Tür 1: Große und Kleine Bärin

“EK ΔIOΣ APX ΩMEΣΘA… Mit Zeus lasst uns beginnen,” startet das Lehrgedicht von Aratos, das einen opulent und farbig ausgestalteten Himmelsglobus beschreibt. Aratos lebte etwa im -3. Jh., wann er das Gedicht geschrieben hat, ist nicht überliefert. Nach seinem 18-versigen Lobgedicht an den Göttervater sagt er, dass die Sterne “alle Tage beständig über den Himmel hingezogen” werden, also um eine Achse kreisen, um die sich “in der Mitte, ausgewogen nach allen Seiten, die Erde” befindet. Der Pol auf der Südseite sei niemals sichtbar, schreibt Aratos aus seiner Perspektive in Griechenland und der Nordpol dieser Achse sei über dem Ozean.

“Zwei Bärinnen aber, ihn einfassend, rollen gemeinsam; darum werden sie auch die Wagen genannt.” Obwohl die Sternbilder, wie allgemein bekannt ist, im Griechischen hochoffiziell die Große und Kleine Bärin genannt wurden, überliefert Aratos uns also auch auf Griechisch die Bezeichnung “Wagen”. Diese Bezeichnung ist also nicht germanisch oder sogar ein Gefährt Odins, wie uns manche Politpropaganda des 20. Jahrhunderts weiß machen will, sondern Aratos beschreibt hier eine alternative Bezeichnung, die damals bereits im griechischen Sprachraum gebräuchlich war. Nicht überliefert ist, woher Aratos diese Bezeichnung hat, denn die astronomischen Texte, die der Dichter zur Vorlage nahm, sind leider nicht bis zu uns überliefert.

Sind die Wagen eine “germanische” Erfindung?

Mitunter hört man sowas in Planetarien, denn zugegeben ist die Gruppe auf Französisch eine “casserolle”, im american English ein “big dipper” und auf Niederländisch ein “steelpannetje” – also stets Küchenwerkzeug; nur im britischen Englisch ist es ein Pflug (plough). Aratos konnte natürlich vor mehr als 2000 Jahren von alledem nichts wissen und auch er sagt, dass die Bärinnen machmal Wagen genannt werden.

Aratos lebte aber definitiv nach dem Alexanderzug, also bereits in einem Reich, das von der babylonischen Astronomie fasziniert war. Alexander der Große war nach seinen Eroberungen von Makedonien über den Nahen Osten bis zum Hindukush, zurück durch den Nahen Osten nach Ägypten (wo er Alexandria gegründet hatte), nach Babylon gezogen, wo ihm die Priester-Astrologen seinen bevorstehenden Tod prophezeiten. Sie hatten noch versucht, durch ein sogenanntes Ersatzkönigritual das Unheil von ihrem (neuen, fremdregierenden) König abzuwenden, aber dieses Ritual scheiterte, weil die Griechen es nicht verstehen konnten und intervenierten. Tatsächlich starb der Große Feldherr kurze Zeit später (an nicht mehr diagnostizierbarer Krankheit) und das war der Beginn der starken Gläubigkeit der griechisch-römischen Kultur an die Autorität der babylonischen Astralwissenschaft. In Fachkreisen war die babylonische Astronomie schon lange bei den Griechen sehr angesehen (quasi “die NASA der Antike”), aber diese eingetroffene Vorhersage machte sie auch über Fachkreise hinaus sehr populär.

Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass diese Nennung bei Aratos babylonische Wurzeln hat. In Babylon gab es nämlich am Nordhimmel die beiden Sternbilder “Wagen” und “Wagen des Himmels”, die einander gegenüber liegen, wie wir aus einem Fragment einer babylonischen Uranographie (Tontafel Nr. VAT 9428 im Vorderasiatischen Museum Berlin) überliefert haben. Dort lesen wir, dass die Deichsel des “Wagens” zum Rücken der Göttin Eru zeigt und dass an der Deichselspitze zwei Sterne dicht beieinander stehen, von denen einer hell ist. Der “Wagen” der Babylonier ist also nicht exakt unser “Großer Wagen” – aber fast. Er sah wahrscheinlich so aus:

Babylonischer “Wagen” endet einen Stern früher und wird gefolgt vom “Mutterschaf”, während der Augenprüfer dem der Deichselspitze in alten Texten “der Fuchs” genannt wird. Erste Veröffentlichung dieser Graphik in meinem Buch “Hipparachs Himmelsglobus”, Springer-Verlag, 2017.

Auf Griechisch heißen die beiden Sternbilder in der mathematischen (also fachwissenschaftlichen) Astronomie – wie heute – Große und Kleine Bärin. Das ist bei Eratosthenes (-3.Jh.), Hipparch (-2. Jh.) und Ptolemaios (+2. Jh.) gleich: Es handelt sich auch im Griechischen um die feminine Wortform, es sind also wirklich weibliche Bärinnen: auf Griechisch in den antiken Texten, ebenso wie im modernen offiziellen Wort in Latein. Der heute offizielle Name ist Ursa (minor bzw. maior) und nicht Ursus, also weiblich.

Bildliche Darstellungen aus der griechisch-römischen Kultur sind uns von den Bärinnen nicht überliefert.

Woher die Bärinnen wirklich kommen, weiß ich nicht: Es können griechische oder makedonische oder auch ganz andere Quellen sein. Erzählt wird immer in den Planetarien, dass Bären nunmal im Norden leben und da (wie wir bei Strabo und anderen antiken Geographen lesen) Regionen der Erde stets u.a. mit bestimmten Tieren verbunden werden, waren die Bären ein gutes Indiz für den Norden. So konnten sie auch als Orientierung dienen, ohne direkt am Pol stehen zu müssen (die Präzession hat sie erst in unserer Epoche dorthin verschoben), denn “wenn du von der Nordtürkei (dem antiken Griechenland) immer in etwa nach Norden läufst, kommst du ins Land der Bärin”, d.i. z.B. Russland oder so… Solchen Aussagen mögen modernen GPS-Nutzern und Jetsettern ungenau erscheinen, sind aber für Fußmärsche oftmal hinreichend genau, wie ich selbst bei meinen Wanderungen in der Sahara erleben durfte.

Bei Aratos heißt übrigens die kleinere der Bärinnen Helike (Kringel), die größere Kynosura (hundeschwänzig), was eine Anspielung auf die für Bären ungewöhnlich langen Schwänze dieser TIere ist. Das Märchen, dass diese Schwänze durch das Schleudern an den Himmel entstanden sein sollen, erzählen wir Ihnen natürlich in Planetarien aufgrund seines Unterhaltungswertes – aber es bleibt ein (modernes?) Märchen.

Veröffentlicht von

“physics was my first love
and it will be my last
physics of the future
and physics of the past”

Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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