Hamburg

Ein paar Worte zur Astronomie in der Stadt an der Elbe, in der ich mich jüngst mit Carolin Liefke nur kurz überschnitt.  @Caro: hier vermisst man Dich, trotzdem herzlichen Glückwunsch für Dein neues Leben!

Astronomie als Physik & Mathematik, als Kulisse und als Kulturprogramm:

Das Planetarium: Für mich als Technikhistorikerin und Kultur- & Medienwissenschaftlerin strahlen Planetarien wirklich eine gigantische Faszination aus! So musste ich natürlich auch das Planetarium im Wasserturm besuchen, in dem man dereinst die berühmte Sammlung von Aby Warburg ausgestellt und aufbewahrt hatte – dasjenige Planetarium, das fast als einziges im 2. Weltkrieg nicht zerstört wurde. Dasjenige Planetarium, von dem alle Planetarier schwärmen aufgrund der modernen Technik und der guten Wirtschaftlichkeit.

Nunja – es gibt tatsächlich gutes Programm im Planetarium Hamburg und ich freue mich auf eine hoffentlich erfolgreiche künftige Zusammenarbeit seitens meiner VEGA und dem Planetarium Hamburg!

Aber die Warburg-Sammlung habe ich leider nicht sehen können: Weder im Planetarium noch im Warburg-Archiv hat man sie gefunden, sondern sie wird – angeblich – im kunsthistorischen Institut der Universität aufbewahrt. Auch dort kann man sie aber nicht sehen, sondern sie ist “eingemottet”, so wurde mir zumindest gesagt. 

Aby Warburg war der älteste Sohn einer Bankier-Familie, der sein rechtmäßiges Erbe ausschlug, das väterliche Unternehmen weiterzuführen. Stattdessen widmete er sich dem Studium der Philosophie und Astronomie. Ich persönlich finde, seine großartigste Leistung für die Nachwelt ist die umfangreiche Hamburger Sammlung von Bildmaterial (Sternkarten und -darstellungen) zur Astronomie und Astrologie quer durch alle eurabischen Kulturen – und ich denke, dieses Interesse teile ich mit den meisten Lesern hier. Als Wissenschaftshistorikerin würde ich mir die Lippen danach lecken, diese Bilder wissenschaftlich aufzuarbeiten – insbesondere im Zusammenhang mit meinen Karten- und Globen-Interessen, die ich Ihnen letztes Jahr schilderte. Meine Philosophie-Professoren würden allerdings darauf bestehen, dass ich auch Warburgs Beiträge zur Kulturphilosophie nicht unerwähnt lasse. Seine Habilschrift “Das Experiment und die Metaphysik” (erschien in den 1930ern erst im Londoner Exil des Juden) enthält zahlreiche interessante Gedanken zur Synthese von Philosophie und Naturwissenschaft. Sternbilder und Sternkarten sind jedenfalls – auch ohne die Sichtbarkeit der Warburg-Ausstellung – ein Schwerpunkt des Zwecks vom Planetarium.  

Planetarien sind aber eher die kulturbereichernden Bühnen der Wissenschaft und nicht die Austragungsorte, an denen Wissenschaft praktiziert wird. Für diesen Zweck hat Hamburg die nicht minder berühmte Sternwarte in Bergedorf – ebenfalls traditionell renomiert!

Hamburger Sternwarte  

Im niedlichen Bergedorf, am Ostrand der Stadt liegt die altehrwürdige Hamburger Sternwarte seit ca 100 Jahren! Als sie 1833 gegründet wurde, befand sie sich inmitten der Stadt, denn damals war ihre Hauptaufgabe die Zeitmessung. Sternwarten waren seinerzeit von großer Bedeutung für die Seefahrt und so musste die Sternwarte der Hansestadt zweckmäßigerweise in Hafennähe liegen. 

Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Lichtverschmutzung und Erschütterungen durch zunehmenden Straßenverkehr in der Stadt zu störend wurden, zog auch in Hamburg (wie vielerorts) das astronomische Observatorium an den den Stadtrand – auf die Hügel, die dem Berge-Dorf seinen schmeichelhaften Namen gaben.

[Ich weiß, die Bayuvaren unter meinen Lesern werden hier schmunzeln, aber für uns Flachlandbewohner sind diese Hügel schon ein ernstzunehmendes Gefälle.]

😉

Berühmt ist die Sternwarte hauptsächlich für den Schmidt-Spiegel (der heute in Spanien steht) und die Refsdal-Linse (Gravitationslinsenmodell). Fans von alten Refraktoren (wie ich) kommen natürlich auch auf ihre Kosten, denn die Sternwarte ist stolz, dass sie zu ihrer Einweihung dazumal von jeder Sorte ein Großteleskop vorweisen konnte: einen Großen Refraktor und einen Großen Reflektor.

Das Oskar-Lühning-Teleskop mag noch dem einen oder der anderen geläufig sein: Es steht heute in der Kuppel des Schmidtspiegels und wurde von einem Hamburger Schulrektor in Gedenken an seinen Sohn gestiftet: Oskar Lühning, der Sohn des Rektors, hätte Astronomie studieren wollen, wenn er nicht im zweiten Weltkrieg gefallen wäre. 

Heute strahl die Sternwarte eine gewisse Faszination aus durch ihre Verbindung von traditioneller Kulisse mit moderner Physik. Das können Astronomen offenbar meistens recht gut: Auch in Heidelberg, Potsdam, Jena  … stehen ja die Rechner der Astrophysiker quasi neben den dekorativen Kuppeln altehrwürdiger Sternwarten. Doch es stimmt wohl, dass an keinem der genannten Orte das Ambiente derart gelungen ist wie hier in Bergedorf.

 

DESY –  Astro- und Teilchenphysik

Noch mehr Physik gibt es am Westrand der Hansestadt: Vor 51 Jahren wurde hier der erste große Teilchenbeschleuniger in Betrieb genommen, der der Forschungseinrichtung noch heute ihren Namen gibt: DESY = Deutsches Elektron SYnchrotron. In der Prä-LHC-Zeit war das ein richtiger Knüller! Das Institut DESY mit seinen zwei Standorten in Hamburg und Berlin hat eine kleine Galerie von linearen und zyklischen Teilchenbeschleunigern, die vor allem auch in der Astroteilchenphysik forschen.  

Dieses Institut verbindet zwei der faszinierendsten Gebiete der modernen Physik: Astrophysik und Teilchenphysik. Ich weiß noch gut, mit welcher Begeisterung ich als Teenager in meiner Heimatstadt Berlin die Aktivitäten des DESY verfolgte und kann mich noch gut daran erinnern, wie ich damals mit meinen Freunden vom Physik-LK an einem wunderschönen sonnigen Wochenende in Hamburg das DESY besuchte.

Tja, man kann wohl leider nicht alles haben, zumindest nicht alles gleichzeitig. (nur seriell, nicht parallel) Darum nehme ich auch jetzt wieder Abschied vom DESY und Hamburg mit seiner Sternwarte, seinem Planetarium und seinem Elbhafen … obgleich ich mich hier recht wohl fühlen könnte. Naja, wo nicht? Offenbar bin ich einfach so, kann nicht anders, als “zwischen den Welten zu changieren” – oder physikalisch ausgedrückt: komplett zu delokalisieren wie ein anständiges Elementarteilchen das so tut. 

  – vier Monitore sind doch angemessen, oder?

– ein typischer Arbeitsplatz von mir

(Jan. 2010) –  


 
Danke für die schöne Zeit in Hamburg! 
 

Die Alster war das erste Mal seit 13 Jahren wieder zugefroren und die Zweige an den großen Hauptstraßen (nahe Michel) sahen ungefähr so aus:

Ein seltenes Bild hier im Norden; sowas kenne ich bisher eher aus München. 🙂

Kalt und rau ist der Winter, aber sonnig das Gemüt und herzlich die Menschen. Ich halte mich mal an den Spruch aus der Hamburger S-Bahn und sage “Tschüß, bis zum nächsten Mal!”  

 

 

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wasserturm

    Ja, die Architektur von Planetarien hat eine ganz eigene Faszination! … darüber könnte ich gelegentlich auch mal was schreiben … (so viele Ideen)

    An sich ist jedoch die Idee astronomischer Nutzung von Wassertürmen keine besondere Rarität: Die brandenburgische Spargelstadt Beelitz hat auch einen Wasserturm, der nun als Sternwarte umgebaut wurde:

    http://www.sternwarte-beelitz.de/

    Habe ich auch persönliche Beziehungen hin, aber noch gar nicht drüber geschrieben… (und wieder ein Projekt).

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