Lego-Cosmorama in Jena

Wie lockt man eine kleine Astronomin in ein Einkaufszentrum? … das ist beim besten Willen nicht leicht, da sich diese Sorte Mensch entweder arbeitend am Computer oder beim Spaziergang im Wald befindet. Shoppen ist für sie keine Freizeitbeschäftigung, sondern eher eine der Sachen, die eben gemacht werden müssen. ABER …

Die Goethe-Galerie in Jena …

… ist ein Einkaufszentrum, das sich im Gebäude des ehemaligen Zeiss-Werks befindet und dort hat man den letzten klassisch-optomechanischen großen Zeiss-Planetariumsprojektor hingestellt, der vor der Glasfasertechnik gebaut wurde: Glühlampe statt LED, durchlöcherte Metallplättchen in den Bullaugen, flatschige Sternscheibchen im Dom, in Kombi mit klappernden Diaprojektoren in der Kuppel genutzt und von Computern gesteuert, die noch einen ganzen Raum füllten (statt wie heute ein Rack). Diesen Projektor für Großplanetarien gibt es nur ganze dreimal auf der Welt: in Auftrag gegeben für Planetarium Edmonton, Kanada, wurde er in Jena in den 1980er Jahren (1979-1984) entwickelt und gebaut. Das Modell kam natürlich – wie immer zu DDR-Zeiten – auch ins öffentliche Planetarium Jena. Ein weiteres Modell wurde anlässlich der 750 Jahr-Feier Berlins der Hauptstadt der DDR geschenkt, als diese 1987 ihr neues Zeiss-Großplanetarium an einer von Honeckers Paradestraßen eröffnete. Ein viertes Modell ging 1990 nach Prag. Alle vier Modelle sind heute außer Dienst in dem Sinn, dass sie nicht mehr in Planetarien zur Sternhimmelerklärung bereit stehen.

In Jena allerdings – der Stadt, in der das moderne Projektionsplanetarium erfunden wurde – steht dieser Höhepunkt der Technikgeschichte in dem Einkaufszentrum, das früher Zeiss-Werk gewesen war, kann sich noch bewegen und tanzt einmal pro Stunde, während die deutsche Synchronstimme von Mr Spock (TOS) aus StarTrek, Herbert Weicker, das “Wunder von Jena” erklärt. <3

The Dream Machine

Dieser “letzte seiner Art” große Zeiss-Planetariumsprojektor in der GoeGa heißt “Cosmorama“. 

Limited Edition von Lego

In der GoeGa gibt es seit sechs Jahren auch einen Lego-Laden: Steinarium. Zur Feier dieses kleinen Jubiläums hat dieser Laden jetzt ein Lego-Cosmorama: das ist mit Abstand das beste Jena-Souvenir, das es jemals gegeben hat! 

Wie das Original ist auch dies eine “limited edition“; es gibt allerdings mehr als vier: 500 Stück. 

Vermouthstropfen dabei: 

Leider gibt es diesen Lego-Satz nicht zu kaufen. Man erhält ihn als Geschenk, wenn man für mind. 30 Euro Lego kauft. Also: in meiner Familie muss jemand offenbar dieses Jahr dringend Lego zu Weihnachten bekommen. 

Hoffnung

Es könnte natürlich sein, dass es später einmal einen Lego-Satz “Planetariumsprojektor” geben wird, aber sicher ist das nicht. In der Welthauptstadt des Zeiss-Planetariums wäre dies genau das Gadget, das der Stadt bisher fehlte. Ich hoffe für Jena, dass sich mal irgendwer erbarmt und sowas für den Souvenirshop herstellt – denn bisher gibt’s dort nur langweilige Schlüsselanhänger (Dinge, die man nicht braucht und nicht einmal diese Stadt von anderen unterscheiden) und eine Keksdose in Form der “Keksrolle”-JenTower. Ein bisschen mehr Astro-, Optik- und Planetariums-Marketing würde Zeiss-City vermutlich gut tun (behaupte ich mal als nicht-Jenenser Jenaerin & Weltenbummlerin). 

Disclaimer: 
Die Firma Zeiss hat mich noch nie bezahlt. Dort arbeiten keine Astronomen (vor allem nicht Frauen im Vorstand, obwohl ich ein Zeiss-Vorstandsgehalt und Jobsicherheit sicher verdienen würde ;)). Astronomie setzt nur die Maßstäbe, an denen sich dieses Weltklasseunternehmen orientiert: wie der Polarstern. Darum weiß ich zwar die hochwertigen Produkte der Firma zu schätzen (obwohl meine Brillengläser aus der geheimen zweiten Optikhauptstadt Rathenow sind und nicht von Zeiss) und bin selbst beruflich das Produkt des Cosmoramas (weil es mich als Achtjährige inspirierte, einen naturwissenschaftlichen Beruf erlernen zu wollen), aber wenn ich hier schreibe, dass ein Zeiss-Produkt gut ist bzw. war, bekomme ich dafür keine Tantiemen. (Ich sag’ das nur, weil ich mitunter drauf angesprochen wurde.)

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

5 Kommentare

  1. Guten Tag Frau Dr. Hoffmann,

    ganz herzlichen Dank für Ihren wunderbaren Artikel und die liebevolle Würdigung unseres kleinen Cosmoramas aus Klemmbausteinen. Wir haben uns wirklich sehr darüber gefreut 🙂

    Jedes Jahr entwerfen wir zum Geburtstag des STEINARIUM ein „Mini Modell“ als Jubiläumsset, und von der Idee bis zur Verpackung entsteht bei uns wie immer alles in Eigenregie. Sogar das Zeiss Planetarium war schon dabei. Ihren Hinweis auf mehr Modelle aus der Jenaer Wissenschafts und Techniklandschaft nehmen wir deshalb sehr gern mit und bleiben kreativ!

    Da wir im STEINARIUM als lokales Fachgeschäft eine besonders vielfältige Auswahl an Klemmbausteinen und Bausets vieler bekannter Hersteller führen, haben wir seit Kurzem zum Beispiel ein sehr schönes und liebevoll gestaltetes Mikroskop aus rund 1300 Teilen im Sortiment. Es lohnt sich also, ab und zu bei uns hereinzuschauen. Wir würden uns sehr freuen, Sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen! Sie finden uns nach wie vor direkt gegenüber des STEINARIUM Education Center im ersten Obergeschoss der Goethe Galerie in Jena.

    Herzliche Grüße
    Ihr STEINARIUM Team

  2. Liebe Susanne,

    kleines Update hinsichtlich Deiner Bemerkung zum Thema Zeiss und Frauen in Führungspositionen:
    Ab nächstem Jahr wird Dr. Nicole Nelles die Leitung der Planetarium Business Unit übernehmen, als Nachfolgerin von Martin Kraus – gerade aus dem Zeiss-Newsletter erfahren. Geht doch 😉

    Viele Grüße aus Berlin
    Monika

    • Herzlichen Glückwunsch an die Dame!

      Mein Disclaimer gilt dennoch: seitdem ich in Jena wohne, stehe ich offenbar für manche unter dem Generalverdacht, für die berühmte große Firma zu werben: gute Produkte sprechen für sich – diese Firma braucht keine Ehrenamtler für die Werbetrommel. Für mich ist Jena nur eine Phase im Lebenslauf, die schon länger anhält, als gedacht, weil ich noch immer keine feste Stelle habe (was mich zum Umzug veranlasst hätte).

  3. Liebe Frau Dr. Hoffmann,

    haben Sie vielen Dank für diesen Artikel. Damit aber nichts Falsches im Netz kursiert, hier meine Korrekturen.

    Das COSMORAMA wurde im Zeitraum 1979 bis 1984 entwickelt, nachdem Carl Zeiss Jena den Auftrag für dieses Gerät aus Edmonton / Kanada erhielt.
    Der erste Projektor ging also 1984 nach Edmonton (nicht nach Toronto), der zweite blieb dann 1986 im Zeiss-Planetarium Jena, Nr. 3 wurde 1987 in Berlin, Prenzlauer Berg, übergeben und 1990 haben wir mit dem vierten COSMORAMA das Planetarium Prag wiedereröffnet.

    Ich selbst war im Entwicklungszeitraum für die Steueranlage für dieses Gerät verantwortlich und habe von 1990 bis 2016 den Bereich Planetarien bei ZEISS geleitet. Sie haben recht, keines der vier Geräte ist heute noch in Betrieb.

    Im Jahr 1996 wurde anlässlich des 150-jährigen Zeiss-Jubiläums das COSMORAMA gegen ein UNIVERSARIM M VIII ersetzt, welches heute immer noch seinen Dienst tut.

    Weil es zu schade war, dieses Gerät zu verschrotten konnten Herr Schmalbrock (damaliger Geschäftsführer der Ernst-Abbe-Stiftung) und meine Wenigkeit das Management der Goethe-Galerie davon überzeugen, dass genau hier, wo es jetzt steht, der richtige Platz für die Auferstehung dieses Gerätes ist.
    Wir entwickelten dafür eine Steuerung, die den Projektor stündlich dem Publikum erklärt.

    Ich konnte in diesem Zusammenhang Herbert Weicker (Synchronsprecher von Mr. Spock) davon überzeugen, dass genau er seine Stimme dafür hergab, das Gerät in Deutsch und Englisch vorzustellen. Leider ist Herr Weicker unmittelbar danach im Jahr 1997 bei einem Autounfall in München ums Leben gekommen. Möglicherweise war diese kleine Aufgabe auch seine letzte.

    Herzliche Grüße,

    Wilfried Lang

    • Vielen Dank, ich habe das oben geändert (Kanada stimmte wenigstens).

      Vielen Dank auch an Sie und Herrn Schmalbrock für die Initiative damals: eine wirklich schöne Idee (und Umsetzung), dass die letzte große Zeiss-Hantel in der GoeGa steht!

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