Sonnenuhr im Potsdamer Park Sanssouci

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Letztes Wochenende, am 13. April, starb der bekannte Astronomiedidaktiker und Lehrer Arnold Zenkert – so die Information über eine Mailingsliste diese Woche. Er wurde 89 Jahre alt. Eine kurze Biographie findet sich auch der Webseite des Urania-Planetariums Potsdam, in dem er bis zuletzt tätig war. Fotos von Herrn Zenkert findet ebenfalls Google relativ schnell – und da ich keine eigenen habe, verlinke ich diese hier. [Zwar hatte ich das Glück, diesen freundlichen älteren Herrn einmal kurz kennenzulernen, als ich seinerzeit in Potsdam arbeitete, aber man fotografiert ja nicht jede Alltagssituation.] Den allgemeinen Ausdrücken der Trauer um einen sehr engagierten Astronomen und Pionier der astronomischen Allgemeinbildung schließe ich mich an – und Sie, liebe Mitlesenden – haben natürlich wie immer die Kommentarfunktion für eigene, persönliche Nachrufe!

Arnold Zenkert (1923 – 2013)
Nicht nur für Potsdam und die Astronomiedidaktik ein großer Verlust.

… und gerade die Astronomiedidaktik braucht charismatische, gute Leute …


metaphorischer Gedenkstein

Zenkert zu Ehren präsentiere ich hier eine der faszinierendsten Sonnenuhren der Welt – und definitiv die grandioseste Sonnenuhr Potsdams, denn die Sonnenuhren waren eines seiner Hauptinteressengebiete.

Mach es wie die Sonnenuhr:
Zähl die schönen Stunden nur.

Mehr als 30 Sonnenuhr-Zifferblätter sind auf diesem relativ kleinen Würfel zu sehen. Die Skulptur zeigt die Insignien der preußischen Könige “Friedrich Wilhelm”, wobei jeder Strich eines Buchstaben ein Gnomon ist. Außerdem thront das Königssymbol auf einem großen zwölfzackigen Stern, dessen Zacken Gnomone sind und/ oder Skalen tragen.

Die Rückseite zeigt den seltenen Fall von Nordsonnenuhren: Der alte Merkspruch [siehe wikipedia], die Sonne sei (bei uns) im Norden nie zu sehen, ist natürlich eine didaktische Reduktion und stimmt also nicht beliebig streng: nicht für alle Gebiete der Erde und nicht einmal für die gesamte der Nordhalbkugel. Je weiter man in Europa nach Norden geht, desto weiter sieht man im Hochsommer die Sonne im Norden und nördlich des Wendekreises gäbe es sogar Mitternachtssonne.

Nordsonnenuhren der Rückseite

Im Nordsommer kann also die Sonne sowohl seitlich um eine Hauswand “herum” die Nordseite eines Gebäudes und mithin auch einen dortigen Gnomon beleuchten. Sie kann auch – im Fall der Neigung der nördlichen Hauswand – über die Dachkante hinweg einen Gnomon beleuchten. Mehrerer Fälle solcher Nordsonnenuhren gibt es auf der Rückseite des faszinierenden, leider sehr verwitterten Steinklotzes in Sanssouci:

Auf den beiden Seitenflächen im Osten und Westen sind – man ahnt’s nun schon – ebenfalls Sonnenuhren angebracht: je zwei Skaphen und mehrere geradflächige Zifferblätter. Das Ganze sehr symmetrisch:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Sonnenuhr verwittert leider etwas vernachlässigt vor den Römischen Bädern vor sich hin. Wer sie besichtigen möchte, sollte also nicht den Haupteingang von Sanssouci nutzen, denn von da läuft man sehr weit bis nach Potsdam West. Es geht schneller, wenn man gleich den Park-Eingang vom Schloss Charlottenhof (nahe dem gleichnamigen RE-Bahnhof “Potsdam Charlottenhof”) nimmt – oder – wenn man sich gut auskennt – einen der kleineren Seiteneingänge (Ort markiert mit Google Maps).

 


 

Vielleicht ein kleiner Trost für den Geist des Verstorbenen: Für seine Lieblingsforschung (Sonnenuhren) entstand gerade in den letzten paar Monaten ein neues Forschungsprojekt im Berliner Excellence-Cluster TOPOI der Wissenschaftshistoriker. Da geht’s natürlich um antike Sonnenuhren, deutlich vor 1740 und den preußischen Friedrichs, aber immerhin geht die Forschung weiter. Hier ein Reisebericht der Forscher, der sich im weltweiten Netz findet. Die Sonnenuhrenforschung wird also – fast am gleichen Ort (global betrachtet, mal von deutsch-föderalistischen Strukturen abstrahiert, denn natürlich weiß ich, dass die Landeshauptstadt Potsdam und die Bundeshauptstadt Berlin im Grunde “ganz verschiedene” Orte auf der Landkarte sind)  – mit neuesten Forschungsmethoden fortgesetzt.

Die Sonnenuhren-Forschung lebt also aktuell in Berlin weiter und wächst und gedeiht dort in einem exzellenten Forschungs-Team.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

1 Kommentar

  1. Sanssouci ist überall

    Mit welcher Genauigkeit müsste man die Kontouren der (quasi-)gleichzeitig von der Sonne beleuchteten Erdoberfläche messen (bezogen auf geographische Gegebenheiten wie z.B. Küstenverläufe), um nicht nur die entsprechende “Tageszeit” (z.B. “MEZ”) bestimmen zu können, sondern dadurch auch den jeweiligen Tag im Jahr (also die “Jahreszeit”) bestimmen zu können; also insbesondere den “20. Juni” vom “21. Juni” und vom “22. Juni” usw. unterscheiden zu können?

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