“Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt”

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Das obige Zitat Ernst Reuters von 1948 geht heute mal wieder in Erfüllung. Es ist m.E. der Satz des Tages! Wegen des ungewöhnlich zahlreichen hohen Staatsbesuchs habe ich heute von der StaBi zur TU fast eine Stunde gebraucht, obwohl ich die Strecke normalerweise (& bei gutem Wetter) mit dem Rad in guten 15 min zurücklege.

Als ich heute morgen das Radio eingeschaltet habe, war das erste, das ich bei BBC hörte ein trabifahrender Berliner, der über die "Mauer in den Köpfen" interviewt wurde. Bereits seit einigen Tagen habe ich oft Reportagen und Berichte gehört, die über Berlin, das Brandenburger Tor und das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen berichteten: eben das ganze breite Spektrum der DDR, die Pros und Con’s des sozialistischen dt. Staates und der Wiedervereinigung.

Eigentlich müsste dieser Beitrag wohl in die ChronoLogs, aber ich bin nunmal derzeit bei den KosmoLogs angesiedelt. Und die Wende betraf ja auch astronomische Belange: Insbes. für die jüngste Kosmosforschung, nämlich im Weltraum, hat sich einiges geändert in den 1990ern. Ich weiß noch gut, wie die Überschriften der Kolumnen, Berichte und Reportagen schwankten zwischen einem euphorischen "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört" und einem vorsichtig-verhaltenen bis fast schon ängstlichen "Was wird jetzt aus der Raumfahrt?".

Die Geschichte der Raumfahrt ist schließlich schon seit den 1930ern nicht mehr eine Geschichte der visionären Träumer und Künstler (wie in den "goldenen 1920ern", als die UFA durch den Fritz Lang-Film "Frau im Mond" mit Hermann Oberth beratend am Set und die zugehörigen PR-Maßnahmen die Popularisierung und Entwicklung von Raketen förderte), sondern eine Geschichte des Krieges: Erst vereinnahmt als "Wunderwaffe" der NS-Propaganda und anschließend ein zentrales Element der Geschichte des Kalten Krieges. … Selbstverständlich war mit dem Ende des Kalten Krieges – so sehr es uns alle sicher freute – auch die weitere Entwicklung der Raumfahrt für manche Leute in Frage gestellt.

Glücklicherweise kulminierte dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte trotzdem in dem größten (teuersten!) zivilen Projekt unserer Geschichte: der Internationalen Raumstation (ISS).

Berlin stand Kopf

Im Kolloquium für Zeitgeschichte an der FU erlebte ich letzte Woche eine Podiumsdiskussion unseres Professors Paul Nolte (mitte im obigen Bild) mit dem ost-dt. Theologen Joachim Gauck (links im Bild) und dem west-dt. Prof für Geschichte Martin Sabrow (Dir. des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam). Beide erzählten, wie sie persönlich die Novembertage 1989 erlebt haben: Gauck demonstrierte in Rostock, Sabrow – damals noch Studienrat (Gymnasiallehrer) – hat es verschlafen; mittlerweile ist er aber aufgewacht und forscht zur jüngsten dt Geschichte. Wink

Ich selbst war voll innerer Bewegung bei den Gedanken an jene Zeit und bin seither relativ sicher, dass ich wahrscheinlich nicht zu diesem Teil der Geschichte arbeiten werde: persönliche Befangenheit, wenn die Historikerin zur Zeitzeugin wird. Ich fieberte damals mit den Demonstrierenden – und spürte die Angst bei den Demos, dass wieder Panzer anrücken könnten…  Diese Angst vor Gewalt und Überwachung und Terror der Staatssicherheit war natürlich noch viel stärker bei Leuten wie Joachim Gauck, die im Rampenlicht standen: Das schilderte er am Donnerstag selbst sehr lebhaft in Geschichten und Berichten.

Persönlich verstehe ich nicht, wieso so viele Menschen in Deutschland dies nicht mitfühlen können. Diese gigantischen Gefühle, die die Beteiligten von damals spür(t)en, erlebten die Berliner nun [heute] nochmals, als die Dominostein-Mauer aus Styropur am heutigen Montag Abend umgeworfen wurde. Wer es bisher noch nicht gemerkt hat, weiß es nun bestimmt: Die Mauer ist weg, es gibt nicht mehr zwei politische Deutschländer, sondern eins.

Gefühle kann man wohl einfach nicht mit Worten übertragen, vielleicht auch nicht mit Bildern (aber schon eher). Darum sind sie schwer wahrnehmbar für alle, die nicht dabei waren. Und, so erklärt Gauck, als er danach gefragt wird "4/5 aller Deutschen waren nicht dabei!" In der Tat, mag das ein Grund sein für die Mauer in den Köpfen und vieles mehr: Es berührt viele nicht in ihrem Alltag, schade!

persönliche Bemerkung von mir:

In diesem Frühjahr bei unserem Berliner SpaceCamp hatte ich das gleiche Gefühl wie vor mehr als zehn Jahren, dass die Teens, die nach Berlin kommen, neugierig wissen wollen, wo die Mauer stand. Aber damals wollten sie lediglich 3d-sehen, was sie vom Bildschirm kannten; die jetzigen Teens waren noch nicht geboren, als das alles geschah. Indoktriniert von ihren Eltern haben sie entweder westliche oder östliche Klischees und Vorurteile runtergebetet (so auch in Radioberichten von anderen festgestellt wurde, die ich heute auf verschiedenen Sendern von InfoRadio bis BBC hörte) und ich finde, wir sollten an dieser Stelle viel Aufklärungsarbeit leisten. DDR-Museen sind dazu gewiss eine prima Gelegenheit – bzw eben dafür notwendig ist zeithistorische Forschung. 

Heute schaue ich auf Google und sehe dieses Logo (20 Jahre Mauerfall):

Die Art des Schwenkens der dt. Fahne erinnert mich sehr an Abbildungen zum "Sturm auf die Bastille" genau 200 Jahre zuvor! So wie die Franzosen vor 200 Jahren die Mauern der Standesgrenzen einrissen, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kämpften, taten es 200 Jahre später auch die Deutschen von östlicher Seite. Vielleicht wird es eines Tages auch dazu Musicals wie dieses geben – jedenfalls war für mich persönlich wohl dies das bewegendste und prägendste politische Ereignis in meinem Leben.

Das Brandenburger Tor als Wahrzeichen für Teilung und Kalten Krieg erlebte hernach einen U-turn von Bedeutungswandel; es wurde zum Wahrzeichen von friedlicher Revolution, Wiedervereinigung, Frieden und Freiheit!  

 

 

Mögen weitere solche Wunder geschehen, wenn "Wunder" etwas meint, das großartig/ positiv ist und womit man nicht gerechnet hat, dass es (jetzt/ schon) geschieht.

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Susanne M. Hoffmann

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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