Herbst hat begonnen

Es ist Mitte August, in Berlin die letzte Schulferienwochen und in den letzten Tagen hörte ich wiederholt die Leute verwundert feststellen, dass 

  • es morgens wieder später hell wird
  • es abends wieder früher dunkel wird
  • dass sich das Wetter nicht mehr hochsommerlich gestaltet. 

Warum ist das eigentlich jedes Jahr wieder für die Leute überraschend? Genauso überraschend wie Weihnachten… Möglicherweise liegt es daran, dass nur in stark katholischen Gegenden (Süddeutschland, Österreich, Polen…) der 15. August ein Feiertag ist. 

Was ist am 15. August? 

Die Katholiken nennen es „Mariae Himmelfahrt“, aber eigentlich ist es die Mitte zwischen der Sommersonnenwende und der Herbsttag- und -nachtgleiche. Man kann ich religionsgeschichtlich damit beschäftigen, dass die Marienfigur im frühen Christentum eine Synthese mehrerer Göttinnen polytheistischer Religionen vereint. Ihre Himmelfahrt läutet die Erntezeit ein. 

Jahreskreis mit christlichen Feiertagen im Abstand von 40-45 Tagen, weil sich so die Mitten zwischen den Jahreshauptpunkten ergeben:
Winter FrühlingSommerHerbst
10 Tage vom Dez.11 Tage von Mrz10 Tage Jun7 Tage Sept
31 Tage vom Januar30 Tage Apr31 Tage Jul31 Tage Okt
28 Tage vom Februar31 Tage Mai31 Tage Aug30 Tage Nov
20 Tage vom März20 Tage Juni23 Tage Sept21 Tage Dez
insges.: 89 Tageinsges.: 92 Tageinsges.: 95 Tageinsges.: 89 Tage

Sommer ist bei uns auf der Nordhalbkugel tatsächlich etwas länger als Winter, denn die Erde befindet sich derzeit in Sonnenferne und ist daher (siehe Keplersche Gesetze) langsamer auf ihrer Bahn als im Winter. 

Wenn man also religiöse Feste geschickt, alle 40 Tage (plus Sonntage) legt, erhält man eine recht gute Approximation der Jahreszeiten. 

Wenn Mittsommer am ca. 20. Juni ist, bei der Sommersonnenwende, dann ist folglich die Herbsttag- und -nachtgleiche um den 23. September Mittherbst. Folglich ist HerbstANFANG nicht der erste September, sondern die Mitte von gezählten Tagen zwischen diesen beiden Jahreshauptpunkten – der Anfang August. Die mitteleuropäische – christianisierte – Tradition feiert kurz danach Mariae Himmelfahrt (ebenso wie Weihnachten auch nicht an der Sonnenwende gefeiert wird, sondern kurz danach). 

Das heißt: Die Natur, die unseren römischen Kalender nicht liest, veranstaltet Herbstanfang einfach schon Anfang August. Darum überrascht es mich (z.B.) überhaupt nicht, dass es heute (um den 20.08.) sich bereits mit Blick auf Wetter und Dauer des lichten Tages _herbstlich_ anfühlt. 

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Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

2 Kommentare

  1. Die Bäume (zumindest hier im Pfälzerwald) sehen das mit dem Herbstanfang Anfang August ziemlich ähnlich. Die sind seit Wochen schon bräunlich herbstlich verfärbt – und das ohne den sonst so mühseligen Umweg über den Altweibersommer mit seinen so unnützen gelblich/orange/rötlichen Verfärbungen des Laubes. Und dieses Jahr machen endlich auch die Nadelbäume mit!

    • Das ist sehr traurig, in der Tat! Besorgniserregend: wenn man sich die Wetterzustände anschaut: Tornados in Mitteleuropa, Niedrigwasser in Rhein und Donau, und das einst grüne UK sieht aus wie sonst nur die iberische Halbinsel zu dieser Jahreszeit.

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