Bloggewitter: Fragen zur Bildung und Werteverständnis

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Die ganze Woche hindurch wird in Berlin gestreikt: Bildungsstreik! An der HU in Mitte tobt das Chaos, an der TU in Charlottenburg wird’s schon ruhiger, an der FU im verträumten Dahlem sieht man nur noch verstohlen hier und da ein Plakätchen unter vielen. Doch der Bildungsstreik ist in aller Munde: z.B. in Potsdam

Die Humboldt-Uni im Herzen der Stadt steht Kopf, Kolloquia werden kurzfristig in Kneipen verlegt, weil die Seminarräume besetzt sind u.v.a.m. – schon geographisch liegt sie in der Mitte zwischen dem Bildungsministerium des Bundes und der Berliner Senatsverwaltung für Bildung und Forschung; stets im Brennpunkt: Überm Portal der altehrwürdigen Hochschule prangt das Banner "FIGHT".

Bologna

Recht haben sie, wenn sie für mehr Geld an Unis plädieren 

Universität – d.h. nach Humboldtschem Bildungsideal für die Einheit von Forschung und Lehre, also analog zum Handwerk bilden die Meister der akademischen Fächer hier ihren wissenschaftlichen Nachwuchs aus. Bei den aktuellen Reformen fragt man sich allerdings, ob da nicht viele Kuckuckseier gebrütet werden. Ich meine: Die meisten Studis in den moderenen Massen-Unis wollen doch gar nicht in die Wissenschaft, sondern nur mit einem Hochschulabschluss später bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. – Ob man aber wirklich an der Hochschule lernt, was man auf dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt-Angebot (also, hier meine ich nicht die rein akademischen Fächer wie Astrophysik, für die man an der Universität – und nur dort – perfekt ausgebildet wird) braucht, das wage ich zu bezweifeln. m.E. wurde daraus die "Generation Praktikum" geboren  und darum hat man nun die ganze Universität, die Lehrinhalte und die Studiermethoden radikal verändert, eben "verschult", fast alles ist im Lehrplan vorgeschrieben, weniger Wahlfreiheit.

Kürzlich habe ich im Radio gehört: "40 % aller SchulabgängerInnen sollen studieren", d.h. der "Bachelor"-Studienabschluss, den man nach drei Studienjahren erlangt, ist dann deren eigentlicher "Schulabschluss". Also: Wir reduzieren die Schulzeit um ein Jahr und machen Abi nach 12 Jahren, um anschl. drei Jahre BA-Studium dran zu hängen: Ist das wirklich sinnvoll?

Aus Liebe zur Universität und Neugier auf verschiedene Themen und Lehrmethoden gehe ich regelmäßig an die Unis. Ich mag diese Menschen und die durch sie geschaffene Lern- und Arbeitsatmosphäre. Da ich meine Diss leider uni-extern erarbeiten musste, habe ich über diese fakultativen Universitätsbesuche wenigstens noch ein bißchen Kontakt zu diesen Menschen.

Ich besuche also Seminare und Vorlesungen, die mich thematisch interessieren und so lange ich (als Externe und meist formal "Überqualifizierte") vom Seminarleiter geduldet werde und es zeitlich unterkriege. Ich versuche mich nützlich einzubringen, habe Mitleid mit den gestressten Studis und den Dozierenden, die ich erlebe – und küre mir heimlich jedes Semester einen Lieblingsdozenten. 😉 (Ok, ehrlich gesagt, musste ich schon dermaßen viel lehren, dass es mir zur Natur wurde, darauf zu achten, wie es die anderen machen – und inzwischen habe ich Spaß daran.) 

Ich bedaure sie wirklich, denn beide sind überfordert: die Studis mit dem Leistungsdruck, die Dozierenden (egal, ob in Seminaren oder VL) mit dem Prüfen und Bewerten. Was haben wir also gewonnen mit dem neuen, sehr schulischen Studienmodus?

Noch ein gewaltiger Nachteil: Die Lehre wird immer mehr nach "unten" verlagert: Weil die Professoren und Mitarbeitenden selbst bepunktet werden, müssen sie viel mehr Lehrveranstaltungen anbieten. Lehre geht nicht mehr "neben" der Forschung, sondern eben wie in der Schule als Hauptberuf – und die Forschung muss "nebenbei" passieren. Weil die Profs zu wenige Mitarbeiter haben und selbst mit den BA-Studierenden beschäftigt und überfordert sind, haben sie weniger Zeit für Master-Studis und keine Zeit mehr für Promovierende. Ungünstige Bedingungen für wissenschaftlichen Nachwuchs – das zumindest höre ich immer wieder, denn als Uni-Externe können sie es mir ja sagen. (Ich nenne hier absichtlich keine Namen!) 

Also ist schon was dran: eine Hoch-Schule braucht mehr Geld, weil sie mehr Personal braucht – und die Menschen sind doch immer das wichtigste!

Zöllner findet das neue Studiensystem toll – und erntet schallendes "Buh" von den Studis

Die neuen Studiengänge nach dem euro-einheitlichen BA/Master-System fordern mehr Leistung von den Studis: Leistung ist Arbeit pro Zeit, lernt man in der Physik, gemessen wird die wissenschaftliche Arbeit jedoch in "Anzahl der wissenschaftlichen Arbeiten" (für Studierende "= Hausarbeiten").

Wenn jedoch alle Studis pro Semester mehr arbeiten sollen – d.h. bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit Hausarbeiten schreiben und Praktika absolvieren – dann heißt das auch größeren Betreuungsaufwand fürs Lehrpersonal. Daran hat aber scheinbar niemand gedacht!? Oder?

Die Universitäten sind also personell unterbesetzt für den Ansturm der leistungseifrigen Studis, die Dozierenden naturgemäß überfordert. Ob die Studis dabei mehr lernen, ist zudem fraglich: jedenfalls produzieren sie mehr Text (in den Geisteswissenschaften z.B.) — aber auch mehr Inhalt? und vor allem: wozu überhaupt?

Kann es sein, dass im aktuellen Bildungs-Wandel, der die Quantität pro Zeit als Maß von akademischer Wissens"produktion" ansetzt, deren Qualität herabgesetzt wird? 

Funktioniert die moderne Massen-Uni noch mit dem Humboldtschen Bildungsideal? Oder wird hier nicht vielmehr eine zusätzliche "höhere Schule", eben die Hochschule etabliert?

Zöllner mahnt Bringschuld nach guter (Aus)bildung

Berlins Bildungssenator Zöllner stellte sich heute vor seinem Haus dem Dialog der Studierenden: Ein beeindruckter Polizist am Wegrand meint "das ist ein wirklich guter Mann, der das aushält". Die Studis fordern "Bildung für alle und zwar umsonst" – umsonst hoffentlich nicht(!), gratis vielleicht, denke ich mir, aber umfassende Bildung für alle, ist eine sehr gute Idee!Zoellner

Nachdem er einige Fragen der Studis beantwortet hat, entschuldigt er sich, dass er für die Bildung wieder arbeitend an seinen Schreibtisch zurückkehren muss. In der Tat, mahnt Herr Dr. Zöllner an, dass nach einer sehr guten gratis-(aus)bildung auch eine Verpflichtung besteht. Ich persönlich habe das auch stets so gesehen. Natürlich bin "ich" dem Staat etwas schuldig, wenn er mir durch BAföG u.a. ein hohes Bildungsniveau finanzierte – doch erscheint es mir folgerichtig, dass dann auch der Staat "mir" die Chance dafür geben sollte, also entsprechende Lehrkraft- und Forschungskraft-Kapazitäten der Hochschulen (nach W.v. Humboldt) schaffen:

Manches in der Wissenschaft lässt sich eben nicht ökonomisch-wertvoll erforschen, sondern nur durch eine uneigennützige Finanzierung, z.B. staatlich – vielleicht sollte zu diesem Zweck die Wirtschaft mal den Staat subventionieren und nicht umgekehrt? Vielleicht brauchen wir ein Umdenken in der Gesellschaft, dass nicht jeder nur auf "gratis" fixiert ist, sondern auf Werte – Wertvolles und Teures wiegt man nunmal traditionell mit Geld auf. Vielleicht sollten wir alle unser Werteverständnis hinterfragen?

Ehrlich gesagt: Ich habe leider keine patentfähige Lösung für das Problem. Wenn ich sie hätte, wäre ich ganz gewiss eine (sehr gut bezahlte) erfolgreiche Politikerin und nicht "nur" Wissenschaftlerin.

Meine Frage dabei ist jedoch: Was kann ich beitragen?

Astronomie ist und bleibt – so breitbandig man sie auch studiert – stets ein Juwel für den "guten Ruf". Sie liefert nunmal keinen unmittelbaren wirtschaftlichen, militärischen oder medizinischen Nutzen. Sie ist pädagogisch wertvoll und kulturell bereichernd, sie heilt in ihrer romantischen Form "die Wunden, die der Verstand schlägt" (abgewandeltes Zitat von Graf Hardenberg), aber sie heilt nicht Krebs, Aids, Alkoholmissbrauch oder steigert das Bruttosozialprodukt. …

Das wertvollste, was die Astronomie uns m.E. heute bieten kann, ist eine Anleitung zum humanistischen und globalen Denken! Deswegen muss sie akademisch erforscht und dem Volke zugänglich gemacht werden, also popularisiert – deswegen darf sie "keinem, auch nicht einem vorenthalten werden". (Diesterweg)

 

 


PS: In die heutige "kleine Demo" bin ich nur zufällig rein geraten, weil ich bei der Senatsverwaltung für Bildung und Forschung meine Projektabrechnung abgeben wollte. also nochmal: Berlin ist toll! 🙂

Andere Blogger zum SciLogs Bologna-Gewitter:

 

http://www.wissenslogs.de/ formbar

http://www.wissenslogs.de/ abgefischt

http://www.chronologs.de/ un-zugeh-ouml-rig/

 

 

 


Nachtrag vom 23.06.

 

Berlin hat 170 Mrd Euro beschlossen für die Unis – gefordert waren zweihundert. Tja, man ahnt ja schon, wo es bleibt… Schade, denn ohne Man-Power (Menschen!) kann man nicht menschlich und für Menschen arbeiten. 

 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

3 Kommentare

  1. Ohne Schweiß kein Preis

    Es ist schon sehr eigenartig, ob Pisa oder die Uni – wir haben Probleme mit der Ausbildung. Eine Lösung ist so nicht in Sicht.
    Wenn ich die fachgerechte Bildung von hochbegabten Kindern sehe, muss ich feststellen, dass hier viel zu wenig getan wird. Oft waren es in den letzten Jahren Elterninitiativen, die Kindern eine weitere Welt öffneten. Über Landesgrenzen ging manchmal gar nichts für einen kürzeren Schulweg – hier war es die Bürokratie.
    Mittlerweile hat man sogar (wieder)entdeckt, dass sich Kinder schon in jungen Jahren bilden lassen nach dem alten Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.
    Vor um 20 Jahren wurde das abgeschafft – und „Pisa“ lies die Bildungsminister sich umschauen, wo es in Europa ein gutes Beispiel gäbe. Man fand Finnland. Aber die Bildungsminister der CDU-regierten Länder durften nicht mitfahren – weil man festgestellt hatte, dass Finnland das DDR-Bildungssystem modifiziert übernommen hatte. Bildung wird hier klar zur politischen Entscheidung!
    Vielleicht sollten wir auch mal weiter zurückschauen. Deutschland hatte zwischen den zwei Weltkriegen hervorragende wissenschaftliche Leistungen – auch sie wurden aus politischen Gründen missbraucht. Otto Hahn wollte das Atom friedlich nutzen und ging als „Großvater der Atombombe“ in die Geschichte wein. Hätte er Atomkraftwerke gebaut? Andere deutsche Atomwissenschaftler bauten auf beiden Seiten an Atombomben mit. W. v. Braun wollte zum Mond – er nutzte die einzige Möglichkeit. Ehemalige Kollegen unterstützten den Raketenbau in der Sowjetunion. Und Anderen ging es oft nicht anders.
    Man sollte mal die Politik ausblenden – und die eigentlichen Fachleute die allgemeine Bildung und den Weg zu den Spitzenergebnissen untersuchen lassen – ich denke, dass auch hier Reserven aufzudecken sind. Besonders das Potential der Hochbegabten müsste besser ausgeschöpft, gefördert werden – oder müssen andere Länder alle Spitzenpositionen belegen?
    Es gab(?) auch eine Aktion, dass führende Wissenschaftler zurück nach Deutschland kommen sollten. Viele wollten die deutsche Bürokratie einfach hinter sich lassen – und arbeiten.
    Die Gründe dafür hat Frau Hoffmann ganz gut dargestellt. Das erinnert mich auch ein bisschen an die 7 Zwerge, die zu Viert kamen: keine Leute. Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen sagen etwas Anderes.
    Last uns die Vergangenheit in der Gegenwart studieren, um die Zukunft besser zu meistern!

  2. zum Inhalt des Kommentars

    Auch ich denke, dass aus politischen Gründen mitunter Dinge nicht getan werden, die eigentlich richtig sind und Dinge getan werden, die eigentlich falsch sind.

    Es ist wohl ein weit verbreitetes Phänoment, dass man mancherorts auf Teufel komm raus alten Staub abwedeln will und dabei nicht selten auch den guten Lack abkratzt. Es erschien mir stets falsch und unüberlegt, etwas abzuschaffen oder nicht einzuführen, nur, weil jemand anders es auch benutzt hat, den man aus irgendeinem Grund als Gegner versteht – sei es ein Konkurrent, ein Vorgänger oder ein paralleles politisches System, das man verachtet.

    Es scheint mir, dass man dieses menschliche Verhalten nur schwer ablegen kann. Doch wir sollten nicht aufhören, diese “emotionalen” Entscheidungen herauszustellen und versuchen, sie rational zu überarbeiten. Herr Deistung hat hier wohl einen wichtigen Punkt angesprochen, wofür ich ihm sehr danke!

    (nicht alle Menschen agieren und entscheiden stets rational)

  3. zur Überschrift des Kommentars

    “ohne Schweiß keinen Preis” … cum grano salis, bitte!

    1. Ich finde es n i c h t grundsätzlich verkehrt, Leistungen zu fordern und Leistung ist Arbeit pro Zeit. d.h. das systematische Vorgehen gegen “typische Langzeit-Studierende” finde ich nicht verkehrt, zumal diese Leute anderen die Studienplätze wegnähmen.
    d.h. Leute, die deshalb 15 Jahre studieren, weil sie
    a) es sich leisten können, mehr Zeit auf Parties zu verbringen als in Studierzimmern (Motto: Eltern bezahlen’s doch).
    ODER
    b) geistig überfordert sind mit dem Studium, sondern nur studieren, weil die Eltern es wünschen. Solche Menschen muss man doch nicht quälen: Dann kann es besser sein, eine kurze, aber sehr gute Ausbildung zu absolvieren als ein langatmiges Studium, an dessen Anschluss man dann doch einen anderen Ausbildungsberuf macht.

    Schließlich sollte ein Studium ja eigentlich eine Qualifikation zu einem Brotberuf sein – und da darf man auch Leistungen fordern, meine ich. Dies ist m.E. ein wichtiges Anliegen der Bologna-Reformen (zumindest, wenn man den berufsqualifizierenden britischen BA als Grundlage versteht und nicht den allgemeinbildenden amerikanischen BA – und ich hoffe, dass ich’s hier nicht verwechselt habe).

    Allerdings ist die augenblickliche Realisierung der Studiengänge noch nicht ausgereift. Das liegt daran, dass sich das Lehrpersonal (und die Uni-Verwaltungen) erst darauf einstellen müssen, dass sie nun “verschulter” arbeiten müssen. Einen älteren, aus dem Dienst scheidenden Professor hörte ich unlängst in der VL sagen “ich kann Ihnen nicht raten, heutzutage eine Laufbahn an einer Uni anzustreben: da machen Sie nur noch Verwaltung, d.i. der reinste Schuldienst”. (heißt effektiv die Klage: Wenn man an der Uni arbeitet, hat man kaum noch Zeit zum Forschen)

    Umgekehrt sind auch die Studis nur dabei, ihr Pensum an Kursen, abzugebenden Seiten Hausarbeit … abzuleisten. Es fehlt dabei die Zeit zur Tiefe.

    Also: Manchmal ist weniger wirklich mehr. Ich habe auf Diplom und Magistra studiert und daher weiß ich: Bei weniger Pflichtprogramm und dafür mehr Zeit zur Tiefe kann man – mit Schweiß und Disziplin – auch die wichtigen Grundlagen und Arbeitsmethoden lernen und das sogar in der Regelstudienzeit schaffen.

    Ohne Schweiß, geht es auch da nicht – aber was im Augenblick läuft, ist jedenfalls noch nicht der Weisheit letzter Schluss.

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