Historiker:innen Jahrestagung

Freiheitstatue (Foto von 2016)

Von der KI geschriebene Hausarbeiten

Es war das Thema Nr. 1 auf dieser Konferenz: ChatGPT war eines der großen Themen auf der Jahrestagung der Historiker in Philadelphia, zu der ich kürzlich eingeladen war. Auch andere Blogger-Kollegen hatten darüber berichtet, z.B. Gehirn und KI, Natur des Glaubens und Hirn und Weg (Nachtrag vom 21.1.: nochmal Michael Blume). Es handelt sich hierbei um eine künstliche Intelligenz, bei der man eine Frage stellt und die KI beantwortet diese dann. Was für das Schreiben eines Weihnachtsblogpost unterhaltsam sein mag, hat die nächste Generation schon längst für sich zum Spicken entdeckt: Die große Sorge von Dozierenden an Universitäten/ Lehrkräften in Schulen ist der Missbrauch von dieser Maschinen (und ähnlichen) für Betrug (auch: The Atlantic, Spiegel, bayrischer Schulversuch).

In der Schule kennen es alle und auch unter Studierenden spricht es sich herum. Lehrende testen es daher auch und schauen, was dabei herauskommt. Unser Resümee bisher ist: 

  • Für Schule und Grundstudium kann die Maschine schon Texte liefern, die auch von einem Schüler kommen könnten. Nicht unbedingt vom Klügsten der Schüler, aber Sätze, die grammatisch und orthografisch richtig sind, aber hinreichend divers bei verschiedenen Suchanfragen, dass eine Lehrkraft nicht unterscheiden kann, ob der Schüler einfach einen schlechten Tag hatte oder es die Maschine war. Konsequenz: reine Wissensabfragen als Hausarbeit wie “fasse den Inhalt des Versailler Vertrags zusammen” sind damit obsolet, weil sie immer gemogelt sein werden. Auch einfache Programmieraufgaben im Informatik-Unterricht schreibt einem die KI schneller und fehlerfreier als man selbst – erst recht, wenn man (als Schüler naturgemäß) erst lernt.
  • ABER spätestens bei einer mündlichen Prüfung merkt man, wer es wirklich kann und einen Text nur von der KI hat schreiben lassen. 
  • UND spätestens im Hauptstudium (Master-Studium) reicht der KI Text eben nicht mehr.
  • Je spezieller das Fach bzw. das Thema ist, desto früher hilft die KI nicht: Meine Schülerinnen, die vor ~2 Jahren mit ihrer Jugend-Forscht-Arbeit der Rekonstruktion ptolemäischer Sternbilder für Stellarium einen Sonderpreis gewannen, hätten sich davon nicht helfen lassen können: das wäre komplett daneben gegangen und nicht preiswürdig (obwohl Schulniveau). Auch Masterarbeiten, Doktorarbeiten etc. können davon noch nicht geschrieben werden (zumindest in meinen Fächern, d.i. hauptsächlich Wissenschaftsgeschichte in Nebenthemen der Digital Humanities, Informatik, Archäologie, Philologien u.a.) 
  • Doch auch wenn sie es jetzt “noch” nicht können: Die Maschinen werden ja weiterentwickelt… 
  • … und das ist auch gut so, denn insbesondere die Abschlussarbeiten (BA/ MA) von Physikern sind leider häufig so grottenschlecht geschrieben, dass ich mir wünschte, die hätten ihre klugen Inhalte von einem professionellen Autor zu Papier bringen lassen. 

In meinem Beruf ist daher das Thema vor allem, dass die neuen Technologien das Lehren komplett verändern werden. Ängstlich sind da die wenigsten. Verbieten kann man es genauso wenig, wie man Taschenrechner verbieten konnte. Im Gegenteil, die Schule (und für uns an den Universitäten eben diese, die HochSCHULE) muss einfach den korrekten Umgang damit lehren. 

Richtiger Umgang wäre

  • Bewusstsein des Lernens als notwendigen Prozess für das Individuum (der berühmte Eltern-Satz “du lernst nicht für den Lehrer, nicht für die Schule, sondern für Dich selbst”, der schon in der Grundschule gilt, aber erst mit Ende der SchulPFLICHT nach der zehnten Klasse vollends als wahr empfunden wird). Man muss lernen wollen und sich selbst herausfordern, z.B. indem man die Technik eben nur als Unterstützung nutzt und nicht, um die Hausarbeit an des Menschen statt zu erledigen. 
  • Das Bewusstsein des Lernens schließt daher ein, dass man Fehler machen darf. Es geht um das lernen/ trainieren und nicht um die gute Note (“der Weg ist das Ziel”? nja, auch das Ziel ist das Ziel). Das müssen Lehrkräfte genauso wie Schüler (und bei den jüngeren deren Eltern) neu lernen. Fehler gehören zum Menschsein und zum Lernen dazu. In der Informatik ist diese positive Fehlerkultur durch das Agile Manifest schon lange etabliert; es sollte in der Praxis weitere Kreise ziehen.
  • Lernen muss man nicht nur Fakten und Methoden, sondern auch Kulturtechniken (wie den Umgang mit dem Taschenrechner und jetzt eben mit der KI). 
  • Der beste Einsatz von ChatGPT wäre z.B. als Ideengeber zur Überbrückung von Schreibblockaden. Ähnlich wie bei der WIKIPEDIA (die vor 20 Jahren auch noch manche Dozierende in geisteswissenschaftlichen Studiengängen verbieten wollten) reicht es nicht, einen wikipedia-Artikel als Hausarbeit abzugeben, aber man kann ihn lesen, um sich einen Überblick zu verschaffen und dann gezielter nach Referenzen (den in der wikipedia unten angegebenen: Belegpflicht!) in der Fachliteratur zu suchen.
    • Wikipedia ist also wie weiser Bibliothekar, der freundlicherweise schon ein paar Bücher paraphrasiert hat, aber lesen muss man die Bücher trotzdem selbst (man wird sie vllt anders lesen).
    • Den Taschenrechner muss richtig bedient werden, d.h. eine Überschlagsrechnung zwecks deren Prüfung ist sinnvoll.
    • Ähnlich ist es mit ChatGPT: man kann sich z.B. eine erste Gliederung einer Seminarfacharbeit ausgeben lassen, muss aber dann immer noch mit dem eigenen Hirn prüfen, ob das im speziellen Thema sinnvoll ist. So, als würde man Schüler/ Studies aus höheren Semestern fragen, um sich einen Eindruck zu machen, wie sowas prinzipiell aussieht. 

Für uns als Fachleute an den Universitäten, die wir jüngeren einen Beruf beibringen – ebenso wie Gymnasiallehrkräfte, die zum Abitur führen: Wir müssen also heute mehr denn je und auf allen Ausbildungsstufen Medienkompetenzen lehren! (siehe oben verlinkter bayrischer Schulversuch)

Ein Freund von mir fasste das kürzlich sehr klug zusammen: 

Eigentlich wissen wir längst wie es geht: Die Menschheit hat Fahrräder, Autos, Züge und Busse erfunden, aber jedes frisch geborene Kind lernt dennoch erstmal laufen. Wir haben allerlei Hilfsmittel und Technologien entwickelt und trotzdem betreiben wir Sport (in der Schule und idealerweise auch danach), um unsere Körper fit zu halten und bis ins Alter gesund zu bleiben. Für kognitive Bereiche müssen wir es genauso machen: Wir müssen erstmal schreiben mit der Hand und an der Tastatur lernen, Sprachtechniken & Argumentationsstile einüben, bevor wir in der Lage sind, die technischen Hilfsmittel wie ChatGPT überhaupt richtig im Alltag nutzbringend einzusetzen. 

Das gleiche gilt auch für Fremdsprachen: Natürlich gibt es Hilfsmittel wie GoogleTranslate, DEEPL und viele weitere, aber keine von denen ersetzt einen Menschen mit dem Beruf des Übersetzers/ Dolmetschers. Die Maschinen ersetzen nur dumme Menschen. Bildung wird also immer wichtiger – sonst gibt es auch bald niemanden mehr, der solche Maschinen wartet, baut und entwickelt. Darum werden sie zwar unseren Alltag und das Lernen/ Lehren verändern, aber es liegt an uns, dass ihre Wirkung positiv ist. Vernunft ist wichtiger denn je!

Themen der Geschichte im Unterricht 

Ich persönlich bin Naturwissenschaftshistorikerin, was sich (mit großem Zusatzaufwand) mit einem Physikstudium vereinbaren ließ. Darum besuchte ich auch eine Session, in der es um “teaching history at STEM faculties” ging. “STEM” ist das englische Äquivalent für “MINT”, also ein Oberbegriff für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Abgesehen davon, dass man methodisch das Lehren verändern muss, sind manche Historiker:innen auch der Meinung, dass man an MINT-Fakultäten nicht immer nur Wissenschaftsgeschichte, sondern auch “Geschichte der Schwarzen”, “Geschichte der Frauen” und andere Themen der Gesellschaft unterrichten sollte. 

Das halte ich persönlich für keine gute Idee. Ich bin mir relativ sicher, dass ich als Studentin keine solche Veranstaltung besucht hätte, denn mich interessierte Physik und (i) nicht, warum manche Frauen sich dafür nicht interessieren & wie viele das sind, und auch nicht, (ii) dass früheren Jahrhunderten weniger Frauen Zugang zu Bildung hatten. Ich hätte mich in der Frauenforschung eher als Gegenstand der Forschung gefühlt, als dass ich etwas übers Thema gelernt hätte (und auch wenn ich das aus der “ich”-Perspektive formuliere, weiß ich, dass es meinen Kommilitoninnen im Physikstudium genauso ging! In dieser Hinsicht waren wir uns semester-übergreifend sehr einig). Zwar stimmt auch, dass ich später im Berufsleben mitunter merkte, dass manche Männer-Rüpel sich frauenfeindlich benahmen, ohne es zu merken: denen hätte etwas mehr Sensibilität für diese Themen & früheren Fehler sicher geholfen. Ich denke aber, dass man dies nicht durch Geschichtsunterricht im Physikstudium ändern würde, sondern durch “gute Kinderstube”. 

Übrigens ist einer der Gründe für mich als physikinteressierte Frau, dass ich gern als Wissenschaftshistorikerin forsche, weil ich in diesem Fach einfach meine Forschung machen kann (und ich habe auch meinen Berufsstolz!). Wenn ich in der Physik arbeite, bin ich 80% meiner Zeit “Vorzeigefrau”, “Quotenfrau”, “Rollenvorbild” (kurz: meine Eigenschaft “Frau” ist für die anderen interessanter als mein Fachwissen, das nervt!), und werde dazu gezwungen, mich mit Fragen zu beschäftigen, warum sich so wenige Frauen für Physik interessieren. Ehrlich gesagt, ist mir das wurscht, denn ich interessiere mich eben für Physik, Mathematik, Informatik, Technik – und nicht für die Interessen anderer Frauen. (Und – im Schulsprech – auch nicht dafür, ob ich das einzige Mädchen im Raum bin: wenn das die Jungs ebenso wenig interessiert, weil sie sich für Physik etc. interessieren, haben wir gewonnen, obwohl ein geringerer Testosterongehalt in der Physik oft sinnvoll wäre: siehe frühere Posts 1 & 2, wie man an den anderen Diskussionsstilen in den Geisteswissenschaften erlebt).

Zugreisen in den USA: zuerst von New York nach Washington …
… dann weiter nach Philadelphia und zurück zum Flughafen mit “Air Train”.

Schreibende Künste: Historiker – Journalist: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Es gab auch einige sehr interessante Sessions hierzu. Für Laien häufig kaum unterscheidbar, arbeiten sie mit ähnlichen Methoden: Beide gehen einer Recherche-Frage nach und beantworten sie mit Fakten, die sie finden. Nur dass Journalisten oft nicht an alle Infos kommen, weil manches in der Politik “geheim” ist und dass Historiker nicht alle Infos zur Verfügung haben, weil der Zahn der Zeit sie weggeknabbert hat. 

In beiden Disziplinen gilt daher: “hypothesis non fingo”! Wir fingieren keine Fakten, dichten nichts hinzu, erfinden keine “alternativen Fakten”, sondern wir verwenden das, was an Fakten sicher da ist. Manchmal muss man aus dem Kontext schließen, d.h. man hat die Info nicht unmittelbar im Tagebuch des untersuchten Protagonisten, aber in der Weltgeschichte drum herum. So ergeben sich ein paar weitere Fakten durch logisches Schließen, aber auch einige weitere Puzzelsteine zum Narrativ dessen, was man niederschreibt. 

Gemeinsam ist beiden, dass man anfangs eine klare Frage stellt, Fakten zusammenträgt und dann abschließend die Recherche-Frage beantwortet – obschon die Antwort natürlich stets eine vorläufige sein muss, die mit neuen Fakten später revidiert werden kann. Das ist also wie mit jeder Art von Forschung, immer das gleiche. Ein fundamentaler Unterschied zwischen Journalisten und Historikern ist der Umgang mit Zeit in ihrem jeweiligen persönlichen Alltag: 

  • Journalisten schreiben für ein Journal, eine Zeitung, ein Buch oder eine Bericht in den Fernsehnachhrichten des Abends … so dass es immer einen sehr genauen Erscheinungstermin gibt. Wenn es bis dahin nicht fertig ist, war alle Arbeit umsonst und der Journalist bekommt kein Geld, weil er nicht liefert. 
  • Historiker hingegen schreiben ihre Forschung auf und ob das heute oder morgen in den Druck geht, ist ihnen häufig egal. Als jemand, der aus der Astrophysik kommt und dessen Diplombetreuer (zum Glück) sehr hinterher war, dass man Abgabe-Termine einhält, weil er (berechtigt) der Meinung war, dass das wichtig ist, dass man das von klein auf lernt – für so jemanden wie mich ist es bis heute (nach 15 Jahren in der Forschung als Wissenschaftshistorikerin) ein Absurdum, dass manche Konferenzbände von Geisteswissenschaftlern erst fünf Jahre nach der Tagung erscheinen! Für Journalisten, deren Deadlines ähnlich eng liegen wie für Astrophysiker, wären das eben fünf Steuererklärungen später (und wovon man in der Zeit die Familie ernähren soll, ist ebenfalls fraglich). 

Die längeren Diskussionen, was Historiker und Wissenschaftsjournalisten von einander lernen können, resümierten daher die Historiker und Journalisten in dieser Session: 

  • Journalisten sollten mehr Wertschätzungen ausdrücken, d.h. insbes. Referenzen angeben. Man kann das nicht so ausführlich machen wie Historiker (dafür reicht der Platz in der Druckseite von Zeitungen nicht), aber man kann schreiben “laut einer Studie von X …” und hat die Referenz angegeben. 
  • Historiker sollten lernen, sich an Termine und Deadlines zu halten. Forschung ist niemals abgeschlossen und wenn man heute etwas publiziert und morgen jemand einen neuen Fakt findet, ändert man seine Meinung. So funktioniert nun einmal Forschung. Es wird niemals fertig sein, auch wenn man etwas erst auf dem Sterbebett publiziert – also sollte man es sofort machen, damit man seine Gedanken anderen zur Verfügung stellt. 
Philadelphia ist nicht nur die Stadt, in der die USA gegründet wurden: Einer der Unterzeichner ist auch Benjamin Franklin, der Erfinder des Blitzableiters (u.a.), der in der Stadt ein Denkmal in seinem Hauptberuf (Drucker) erhalten hat. Die Landvermesser (mit astronomischer Methode) Mason und Dixon haben ebenfalls Denkmal und zwar vorm Freimaurer-Tempel, dessen weite Pforte mit dem Schild “Members Only” verstellt war. Beeindruckend fand ich vor allem das “Science History” Institut: einen sehr hohen schmalen Palast aus Glas und Metall, in dessen Erdgeschoss sich ein kostenloses Mini-Museum befindet.
Panoramabild des “Museums”: Machart nicht besonders spektakulär, sondern typisch Forschungsinstitut – aber es geht über 2 Etagen und es gibt stets aktuelle Ausstellungen.

Geschichtsforschung in den USA

Faszinierend für mich als Europäerin war auch, eine Geschichte-Konferenz auf einem anderen Kontinent zu erleben. In Europa sind Institute für Geschichte stets in vier Epochen aufgeteilt: Altertum, Mittelalter, Frühe Neuzeit und Zeitgeschichte. Da wir hier auf sehr engem Raum zusammenleben, ist die antike römische Kultur noch immer in vielerlei Hinsicht prägend (alle romanischen Sprachen stammen vom Latein ab, viele Fachwörter auch), das römische Großreich hat sich vieles von Alexanders abgeschaut, d.h. einem Makedonen, der weitere Teile der damals bekannten Welt unterwarf und in dessen Reich im Folgenden “das Griechische” neu erfunden wurde. Unsere europäische Kulturgeschichte lässt sich daher mindestens 2000 Jahre recht einheitlich (mit zahlreichen Verzweigungen, selbstredend) zurück verfolgen und in Alexanders Großreich mit den Kulturen des so genannten Orients verknüpfen. 

In den USA gibt es all das aber nicht. Die Geschichte dieses Staates ist ca. ein viertel Millennium jung. In New York war ich vor einigen Jahren in einem alten Haus zu Gast, das mitten unter den Sky Scrapern von Manhatten steht und “ur-alt” genannt wird, weil es einer der freigelassenen Sklaven aus der Entourage von George Washington gebaut hat. Dieses “ur-alte” Haus ist also nicht wie die Porta Nigra 2000 Jahre alt, sondern ein Zehntel davon. 

Entsprechend liegt der Schwerpunkt der Geschichtsforschung in den USA eben auch auf der Neueren Geschichte und vor allem auf der Zeitgeschichte, also der Geschichte des letzten Jahrhunderts. Alles, was da passiert ist, wirkt noch viel unmittelbarer auf die Gegenwart als die europäische Antike: Da haben wir die zwei Weltkriege, die von den Deutschen angezettelt wurden, die Gründung der NATO (getrieben durch die USA, um die Deutschen klein zu halten, wobei sich dieser Fokus im Lauf der folgenden Jahrzehnte ganz schnell änderte) und die deutsche Wiedervereinigung, die global betrachtet ganz neue Maßstäbe und Perspektiven setzte (in vielerlei Hinsicht: aus der Perspektive der einfachen Leute des Volkes sicher anders als aus der Perspektive der Weltpolitik und mit Blick auf unsere engagierten, ungerecht zurückgestellten östlichen Nachbarn). Dies einmal auf einem US-Kongress zu hören von Leuten, die nicht wissen, dass eine Deutsche im Raum ist (denn das sieht man mir zum Glück nicht an), war für mich seeehr beeindruckend! 

Der Schwerpunkt in der Zeitgeschichte führt naturgemäß auch dazu, dass die Geschichtsforschung näher am Journalismus ist. Kennt man die Geschichte der NATO der letzten 70 Jahre sehr genau, kann man auch besser als Berater:in in der Politik arbeiten. Geschichtsforschung als akademisches Fach ist daher nicht so weit weg von gut bezahlten Berufen wie in “good old Europe”, sondern man bildet direkt für den Arbeitsmarkt aus: auch vorteilhaft!

Washington: Lincoln wird nicht nur in seinem Memorial gottgleich verehrt, sondern auch an jeder Straßenecke, zahlreichen Parks. Bei seinen Denkmale geht es so bunt zu wie an dem für Martin Luther King.

Erlebte Geschichte: die drei Hauptstädte der USA

Der Bahnhof von New York und die Bar in dem Haus, das ein Diener von G. Washington in Manhatten baute: weil von dem “B” der Leuchtreklame die Bäuche nicht mehr leuchten, nennt es sich jetzt liebevoll “EAR’s Inn“.

Die USA wurden in Philadelphia [der “city of brotherly love” von griechisch “phil”=Liebe “adelphos”=Bruder. wo also freie Bürger einander gleichgestellt betrachtet wurden] gegründet. Dort formulierten im Jahre 1776 ein paar Bürger der britischen Kolonie Pennsylvania [Herr Penn war britischer Bürger, “sylva”=wald, Latein – also das waldreiche Land des Herrn Penn auf dem “neuen” Kontinent] die Unabhängigkeitserklärung. Im Parlamentsgebäude, in dem diese verkündet und die Verfassung der USA in den folgenden Jahren erarbeitet und 1786 ausgerufen wurde, steht noch und ist ein Museum: Independence Hall. Auf dem heutigen Rathaus der Stadt steht eine Statue von Herrn Penn, die als die größte Dachspitzenstatue der Welt gilt. Die Glocke, die dort einst hing und zur Verkündigung der Freiheit eingesetzt wurde – die so genannte Liberty Bell – ist in der Folgezeit ein Wahrzeichen der USA geworden: Sie wurde für alle Freiheitskämpfe (Abschaffung der Sklaverei, Gleichstellung der Schwarzen) eingesetzt, hat allerdings einen Riss, der nach einem Reparaturversuch im 19. Jahrhundert nur noch größer wurde und ist inzwischen (seit 2003) in einem neu gebauten Museum neben der Independence Hall ausgestellt. Bereits für die Freiheitskämpfe der Frauenbewegungen im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert wurde eine weitere “Liberty Bell der Frauen” eingefertigt, weil diese nicht mehr genutzt werden konnte. 

Eine Freiheitsglocke, die der amerikanischen Liberty Bell nachempfunden wurde, gibt es ja auch in (West-)-Berlin und wurde der Stadt von den USA geschenkt. Wir haben also einen ganz unmittelbaren Bezug zu diesem Objekt. 

Independence-Kultstätten in Philadelphia: Independence Hall, ~ Erklärung, Liberty Bell und nochmal ~ Hall.
Philly: Bahnhof, City Skyline und historisches Rathaus mit der Statue von G. Penn auf dem Turm.

Liberté, Egalité, Fraternité

Hinsichtlich Diversität und Gleichstellung sind uns die USA jedenfalls deutlich voraus:

  • An jedem Bahnhof / jedem Jahresend-Rummel etc. gibt es nicht nur einen Weihnachtsbaum, sondern auch einen Chanuka-Leuchter (wobei immer noch die anderen drei Weltreligionen an Sichtbarkeit fehlen, aber es sind zumindest schon mal zwei, die an den gleichen Gott glauben, welcher ja auf jedem Geldschein “in god we trust” verehrt wird). 
  • Da naturgemäß dort der Anteil an dunkelhäutigen Menschen größer ist, sieht man dies auch deutlich im Straßenbild: es gibt viel weniger Reserviertheit als hier (wo ich mich manchmal wirklich wundere, während es dort zur Normalität gehört: übrigens sind m.E. tatsächlich die hellhäutigen die “Farbigen”, denn wir sind es, deren Haut “blaue Flecken” zeigt, die “erröten” etc. Als ich mir vor ein paar Monaten einen Zeh verstauchte, hatte der wirklich alle Farben: blau, rot, lila, grün, gelb … also, wenn das nicht “farbig” ist! Bei dunkelhäutigen sieht man sowas nicht so “farbig”/ bunt.)

Ich wäre nicht ich … 

wenn ich nicht immer das Ungewöhnliche und das Abenteuer suchen würde: dazu reist man ja, nämlich um das klischeehafte Bild von anderen Orten & Kulturen aufzubrechen – um ein Weltbild zu erlangen, indem man sich vor Ort ein Bild von der Welt macht (andernfalls wäre es nur ein Standpunkt und das ist ein Kreis mit dem Radius null). Im “Land des Automobils” reiste ich mit dem Zug und in der “Stadt, die niemals schläft” reiste ich gemächlich zu Fuß und mit dem Segelboot. 

An der Ostküste der USA gibt es zwischen Boston und Washington ein gut ausgebautes Netz von Zügen: Da geht alle paar Minuten ein Zug und man kann – wie in Europa – sehr praktisch von einer Stadt zur anderen fahren, sogar mit Laptop mit Stromanschluss und WLAN. Man merkt: es ist eine gut ausgebaute Pendlerstrecke. Montags morgens gibt’s eine lange Schlange am Bahnhof, denn man darf nicht einfach auf den Bahnsteig, sondern muss das Ticket schon zeigen, bevor man auf die Rolltreppe zu diesem geht: Es wird geprüft, ob man in den richtigen Zug steigt.

Das ist wirklich aufregend: Inzwischen sind ja (seit einem halben Jahr) Direktflüge zwischen Berlin und New York möglich. Am Liberty Airport New York gibt es dann einen AirTrain (Magnetschwebebahn), der die Terminals untereinander und mit dem Bahnhof im Flughafen verbindet und vom Flughafen-Bahnhof aus kann man ganz bequem, ohne Umsteigen nach Boston, Philadelphia und Washington D.C. fahren. 

mit dem Segelboot vor Manhatten
Der wahrscheinlich schönste Bahnhof in den USA: der von Washington D.C. … ich wohnte dort bei jemandem, der für die Bahn arbeitet und er sagte, dass sie diesen Bahnhof natürlich besonders herausputzen und pflegen.
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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

10 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen wirklich spannenden und lesenswerten Artikel. Ein Satz ist mir allerdings gewaltig aufgestossen:

    Die Maschinen ersetzen nur dumme Menschen.

    Das ist grob falsch. Ein Beispiel aus meiner Berufspraxis: vor 30 Jahren haben sich noch viele Chemiker, Biochemiker, etc. mit der Interpretation von mehrdimensionalen NMR-Spektren, Röntgenstrukturdaten, MS-Spektren, etc. beschäftigt und versucht, daraus dreidimensionale Molekülstrukturen zu erhalten. Das machen heute Maschinen viel besser, und m.E. waren die Kollegen, die damals ihre Zeit mit dieser Tätigkeit zugebracht haben, keineswegs dumm. Bei Übersetzungen sieht das Bild ähnlich aus: wenn ich einen französischen Text lesen möchte, kopiere ich den einfach in DeepL und kriege ein Ergebnis, mit dem ich durchaus etwas anfangen kann, das war vor 10 Jahren noch ganz anders. Ich behaupte mal, dass menschliche Übersetzer bald nur noch für literarische Texte gebraucht werden, wo es um mehr als die korrekte Wiedergabe von Fakten geht.
    Ich habe vor 2 Jahren einen Vortrag von Prof. Bauckhage auf youtube gehört (leider nicht mehr verfügbar), wo er prophezeite, dass ein beträchtlicher Teil der wissenschaftlichen Berufsbilder in absehbarer Zeit durch die KI ersetzt werden. Lehrtätigkeiten nahm er übrigens ausdrücklich davon aus. Ich würde hier noch ergänzen: handwerkliche Tätigkeiten dürften auch sicher sein, der Fortschritt in Robotik verläuft deutlich langsamer als bei KI.

    • der ist hier aus dem Kontext gerissen! Er ist übrigens auch nicht politisch gemeint!

      Es geht hier konkret um die KI (die Künstliche Intelligenz), die anstatt von Studierenden deren Hausarbeiten schreiben soll: Etwas liefert die KI ab, es liest sich grammatisch korrekt, aber es enthält elementare Fehler und die Lehrkraft hat den Eindruck, hier einem sehr dummen Menschen gegenüberzustehen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen das gleiche: schlechte Note oder durchgefallen.

  2. Wem der Stil von ChatGPT zu schlecht ist, kann sich mit einer anderen KI helfen: DeepL Write verbessert den Stil – oder möchte dies tun. Das klappt zwar nicht immer, sieht aber vielversprechend aus. Einer der beiden Texte ist übrigens DeepL-Write-optimiert.

    Wem der Stil von ChatGPT zu schlecht ist, kann sich mit einer anderen KI helfen: DeepL Write verbessert den Stil – oder möchte dies tun. Es klappt nicht immer, aber sieht schon ganz vielversprechend aus. Einer der beiden Texte ist übrigens DeepL-Write-optimiert.

  3. Gerald Fix,
    der zweite Text erscheint mir zu synthetisch.
    Man kann ChatGPT mit den Musikprogrammen vergleichen, die brauchbare Musik erzeugen können aber die man nach dem Hören schon wieder vergessen hat.

    Warum man solche Programme erzeugt wie Chat GPT, man kann sie für Werbung
    einsetzen, wenn eine Hausfrau fragt wie man Pizza macht. Die Chat GPT , wenn sie gesponsert wäre, würde dann antworten: “Nimm die Dr. Walker Pizza…….”

    Oder, man setzt so ein Sprachprogramm ein um kriminelle Aktivitäten im Web herauszufiltern.

    A.f.
    Zustimmung, ohne KI geht es bei der schnellen Entwicklung von Bauteilen gar nicht mehr.

    Susanne M. Hoffmann
    Man darf die Findigkeit der Lehrkräfte nicht unterschätzen. Wenn das Aufsatzthema heißt, “Beschreibe, wie du Schwimmen gelernt hast”
    dann kann man schon an den Einzelheiten wie Name des Schwimmbades, Name des Lehrer, Schwimmstil, nachträglich überprüfen, ob das Geschriebene stimmt. Das kann die KI nicht wissen.

  4. Zitat von oben: Die Maschinen ersetzen nur dumme Menschen.

    Gegenvorschlag: Menschen ersetzen (fast) alles mit etwas Besserem, wenn es etwas Besseres gibt.

    Konkret: ChatGPT lässt sich kaum verbieten. Es wird genau so genutzt werden wie wir heute Taschenrechner nutzen. Das bedeutet aber auch, dass die Ansprüche grösser werden. Genau so wie wir heute einen Rechenfehler durch simples nachrechnen mit dem Taschenrechner aufdecken können, werden wir in Zukunft überprüfen können ob ein Text oder eine Idee mindestens die Qualität von ChatGPT hat.

    Kurzum: Wer so dumm wie ChatGPT ist und bleibt, wird es in Zukunft schwerer haben.

  5. Vielen Dank für diesen buchstäblich starken Blogpost! Vor allem bei den Ausführungen zum Lernen & Lehren mit (und nicht gegen) die KI hätte ich am liebsten Satz für Satz unterstrichen, wie ich es bei Papier-Büchern noch immer gerne tue. 🙂

    Für eine große Chance halte ich daher auch Open Access-Initiativen wie hier des Smithsonian:

    https://www.si.edu/openaccess/

    Dankbare & blognachbarliche Grüße!

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