Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl

Noch bis 15. Februar ist im Stadtmuseum Jena die Ausstellung “Wissenschaft zum Wohle aller!” anlässlich des 400sten Geburtstags von Erhard Weigel zu sehen (webpage). “Mathe” ist ja nicht von allen das Lieblingsfach in der Schule, aber diese Ausstellung zu einem Mathematik-Professor demonstriert, wie vielseitig die Möglichkeiten dieses Faches sind: von technischen Spielzeugen bis Magie, von der abstrakten Geometrie bis Himmelskunde.
Dauerausstellung
Über das Mysterium, das sich um Weigels begehbaren Himmelsglobus “Pancosmus” rankt, hatte ich bereits vor ~2 Jahren im Zusammenhang mit Vorläufern des ZEISS-Planetariums berichtet.
- Das “Wünderchen” von Jena
- die Meinung des norwegischen Kollegen T. Rössack über seine Größe
- Die Meinung von Dr. Meinl (Jena) zum Objekt auf dem Stadtschloss, das vom Pancosmus zu unterscheiden ist.
Im Stadtmuseum in Jena gibt es einen gebauten Entwurf eines Weigel-Globus in der Dauerausstellung. Mir war bisher jederzeit unklar, was genau hiermit dargestellt werden soll und auf welcher (historischen?) Grundlage es beruht, aber es sieht eindrucksvoll aus.
Links hat das Museum das sogenannte “Astroscopium” auf einen Glaszylinder gedruckt. Es zeigt einen doppelköpfigen Adler mit Sternkarte und den von Weigel erfundenen Sternbildern. Normalerweise ist dies eine flache (Papier)Karte. Das Museum zeigt es nur auf einem “curved screen”. Daneben steht ein Objekt, das sie “Weigel-Globus” nennen. Die Form erinnert an die Rekonstruktion von Tor Rössack 2018 (hier wiedergegeben), aber dieses goldfarbene Objekt hat an der Außenseite heraldische Sternbilder (was von Weigels Pancosmus nicht sicher ist) und an der Innenseite ist es durchlöchert. Das Muster gibt allerdings nicht die akurate Lage der Sterne am Himmel wieder: unwahrscheinlich, dass Weigel so etwas offensichtlich Falsches produziert hätte. Da er es für Unterrichtszwecke einsetzte, muss es in seinem Original vollständig und richtig gewesen sein. Das Museumsobjekt ist eben nur für die breite Öffentlichkeit, die man für dumm verkauft (Cassiopeia und der Kleine Wagen sind vllt etwa korrekt gestanzt, der Große Wagen schon verzerrt und die Sterne, die man für die Bärinnengestalt und für den Drachen braucht, sind sehr “freihändig” gepiekt – ganz zu schweigen vom Rest des Himmels) – das Schulfach “Astronomie” wurde jetzt ja auch in Thüringen abgeschafft.
Übrigens gibt es einen ähnlichen starren Globus, in dem man von innen die Sterne als Muster sieht, auch aus dem prä-jesuitischen China. Der chinesische Globus datiert 1280 und damit ca. 400 Jahre früher als Weigels Globus 1661. Das deutet nicht denknotwendig auf Transfer hin, nur auf die gleiche Idee bei unterschiedlichen Menschen.

siehe mein früherer Post .
Sonderausstellung
Anlässlich des 400sten Geburtstags von Weigel präsentiert das Stadtmuseum in der Wechselausstellung nun aber einen “Teil 2” zu Weigel und seinem Globus bzw. seinen mehreren Globen. Hier geht es natürlich um das gesamte Leben und Wirken Weigels und keineswegs nur um die Rätsel der Wissenschaftshistoriker und Weigels Wunderhaus (mit Fahrstuhl = Stuhl-am-Flaschenzug, ein Weinbrunnen-aus-Sonnenblume und anderen technischen Spielzeugen).
Im Gegensatz zur Dauerausstellung, wo steht, dass der Pancosmus 5.5 m groß war, wird hier gesagt, dass es nur 3 Meter waren … und diese widersprüchlichen Zahlen (die nicht erläutert werden) spiegeln den Stand der Forschung wider.
Der Mathematikprofessor wird hier in seinen schillerndsten Seiten dargestellt und von einem KI-getriebenen Schulkind-von-heute interviewt.
Eigentlich hat sich in den letzten ~400 Jahren gar nicht so viel geändert. Mathematik ist immer noch eine Grundlagenwissenschaft und stellt zusammen mit der (neueren) Informatik eine der wichtigsten Säulen der Universität Jena dar.
Informatik als neue technische Auskristallisation von Mathematik hat in unserem Alltag viel mehr technische Spielzeuge und wichtige Anwendungen hervorgebracht als noch in Weigels Zeit.
Ich war mit einer indonesischen Gastwissenschaftlerin in dem Museum und war begeistert, dass Erhard Weigel in Jena derzeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. Allerdings finde ich, dass Jena diese Gallionsfigur der Wissenschafts- und Technikgeschichte etwas unterschätzt: Man hat Statuen von Carl Zeiss (Innenstadt), Ernst Abbe (am Planetarium) und Otto Schott (an seiner Villa) aufgestellt, aber noch keine von Erhard Weigel. Und das, obwohl das Weigelhaus zu den “sieben Wundern Jenas” gehörte, bevor es 1898 abgerissen worden ist. Er müsste eigentlich gleich am Paradies-Bahnhof (ja, der heißt wirklich so) mit seinen Globen (und anderen “Wundern”) die Menschen begrüßen.
Wunder
Sie sehen, im verträumten Thüringen gibt es nicht nur einen Märchenwald in einem Ort namens Wünschendorf, sondern es gibt auch an der größten Universität des Landes (Jena) sehr viel Magie (bisweilen auch Schwarze Magie: besonders in der Informatik).
Davon zeugt bspw. auch der “Magische Kalender”, der in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Es ist ein beeindruckendes Stück aus Weigels Zeit, enthält ein Gemisch aus Alchemie, Astrologie, religiösen Symbolen, Engeln und Erzengeln, Wochentagen … fürs 16./17. Jh. völlig normal:
Jedenfalls zeugt die Sonderausstellung mit ihren “hands on”-Elementen und kindgerechter Aufbereitung durchaus von museumspädagogischem Geschick. Es lohnt sich, sie noch rasch anzuschauen:







