Liber instrumentorum iconographicus – Raketen der Renaissance

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Ein Maschinenbuch … genauer gesagt: eine Sammlung von “technischen Zeichnungen” des 15. Jahrunderts. Man erkennt klar den graphischen Stil der Zeit: keine Zentralperspektive, aber stets mit der Botschaft, dass das Abgebildete tatsächlich funktionieren soll. Es scheint, die Dinge seien in Funktion abgebildet. fontana_titel_web

Das so genannte Buch von Johannes Fontana (ca1390-ca1455) ist eine ungeordnete Zusammenstellung von verschiedenen Geräte-Abbildungen. Da fliegt wirklich alles durcheinander: Kriegsmaschinen, verschiendenste Sorten von Springbrunnen, eine Wasserleitung, Kombinationschlösser, wie man sie heute von Fahrrädern kennt, Burgen, Verteidigungsanlagen, Spielzeuge und Automaten sowie chirugisches Besteck. Als Arzt sind letztere Utensilien für ihn Handwerkszeug und jegliche Art von Artistik/ Akrobatik und Balancierübungen gehörten sicher zu seiner Ausbildung und zum Handwerkszeug eines Mannes, der den Menschen körperlich zu verstehen sucht, um ihn heilen oder geistig/ wahrnehmerisch täuschen und an Zauberei glauben lassen zu können. Die negative Seite dieser Medaille sind verschiedenste Folter- und Bestrafungsvorrichtungen (wie ein tödlicher Kerker usw.)

Besonders beeindrucken mag den geneigten SciLogs-Leser wahrscheinlich die Anwendungen von Raketentriebwerken. Fontana stellt einen Wagen mit Raketenantrieb vor, einen Torpedo, d.h. Waffentechnik mit Raketenantrieb und – für uns wahrscheinlich witzigste Anwendung – künstlicher Tiere mit Raketenantrieb. Diese werden in der modernen historischen Literatur oft falsch interpretiert als Kriegsroboter (was moderne Militärs ja durchaus entwickeln als Spionage-Geräte), doch Fontanas wirkliche Anwendung erschließt sich schnell mit Blick auf die nebenstehend abgebildete Wasseruhr: Er wollte damit nämlich eigentlich nur Entfernungen messen: Der künstliche Fisch hat ein Gewicht, das ihn bis zum Grund des Gewässers absenkt und sich dann aushakt, der künstliche Hase und der künstliche Vogel haben einen Raketenantrieb: Die Pulverexplosion soll einen Rückstoß erzeugen, der stark genug ist, den Vogel oder Hasen an die gewünschte ferne Wand oder Turmspitze zu befördern. Nach Messung der Laufzeit des künstlichen Tieres soll man dann auf die Entfernung der Wand oder Höhe des Turms schließen können. … So interpretiert das zumindest Herr Kranz.

Was auf den ersten Blick plausibel erscheint, schwächelt im Detail – mit modernen Physikkenntnissen – jedoch an der Unkenntnis von Weg-Zeit-gesetzen für beschleunigte Bewegungen im 15. Jh. Ob das wirklilch so funktioniert hat, kann man also hinterfragen und es liefert – wie vieles in diesem Büchlein – eine wunderbare Grundlage zur kritischen Diskussion durch Historiker!

Obwohl das Werk in der Technikgeschichte hauptsächlich berühmt ist für seine pyrotechnischen Anwendungen, machen die Kriegsgeräte in der Tat nicht einmal 20% des Gesamtvolumens aus. Nur 19 der 102 Illustrationen sind explizit Kriegstechnik. Manches davon ist gar nicht beschriftet, manch anderes hingegen in einer Geheimschrift.

Der Autor der voliegenden Edition der Münchener Sammlung (Bayerische Staatsbibliothek), Horst Kranz, stellt in seiner Einleitung des Buchs die Chiffren kurz vor und beschreibt dann, wie er sie in seiner (klar lesbaren) Edition gekennzeichnet hat. Die Edition besteht aus Abzeichnungen sämtlicher Abbildungen nebst ihren Bildunterschriften in Latein und einer deutschen Übersetzung.

Sie ist zwar vom Verein dt. Ingenieure (VdI) unterstützt, erschien aktuell (2014) im Steiner-Verlag als Band 66 der Boethius-Reihe.
Editor: Horst Kranz.
Sprachen: Bilder, Latein, Deutsch

Unter den vorgestellten Geräten finden sich zwar keine astronomischen (entgegen der Eingangsbehauptung von Herrn Kranz), aber durchaus einige Kuriositäten und Schätzchen:

Mitra_webDas hier angegebene Beispiel einer leuchtenden Bischofskrone (Mitra) zeigt gleich mehrere interessante Dinge:

  1. Hier handelt es sich ganz sicher nicht um ein kriegerisches Gerät, sondern um ein Spiel mit Lichteffekten und bühnenreife Inszenierung.
  2. Lichtstrahlen/ Leuchteffekte werden durch Strahlen visualisiert. Es handelt sich also nicht um naturgetreue (auch nicht immer perspektivenrichtige)Darstellungen, sondern um comic-artige Darstellungen von Funktionen und Funktionalität.
  3. die abgebildeten Geräte sind bestimmt nicht oder nicht alle praktisch ausgeführt worden. Im Detail hat Fontana wohl durchaus mal eine bestimmte Laterne gebaut, von der er z.B. im Text hin und wieder spricht als “wie du es bei mir gesehen hast”, aber manche andere Zeichnungen zeigen Geräte und Instrumente, die er sich als Weiterentwicklung oder Alternativanwendung vorgestellt haben mag. Eine Bischofskrone wie diese hier, die aus purem Metall (Bronze) gemacht sein soll und innen Lichtquellen (Kerzen?) versteckt, würde zwar nicht brennen, wie er richtig schreibt, aber sie würde durch Wärmeleitung im Metall sehr schnell heiß werden und Brandwunden bei ihrem Träger verursachen. – Der arme Bischof.
  4. Dennoch zeugt das Konzept von soliden Kenntnissen der Optik, denn die Verstärkung der Leuchteffekte erhofft sich der Autor durch Kristalle oder Wasserlinsen (ein damals sehr übliches Konzept in Handwerk, Malerei, Kunst und Technik, denn Wasser hat einen höheren Brechungsindex als Luft, ist klar und liefert mithin gute Abbildungseigenschaften, ist aber längst nicht so teuer wie reiner Kristall).

Der Arzt Fontana ist also offenbar sehr belesen und kennt sich aus mit der Physik seiner Zeit. Davon zeugen übrigens auch verschiedene Spiegelkonstruktionen, in denen er gern Archimedes zitiert und eine Anordnung, die lediglich überschrieben ist mit “Reflexionsgesetz” und den physikalischen Zusammenhang, den wir heute als “Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel” bezeichnen, an verschieden geformten Spiegeln (konkaven, planen und konvexen) visualisiert.

Neben einem “alchimistischen Ofen” zeigt Fontana aber auch ein Perpetuum Mobile:

perpetuumMobile_web
aus: Fontana, Edition Kranz, 2014

 

Das darf natürlich zur damaligen Zeit nicht fehlen und es ist geschickterweise auch nicht beschriftet, so dass wir auch mit dieser Zeichnung immer noch nicht wissen, wie ein solches denn zu bauen sei. Der Editor, Kranz, versucht eine Erklärung, aber leider gehört wohl auch dieses Instrument zu denen, die Fontana und seine Leser nie gebaut und ausprobiert haben – denn wenn es tatsächlich funktionieren würde, müssten wir unsere Physik (insbes. die Thermodynamik) umkrempeln.

🙂


herminesZeitumkehrer_webGIMMICK

 

Und für moderne Hexenmeister(innen), die nicht so aufwändige Automaten bauen für ihre Zauberkunststückchen, sei hier noch ein moderneres Spielzeug empfohlen, das dem einen oder der anderen von uns im Alltag ganz nützlich erscheinen mag: Hermines Zeitumkehrer.

Die exzellente, hochbegabte Zauberschülerin nutzte das Gerät, um an zwei Seminaren gleichzeitig teilnehmen zu können. Sie besuchte das eine, drehte dann mit dem Zeitumkehrer ihre persönlcihe Zeit zurück und ging in das andere Seminar, so dass sie am Ende des Schuljahres einen Kurs mehr auf ihrer Liste hatte… Sowas kann manchmal echt praktisch sein.

🙂

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

7 Kommentare

  1. Die meisten Folienblätter des Liber instrumentorum iconographicus haben neben einer lateinischen Überschrift einen darunter stehenden Text in Geheimschrift ( basierend auf einer Vertauschung der Buchstaben des Alphabets). Auch das scheint Fontana mit Leonardo gemeinsam zu haben – die Vorliebe für das Geheimkrämerische, womit aber wohl das Werk nur mit Bedeutung aufgeladen werden sollte. Leonardo da Vinci schrieb ja ganze Hefte in Spiegelschrift. Sowohl Fontana als auch da Vinci machten das Entziffern damit nicht unmöglich, nicht einmal besonders schwer. Sie machten das Wek damit aber interessanter.

  2. Nur wenige der von Fontana oder Leonardo gemachten mechanische Erfindungen wurden realisiert. Viele davon haben sowieso einen Zug ins Phantastische. Es ist eigentlich eine ganze mechanische Welt, die von Fontanta und Leonardo entworfen wird – eine Welt in der nichts ausgelassen wird, weder der Krieg, noch die Folter und man würde sich nicht einmal wundern wenn auch Sexspielzeuge von diesen Meistern entworfen worden wäre. Wir haben also eine Vermählung von Phantasie, Alltag und Technik vor uns. Etwas was es auch heute noch gibt wenn auch in nüchterner Form. Das Technische hat sich heute vom Natürlichen und Kulturellen teilweise geschieden, bei Fontana und Leonardo dagegen noch nicht. Die mechanischen Welten von Fontana und Leonardo würden teilweise auch gut in die Bilder von Hieronymus Bosch hineinpassen, könnten also auch als Pandämonien aufgefasst werden. Heute unterscheiden wir zwischen rationalem Weltbild und vorrationalem. Das rationale Weltbild ist meist ein naturalistisches welches das Wirken von Geistern und Hexen und von Magie ausschliesst. Doch zur Zeit von Fontana und Leonardo, ja sogar zur Zeit Newtons gab es diese Trennung noch nicht. Selbst Newton beschäftigte sich intensiv mit Alchemie. Die Geheimschriften welche Fontana und Leonardo verwendeten deuten zudem darauf hin, dass Fontanta und Leonardo auch in ihren mechanischen Erfindungen etwas Magisches sahen, etwas zu dem nur eingeweihte Zugang haben durften und welches deshalb mit geheimen Zugängen geschützt werden musste.

  3. Die Geheimschrift ist nicht nur eine Verstauschung der Buchstaben, sondern es wurden eigens Symbole entwickelt, die es im Alphabet nciht gibt. Das steht zumindest in dem hier vorgestellten Buch.

  4. Fontanas Liber instrumentorum enthält in der Tat keine astronomischen Geräte. Das wird in der Einleitung auch nicht behauptet, wie es in der Buchvorstellung irrtümlich heißt. Eine von Frau Hoffmann offenbar missverstandene Passage verweist auf einen ganz anderen, jüngeren Traktat mit dem Titel De trigono balistario, in dem Fontana ein Instrument für Messungen auf der Erde und am Himmel entwarf.

  5. Historische Raketenantriebe
    Das Thema habe ich vor wenigen Tagen erst im ZDF gesehen. Dazu gibt es die Serie Ursprung der Technik. Hier wird auch gezeigt, dass die „Goldflieger“ oder die Taube von Sakarra fliegen können. http://dokumonster.de/sehen/7000-ursprung-der-technik-autos-und-flugzeuge-history-channel-doku/
    Im Überseemuseum Bremen sind die „Goldflieger“ aus Kolumbien (noch)? wissenschaftskonform:
    „Bei den als “Goldflieger” benannten Artefakten aus Kolumbien handelt es sich um Mischwesen mit Krokodilköpfen, Vogel- oder Insektenflügeln und Fischschwänzen.“ 
    http://www.geschichtsmaengel.de/Berichtsseite/geologische_Funde/Goldflieger/body_goldflieger.html . Der Bundeswehr-Offizier – im Video – macht den Nachbau von flugfähigen Goldfliegern schon seit mindestens 2 Jahrzehnten. Eine Vorführung habe ich in Interlaken gesehen: http://www.beo-news.ch/bns2003/okt2003/aassam04.html .

    Wenn wir weiter zurück gehen, stoßen wir auf 2 Bereiche, die uns gut überliefert wurden. Da wäre
    zunächst das Buch über ältere Fluggeräte von Childress, D. H.: Vimana – Aircraft of India & Atlantis. Adventures Unlimited Press, Illinois 2004. Über ihre Quecksilber-Antriebe habe ich einen Beitrag veröffentlicht – pdf möglich.

    Um kleinere und große Raketen geht es bei Dr. Burgard in Encheduanna um vor 4.300 Jahren. Hier wird sogar eine Raumstation „Himmel“ beschrieben, die regelmäßig angeflogen wurde.
    http://www.amazon.de/Encheduanna-Offenbarungen-Oberfl%C3%A4chlich-Priesterf%C3%BCrstin-Originaltitel/dp/3943565033/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1405424628&sr=1-1&keywords=Dr.+Burgard+Encheduanna
    Encheduanna war die Tochter König Sargons des Großen und doppelt hohe Priesterin. Sie beschreibt Hochtechnologien Ihrer Zeit, aber auch, dass die Menschen den Treibstoff für die Raketen aus einheinmischen Rohstoffen herstellten, ja sogar verantwortlich für deren Wartung sein konnten. Es waren die gleichem Menschen wie wir – nur sie wurden damals schon ausgebildet – von den Dingir – http://www.deistung.de/weltall/goetter-vorzeit.htm !

  6. Zum Buch passt die ZDF Doku „Ursprung der Technik (GB 2003–2009 – Ancient Discoveries) – Autos und Flugzeuge (History Channel Doku)“. Hier wird u. a. die Zeit um vor 600 Jahren und ihre Technik untersucht und wissenschaftliche Versuche zu ihrer Fuktion gemacht: http://dokumonster.de/sehen/7000-ursprung-der-technik-autos-und-flugzeuge-history-channel-doku/ Es wird herausgearbeitet wie „…das Abgebildete tatsächlich funktionieren soll.“ Verschiedene Kriegsmaschinen werden untersucht, u. a. „…die Anwendungen von Raketentriebwerken.“
    Für viele weitere Bereiche ist die ZDF Doku mit ihren zunächst 26 von 42 Episoden eine Quelle der Untersuchung des Wissens unserer Vorfahren – und der wissenschaftlich untermauerte Versuch seiner möglichen Funktion. http://www.presseportal.de/pm/105413/2316218/-ursprung-der-technik-zdfinfo-praesentiert-26-folgen-der-britischen-dokureihe-ancient-discoveries

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