Dieter B. Herrmann

Er war leidenschaftlicher Wissenschaftsvermittler, studierter Physiker, gefeierter Schauspieler und Fernsehmoderator, Visionär, promovierter und habilitierter Wissenschaftshistoriker und stets begeisterungsfähig. Bis ins hohe Alter! Er kochte gern, kümmerte sich um die Menschen in seinem Umfeld. Eines seiner Lieblingsgetränke war Whisky – hab ich mir sagen lassen – und die Zigarre gehörte zu seinem Erscheinungsbild wie für andere Astronomen das Teleskop. Der weltoffene, funkelnde kleine Mann strahlte Größe aus, Format und Charakter, war aber frei von Eitelkeit. Der Direktor der Archenhold-Sternwarte mit der tiefen, rauchigen Stimme war eine Lichtgestalt für die Astronomie in der DDR. Er inspirierte eine ganze Generation: Ich weiß noch, dass mein Vater einmal ganz ehrfürchtig war, als er mich von der Sternwarte in Berlin-Treptow abholte und ihm dabei zufällig der kleine Professor über den Weg lief.

Meinen Studierenden muss ich heute erklären “er war der Harald Lesch der DDR”, denn seine Fernsehsendung AHA habe sogar ich selbst nicht mehr gekannt. Auch seine Bücher, die Generationen von Hobbyastronom:innen beeindruckten, habe ich erst angeschaut, als ich für ihn arbeitete und allmählich begriff, wieviel mein alt gewordener Chef für die frühere Generation geleistet hatte und wie viel er ihnen bedeutete. Dennoch ist er mitverantwortlich für meine Begeisterung für die Naturwissenschaft und ihre Vermittlung: 

Ich gehörte zu der ersten Generation von GrundschülerInnen, die 1987/ 1988 im frisch eröffneten Zeiss-Großplanetarium an einer der Prachtstraßen Ostberlins “Sterne, Nebel und Feuerräder” kennenlernen durften. Ich habe dabei gelernt, dass die Farbe der Sterne eine Aussage über ihre Temperatur ist. Sollte es wirklich so einfach sein?, fragte ich mich. Sind da draußen mehr von solchen wunderschönen Zusammenhängen, mit denen man die Welt nicht nur anschauen, sondern eine Weltanschauung entwickeln kann? Kann man nicht nur “gaffen”, sondern auch verstehen? Ist es doch nicht alles nur “zufällig” da und zufällig so, weil es eben so ist, sondern stecken da Gesetze dahinter? 

Natürlich ist das so. 

Nach zwei absolvierten Studiengängen und mit zwei Doktorgraden dekoriert, weiß ich von Naturgesetzen und vielen Zusammenhängen in menschlichen Gesellschaften. Ersteres lernt man in der Physik, zweiteres in der Erforschung der (Wissenschafts)Geschichte. Aber woher sollte ich das wissen, kurz nachdem man mir eine Schultüte in die Hand gedrückt hatte und wenn man im Elternhaus bei meinen Fragen immer nur seufzte “ach, wenn Dein Opa noch leben würde: der könnte Dir das erklären”. 

Gut, dass Planetarium damals nicht nur Halligalli gemacht hat – auch natürlich, aber nicht nur!

Sicher, ich bin mit Abstand das jüngste und vermutlich letzte Einhorn, das die alte Generation an der Archenhold-Sternwarte unter dem AHA-Professor hervorgebracht hat. Ehrlich gesagt, habe ich in den gesamten sieben Jahren, die ich für diesen Mann arbeitete, nur ungefähr drei- bis fünfmal mit ihm gesprochen – nicht, dass ich nicht gewollt hätte (oder er), sondern es war mein Job, dann da zu sein und den Betrieb sicherzustellen, wenn alle anderen Feierabend oder Wochenenden hatten. Abgesehen davon wohnte und studierte ich in Potsdam und der betagte Astronom war “niemals vor 11 Uhr” im Büro – zu der Zeit hatte ich schon bis zu drei Schulklassen durch die Warte geschleust und war auf dem Weg nach Potsdam, um die Mitschrift von der 9-Uhr-Vorlesung von einer Kommilitonin zu holen. Ich habe ihn also fast nie getroffen. Dennoch bewegte mich die Nachricht vom heutigen Tod meines DoktorGroßvaters. 

Bereits zu Lebzeiten hatte er durch seine Werke großen Einfluss auf Menschen, die ihn nicht persönlich kannten. Die neuen Medien des 20. Jh. bringen es mit sich, dass solche Luminanzen von mehr Leuten gekannt werden als sie selbst kennen. Ein Moment, in dem ich selbst das besonders merkte, war, als derjenige meiner Doktorväter, der bei ihm promoviert hatte, mich ein Stück im Auto mitnahm. Auf der Autobahn sangen wir spontan gemeinsam das Mond-Lied aus einer Planetariumsshow für Kinder, die wir beide (mein Doktorvater und ich) zahllose Male vorgeführt hatten. Es war wohl Herrmanns erstes Werk für Planetarium (oder eines der ersten), geschrieben in den 1970ern: Die Show wird bis heute (2021) gespielt.
Meinem späteren Doktorvater war ich in der Archenhold-Sternwarte nie begegnet, aber als wir uns auf AG-Tagungen trafen, war ihr ehemaliger Direktor in absentia das generationenübergreifende Band, das uns das Gefühl gab, vom gleichen Stamm zu sein. 

Der Stamm der Gruppe von Menschen mit dem Drang, über die Astronomie die Begeisterung für Naturwissenschaft zu versprühen, die Geschichte und Kultur der Naturwissenschaft zu erforschen, Wissen zu teilen und dem Wissen, dass man das profunde Wissen dazu (das er so schätzte) vorher natürlich erwerben muss. Die Wege der Erkenntnis sind nicht immer die leichtesten – aber es sind immer die lohnensten. Das gilt nicht nur für einen Astronomen in zwei Welten! Aber vielleicht hat es ein solcher am leichtesten zu vermitteln, dass man hinter den Kulissen hart arbeiten kann und trotzdem nach außen hin strahlen und begeistert von der Schönheit der Natur(gesetze) berichten kann. 

Und ja: Wissenschaftsgeschichte ist mathematisierbar! (Interview von der HU Berlin mit ihm) Zumindest teilweise. Computational History of Science ist zwar ein unterentwickelter und noch junger Zweig, ist aber mit den Digital Humanities die Zukunft dieses Faches: Schade, dass er das nicht mehr erlebt!


Sein Körper lebte heute ab, 25. November 2021.
Doch Astronomen von dieser Strahlkraft sterben nicht.

 

 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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