Matariki – Kulte, Navigation & Sonnenwende

Wintersonnenwende im Juni: ja, ich war auf der anderen Seite der Erde, in Neuseeland: Das erste Mal, dass ich meine Schuhe gründlich sauber putzte, bevor ich auf Reisen ging, um ein anderes Land zu betreten. Es begab sich zu jener Zeit, dass zwei große Konferenzen direkt hintereinander stattfanden, eine in Neuseeland (der größte Kongress für Wissenschaftsgeschichte weltweit, der alle vier Jahre an wechselnden Orten stattfindet) und ein IAU-Symposium in Australien. Ich sah das als “göttliches Zeichen”, dass ich auf die andere Seite des Erdballs soll und düste ab. 🙂 So ward dieses Jahr das Juni-Solstitium für mich eine Wintersonnenwende.
Die Maori, die Ureinwohnenden Neuseelands, feiern dieses Fest mit den Sternen – manche mit dem Stern Rigel (beta Orionis), manche mit dem Sternhaufen der Plejaden, aber für alle ist es ein Neujahrsfest. Es geht mit ähnlichem Brauchtum daher wie das pagane (vorchristliche) Weihnachtsfest: man kommt in den Familien zusammen, Sternen-Deko überall, man gedenkt der Ahnen (wie in den europäischen Raunächten), sieht zurück auf das alte Jahr und plant / begrüßt das neue.
Die Sternwarte von Wellington liegt über der Stadt auf einem der Berge: man kommt mit dem “Cable Car” dort hin, zu der Kuppe mit dem Botanischen Garten. Ich kenne einen emeritierten Professor, der dort als junger Mann gearbeitet hat – in der Zeit, als in Sternwarten noch geforscht wurde. Heute ist diese Sternwarte eine Publikumsattraktion, heißt “Space Place” und das einzige, das sie zur Forschung beiträgt, sind die Daten der Wetterstation nebenan.


Die oben gezeigte Tafel mit der handschriftlichen Erklärung ist allerdings interessant. Sie berichtet, dass jeder der neun Plejadensterne eine kulturelle Bedeutung zum Neujahrsfest hat:
- Ururangi steht für Wind
- Tupu-a Rangi für Nahrung vom Himmel
- Tupu-a-Nuku für Nahrung von der Erde
- Waiti für das Süßwasser-Nahrung
- Waita für Salzwasser-Nahrung
- Waipuna a-Rangi für Regen
- Hiwai-i-te-Rangi für Zukunftshoffnungen
- Pohutakawa für die Lieben (Menschen), die bereits verstorben sind
- Matariki (der Mittelstern, eta Tau) für Besinnlichkeit, Menschen und Umwelt
… also all das, was bei uns ebenfalls mit den Raunächten assoziiert wird.
Für mich als Astronomin ist es besonders beeindruckend, dass aber in Neuseeland – anders als bei uns – nicht nur symbolische Sterne (zackige Gebilde) aufgehängt werden, sondern die echten Sterne am Himmel beobachtet und gefeiert werden. Natürlich gibt es auch die gezackte Dekoration, Wünsche (wie unsere Neujahrswünsche) und Rituale wie das Bemalen der Kinns von Frauen, so dass sie wie bärtig aussehen… aber das Beobachten echter Sterne (in der Morgendämmerung) ist Bestandteil der Festlichkeiten.

Die Maori sind ein Volk von Seefahrern. Sie gehören zu dem polynesischen Kulturkreis, der bis nach Hawaii reicht, weil schlaue NavigatorInnen die Sterne besonders gut kannten.
Polynesischer Sternkompass
Der polynesische Sternkompass funktionierte aber viel raffinierter, mit Winden und Sternen. Es gibt (auch heute noch) Navigatoren, die die Kunst des indigenen Navigierens erlernen (u. Weltreisen unternehmen). Solche Leute können Land (Inseln) dann riechen bevor sie in Sichtweite kommen – sie navigieren mit den Sternen und nutzen geschickt die jahreszeitlich vorhersehbaren Windschemata (“Passate”/ “trade winds”) zwischen den Wendekreisen.
















Die Maori, die Amish des Ozeans… Natürlich nicht alle, aber so sehen die Festplatten der Natur aus: Gemeinschaften, die sich der Gegenwart verweigern und nach ihren Traditionen leben. So bewahren sie Wissen auf, das vielleicht irgendwann wieder nützlich sein wird, wie die Klöster des Mittelalters, die römisches und griechisches Wissen aufbewahrt haben. Zu unserem Glück hatten wir im Süden noch eine größere Festplatte, die das noch erfolgreicher getan hat, nachdem sie die Daten in Arabisch umkodiert hatte. Als sie selbst anfing, Patches und Upgrades zu löschen, ging sie kaputt, aber da hatten wir schon die Sicherheitskopie ausgelesen und wurden selber eine. Wer hat noch nicht, wer will noch mal?
Das Motto der Moderne ist ja eher die Inzucht und genetische Verarmung: Was man nicht hier und jetzt braucht, kommt weg und ist dann morgen, wenn man es wieder braucht, entweder gar nicht da, oder nur als billig dahin gerotzte Plastik-Fälschung verfügbar. Alte Leute meckern immer, das früher alles besser war, und es gibt Phasen der Geschichte, in der sie damit Recht haben.
Durch Minimierung der Datenmenge und Fokussierung auf memetische Inzucht innerhalb von Fachbereichen erhalten wir sehr schnell sehr viele überspezialisierte Werkzeuge, perfekte Fachidioten, Schraubenzieher, die nur für eine einzige Schraube gemacht wurden und auf die Müllkippe müssen, sobald diese Schraube nicht mehr hergestellt wird. Fortschreitende Degeneration ist auch Fortschritt, und das Interessante hier ist, wie er mit technologischem Fortschritt zusammenspielt – wie das Negative auf dem Positiven huckepack reitet, wie ein stets wachsender Buckel, der irgendwann zu schwer wird, ihn zu tragen, aber wenn man ihn los geworden ist, hat man plötzlich verflucht starke Muskeln, versetzt Berge und rennt wie eine Gazelle.
Das Navigationswissen der Maori wird wieder interessant, wenn ich es mit KI und Sensoren kombiniere. Wenn sich alle gegenseitig ihre Satelliten abschießen und die Funkwellen stören, ist jedes Schiff auf dem Meer wieder auf sich allein gestellt. Doch wir leben schon in einem natürlichen Netzwerk aus Sternen-GPS, Radar, Leuchttürmen, Leitsignalen und Funkbojen. Wenn wir das Know-how haben, uns in dieses Netzwerk einzuloggen, könnten große Teile unseres für die Doofen stark vereinfachten Eigenkonstrukts auch ohne Kriege und Sabotage einfach überflüssig werden.
Wir stehen vor einem Neolithikum 2.0. Den Nomaden, die einfach um die Welt gezogen sind, eine Gegend nach der anderen plünderten und dann weiterzogen, ist die Welt ausgegangen. Wir müssen lernen, was Ackerbau im Hightech-Zeitalter bedeutet, wie wir uns so in die Natur integrieren, dass sie uns überlebt und wir sie. Und da könnten wir doch einfach mal nachschauen, was wir im ersten Neolithikum so gelernt haben. Nur zur Inspiration.
Was ich von den Maori noch gelernt habe ist, dass menschliche Augen ein Leckerbissen sein können. Möge das auf ewig unnützes Wissen bleiben. Und auf ewig bleiben.
Es ist bemerkenswert, wie Matariki die Beobachtung der Himmelskörper mit dem Wechsel der Jahreszeiten und dem Gedenken an die Vorfahren verbindet – wie lassen sich die traditionellen Navigationstechniken der Māori hinsichtlich ihrer Genauigkeit und Anwendbarkeit heute mit dem modernen GPS vergleichen?
Fascinating read! I really appreciated the deep dive into the cultural and navigational significance of Matariki, it’s so much more than just a star cluster.