Ein paar Fragen wegen Hanna

Die #ichbinHanna Twitter-Aktion sollte sich inzwischen herumgesprochen haben: Ein Problem, das seit ca. 2003 besteht (das Wissenschaftszeitvertragsgesetz) wurde 2018 vom BMBF für NachwuchswissenschaftlerInnen kindgerecht erklärt und als der wissenschaftliche Nachwuchs dies nach ca. 3 Jahren bemerkte, reagierte er mit einem Protest-Sturm und das BMBF nahm das Video von der Webseite (aber das WWW vergisst nicht: voila!) – sieht aber keinen Grund von seiner Position abzurücken. Stephan Schleim hatte kürzlich eine niederländische Entwicklung berichtet (dahin würde ich gern auswandern). 

https://www.br.de/kultur/ichbinhanna-initiatorin-kerstin-eichhorn-im-interview-wisszeitvg-100.html
https://www.br.de/kultur/ichbinhanna-ausbeutung-akademiker-sicherheit-uni-jobs-befristet-prekariat100.html

https://www.tagesspiegel.de/wissen/aufschrei-des-wissenschaftlichen-nachwuchses-ichbinhanna-trendet-auf-twitter/27278532.html

https://www.tagesspiegel.de/wissen/aufschrei-des-wissenschaftlichen-nachwuchses-ichbinhanna-trendet-auf-twitter/27278532.html

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/ichbinhanna/

Zusammengefasst ist die Situation die folgende: 

klick aufs Bild sollte es vergrößern, hoffe ich. … Bei Inkrafttreten des Gesetztes (WissZeitVG) sagten die damaligen Habilitanden zynisch “d.h. Abschluss und dann C4 oder Hartz4”. Nun gibt’s C4-Professuren inzwischen nicht mehr, aber die Misere bleibt: Man qualifiziert sich für einen Beruf ohne Aussicht auf eine Stelle, weil man – laut BMBF – dafür Platz machen soll, dass auch andere sich für diesen Beruf qualifizieren können.

Ich möchte nicht mehr Hanna sein!

Niemand möchte das länger als nötig. In einer Qualifikationsphase könnte man es vllt. verstehen – und die Qualifikation ist laut Landeshochschulgesetz nach der Dissertation abgeschlossen (da dann bewiesen ist, dass man selbstständig wissenschaftlich arbeiten kann, d.h. dies entspricht dem Meisterbrief im Handwerk).

Schaut man sich aber den obigen, sehr langen (Aus)Bildungsweg von AkademikerInnen anschaut, fragt man sich: Wieviele Doktorarbeiten, Auslandsaufenthalte, Stipendien, Zwischen- und Überbrückungsfinanzierungen muss man be- und überstehen, bevor man den Job machen darf, für den man sich so mühsam, überstunden- & entbehrungsreich qualifiziert hat? Wann darf man endlich unbefristet und qualifikationsgemäß (aus eigenem Antrieb, nicht bevormundet) arbeiten und den Job machen, für den man geboren ist?

Die Ausbildung (im humboldtschen Sinn) ist ja erst mit ca. 30 Jahren abgeschlossen, an der eigenen (Weiter)Bildung (im humboldtschen Sinn) arbeitet man sowieso – aber man ist fast doppelt so alt wie ein fertig ausgebildeter Bäcker. Und dann heißt es immer noch “befristet”, “befristet”, “befristet”. 

Darum hier ein paar generelle Verständnisfragen:

  • Laut BMBF sollen die Wissenschaftler an den Unis Platz machen für jüngere, die sich ebenfalls qualifizieren wollen. Das edle Ziel ist mir klar, denn ich habe es als 25jährige selbst erlebt, dass in einem bestimmten Betrieb, in dem ich ausgebildet wurde, eine ältere Generation alle Stellen besetzte und ich keine Chance hatte, eingestellt zu werden: ich durfte nur unbezahlt lernen zu arbeiten (als hätte ich das nicht bereits seit >7 Jahren zuvor getan und praktisch bewiesen). Dennoch ist mir diese politische Aussage in Bezug auf Universitäten völlig unklar.

    Meine Frage: Wozu qualifiziert man sich denn da? 

    1. die Promotion soll für eine Hochschulkarriere qualifizieren, namentlich zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten.  
     Frage 1: Wenn es in der Wissenschaft keine (permanenten) Stellen gibt, warum sollte man das tun?
     Frage 2: Danach wird man als Elfenbeintürmler ohne Berufserfahrung gesehen, also warum? 
     Frage 3: Bereits letztes Jahr fasste ich Zweifel zusammen, dass das eigentliche Ziel durch die Machtposition der Prüfer=Arbeitgeber auf befristeten Stellen überhaupt wirklich erreicht wird. Dann wären viele “Dr.”-Leute nicht einmal für Forschung qualifiziert, sondern nur mit einem “Titel” versehen (der übrigens ein Grad ist, kein Titel – Titel hat der Adel und die sind Namensbestandteile; akademische Grade sind nicht Namensbestandteil). 
    ergo: die Promotion verkümmert zum Zeit-tot-schlagen für jüngere AkademikerInnen, die mit Mitte 20 immer noch nicht wissen, was sie beruflich machen wollen/ werden oder wegen Lockdowns Mühe mit der Jobsuche haben – und geeignete WissenschaftlerInnen werden vom System ausgespuckt. 
    2. für die Habilitation(säquivalentleistung) gilt das gleiche analog und noch krasser 
  • Wenn man sich nach der Dissertation für eine wissenschaftliche Karriere entscheidet, ist einem klar, dass man danach keine Chance in der freien Wirtschaft mehr haben wird: zu hoch qualifiziert und zu alt. 
    Frage 4: Wem ist damit geholfen? 
    Frage 5: Wer “verstopft” hier, wenn der Innovationsstandort .de habilitierte Bus- und Taxifahrer hervorbringt? Was sollen diejenigen machen, die mit 18 oder 20 ihre Ausbildung zum Busfahrer, Garderobenfrau oder Lagerlogistiker oder … erfolgreich abgeschlossen haben und dann mit Mitte 40 von Akademikern aus dem Job verdrängt werden, weil der Arbeitgeber “mehr fürs gleiche Geld” kriegt? 
  • Hat sich eigentlich schon mal irgendwer von denen, die diese Gesetze ausbrüten, gefragt, wie das rein praktisch funktionieren soll? 

     1. Nach der Habil geht’s an der Uni nicht weiter: Die Unis müssen bei Einstellung auf befristeten Verträgen begründen, warum die Person befristet wird. Ein Befristungsgrund ist typischerweise die Weiterqualifikation. Wenn jemand aber habilitiert ist, hat die Uni keine höheren Abschlüsse mehr zu vergeben. Angenommen, man schafft Diss. und Habil in 10 Jahren, ist also besonders gut und schnell (Leistung = Arbeit / Zeit). Laut WissZeitVG hätte man also noch 2 Jahre Zeit – man kriegt aber keinen Arbeitsvertrag als PostDoc mehr, weil es ja nichts gibt, in dem einen die Uni weiterqualifizieren könnte. Man kann also entweder direkt nach der Habil eine Professur antreten oder man ist halt arbeitslos und die Agentur für Arbeit, die behauptet “wir bringen Sie weiter” hat ebenfalls null Empfehlungen. 
    [das gleiche gilt auch für Leute, die vllt. 14 Jahre gebraucht haben, aber davon nur 6 Jahre über Haushaltsmittel angestellt waren und die restlichen 8 Jahre über Stipendien, Drittmittel, Auslandsaufenthalte… finanziert waren]

     2. Nichtakademische Alternative??? Angenommen, man gibt seine akadem. Quali nicht an und bekommt einen Job. Dann ist man viel höher qualifiziert als der jeweilige Chef und alle Mitarbeiter. Rein hypothetisch: Nur mal angenommen, man arbeitet einen Weile in dem Job – glauben Sie echt, dass die anderen das nicht merken? Wenn man seine Weiterbildung an der Universität wirklich ernst genommen hat, dann wird das früher oder später zu Knatsch führen: entweder, weil man unterfordert ist oder weil man nicht die Möglichkeiten bekommt, die einem zustehen, oder weil die anderen neidisch oder verständnislos sind oder weil sich ein Chef überfordert mit zu guten Leuten sieht, die ihm gefühlt den Rang ablaufen (auch wenn das gar nicht deren Ziel ist). … 

übergeordnete Frage 1

Wäre es nicht klüger Doktor-TITEL für Leute zu schaffen, die dies als Aushängeschild brauchen (in Politik, Management) und die normalen Doktor-GRADE der Universität für die Wissenschaft zu lassen und dort wirklich für den Arbeitsmarkt in der Wissenschaft zu qualifizieren?

Nur um das klarzustellen: Ich bin unbedingt für lebenslanges Lernen und stetige Weiterbildung. Ich bin auch dafür, dass belohnt wird, wer mehr macht oder sich mehr engagiert als andere. Wer die Fleißarbeit erbringt, eine Doktorarbeit zu erarbeiten und dann auch noch zusammenzuschreiben, der soll dafür auch die ihm/ ihr gebührende Würdigung erfahren. Wenn aber zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens sich mit derlei Juwelen schmücken wollen, dass sie zum Schmuck statt Berufsqualifikation umgedeutet werden, dann sind sie auch keine Belohnung mehr für die Extraarbeit der Fleißigen oder für die Brillanz der Klugen. Der Wert von Juwelen kommt daher, dass sie rar sind und man sie eben nicht mit der Gießkanne verteilt.   

WIE kann man das erreichen?
LÖSUNGSVORSCHLAG Man könnte diese Dr.-TITEL fürs Aushängeschild von Volkshochschulen vergeben lassen (wofür man diese rüsten/ ausbauen müsste). Das würde die lebenslange Weiterbildung, das freiwillige Forschen ohne Druck und neben dem Beruf (wir kennen es von Scharen von engagierten Hobby-Astronomen) stärken und Anreize zur geist-vollen Freizeitbeschäftigung schaffen. Diese Titel wären dann auch nicht “schlechter” oder “weniger Wert”, sondern würden von Bildungseinrichtungen der freiwilligen Freizeit-Bildung vergeben werden. Es würde die Universitäten entlasten und es würde Chancen bieten für jene Menschen, die eigentlich gar nicht vorhaben, aus ihrem Hobby einen Beruf zu machen. Es würde die berufliche Weiterqualifikation (zwecks Jobperspektive) von den mit Titulatur belohnten engagierten Freizeitprojekten trennen.

Das würde mehrere Probleme lösen: 1. die Wissenschaft wäre insgesamt qualitativ hochwertiger und die Universität bildet für den Eigenbedarf aus (wie jeder Betrieb), 2. es vermeidet politische Skandale, 3. der Bedarf an Nachrückenden und der Druck auf die Verstopfung durch die Hochqualifizierten wird geringer. 

übergeordnete Frage 2

Was macht die Universität aus? Woran denkt man als erstes, wenn man “Uni” hört? 

Vielleicht bin ich wiedermal nicht der Maßstab, aber ich denke zuerst an Studierende und die Einheit von Forschung und Lehre, also WissenschaftlerInnen, die jüngeren zeigen (lehren), wie Wissenschaft geht. Wenn man bedenkt, dass an Universitäten die einzigen unbefristeten Stellen von WissenschaftlerInnen diejenigen der Profs sind, haben wir also die Gruppen von “echten Forschenden”, die quasi in Käfigen gehalten und den schaulustigen “Studierenden” von denjenigen mit dem Label “Prof” vorgeführt werden: “guckt mal, die possierlichen Tierchen, so arbeiten sie: nächstes Jahr wird dieses da zu groß, dann wird es freigelassen – das andere da wird nächsten Monat in einen anderen Zoo verkauft”. Das einzige stabile Element in diesem “Zirkus” sind nicht etwa die Ausgestellten, sondern die Brigade des Verwaltungspersonals: Sekretäre, technische Assistenten und mit Gremien, Drittmittelakquise und Verwaltung beschäftigten Profs. Über artgerechte WissenschaftlerInnen-Haltung hat sich aber noch niemand Gedanken gemacht.

Sollte man nicht also vielmehr bei dem Wort “Uni” zuerst an die ewig-währenden Sekretariate denken, die sie verwalten? 

übergeordnete Frage 3

Warum rückt man nicht ab von dem Akademisierungswahn? Es gibt Berufe, die man nur an der Uni lernen kann, aber auch viele, für das nicht gilt. Wieso eigentlich sollen so viele ManagerInnen und PolitikerInnen Dr-Grade haben, d.h. die Fähigkeit nachgewiesen haben, selbständig wissenschaftlich zu arbeiten? Wie hilft Ihnen das bei der Leitung eines Bundesministeriums oder beim Bau eines Flughafens?
Es sei den Lehrkräften an den Schulen dieses Landes natürlich von Herzen gegönnt zu promovieren – aber man erwartet doch nicht von jeder Person, die sich vor SchülerInnen stellt, dass sie promoviert oder gar habilitiert ist! Viel wichtiger ist, dass die Person mit Kindern und Jugendlichen gut umgehen kann und das weist man nicht durch “selbstständige wissenschaftliche Arbeit” nach. [nur als Beispiel]

übergeordnete Frage 4

Kann es sein, dass die Verstopfung der Universitäten durch eine Generation ganz einfach dadurch vermieden werden könnte, dass man das Ansehen nicht-akademischer Berufe stärkt, so dass nicht so viele Leute durch Universitäten geschleust werden müssen? 

… ich frage ja nur … 

 

  • Veröffentlicht in:

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

4 Kommentare

  1. Zitat:

    Kann es sein, dass die Verstopfung der Universitäten durch eine Generation ganz einfach dadurch vermieden werden könnte, dass man das Ansehen nicht-akademischer Berufe stärkt, so dass nicht so viele Leute durch Universitäten geschleust werden müssen?

    Ja, das ist sicher so, läuft aber gegen den Trend und der Trend geht immer noch zu mehr und längeren Ausbildungen und zum Universitätsstudium als höchstem Ziel.

    Dabei ist Deutschland sogar noch in einer besseren Ausgangslage, was nicht-universitäre Ausbildungen angeht, gibt es doch in Deutschland ein duales System (Lehre in Verbindung mit der Berufsschule und überbetrieblichen Lehrgängen). In den meisten andern Ländern dagegen sind nicht-akademische Berufsausbildungen rudimentär, wenn sie überhaupt existieren. Man kann also sagen: In Deutschland sind die Wahlmöglichkeiten zwischen akademischer und nicht-akademischer Ausbildung grösser und ein nicht-akademischer Karriereweg realistischer als in vielen andern Ländern – auch beispielsweise realistischer als in den USA.
    Dennoch ist auch in Deutschland Abitur und Uni-Diplom/Titel das Mass aller Dinge. Ich wüsste nicht, wie man das ändern könnte. Sicher müsste man zuerst einmal das Image von nicht-akademischen Berufen verbessern und nicht-akademische Weiterbildungen fördern. Es gibt den Trend zur Akademisierung. Und sich gegen einen Trend stemmen oder ihn gar umzukehren ist schwierig.

  2. “Es gibt den Trend zur Akademisierung. Und sich gegen einen Trend stemmen oder ihn gar umzukehren ist schwierig.”

    Eine Weisheit von Seneca: “Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht waren, sind sie schwierig.”

  3. SPON bringt die Geschichte einer promovierten Biomedizinerin, die in der Alzheimerforschung tätig war und die jetzt in der Privatwirtschaft im Bereich Autobau gelandet ist. Es wurde also kein (Zitat) „ habilitierter Bus- und Taxifahrer „ aus ihr, aber man kann schon sagen: ihre ganze Ausbildung war für die Katz.
    Und hier der Link zu :

    Aus der Alzheimer-Forschung in die Autoindustrie

    »Mir wurde klar: Wenn ich Sicherheit will, muss ich hier raus«

    Ann-Christin Wendeln hat Biomedizin studiert und zu Alzheimer geforscht. Doch weil die Bedingungen so schlecht waren, fing sie nach der Promotion noch mal von vorn an – bei einem Dienstleister für Autobauer.

    Das traurige an der Geschichte der in diesem SPON-Artikel vorgestellten Person ist die, dass sie hochbegabt war und ist (Klassen übersprungen) und dennoch nur vorübergehend die von ihr gesuchte sinnerfüllende Tätigkeit in der Forschung fand.
    Den Sinn fand sie dann in der Autoindustrie als Teammanagerin (Zitat): „ Mittlerweile bin ich Teammanagerin und muss keine Fahrzeuge mehr verstehen, sondern Menschen. Darin blühe ich richtig auf.“

Schreibe einen Kommentar