Kugel-Globus nicht griechisch

Drei historische Globen sind erhalten, die üblicherweise der griechischen Antike zugeschrieben werden: der 60 cm große Farnese Globus, ein Marmorglobus auf einer Statue des Titanen Atlas, ein kleiner Bronze-Globus, der seit langem bekannt ist und im Römisch-Germanischen Museum in Mainz aufgetaucht ist, und ein kleiner Silberglobus. 

Der kleine Silberglobus gehört einem privaten Sammler in Paris, Herrn Kugel (das ist ein Familienname), der mir freundlicherweise die hochaufgelöste Fotos zur Verfügung stellte und deren Online-Publikation in der All Skies Encyclopaedia (ASE) genehmigte. 

https://ase.exopla.net

Der Kugel-Globus wurde um 2000 auf dem Kunstmarkt in Paris gefunden, wo er mit anderen Silberobjekten zum Kauf angeboten wurde. Der erste Fachartikel (Cuvigny 2004) datiert den Globus „ca. 2tes oder 1stes Jahrhundert v. Chr.“ und „vermutlich aus Anatolien“. Seither wird der Globus typischerweise in der Kategorie „drei griechische Globen“ in der Fachliteratur abgehandelt (vgl. Dekker 2013). 

Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten in Zeichenstil und in den dargestellten Objekten (Hoffmann 2025). Astronomisch fragwürdig ist z.B., dass das Sternbild Corona Australis dort eingezeichnet ist, das erst seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Texten belegt ist und durch eine Datierung des Kugel-Globus ein bis zwei Jahrhunderte früher eben auch früher datiert werden müsste. Auch seltsam ist die Darstellung des Sternbilds Cetus als normaler Meeressäuger (Wal) und nicht als griechisches Seeungeheuer: siehe Hoffmann, Vickers, Geymeier (2022). 

Neuigkeit

Mein internationales Team hat aber nun an weiteren Auffälligkeiten festgestellt, dass wahrscheinlich sogar die Grundannahme falsch ist, dass der Kugel-Globus der griechischen Kultur entstammt:

  • Die Große und Kleine Bärin sind als Tiger gezeichnet und nicht als Bärinnen,
  • der Dame, die im Sternbild Jungfrau dargestellt ist, fehlt nicht nur die übliche Kornähre, sondern sie trägt einen (indischen) Sari, 
  • und ihre Frisur ist chinesisch, der so genannte „Maiden Bun“ (Jungfrauen-Dutt), der erst seit dem 4. Jh. n. Chr. belegt ist. 

Es deutet also vieles darauf hin, dass dieser kleine Silberglobus von Nicolas and Alexis Kugel in Paris aus Indien sein dürfte und zahlreiche fremde Einflüsse hat – z.B. griechisch, chinesisch, vllt. auch persisch. 

Wir haben diese Anhaltspunkte nur in einem schnellen Bericht von ca. 25 Experten publiziert und hoffen, dass nun andere Kollegen, die klüger sind als wir, den Kugel-Globus endlich richtig einordnen können. Es gibt offenbar noch viel dazu zu forschen! 

Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025)

Literatur

Hélène Cuvigny, “Une sphère céleste antique en argent ciselé”, in Harald Harrauer and Rosario Pintaudi (ed.) Gedenkschrift Ulrike Horak (Florence, 2004) (= Papyrologica Florentina 34) 345-381.

Dekker, Elly (2013). Illustrating the Phaenomena, Oxford University Press

Hoffmann (2025), Some Results on the Ancient Globes, Globe Studies – The Journal of the International Coronelli Society, 69, 4169.

Hoffmann, S.M., Vickers, D. and Geymeier, M. (2022). Constellation Cetus: Whale or Monster? , in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin, 302-340

Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025). The IAU Working Group on Star Names (WGSN): Research Finds in 2025. Journal of Astronomical History and Heritage, 28(4), 1026–1038.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

2 Kommentare

  1. Tja, man legt die Dinge nicht in der Schublade ab, in die sie hingehören, sondern in der Schublade, zu der man den Schlüssel hat. Ein Beispiel ist da die amerikanische Verfassung – die Amis schreiben den Indianern einige Einflüsse zu, die womöglich eher aus Polen kommen. Damals war Polen noch die zuckende Leiche einer Großmacht und ein gefallener Stern der Demokratie, doch schon hundert Jahre später gab’s da nur ein paar abgekaute Knochen, die kaum jemand kannte, und so erschien der Gedanke zu absurd, um überhaupt darauf zu kommen.

    In Wirklichkeit war’s wohl so, dass Irokesen und Polen in ausreichend ähnlichen Welten lebten, dass sie ähnliche Ideen hatten, und die sich gegenseitig verstärkten, weil sie mit den Ideen der Franzosen, Briten und Amerikaner kompatibel waren, und das war wiederum eine Folge dessen, dass überall auf der Welt Stress unter vielen Stammes-Diktatoren erst zu einer spontanen, schlampigen Demokratie führt, bis die zu stressig wird, dann Diktatur erzwingt, die nur Stämme und Stress größer macht, und dann, wenn man das überlebt, wiederum eine professionelle Demokratie erzwingt, die von beiden dazu gelernt hat, und das Ganze mit zunehmendem Stress so viele Waschgänge durchläuft, wie es durchlaufen muss, bis eine funktionierende, demokratische Republik herauskommt, in der all die Möchtegern-Dikatoren, also alle Menschen, zähneknirschend so tun müssen, als würden sie einander total lieb haben, weil eine solche Republik ihnen viel zu viel Macht gibt, einander Stress zu machen, als dass sie das überleben könnten, und ihre egomanen Arschloch-Allüren nur durch Spiel, Spaß und konstruktiven Wettbewerb entladen können, und so ihre Egos zur überschäumenden Lebenskraft der Republik werden.

    Was funktioniert, entscheiden die Naturgesetze, nicht wir. Wir finden’s nur heraus, werden dafür mit der Fähigkeit belohnt, uns noch mehr Stress zu machen, und müssen dann noch mehr herausfinden. Wir werden in Frieden miteinander leben oder miteinander tot sein, und der Moment der Entscheidung ist der Moment, wo wir dem Tod Sensen geschmiedet haben, die des Friedensgottes würdig sind.

    Und wenn wir das schnelle Vergessen und den Image-Wandel auf die ganze Weltgeschichte extrapolieren, könnte es sein, dass wir die großen Zivilisationen einfach überschätzen, weil ihre Leistungen Beutekunst sind – wie wir die Römer überschätzen, die ihre Zivilisation von Etruskern, Karthagern, vor allem Griechen zusammengeklaut haben, und den technologischen Fortschritt massiv ausbremsten, wie es Amerika heute mit dem Erbe all der Einwanderer tut.

    Ich denke dabei an Atlantis. An all die Kulturen, die ihr Erbe an den Nil getragen haben, als die Sahara austrocknete. Ihre Städte müssen immer noch irgendwo unterm Sand begraben sein. Ich denke an die Sumerer, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten – all ihre Kultur muss irgendwo entstanden sein. Das muss nicht merklich geschehen – an vielen Orten werden winzige Keime geschmiedet, die erst explodieren, wenn sie sich zufällig zu einer Zivilisationsbombe zusammensetzen.

    Ich meine, ein paar Äffchen joggen aus Afrika in die Welt, und eine Million Jahre lang erfinden sie nur ein paar Knochennadeln, Leder gerben und Pfeil und Bogen, ihre Körper entwickeln sich schneller als ihr Wissen und Können. Und vor etwa fünf Minuten beschließt so ein Äffchen plötzlich– ah, ich bau mir eine Pyramide und dann fliege ich zum Mond. Wie geht so was?

    Was wir so alles nicht wissen. Was wir so alles wissen und ignorieren, weil die Popkultur es nicht kennt, und deswegen auch Fachleute kaum je den Ansporn finden, daran zu denken.

    Im Grunde ist die ganze Geschichtsforschung, wie das Szenario von Hangover: Wir wachen verkatert auf, wissen, dass wir gesoffen haben, aber auch nicht mehr, und dann stolpern wir immer wieder über unerwartete Konsequenzen, die all unsere Versuche, die durchzechte Nacht zu rekonstruieren, auf den Kopf stellen.

    Wenn Sie sich also mit Geschichte beschäftigen, sollten Sie also akzeptieren, dass Sie jeden Dienstag einen Knochen oder eine Vase – vielleicht einen Globus – finden, der alles, was Sie bislang zu wissen glaubten, übern Haufen wirft, und nicht gleich mit einem Nervenzusammenbruch zu reagieren. Gehört zum Job. Egal wie oft Sie die Scherben aufkehren müssen – jedes Mal, wenn eine neue Scherbe dazu kommt, ersetzt sie einen Fudge Factor. Und ganz egal, wie absurd das Zwischenprodukt manchmal aussieht – mit jedem Waschgang nähern Sie sich dem Ideal.

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