aufschlagen, als wäre es die Mittelseite im Buch – eine sehr raffinierte Technik, aber natürlich mit einem gewissen Aufwand verbunden:

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Das neue Buch vom Albireo-Verlag ist eine Eins-A-Reproduktion von einem historischen Bildband. Für Sammler, Bibliotheken, Didaktiker und historisch Interessierte ist dieses Buch m.E. ein MUSS!

 

TECHNISCHE DATEN

Albireo-Verlag Köln, Webseite

Johann Gabriel Doppelmayr: Atlas Coelestis  (130 Seiten)
Nürnberg, 1742
Faksimile: Köln, 2014

ISBN: 978-3-9816040-1-6

Preis: 198,- EURO

gratis beigefügt ist ein Portrait des Autors aus dem 18. Jh.; das Bildchen ist großformatig auf das halbe Seitenformat des Atlas-Einbandes gedruckt und liegt vor dem Frontispitz unterm Schutzumschlag lose drin


GIMMICK – Im Namen der Rose

zwischen all dem trüben Herbstnebel leuchtet das starke Rot dieser unermüdlichen, nicht tot zu kriegenden Rose, um uns aufzumuntern
zwischen all dem trüben Herbstnebel leuchtet das starke Rot dieser unermüdlichen, nicht tot zu kriegenden Rose, um uns aufzumuntern 🙂

Eine wilde Rose, die ich aller Herbst-Trübheit trotzend jüngst bei Spazieren fand.

Ich wünsche allen, die den oben beschriebenen Atlas genießen, dass sie ihn – ebenso wie ich – wie diese hartnäckig leuchtende Blume im karg werdenden Alltag empfinden.

🙂

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

2 Kommentare

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  2. Der Dopplmayr erinnert in seiner opulenten Aufmachung und seiner starken visuellen Orientierung an Kunstbände des 20.Jahrhunderts. Vielleicht wurde er ja aus ähnlichen Motiven gekauft, nämlich um die Gebildetheit seines Besitzers zu demonstrieren, wobei er an Abenden wo Besuch kam unter den Gästen zirkulierte.

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