Ende bodengebundener Astronomie(?)

Überall das Gleiche: Wo einst Forschung betrieben wurde, tummeln sich heute Touris und Amateure. Während des gesamten 20. Jahrhunderts wurde die Astronomie zur Astrophysik umgekrempelt, die Technisierung der Haushalte führte zur Veränderung des urbanen Alltags und zahlreiche historische Sternwarten wurden von Forschungseinrichtungen zu öffentlichen Bildungseinrichtungen umgewandelt. 

Die älteren Astronomen, die einst in den Sternwarten arbeiteten, mögen dies bedauern und Sie können alle verschiedene Meinungen dazu haben. Ich stelle nur fest, dass es so ist: zuerst wurde die bodengebundene Astronomie von Licht- und Luftverschmutzung von den Städten vertrieben. Manchmal (z.B. in Berlin und Nanjing) führte das zum Bau von neuen Observatorien außerhalb der Städte – in den USA hat man das gleich gemacht (da fing Forschung ja gleich auf dem Niveau der Astrophysik an und übersprang die klassische Astrometrie. In Europa und Asien wurde / wird vielfach der Beobachtungsbetrieb in städtischen Sternwarten ganz eingestellt. Als ich vor 25 Jahren studierte – das ist jetzt auch schon ein Viertel Jahrhundert her(!), fingen Astro-Profs an, bevorzugt das Arbeiten mit Datenbanken zu lehren statt der Arbeit am Teleskop

Die Daten in den Datenbanken der Astrophysik können natürlich prinzipiell überall herkommen: auch von bodengebundenen Teleskopen. De facto liefern aber Satellitenteleskope im Erdorbit oder einem Lagrangepunkt im All viel bessere Daten und mit der zunehmenden Anzahl von künstlichen Objekten im Erdorbit huschen durch Astro-Aufnahmen am Boden auch ständig irgendwelche menschengemachten Strichspuren, die das Bild zerstören. Es lohnt sich also immer weniger, in Sternwarten am Erdboden zu beobachten. Das einzige, das man hier noch immer recht gut machen kann, ist Kulturastronomie / Wissenschaftsgeschichte.

Sternwarte Melbourne

Venustransit im 19. Jh.

zur Bestimmung der Entfernung der Erde von der Sonne (“astronomische Einheit”).

Mitten in der Stadt gelegen, auf einem Hügel neben den Royal Botanic Gardens Victoria, wurde diese Sternwarte 1862 gegründet. Damals war Melbourne noch relativ klein. Die Sternwarte beteiligte sich an Venustransit-Beobachtungen 1874, mit denen die Entfernung der Erde von der Sonne akkurat vermessen wurde (in einem großen Projekt hatte ich solche Beobachtungen 2012 wiederholt und für Schuldidaktik aufbereitet) und ab den 1880er Jahren an der Himmelsvermessung des Mega-Projekts “Carte du Ciel”. Ab 1901 erhielt diese Sternwarte den Auftrag zur Zeitmessung, was ein Schritt Eigenständigkeit Australiens statt Abhängigkeit von der brit. Krone bedeutete. 

Die Astronomen Barry Clark und Wayne Orchiston in ihrem “natürlichen Lebensraum”. 

Auch die rechnende Astronomie war hier vertreten: In dem Gebäude saßen früher die weiblichen Mitarbeiterinnen, die – natürlich unterbezahlt – die Daten auswerteten, die nachts am Teleskop aufgenommen worden sind. 

Ähnlich zu den berühmteren “Harvard Computers”, den rechnenden Damen der amerikanischen Universitätssternwarte, waren auch hier zahlreiche Frauen beschäftigt: zusammengefercht in einem Raum mit Außentoilette taten diese Astronominnen tags ihre Arbeit.

Der Beobachtungsbetrieb in Melbourne wurde bereits eingestellt, nachdem 1933 nebenan im Park der “Shrine of Remembrance” eröffnet wurde – ein mit Flutscheinwerfern ausgestattetes Kriegerdenkmal zur Erinnerung an gefallene Soldaten. 

Melbourne Observatory ist heute auf der Nationalen Heritage Liste Australiens und hätte es aus guten Gründen auch verdient, von der UNESCO anerkannt zu werden, ist aber eben schon seit langem eine Museumssternwarte. 

Sternwarte Sydney

Diese Sternwarte hat eine lange Vorgeschichte von Beobachtungsstationen. Bereits in den späten 1780er Jahren wurde hier, nahe dem Hafen von Sydney, eine Beobachtungsstation errichtet. Zuerst wollte man “nur” einen von Halley vorhergesagten Kometen 1790 beobachten, aber im 19. Jahrhundert wurde der Platz auf dem Hügel, wo lange eine Windmühle gestanden hatte, als Signalstation (Fernmeldung) und Zeitball auf einer Festungsanlage relevant. 1855 wurde beschlossen, dort eine astronomische Sternwarte zu errichten, die dann auch 1858 eingeweiht wurde.   

1859 fand das berühmte Carrington-Event, ein starker Ausbruch auf der Sonne, statt: ein gewaltiger Sonnensturm.

Er hat das Magnetfeld der Erde stark beeinflusst und zu Störungen in der Funk-Kommunikation geführt (erinnert ein bisschen an eine Szene aus dem Graf von Monte Christo). Ob das dort beobachtet wurde, konnten mir die studentischen Hobby-Astronomen dort aber nicht sagen.

Der Sternwarte wichtigste Funktion war die Zeitbestimmung: der Zeitball als Signal für den Hafen. Ab 1901 (eigene Hoheiten der Föderation, wie in Melbourne die Zeitbestimmung) kam hier die meteorologische Verantwortung dazu. Eine Wetterstation wurde und wird bis heute betrieben. 

Astronomische Forschungen um 1900 umfassten auch die Beteiligung an einem der Himmelssurvey, dem “Astrographic Catalogue”, der mit der Carte du Ciel (an der Melbourne beteiligt war), zwar verbunden war, aber letztlich doch ein eigenes Projekt. So hatte jede der beiden australischen Sternwarten quasi ihre eigenen Hoheitsgebiete. 

 

Die frühe astronomische Forschung in Sydney wurde übrigens stark von der deutschen Astronomie der Zeit beeinflusst: das Teleskop stammte aus der Werkstatt “Merz und Söhne” und einer der ersten Astronomen war Carl Rümker aus Meck.Pom. 

Heute steht das historische Instrument in einem gläsernen Gebäude vor der Kuppel und im Hauptgebäude sind wechselnde Kunstausstellungen.

Die Einstellung des Beobachtungsbetriebs konnte in den 1920ern einmal knapp abgewendet werden, aber durch die zunehmende Licht- und Luftverschmutzung in den 1970ern wurde auch dieses Sternwartenschicksal besiegelt: 1982 wurde sie zu einer Museumssternwarte für die Öffentlichkeit und wird heute von Hobbyastronomen betrieben. 

Carter Observatory Wellington

Auch in Neuseelands Hauptstadt ergibt sich ein ähnliches Bild: Die Stadt liegt quasi direkt auf Meeresspiegelniveau mit einem beeindruckenden Hafen, der die Nord- und Südinsel Neuseelands verbindet. Über meine Faszination der Astronomie in der Kultur der Ureinwohner, die man auch heute im Stadtbild sieht, hatte ich bereits berichtet. 

1934 wurde von der Regierung die Errichtung einer Sternwarte für die moderne Forschung beschlossen. Weil der Zweite Weltkrieg deren Bau verzögerte, wurde diese dann erst 1941 eröffnet. Der Arbeitsschwerpunkt war zunächst – zeitgemäß – Sonnenforschung. Vor allem mit Blick auf die Fernkommunikation war ein besseres Verständnis der elektromagnetischen Strahlung bzw. ihrer Variabilität und Störungen (heute “Weltraumwetter” genannt) nach dem Carrington-Event als hochgradig gesellschaftsrelevant erachtet worden und die Astrophysik der 1930er und ’40er Jahre war ja dabei zu verstehen, wie Sterne funktionieren, woher sie Energie bekommen und wieso sie unterschiedliche Farben haben: man wusste bereits, dass den Sternen und der Sonne das gleiche Prinzip zugrunde liegt und hoffte, durch Sonnenforschung auch Sterne besser zu verstehen. 

In den 1970er Jahren wurde diese Sternwarte sogar nochmals ausgebaut. Neu eingestellte Astronomen der nächsten Generation (Wayne Orchiston, siehe oben, war einer davon) sorgten für frischen Wind am Puls moderner Forschung. Es wurden aktuellste Themen wie Galaxien und Veränderliche Sterne behandelt, aber auch klassische Themen wie Kometen und Planetoide (Kleinplaneten) weiterverfolgt; es wurde optisch und im Radiobereich beobachtet. 

Aber ach, auch hier war wurde die Innenstadtlage der Forschung zum Verhängnis: 1991 wurde das Planetarium von der Unterstadt in die Parkanlage der Oberstadt und neben die Sternwarte verlegt. So erhielt die Sternwarte (noch forschend) ein Besucherzentrum und Souvenirshop (wie es auch in amerikanischen Sternwarten üblich ist). Seit neuen politischen Entscheidungen nach 2010 wurde allerdings das Besucherzentrum die einzige Aktivität der Sternwarte: seit 2018 wird sie vom Museum Wellington verwaltet.

wenn ich groß bin, sieht so mein Büro aus 😉

Dunedin

Außer der Nationalsternwarte in der Hauptstadt Wellington hat Neuseeland auch weitere Sternwarten und möchte ja selbst auch “Dark Sky Nation” werden, weil der superdunkle Himmel und der auf Erhalt des indigenen Biosphärenreservats ausgelegte Naturschutz (man muss sich die Schuhe putzen, bevor man das Land betritt!) dazu besonders einlädt. 

Dunedin ist eine Stadt an der südwestlichen Spitze Neuseelands, die auf schottischen Siedlungen beruht. Einer der schottischen Einwanderer, ein begnadeter, selten talentierter Uhrmacher Arthur Beverly, wird auch als Grundsteinleger der lokalen Astronomie gefeiert. In der Technikgeschichte ist er eher für seine Uhr berühmt, die ihre Energie daraus bezieht, dass es über den Tag hinweg Temperatur- und damit auch Luftdruckschwankungen gibt.

University of Otago (in Dunedin, NZ)

Die nach Beverly und einem anderen Hobby-Astronomen benannte Beverly-Begg-Sternwarte in Dunedin wurde allerdings 1922 nicht zu Forschungszwecken gegründet, sondern wird vom Amateurclub “Dunedin Astronomical Society” (DAS) betrieben. Mit großer Begeisterung hat der Club vor nicht allzu langer Zeit tüchtig nachgerüstet, betreibt ein Celestron-Teleskop mit Computern und bietet für alle astronomischen Ereignisse (Mondfinsternisse, Sonnenfinsternisse, Kometen, Aurorae 😉 …) der Öffentlichkeit Informationen und Beobachtungführungen an.

Beverly-Begg-Sternwarte im Robin-Hood-Park in Dunedin, Neuseeland.

Wenn man Hobbyisten spricht, die sich in Sternwarten und Planetarien engagieren und astronomische Bildung (mal besser, mal schlechter) in die Öffentlichkeit zu tragen, hört man gelegentlich die Frage:

Davon kann man leben?

Kürzlich wurde ich bei einer Konferenz gefragt, was ich beruflich mache. Meine Antwort, dass ich Astronomin bin, wurde daraufhin mit einem hochgradig erstaunten Blick quittiert und der nächsten Frage “Davon kann man leben?”. 

Nun, als Astronom(in) schon. 

Wenn man einen Beruf erlernt hat, hart dafür arbeitete (erstens ihn zu erlernen, zweitens ihn auszuüben), einige Opfer bringt (z.B. dass man phasenweise im Ausland arbeiten muss, familiäre Abstriche machen muss etc.) und sich dabei stetig verbessert & weiterlernt, dann wird man dafür bezahlt und kann idealerweise auch davon leben.
Wie überall: Es gibt übrigens auch Leute, die werden fürs Musizieren bezahlt und können davon leben – das sind dann eben Musiker. Jeder Depp kann unter der Dusche trällern, manche besser & manche schlechter, aber nur wenige können es so gut, dass sie davon leben können. (Erstaunlicherweise sogar, wenn 80% des Publikums gar nicht genug Sachverstand haben, um gute von schlechten Singenden zu unterscheiden.) Das gleiche gilt fürs Weintrinken (ist ja gerade Saison): kann jeder Depp, aber nur wenige Sommeliers können davon leben. Sogar mit dem Brot- und Kuchenbacken ist es ähnlich: kann im Prinzip fast jede/r, aber nur manche üben es als Beruf aus (und die können es dann besonders professionell). Am letzteren Beispiel sehen Sie auch noch einen anderen Aspekt (neben dem “gut können”): Profis machen das den ganzen Tag, systematisch und nicht nur selten zum Spaß. Man darf auch Spaß bei der Arbeit haben und selbstgemachtes Brot/ Kuchen kann extrem köstlich, gesund und gut sein, aber nicht alle Menschen mögen täglich um 4 in der Backstube stehen oder vertragen den Mehlstaub. Genauso kann es ein Hochgenuss sein, die Kunst anderer (oder die Astronomie von Profis) zu konsumieren. Ein bisschen Respekt der Hobbyisten gegenüber den Profis wäre hier aber genauso angemessen wie bei gefeierten Opernsängern.  

Die Frage zeigt das Niveau der Veranstaltung: 

Wenn von Teilnehmenden einer (sog.) “Astronomie”-Konferenz angezweifelt wird, dass Astronomie ein Beruf ist, ist es eben eine Amateurkonferenz. Ist legitim, ordnet man entsprechend ein.   

Sternwarten fürs Volk –
Astronomie für Astronom(inn)en(?)

Bei den Sternwarte, die ich letztes Jahr besuchte, war es ja auch nicht anders: 

  • Die Sternwarte in Kapstadt (Südafrika) hatte auch mit einer Beobachtungsstation zur Kolonialzeit begonnen, wo der Astronom unter widrigsten Bedingungen einer Sumpflandschaft (mit entsprechender Feuchtigkeit) Geräte zur Zeitmessung betrieb und einen astronomischen Beobachtungsbetrieb gewährleistete. Heute ist “Observatory” (Sternwarte) ein Ortsteil von Kapstadt und in der Metropole keine wissenschaftlichen Beobachtungen mehr möglich. Das SAAO hat daher moderne Instrumente für Astrophysik vier Autostunden entfernt von der Hauptstadt errichtet (wikipedia). 
  • Dass Zeitbälle für Häfen, Zeitsignale für Städte noch um 1900 (bei aufblühender AstroPHYSIK) ein wichtiger Grund für Sternwartengründungen waren, hatten wir auch bei der Ladd-Sternwarte in Providence (USA) gesehen: Auch sie ist heute eine Volkssternwarte.   
  • Das Purple Mountain-Observatorium in Nanjing (China) wurde 1934 als Sternwarte für die moderne astrophysikalische Forschung gegründet (wikipedia). Allerdings war der größte Beobachtungserfolg das Programm für Kleinplaneten, das 1955 bis 1985 die Entdeckung von 149 Kleinplaneten verzeichnen konnte. Auch als der Forschungsbetrieb in den 1980er Jahren eingestellt wurde, ging dieses Programm weiter und die Suche nach Near Earth Objects (NEOs) war in den frühen 2000er Jahren nochmal ein großer Erfolg. Die Metropole Nanjing am Fuß des Bergs und die damit verbundene Licht- und Luftverschmutzung führten allerdings zur Auslagerung der Forschung in andere Beobachtungsstationen. Das Purple Mountain Observatorium ist eine reine Museumssternwarte.
  • Die historische Sternwarte in Dengfeng ist selbstredend ein Museum
  • … und Peking … 

Sternwarte Peking

Natürlich sah auch die Sternwarte Peking ein ähnliches Schicksal – nur, dass diese Sternwarte bereits vorteleskopisch gegründet wurde. Nach Vorläufern im 13. Jahrhundert, wo (ca. 1280!) sogar eine Vorstufe des Kuppelplanetariums gebaut wurde, wurde diese Sternwarte in der Ming Dynastie 1442 gegründet und mit Instrumente der Jesuiten 1644 stark aufgerüstet. 

Der berühmte Astro-Physiker-und-Historiker Prof. Sun Xiaochun von der Universität der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, berühmt für sein Buch über die chinesischen Uranographie in der Han-Dynastie und vor allem der Entwicklung eines mathematischen Verfahrens dafür, das Wissenschaftshistoriker bis heute nutzen.

Diese Sternwarte hatte zu keiner Zeit Forschung in Astrophysik. Anfang des 20sten Jahrhunderts war politisch eine bewegte Zeit in China: Kriege, Ende des Kaiserreichs, Beginn der Volksrepublik, Modernisierungen … Sternwarten und astrophysikalische Forschungen wurden da anfangs eher aus Peking heraus (z.B. nach Nanjing) verlegt. 

Nicht nur das Wetter, sondern auch der Smog führten bis in die frühen 2000er in China zu Problemen bei Beobachtungen. Wie alle Länder hat aber auch China viele helle Köpfe, die sich auf anderen Spezialgebieten hervortatet (siehe oben). Fourier-Transformationen einzusetzen, um historische Sternkarten zu rekonstruieren, ist sicher eine Idee, auf die europäische und amerikanische Historiker nicht unbedingt hätten… Dass man chinesische Chroniken und andere historische Dokumente auch für Forschungen in der Physik der Sterne urbar zu machen gedachte, ist eine Eigenheit der Forschungszweige (global) zur Identifikation historischer Novae und Supernovae. 

Die historischen Sternwarten in China sind und bleiben folglich eher eine Dekoration, während die moderne Forschung sich mit geistigen Arbeiten statt mit bodengebundenen Beobachtungen beschäftigt.

Fazit

Für die junge Generation möchte ich festhalten: 

Es gab eine Zeit, als Sternwarten echte Forschungseinrichtungen waren. Man hat dort wirklich nichts anderes gemacht als Forschung – rechnende (“theoretische” oder “mathematisch”) Astronomie sowie Beobachtungen, freiäugig und/oder mit Instrumenten.

Im 19. Jahrhundert wurde allerdings das öffentliche Interesse größer: erstens durch zunehmende flächendeckende Bildung immer breiterer Bevölkerungsmengen, zweitens durch das aufstrebende Bürgertum, das nach Feierabend für Freizeitprogramm/ Unterhaltung Zeit hatte, drittens speziell in Berlin angetriggert durch die Entdeckung eines neuen Planeten “hinterm Uranus” (ja, 1846 noch in der Innenstadt von Berlin – in einer Sternwarte, die es heute nicht mehr gibt, weil Licht- und Luftverschmutzung den Beobachtungsbetrieb um 1900 unmöglich machten und man lieber neue Einrichtungen für die junge AstroPHYSIK in Babelsberg, außerhalb Berlins, errichtete: das erste AstroPHYSIKalische Observatorium, wo also “Physik” im Namen stand). Die wachsende Nachfrage der Öffentlichkeit, die irgendwann auch anfing, den Beobachtungsbetrieb zu stören, führte zur Forderung der Forscher nach Volkssternwarten: in Berlin 1888 durch den Chef-Astronomen Wilhelm Foerster in Gestalt der “Urania” umgesetzt und dann schnell vielerorts in Form ähnlicher Einrichtungen kopiert. 

Binnen des 20. Jahrhunderts schlug das Pendel allmählich um: statt Forschungseinrichtungen, die nebenbei ein wenig die Öffentlichkeit unterhalten/ weiterbilden, wurde in immer mehr Sternwarten die Forschung eingestellt und nur noch Öffentlichkeitsarbeit gemacht. 

Heute kennt man Sternwarten hauptsächlich als Einrichtungen, wo man “mal durchgucken” und am Himmel irgendwas vergrößert sehen kann. Das ist immer noch ein angenehmer Zeitvertreib, bedient die menschliche Schau-Lust und wird mit ein paar Infos durch Hobby-Astronomen gewürzt, die meist sehr passioniert über ihr Hobby reden. 

Forschung findet heute meist nicht mit dem Auge am Teleskop statt! 

In der Astrophysik werden Daten ausgewertet, die in irgendwelchen Datenarchiven liegen (z.B: von Satellitenteleskopen) und in der Kulturastronomie/ Wissenschaftsgeschichte wird – wenn überhaupt – am ehesten freiäugig beobachtet. 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... . Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

4 Kommentare

  1. Bodengebundene Astronomie war schon immer fehl am Platz, deswegen stiegen ja die Astronomen auf Berge und Türme. Sehen Sie das Ganze also als die Heilung von einer Kinderkrankheit. Ein Teleskop im Orbit ist ja auch nur ein Meisterstück der Schidbürger-Ingenieurskunst, bei dem man am Turm unten alles weg nimmt und nur die Spitze behält – so spart man Material und Gewicht und kann viel höher bauen. Erklärt nebenbei, warum die Welt so voller Leute ist, die totalen Schwachsinn machen und stur daran festhalten: Man weiß ja nie, was davon nicht trotzdem irgendwann funktioniert.

    Aus Klimaschutzgründen bin ich dafür, Schildbürger auf Desertec und CargoLifter zu hetzen. Die hätten nie aufgegeben, bevor sie die Dinge zum Laufen gebracht hätten, da wären sie viel zu blöd für. Aus den gleichen Gründen bin ich dafür, sie aus Politik und fossilen Energien abzuziehen.

    Als Nächstes verlassen die Astronomen wohl die Ekliptik. Zu viele Gravitationsdellen, zu viel holpriges Gelände, Wirbel, Wellen, zu viel Gedränge an Strahlung und Masse, Licht verklumpt zu lästigen Planeten, die auf jede mögliche Weise eine Show abziehen wie Vegas, selbst kosmische Strahlung wird auf dieser Ebene mit Energie aufgeladen, wenn ich das mit der Achse des Bösen richtig verstanden habe. Irgendwann werden die Geräte empfindlich genug, Astronomen schlau und neugierig genug, dass sie auch das als Lichtverschmutzung empfinden. Und dann wachsen die Türme von Schilda höher und höher, auf beiden Seiten der Weltscheibe.

  2. „Kulturastronomie“ wie sie das nennen, hat meiner Ansicht nach noch nicht ihr volles Potenzial ausgeschöpft, denn benutzt wird sie vor allem von Interessierten, in der breiten Öffentlichkeit aber ist sie noch kaum angekommen. Es gäbe aber Möglichkeiten das zu ändern. So könnte man etwa das aktuelle Bild einer nahen Sternwarte mitten in der Stadt auf eine grosse leere weisse Wand (etwa Rückseite eines Gebäudes) projizieren und damit allen Menschen darbieten, die gerade an der Wand vorbeilaufen oder vorbeifahren. Um die astronomische Neugier zu befriedigen, könnte man ins projizierte Bild noch die Namen der Himmelsobjekte einblenden. An besonderen Tagen könnte man etwa den Mond oder bestimmte Planeten darstellen. Eine Stadt könnte damit eventuell sogar Besucher anziehen durch das Spektakel das dargeboten wird.

    Im übrigen haben sie sehr gut den Trend in der modernen Astronomie wiedergegeben: moderne Observatorien stehen an den besten Standorten, die es auf der Erde überhaupt gibt: optische Observatorien stehen auf hohen Bergen in dünner und trockener Luft, Radioteleskope in menschenleeren Gegenden wo es wenig störende Fremdsignale gibt. Und der ultimative Platzierungsort ist dann der Orbit oder gar L2. Wenn der Weltraum leichter zugänglich wäre, würde man heute alles astronomische Gerät dort platzieren. Doch das ist er nicht. Es können nur wenige Tonnen nach oben transportiert werden und Erweiterung und Wartung einer weltraumbasierten Anlage sind exorbitant teuer. Wenn der Zugang zum Weltraum irgendwann einfacher und kostengünstiger wird, dann wird sich das ändern.

    • Aha: Lichtverschmutzung erhöhen, um für Sternwarte zu werben, die man damit wohl weiter von der Stadt weg treiben wird.

    • Was man in der IAU Kulturastronomie nennt, gibt es in Deutschland gar nicht. Der Begriff kommt im Englischen aus der Überlegung, dass Archäoastronomie und Ethnoastronomie zusammengehören. Archäoastronomie gibt es in Deutschland, ist aber ein Nebengebiet der Archäologie, für das meist Hobby-Astronomen als Berater konsultiert werden und das auf entsprechend niedrigem Niveau lebt. Ethnoastronomie gibt es in Deutschland m.W. gar nicht, da wir (aus guten Gründen) ein Problem mit unserer Geschichte haben. Wissenschaftgeschichte, die m.E. auch in den Bereich der Kulturastronomie gehört (an der FU Berlin z.B. eine ganze Fakultät für “Geschichte und Kulturwissenschaft”, weil die beiden Fächer eben zusammengehören!), gibt es zwar in Deutschland, aber die wenigen Professuren für WiGe oder WTG, die es vor 20 Jahren noch gab, sind im Fall von Ruheständen nicht nachbesetzt worden. Dabei könnte gerade die Astronomiegeschichte (wie auch Geographiegeschichte, Naturkundegeschichte) erhebliche Beiträge leisten.

      Also: JA, das Potenzial der Kulturastronomie ist nicht nur nicht ausgeschöpft, sondern wird sogar massiv unterdrückt bzw. ignoriert. Während andere Länder “Kulturastronomie” als Sammelfach ausbauen, schlummert es in .de noch seinen Dornröschen-Schlaf und wartet, endlich wachgeküsst zu werden.

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