Astronomie des „Löwenhoroskop“s

Die schmale Mondsichel nähert sich heute dem Stern im Herzen des Löwen, der „Regulus“ (kleiner König) genannt wird. Den Mond sieht man natürlich auch tags, aber freiäugig unsichtbar ist der Stern, wenn gegen 17:00 heute die nächste Annäherung stattfindet: siehe Simulation unten. Der Abstand beträgt etwa 1°, was zu weit ist, um in Teleskopoptik zu passen und freiäugig ist der Stern nicht im Hellen sichtbar (wahrscheinlich auch nicht mit Gesichtsfeldbeschränkung, was bei Venus und Sirius funktionieren könnte – aber wohl nicht hier): die Konstellation steht dann ziemlich hoch gen Süden.
Ein solches Szenario von Mondsichel neben Regulus soll angeblich auch auf dem berühmten Löwenrelief von Nemrut Dağı im Südosten der Türkei dargestellt sein: Es wird in der Literatur häufig „Löwenhoroskop“ genannt, obwohl es eigentlich keine Vorhersagen enthält, sondern nur ein Löwen-Bild mit Sternchen ist. Die TOPOI-Ausstellung „Jenseits des Horizonts“ schrieb darüber 2012, es sei das älteste Horoskop der Welt. (Als Historikerin bin ich immer vorsichtig mit solchen Superlativen, denn – im Gegensatz zum Sport – geht’s in der Geschichtsforschung nicht darum, was/wer „erster“ war, sondern wie sich Erkenntnis entwickelt – genauer gesagt: die Datensammlung dafür, also wie alt ist ein bestimmtes Objekt/Text/Bild und was kommt danach/davor. Solche Aussagen mit „älteste“ bitte stets durch die popkulturell-reißerische Brille lesen!)
Analogie zum sog. „Löwenhoroskop“
Das Problem mit der Interpretation des Löwenbildes ist, dass die drei großen Asterisken, die mit blumigen griechischen Bezeichnungen für die Planeten Merkur, Mars und Jupiter beschriftet sind, über dem Rücken des Löwen dargestellt sind. Dort hält sich kein vernünftiger Planet am Himmel auf: es ist viel zu weit nördlich, d.h. das Stein-Abbild ist (natürlich) keine Sternkarte.
Die zunehmende Mondsichel unter Regulus ist, wie z.B. heute Nachmittag, eine Konstellation, die im Juni auftreten kann. Wenn man nicht den zunehmenden, sondern abnehmenden Mond betrachtet, wird sich so eine Konstellation dieses Jahr im Oktober (am Morgenhimmel) ereignen – sogar mit zwei der drei genannten Planeten.


Dass die Planeten über dem Löwen und mithin zu weit nördlich dargestellt sind, um etwas mit der Realität am Himmel zu tun zu haben, ist ein erster offensichtlicher Hinweis darauf, dass es sich hier nicht um eine reale Konstellation handeln kann. Dass die beiden Sterne in der Mitte (b Leo und chi Leo, und auch 93 Leo, wo ich den Balken zu zeichnen vergaß) nur in der Breitenkoordinate falsch sind, mag man verzeihen, da in zeitgenössischen astronomischen und astrologischen Werken die Breitenkoordinate meist nicht betrachtet wurde. Die Darstellung der Mondsichel unter Regulus allerdings ist der ultimative Beweis für die künstlerische Freiheit, denn (a) ist der Mond niemals schiffchenförmig unter dem Stern, denn dann müsste die Sonne im Sternbild Hydra stehen (was bekanntlich nicht im Tierkreis liegt) und (b) würde in realitas kein Stern durch den Mondkörper scheinen: der Mondkörper (im All) wird schließlich nicht durchsichtig, wenn uns der Mond am Himmel als Sichel erscheint. Übrigens habe ich auch noch nie gesehen, dass ein Löwe die hintere Hälfte seines Schwanzes s-förmig hochstellt, während der vorderere Teil des Schwanze herunterhängt – aber bekanntlich verstehen Astronomen nicht viel von Biologie (siehe Sternbild „Walfisch“) und darum maße ich mir hier kein Urteil an.
Die „Fehlerbalken“ der Sterne von 3° bis 5°, die die Astrologen meist nicht bedenken, wenn sie versuchen herauszufinden, wann dieses so genannte „Horoskop“ datiert, suggerieren, dass dieses Bild nach visuellen Vorlagen (Handzeichnungen, Skizzen) nach textlicher Beschreibung und nicht nach Himmelsanblick erstellt wurde.
Es wird mitunter Eratosthenes als Quelle vorgeschlagen, aber das kann schon deshalb nicht sein, weil Eratosthenes im Kopf des Löwen einen Stern zu wenig angibt und dieses Bild einen zu viel zeigt. (Wo Archäologen normalerweise Locken zählen, sollten wir hier doch Sterne zählen.)
Der langen Rede kurzer Sinn: moderne Historiker mögen sich mit Orakeln überschlagen, welche astronomische Konstellation hier dargestellt sein könnte, aber das Bild ist per se nicht datierbar! Auch nicht mit Berechnungen. Die Unsicherheiten (Fehlerbalken der Sternpositionen, Mond und Planeten als symbolische Formen im Sinne Cassirers und nicht als Sternkarte) sind viel zu groß, als dass es sich lohnen würde, aus diesem Bild irgendetwas zu schließen.
Darum streckt der Löwe von Kommagene (wie Einstein) die Zunge raus und lacht uns für solche Versuche aus!




Ockhams Rasiermesser sagt mir, dass der Auftraggeber wohl einfach ein hübsches Stück Tinnef fürs Wohnzimmer haben wollte, sodass der Künstler sich ähnliche Reliefs und Skulpturen ansah, ohne eine Sekunde daran zu denken, einen Astronomen zu konsultieren. Wenn Sie reich sind, brauchen Sie sich um Realität nicht mehr zu scheren und umgeben sich mit zunehmend verwaschenen, gasförmigen, vergeistigten Fakes, nennt man Inflation. Jeder Stern funktioniert nach dem Prinzip Masse ansammeln, Überschuss an Energie ziellos abstrahlen. Von dieser Energie leben Künstler und Bäume und alles andere, was im Sonnensystem so lebt. Im Grunde sind wir eine Künstlerkolonne, die dem Mäzen Sonne in den Hintern kriecht. Zwecks Nebenverdienst schaffen wir uns Fake-Sonnen, also Sonnenkönige wie Trump oder Börsen. Und wenn Sie sich die Hierarchien im All ansehen, dürfte die Sonne auch ein mutiertes, verdrehtes Fake von einem Fake von einem Fake sein, das selbst Fakes von sich schafft, mit anderen Worten – der Mensch fällt in das Fachgebiet des Astronomen.
Alles, was wir tun, ist ein Kompromiss aus Wollen und Umwelt. Wenn wir uns an die Umwelt anpassen müssen, machen wir Dinge, die von der Umwelt geformt wurden. Wenn wir die Umwelt an uns anpassen, machen wir Dinge, die von unseren Wünschen, Träumen, Vorstellungen geformt wurden. Ist so ein Tauziehen, dass der Mensch immer wieder verliert, wie ein Fisch, der am Haken zappelt und immer wieder glaubt, gewonnen zu haben, bloß weil der Angler ihm ab und zu etwas Schnur lässt.
So als Pi mal Daumen -Regel für Archäologen könnte man vorschlagen: Je reicher die Kultur war, je kostbarer das Material, je mehr Können der Künstler erworben haben musste, um das Objekt herzustellen – desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass man darauf ein Abbild der damaligen Realität sieht und nicht bloß deren Launen. Das heißt, der Regler geht dann weg vom Sinn und Zweck und realen Vorlagen und hin zur Freudschen Traumdeutung.
interessante Hypothese: heißt das, Reiche fördern Wissenschaft so wenig, weil ihnen Wahrheitsliebe nichts bedeutet? Das wäre schade. Frei nach dem Motto „der dümmste Bauer hat die dicksten Kartoffeln“ könnte man das meinen…
Wenn ich groß bin, werde ich reich – dann wird es mindestens eine Reiche geben, die die Wahrheit liebt.