Das Weltall in Bansin

Gestern wurde in Bansin (Usedom) ein Pop-Up Museum eröffnet. Thema ist die Geschichte einer christlichen Astronomen-Familie, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung aus Deutschland vertrieben wurde.

“Das Weltall” ist der Name der populärwissenschaftlichen Astronomie-Zeitschrift, die vor über hundert Jahren von Friedrich Simon Archenhold gegründet wurde. Wahrhaft der Vorläufer von Sterne und Weltraum,

denn “das Weltall” wurde organisiert von einem Berufsastronomen, der inzwischen mit dem Betrieb des längsten Linsenfernrohrs der Welt in der Öffentlichkeit präsent war und dem großen Interesse des Berliner Publikums an der Himmelskunde entgegen kam. Die Zeitschrift ist seit einigen Jahren digital abrufbar auf der Webseite des Fördervereins der Archenhold-Sternwarte Berlin.

Die Archenhold-Sternwarte trägt ihren Namen seit 1946, weil man nach dem zweiten Weltkrieg an den Gründer und Pionier der Populärdidaktik erinnern wollte. Als Archenhold 1896 das Riesenfernrohr aufstellen ließ, gehörte der Treptower Park noch nicht einmal zu Berlin. Da Kaiser Wilhelm den deutschen Industriellen eine Weltausstellung im Stil der Weltausstellungen von 1851 (London, organisiert vom deutschstämmigen , sehr technik-interessierten Prinzgemahl Albert der Queen Victoria, berühmt für den Cristal Palace und den begehbaren Wyld-Riesenglobus, verbessert in Paris 1900 mit einem begehbaren Globus, der innen Sternhimmel, außen Erdkarte zeigte) und 1889 (Paris, berühmt für den Eiffelturm) mit der erschlagenden Begründung “ick will ditt nich” verboten hatte, veranstalteten sie eine “Große Gewerbeausstellung” vor den Toren der Stadt. Die deutsche Industrie lächtste nach so einer Ausstellung, um der Welt die besten technischen Entwicklungen und hohe Qualität deutscher Produkte zu zeigen (damals war “made in Germany” noch ein Label für ausgesprochen schlechte Qualität und von diesem Image wollte man weg). Der Kaiser war bei der Eröffnung zugegen, aber Archenholds Riesenfernrohr war noch nicht fertig. Dafür durfte es als einziges Ausstellungsstück nach der Ausstellung im Treptower Park “bis auf Weiteres” verbleiben – und wurde ein Publikumsmagnet.

Herr Archenhold, der Astronom

California-Nebel
Zwischen dem Himmels-W und den Plejaden: Karte von Stellarium

(zeigt die wahre Ausdehnung des Nebels!)

Der Astronom Friedrich S. Archenhold hatte als junger Mann 1891 “auf einem Dache eines günstig gelegenen Hauses” in Halensee (heute im Stadtgebiet Berlins) den “California-Nebel” im Perseus fotografisch abgebildet. Die Publikation in den Astronomischen Nachrichten berichtet über die Vorzüge kurzbrennweitiger Doppelobjektive für flächige Objekte wie Nebel; sie liest sich wie ein erfolgreicher Gerätetest. Der Nebel war bereits bekannt, denn bereits 1885 hatte der amerikanische Astronom E. Barnard ihn entdeckt. Der langjährige Treptower Sternwartendirektor Dieter B Herrmann hat herausgefunden (Kurz-Biografie Archenhold), dass Archenhold ursprünglich den Bau seines (ausgesprochen langbrennweitigen) Riesenfernrohrs damit begründete, dass er seine vermeintliche Entdeckung bestätigen wolle. Der California-Nebel ist sehr großflächig (etwas breiter als der Vollmond und in Länge etwas mehr als fünf Vollmonddurchmesser: ESO-Foto mit Plejaden im Bild), aber für die rote Farbe der leuchtenden Wasserstoffwolke ist das menschliche Auge nachts kaum empfindlich, weshalb wir ihn nicht freiäugig sehen können. Fotografie war damals noch eine sehr junge Methode und nicht jeder glaubte an ihren Wert zur Erkenntnisgenese. Darum musste diese fotografische Entdeckung bestätigt werden und dazu brauchte man ein größeres Fernrohr als es sie damals in Deutschland gab. Durch Kontakte in die USA fand Archenhold später heraus, dass Barnard den Nebel bereits früher fotografiert hatte und dass er sogar bereits im NGC-Nebelkatalog stand, so dass Archenhold nicht als Entdecker gilt. Sein Riesenfernrohr erfreute sich allerdings eines regen Besucherstroms von neugierigen Berlinern: Schließlich war 1846 der Planet Neptun in Berlin entdeckt worden und mithin seit Jahrzehnten die Berliner Öffentlichkeit für die Himmelskunde begeistert. In der Folge widmete die Familie Archenhold ihr Leben der Popularisierung der Astronomie und Friedrich S. Archenhold kam nur noch als Nebenbeschäftigung zu wissenschaftlichen Beobachtungen.

Im Jahre 1901 leuchtete beispielsweise ein “neuer Stern” im Perseus auf, den Archenhold systematisch photometrisch beobachtete und Spektren aufnahm (wieder mehrere Publikationen in den Astronomischen Nachrichten). Wir wissen heute, dass es sich dabei um eine Nova handelte, eine thermonukleare Oberflächenexplosion auf einem Weißen Zwerg des Doppelsternsystems GK Persei. Damals war die Physik dieser und aller anderer Sterne jedoch noch völlig im Dunkeln.

Nova Persei 1901.
Grundkarte mit Simularion der Nova: Stellarium, optisches Bild heute, wie Archenhold es heute fotografieren würde (mitte) und wie der Überrest für das Chandra-Röntgenteleskop aussieht.
Credits: optisches BIld: Adam Block/Mount Lemmon SkyCenter/University of Arizona, X-ray: NASA/CXC/RIKEN/D.Takei et al; Optical: NASA/STScI; Radio: NRAO/VLA, Foto Astw von Eva Häberle 2005, techn. Zeichnung des Satelliten NASA/CXC/NGST
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Diese und andere Beobachtungen beschrieb er nicht nur in den üblichen Fachzeitschriften wie “Astronomische Nachrichten” (die noch immer existieren), sondern auch in seiner populärwissenschaftlichen Zeitschrift “Das Weltall”. Die Jahresausgaben von Das Weltall hat Archenhold vermutlich in den Sommerferien in Bansin zu einem Buch zusammengefasst, sagt seine Enkelin [und wenn es nicht wirklich so war, so ist es doch so gut erfunden, dass es wahr sein könnte].

Die Familie Archenhold war christlich, aber Friedrichs Vater Moses, der in Lichtenau (Westfalen) lebte, war sehr fromm und dort sogar Vorsteher der jüdischen Gemeinde, erzählt Alison. Sein Sohn Friedrich und dessen Frau Alice (geborene Markus) konvertierten in den 1880er Jahren zum christlichen Glauben. Danach erst begann Friedrich Archenholds astronomische Tätigkeit in Berlin: die Fotografie des California-Nebels, der Bau des Riesenfernrohrs durch Crowd Funding, die Gründung von Das Weltall, die Beobachtung der Nova u.a., der Bau eines Sternwartengebäudes um das Fernrohr herum, die Freundschaft mit Albert Einstein und vieles mehr…

Da allerdings bei den Nazis nicht nur Juden verfolgt wurden, sondern auch christliche Familien, deren Vorfahren Juden gewesen waren, wurde die Familie Archenhold vertrieben: Friedrichs Sohn Günter gelang durch glückliche Zufälle die Ausreise aus einem Konzentrationslager nach Großbritanien. Die Sternwarte in Berlin-Treptow wurde der Stadt-Verwaltung unterstellt und Friedrich starb 1939 in Berlin (eines natürlichen Todes), woraufhin seine Ehefrau Alice und seine unverheiratete Tochter Hilde in ein KZ gebracht wurden. Das Ferienhaus in Bansin haben sie vermutlich 1937 letztmalig besucht. Auch dieses wurde enteignet und zu DDR-Zeiten wurden auf dem Gelände ein paar Bungalows des DDR-Ferienbetriebs FDGB errichtet.

Ferienhaus in Bansin (Usedom)

Archenholds Ferienhaus in Bansin (Usedom)
Usedom ist als “Badewanne der Berliner” ja sprichwörtlich. Die Familie Archenhold nahm das wörtlich: Ihr Ferienhaus hat kein Badezimmer, sondern nur einen Wasserhahn in der Küche (ohne Waschbecken!). Zum Waschen des Körpers geht man morgens und abends in die Ostsee (oben der Stand von Bansin). das gilt natürlich bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit und nicht – wie bei Strandtouristen – nur bei Sommer-Sonnenschein.

Die Enkelin des Sternwartengründers, Alison Archenhold (hinterm Fenster im Bild oben), hat das Haus in Bansin seit 2004 zurück erworben. Ihr Traum ist es, daraus ein Museum zu machen, das an ihren Großvater erinnert – mit all seinen vielseitigen Interessen und in seiner Eigenschaft als Astronom. Es wird aber selbstverständlich auch die Familiengeschichte erzählen, d.h. über Vertreibung durch die Nazis und Enteignung in der DDR berichten.

Lange Zeit pendelte die geborene Britin Alison Archenhold von der Insel UK auf die Insel Usedom. Sie selbst war Grundschullehrerin und ist jetzt über 70 Jahre jung. Durch den Covid-Lockdown saß sie plötzlich in Bansin fest und konnte nicht einmal ihre Kinder und Enkel zu Weihnachten besuchen und der Brexit würde ihr nun nur einen zeitlich beschränkten Aufenthalt genehmigen. Sie wurde dieses Jahr deutsche Staatsbürgerin.

Das Glück im Unglück war jedoch, dass sie letztes Jahr einen Historiker vor Ort traf, der ihr helfen möchte, ihren Traum von einem Museum zu verwirklichen: Dr. Robert Kreibig vom Verein “Land und Leute” e.V. Er organisierte binnen des letztes Jahres ein Pop-Up Museum, in dem schon ein erster Eindruck dieser Geschichte erzählt wird.

Was ist ein Pop-Up Museum?

Dr. Kreibig und die freiwilligen Helfer vom deutsch-polnisch-israelischen Jugendaustausch.
Die Jugendlichen hatten in diesem Projekt viel Spaß – viele sind nicht zum ersten Mal bei einem dt-israel. JA dabei und sie würden es jederzeit wieder tun. Es ist eine Mischung aus Kulturaustausch, andere Leute kennenlernen und Spaß haben. Bei diesem Projekt ist das Ergebnis ihrer Arbeit allerdings unmittelbar für die Gesellschaft sichtbar; das ist besonders schön.

Der ausgedehnte Garten, den die Familie Archenhold besitzt, ist inzwischen komplett verwildert. Eine Gruppe von Jugendlichen in einem deutsch-polnisch-israelischen Jugendaustausch Projekt hat binnen ca. einer Woche eine Lichtung in diesen “Dschungel” geschlagen, d.h. Gestrüpp und Efeu entfernt. Mit einfachen Holzzäunen ist eine kleine Fläche abgesteckt, die von einem wunderschönen Blätterdach der umstehenden Bäume grün überspannt ist.

Über den Lattenzaun wurden Plakate gehängt, die jetzt für kurze Zeit in Bansin, später in der Archenhold-Sternwarte Berlin aufgehängt werden.

Alison Archenhold hat selbst eine Büste ihres Großvaters angefertigt. Sie sagt, es ist vllt. nicht ihr gelungenstes Werk, aber gut genug, um in der Ausstellung ein Portrait zu zeigen.
Gestern fand die Ausstellungseröffnung statt: Herr Dr. Kreibig erklärt der Presse, wie es dazu kam und Alison trifft einen Heimatforscher, der ihr sein Buch zeigt, bei dem Friedrich Archenhold vor der Eiche neben der Eingangstür auf einer der ersten Seiten abgebildet ist. Damals war es noch ein dünnes Bäumchen; heute ist der Stamm, neben dem Alison posiert, doppelt so dick wie ein Mensch.
Pop-Up Museum “Das Weltall in Bansin” – Eröffnung am Freitag, 20. August 2021

Weiterführende und ergänzende Informationen

Über das gesamte Projekt zur Geschichte der Familie Archenhold entsteht gerade ein Dokumentarfilm. Hier der erste Teil (finden Sie auch auf der Webseite des Fördervereins): über die Familie Archenhold, ihre Sternwarte in Berlin-Treptow und das Ferienhaus in Bansin. Sobald der zweite Teil fertig sein wird, werde ich es natürlich ebenfalls hier verlauten lassen. 

Stellarium ist eine Desktop-Planetariumsoftware,
die für populärdidaktische und wissenschaftliche Nutzung frei zur Verfügung steht:
stellarium.org

!! Es gibt auch Derivate (Handy-App, Browser-App), die kostenpflichtig sind. !!

Mehr zum Thema Weltausstellungen in diesem Buch:
Alexander Geppert: Fleeting Cities – Imperial Expositions in Fin-de-Siècle Europe, Palgrave Macmillan, London, 2010
https://www.palgrave.com/gp/book/9780230221642

Als Archenhold ist man auch heute noch hart im Nehmen.

Diese dynamische ältere Dame haust durch Lockdown und Brexit in dem zurück erworbenen Wrack eines Hauses in Bansin. Der Winter war außergewöhnlich kalt – es waren sogar in dem milden Seeklima an der Ostsee -16°C und die Heizung im Haus funktionierte nicht. Warmes Wasser wird mit einem Wasserkocher hergestellt. Man sollte ihr (mehr) helfen!

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

2 Kommentare

    • Juden und Menschen Jüdischer Abstammung mußten Deutschland verlassen oder wurden umgebracht. Es wurde ihnen ihr Leben und Hab und Gut genommen. Nach dem Mauerfall sollte man meinen, würde ihnen auch das, was ihnen im Osten gehörte, zurückerstattet. Es sind 30 Jahre vergangen! Und für das Natürlichste der Welt, ihnen zumindest alles sofort zurückzugeben, zögert man alles so lange hinaus, bis die gestorben sind, die darum kämpfen müssen. Ich schäme mich für all die, die dafür zuständig sind wie Bürgermeister etc. , die dafür verantwortlich sind. Man spürt die Absicht und ist verstimmt. Ich bin mehr als das❣️

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