Darf man Falsches lehren?

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Diese Frage beschäftigt mitunter die Fachdidaktik … und mich zunehmend in den letzten Jahren. Sie würden vllt. jetzt antworten “natürlich nicht”, aber schauen Sie sich mal um: wir machen es dauernd. Ich gebe erst zwei Beispiele, um das Problem klar zu machen. Dann beginne ich das eigentliche Philosophieren … Sie könnten also beim Lesen den ersten Teil überspringen, wenn Sie die Kernbotschaft des posts suchen. 😉 

Aspekt 1: alle reden über alles

Wir leben glücklicherweise in einem Land der freien Meinungsäußerung, wo jede und jeder lt Grundgesetz das Recht hat, zu erzählen was man will. Es obliegt dem/der Zuhörenden zu entscheiden, was man davon glaubt. An sich ist das natürlich gut und wir sollten es auf keinen Fall ändern. 

Freiheit bringt aber stets ein gehöriges Maß an Verantwortung mit sich: Wenn alle Leute irgendwas erzählen dürfen, wird auch viel Falsches erzählt, weil jedes Individuum natürlich nicht für jedes erdenkliche Thema kompetent sein kann. Eltern wissen das sehr gut: Kinder kommen häufig mit Fragen, die die Eltern sich nie gestellt haben (oder vergessen haben, dass sie das je taten). In Zeiten von Smartphones und wikipedia kann das geneigte Elternteil – oder das Kind selbst – natürlich rasch nachlesen, aber es wird immer eine Restmenge von Wissen geben, die man nicht weiß oder fehlerhaft annimmt… oder die die Autoren des Textes im Internet nicht ganz richtig wiedergeben oder die missverstanden werden. 

Das wäre die harmlose Variante. 

Aspekt 2. didaktische Reduktion

Bei guter Lehre ist natürlich Reduktion wichtig! Man kann nicht alles auf einmal lernen, sondern muss es Schritt für Schritt tun. Wie der Lernstoff reduziert wird, das ist allerdings eine methodische Frage und teilweise hängt es vom Geschmack der Lehrkraft ab. Hier kann man aber auch gewaltige Fehler machen. 

Kleine Anekdote aus dem Schulunterricht Chemie: 
Im ersten Halbjahr lernten wir, was eine chemische Reaktion. Schülerinnen und Schüler lernten eine Definition, führten einen Versuch durch und sollten bei der Auswertung entscheiden, ob es eine chemische Reaktion ist oder nicht. Nach den Kriterien, die wir anwenden sollten, war das Ergebnis des Protokolls, dass es eine chem. Reaktion gewesen ist.
Eine Schülerin hatte (aus guten Gründen) das Gefühl, dass das nicht sein könne, recherchierte in Büchern, fragte einen Chemiker der Verwandtschaft und kam zu dem Ergebnis, dass es etwas anderes war (er bestätigte die Vermutung und gab der Schülerin eine Vokabel, die natürlich den Schulstoff überstieg).
Die Schülerin schreibt das Ergebnis auf, aber machte dadurch das Protokoll nicht nach dem geforderten Schema und erhielt eine schlechte Note (die entscheidend fürs Halbjahreszeugnis war) … ein halbes Jahr später bringt man den SchülerInnen einen nächsten Schritt bei und es wurde klar, dass zu Anfang die Definition nicht vollständig gelernt wurde. Es wurden nur zwei Kriterien gelehrt, aber es gibt drei, um zu entscheiden, ob etwas eine chemische Reaktion ist. Wenn man das dritte weglässt, kriegt man raus, dass auch das Kochen von Wasser eine chemische Reaktion sei … das ist natürlich Quatsch! Eine Reduktion des zu Lernenden. 

Ok, ja, den meisten Kindern und allen Mitschülern der oben genannten Schülerin war das nicht aufgefallen. Darf man also Falsches (ok, in diesem Fall nur Unvollständiges) lehren, nur weil 97 % der Leute nicht merken, dass es falsch ist? 

Ich bin für das Spiralprinzip! 

Heute vermute ich, da hatte irgendein Didaktiker ein Kriterium auf  atomarer/molekularer Ebene für den Anfang des Unterrichts zu kompliziert erachtete und entschieden, dass sowas erst im zweiten Halbjahr gelehrt werden dürfe, um “die armen Kleinen” (die einen lynchen würden, wenn man das zu ihnen als Achtkläßler sagen würde) nicht mit “komplizierter Wissenschaft” zu verschrecken. Da die notwendigen, aber nicht hinreichenden Kriterien zu falschen Ergebnissen führen, ist die anfangs gelernte Definition also offenbar “falsch” … es ist als würden Sie einem Kind sagen “1+1 = 2,7” (e) und nächstes Halbjahr lernen wir, dass das nur beinahe richtig ist. 

Wie betrifft das aber mein Spezialgebiet, die außerschulische Bildung? 

Beispiel Planetarium/ Museum etc.: Oft hört man die Meinung “naja, für die Kinder machen wir es so…” und dann lernen sie später, wie es richtig ist. Das hieße m.E., dass Planetarien und Museen eben gerade KEINE Bildungsorte wären, sondern dass man da einfach irgendwas “hört” und eben nichts lernt, sondern fürs Lernen in Schule oder Universität geht. 

Wollen wir das? 

Warum kann man nicht einfach auch im Kulturprogramm die Sachen richtig sagen? 

Warum ist es egal, ob am Theaterhimmel die Mondsichel “richtig” oder “falsch” herum hängt bzw. an der “richtigen” oder “falschen” Stelle des Himmels steht? … Und ja, es gibt ein richtig und falsch, weil es einen Horizont gibt – und auch die Südhalbkugel nichts daran ändert. 

Wie sollte es “richtig” sein? 

Gute Museums- (u Planetariums)Pädagogik sollte doch vom Allgemeinen zum Besonderen gehen, d.h. man beginnt mit dem allgemeinen großen Bild und arbeitet sich dann in Schule und Universität zum Spezialwissen vor. Idealerweise ändert das Spezialwissen aber nicht das Big Picture, also das Überblickswissen, sondern es fügt nur Details hinzu. 

Gute Lehre ist also m.E., wenn man hinterher nichts “umlernen” muss, sondern nur mehr kann/ weiß als vorher. 

So weit zur Philosophie …. 

Ich werde demnächst mit Details darauf zurück kommen. 

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

15 Kommentare

    • Ehrlich gesagt, habe ich da eine sehr französische Einstellung: Aus meiner Sicht ist Religion Privatsache – das gehört überhaupt nicht in die Schule. Was man in der Schule lernen sollte, sind ethische Grundwerte wie “du sollst nicht töten”, “du sollst ehrlich sein” und “du sollst andere Menschen respektieren – unabhängig von Religion, Haut-/Augen-/Haarfarbe, Geschlecht etc.”. Vielleicht auch sowas wie “Freiheit bringt Verantwortung mit sich, nutze sie weise”. … Ob diese Sachen Buddha, Jesus, Mohammed, Moses oder sonstwer gesagt hat, welcher Altar bei dir zu Hause steht, ob du stehend/ kniend/ sitzend/ mit gefalteten Händen oder offenen Armen betest oder überhaupt nicht betest … und ob du in ein Gotteshaus gehst, sollte dem Rest der Gesellschaft egal sein.

      Übrigens: Als ich Kind war, gab es in der Schule keinen Religionsunterricht, sondern wer den haben wollte, erhielt ihn bei dem Priester der gewünschten Religion. So pilgerten die Kinder der gleichen Religion einmal die Woche nachmittags ins Pfarrhaus (katholisch oder evangelisch), die Synagoge oder Moschee und in der Schule war das kein Thema. Das fand ich gut so. Man sollte Kenntnisse über Religionen vermitteln (was in Sozialkunde, Gesellschaftswissenschaft etc. prima und wertneutral geht), aber nicht eine bestimmte Religion lehren.

      Das ist auch der Grund, weshalb ich es hier im Blog NICHT thematisiere.

      Ich sage das jetzt nur einmal, weil die Frage regelmäßig beim Weihnachtsstern aufkommt: Ich behandele dieses und ähnliche Themen hier nur als Kulturgut und versuche keinen religiösen Standpunkt zu vertreten.

      • Aus meiner Sicht ist Religion Privatsache

        Solange Religion sich auch in Gesetzen wiederfinden, kann das nicht der Fall sein.
        (Blasphemiegesetz, stille Feiertage etc.)

        • das stimmt … und solange sich Regierungsparteien einer bestimmten Religion zuordnen … Ich sage ja nur, was meine Meinung ist: ICH FINDE, so SOLLTE es sein und in meinem Blog wird dieses Prinzip gelebt. Punkt.

  1. Aus meiner Sicht ist in Ihrem Beispiel nicht die Reduzierung oder Vereinfachung das Problem, sondern der Punkt, dass die/der Lehrende nicht in der Lage war, zu erkennen, das Sie dem Lehrstoff vorraus waren.

    Es gibt viele Beispiele gerade in den Naturwissenschaften, wo die Vereinfachung von Sachverhalten durchaus sinnvoll ist…

    z.B. das Bohrsche Atommodell oder Newtonsche Mechanik

    • Anstatt wiedermal der Lehrkraft die Schuld zu geben, könnte man auch einfach feststellen, dass in der Schulbehörde etwas falsch lief beim Erstellen des Curriculums. Wenn man die Sache gleich richtig lehrt oder das Experiment dazu nutzt aufzuzeigen, dass rein phänomenologische Kriterien nicht hinreichen, um eine chem. Reaktion zu definieren, hätte man gewonnen.

      • “Darf man falsches lehren?”

        Die vorherrschende Welt- und “Werteordnung” basiert auf der christlichen Ethik, doch da wird es bei aller Theologie sehr brenzlig, denn die spirituellen Texte sagen etwas ganz anderes / sehr viel deutlicheres aus, was unser Zusammenleben “wie im Himmel all so auf Erden” betrifft!!!

        So, ist es kein Wunder, wenn aus Gebote die Gesetze für eine heuchlerisch-verlogene Moral werden, wo dann im Zweifel auch die “Geistlichen” ganz konträr sagen: “Gottes Wege sind unergründlich”!?

        Nein, Gottes Wege sind absolut ergründlich, Moses und Jesus haben das sehr deutlich aufgezeigt – Gott ist die Vernunft, die wir als ganzheitliches Wesen Mensch durch unsere ebenbildliche Vernunftbegabung zu gottgefälligem Verantwortungsbewusstsein zweifelsfrei-eindeutig und wirklich-wahrhaftig gestalten sollen, damit wir auch die Vorsehung überwinden und eben nicht nur die “144000 auf dem Berg Zion” stehen (“144000” für einen weiteren Versuch Geist-Seele zur Stärkung der Schöpfung / des Universums / des Zentralbewusstseins).

        Religion/Philosophie ist Privatsache? Wohl ganz und garnicht, denn Verantwortung ist zuallererst die Frage nach Gerechtigkeit und der Nächstenliebe, auch wenn der Sinn des Lebens in der Illusion von zufälliger Einmaligkeit läge!?

  2. Da es von der Logik des Zeitalters der Kommunikation her grundsätzlich falsch ist, dass Mensch immernoch mit dem Denken von Nationalitäten in Konkurrenz/Wettbewerb “zusammenlebt”, ist es grundsätzlich falsch dem Mensch die Symptomatik des Wettbewerb zu lehren.

  3. Nun die Schule und Uni lehrt ja immer den Stand der Wissenschaft und damit den aktuellen Stand des Irrtums. Mindestens ist das so, wenn man den Anspruch auf absolute Richtigkeit und Wahrheit hat.

    Man kann es auch anders sehen: Die Schule/Uni vermittelt nicht die Wahrheit, sondern gut ausgearbeitete Theorien. Und diese müssen im Unterricht theoriegerecht dargestellt werden. Eine Theorie ein halbes Jahr „verstümmelt“ darzustellen – wie im obigen Beispiel beim Begriff chemische Reaktion – um später dann nachzuliefern, was man vorher unterschlagen hat, das ist wohl wirklich ziemlich falsch, denn das erste Bild, der erste Eindruck bleibt oft haften und kann nur schwer wieder korrigiert werden.

    Wer in guter Absicht, Falsches erzählt, nur damit es einfacher zu verstehen ist, der hat vielleicht eine gute Absicht, aber keine gute Wirkung.

  4. Frau Hoffmann,
    gehört die Überschrift “demonstrativ” zum Frage-Programm des Blogbeitrages?
    Es muss richtig geschrieben “lauten”: Darf man Falsches lehren?

    …warum schreiben Sie vllt. statt vielleicht?

    …warum schreiben Sie lt statt laut? Und wenn schon, wo ist Ihr . geblieben, der Ihnen bei vllt. offensichtlich wichtig wahr?

    …warum schreiben Sie meines Erachtenss und m.E.?

    …warum schreiben Sie u statt und?

    …warum schreiben Sie chem. und chemische?

    Ihre willkürlichen Anwendungen von möglichen Abkürzungen sind nicht falsch, sondern aus meiner Sicht schlicht unästhetisch sprich eine Sprachverwahrlosung.

    Ihr “Beispiel” “1+1 = 2,7” (e) ist in Ihrem gewählten Textzusammenhang inhaltlich “unglücklich gewählt” respektive -plakativ formuliert – falsch.

    …”Idealerweise ändert das Spezialwissen aber nicht das Big Picture, also das Überblickswissen, sondern es fügt nur Details hinzu.”…

    Was haben Sie gegen das große Bild?

    Ihre pauschale Aussage ist als solche falsch!
    Beispiel: Quantenmechanik (QM)
    Der quantenmechanische Spin hat nichts mit einer Rotation zu tun, wie es in der Schule gelehrt wird, der quantenmechanische Spin wird rein mathematisch generiert (vierkomponentiges Dirac-Spinorfeld mit vier Dirac-Matrizen). Bedenke: Im Standardmodell der Elementarteilchenphysik (SM) ist das Elektron zumindest diesbezüglich postuliert ohne räumliche Struktur. *

    Übrigens: Es geht nicht um die sinnlose Frage, was (physikalische) Wahrheit ist, denn ein Denkmodell ist eben nur ein Denkmodell.

    In einem größeren Bild sind plakative Fragen… ob Spezielle Relativitätstheorie (SRT) und Allgemeine Relativitätstheorie (ART), Quantenmechanik (QM) und allgemein Quantenfeldtheorie(n) (QFTn) als Denkmodelle “richtig” oder “falsch” sind, irrelevant. Denn die Frage müsste im Einzelfall lauten, inwieweit ein Denkmodell konsistent ist und erkenntnistheoretisch wertvolle Antworten geben kann. Wenn wir über SRT, ART, QM und QFTn “reden”, dann reden wir bei genauer Sicht ausschließlich über mathematische Konzepte und im “Kern” über axiomatische Randbedingungen. Es ist sinnleer ein axiomatisch begründetes Konzept als solches in Frage zu stellen. Die fundamentalen Probleme der Standardmodelle kommen u.a. mit den theoriebedingten Näherungen und Idealisierungen, sowie inkonsistenten Erweiterungen und willkürlichen Zusatzannahmen, ohne das hier näher auszuführen.

    Apropos SM
    Teilchenphysiker benutzen generell den phänomenologisch falschen Begriff Zerfall, obwohl sie Umwandlungen meinen. Zerfall würde bedeuten, die Zerfallsprodukte waren (allesamt) Bestandteile des Zerfallenden. Dem ist aber nicht so, zumindest nicht im Rahmen der theoretischen Implikationen und Postulate des Standardmodells der Teilchenphysik.

    Wenn Sie/sie was lernen wollen
    Die omnipräsenten pathologischen Beschreibungs-Prozeduren herrschender Physik(-Didaktik) mittels Begrifflichkeiten wie Spin oder Spin-Bahn-Wechselwirkung suggestiv an realphysikalische Objekte gedanklich “anzukoppeln”, die Masse besitzen, Raum einnehmen und rotieren, ist seit Einführung der Quantenmechanik schizophren. Dem Elektron wird per Postulat ein Radius “abgesprochen”. Protonen sind asymmetrisch ladungsfragmentiert, asymmetrisch substrukturiert und deren Quarks liefern u.a. nur ein Prozent der Protonenmasse und keine intrinsischen Spinbeiträge. Diskrete Bahnen wurden durch Wahrscheinlichkeits-Wellenfunktionen ersetzt, die zu “wahrscheinlichen”, “verschmierten” Orten und Impulsen führen.

    Schizophren also, weil im gleichem Atemzuge der analog-mechanisch motivierten Suggestion dann wieder explizit geäußert wird, das es ja nicht so ist, wie in zahlreichen Illustrationen und semantischen Absonderungen propagiert wird.

    Aus dieser Betrachtung folgt, daß alle theoretischen Ausführungen und Berechnungen zu Spin-Wechselwirkungen (“Spin-Bahn-Kopplung”, Feinstruktur, Kernspin-“Hüllen-Drehimpuls”, Hyperfeinstruktur) keine Anschaulichkeit besitzen. Es sind lediglich – mehr oder weniger – komplexe Rechenvorschriften ohne Realobjekt-Anbindung. An dieser Stelle offenbart sich exemplarisch das Dilemma quantenmechanischer Betrachtungen. Aus einer Schar von quantenmechanischen Rechenvorschriften lassen sich Spektrallinien-Aufspaltungen berechnen. In diesem Zusammenhang ist aber jedwede Verbindung zu realphysikalischen Objekten gekappt. Die Frage, warum mathematische Verfahren Lösungen liefern, die man experimentellen Werten zuordnen kann, ist auf Grund der fehlenden Phänomenologie nicht zu beantworten.

    • Wer Tippfehler findet, darf sie behalten. Hr Freyling, das steht bereits seit Jahren im “über dieses Blog”-Statement (natürlich augenzwinkernd).

      Das Bloggen ist eine unbezahlte Freizeit-Aktivität – nichts für die Ewigkeit, sondern ein Gedanke, der im Moment des Aufschreibens zur Diskussion oder Betrachtung gestellt wird. Das Blog ist kein Lehrmittel, sondern ein Medium zum Teilen – es gehört zum Web 2.0, ähnlich wie Facebook und andere Social Media. Würde ich Enzyklopädien für die Ewigkeit schreiben wollen (was schon im Ansatz ein falsches Ziel wäre), wählte ich Tontafeln.

      In den seltensten Fällen habe ich die Zeit, später nochmals durchzugehen und Tippfehler zu beseitigen. danke für Ihr Verständnis. Punkte nach üblichen Abkürzungen lasse ich ugs. gern weg, weil sie den Lesefluss zu unterbrechen versuchen (wie es Satzpunkte tun). Das ist nicht formal korrekt (deswegen mache ich sie mitunter doch), aber ich habe keine Lehrauftrag für deutsche Rechtschreibung.

  5. Zum obigen Schul-Beispiel über Falsches lernen kann ich auch Eines beisteuern, das tatsächlich passiert ist:
    Mein Sohn hatte in der 4. Klasse Grundschule in Mathematik als Hausaufgabe eine Text-Aufgabe aus dem Mathematikbuch „Welt der Zahl 4“, die er nicht verstand und mich deshalb um Hilfe bat. Ich stellte fest, dass dies eine Aufgabe mit 2 Unbekannten war, die er aufgrund des bisher Gelernten gar nicht lösen konnte, denn Gleichungen mit 2 Unbekannten gehörten nicht zum bisherigen Lernstoff und nicht zum Lehrplan der Grundschule einschließlich der 4. Klasse.
    Beim weiteren Suchen im Buch fand ich auf der folgenden Seite gleich 3 weitere Aufgaben mit 2 Unbekannten.
    Ich schrieb diese 4 ungeeigneten Aufgaben und deren Lösungsweg, den die Schüler mangels gelehrter Vorkenntnisse nicht kennen konnten, auf und teilte dies sowohl der Lehrerin als auch dem Schulbuchverlag mit.
    Ob der Verlag diese Fehler korrigiert hat und seitdem die Schulbücher vor der Freigabe auch entsprechend auf Übereinstimmung mit dem Lehrplan und dem bisher Gelernten geprüft werden, entzieht sich meiner Kenntnis.
    Die Lehrerin wollte ab sofort alle Hausaufgaben zuvor auf Eignung prüfen.

    • @Wolfgang Richter (Zitat): Die Lehrerin wollte ab sofort alle Hausaufgaben zuvor auf Eignung prüfen.
      Wenn eine für sagen wir Viertklässler nicht lösbare Hausaufgabe im offiziellen/verordneten Schulmaterial vorkommt, dann hat dieses offizielle Schulmaterial offensichtlich unbemerkt Qualitätskontrollen passiert, die so etwas hätten verhindern müssen.
      Der Vorfall zeigt auch, dass LehrerInnen meist nur PräsentatorInnen sind, sie also lediglich Lehrmaterialien, die gar nicht von ihnen selbst stammen, unter die Schüler bringen.
      Hier muss man sich fragen: 1) Ist diese Art der Wissensvermittlung die Richtige? 2) Braucht es immer wieder neue Lehr- und Aufgabenbücher, die jeweils neue Probleme mit sich bringen und die vielleicht gar nichts verbessern gegenüber den Vorgängerbüchern/materialien?

  6. @Martin Holzherr 31.03. 21:05

    „..denn das erste Bild, der erste Eindruck bleibt oft haften und kann nur schwer wieder korrigiert werden.“

    Das kann passieren, deshalb sollte man echt gucken, dass hier nichts Falsches hängen bleibt.

    Man kann gleich sofort sagen, welche Vereinfachung man hier macht, und kurz skizzieren, welche theoretischen Folgen das hat. Als nächstes kann man auch explizit historisch vorgehen, und Vereinfachungen wählen, die früher mal Stand der Forschung waren. So ähnlich wie im Geschichtsunterricht selbst, da macht man das ja sowieso.

    Was wir natürlich gar nicht los werden können: auch der aktuelle Stand der Wissenschaft ist zeitlich begrenzt, vieles in der Wissenschaft hat seine Halbwertszeit, und der aktuelle Stand ist entsprechend auch jetzt schon mehr oder weniger umstritten.

    Das kann man gerne auch Schülern schon klar machen. Da muss man aber gucken, dass die nicht die Lust dabei verlieren, wenn das immer komplizierter wird. Dem kann man wohl entgegenwirken, wenn man etwa im Physikunterricht fleißig spannende Experimente macht, dann sieht der Schüler, dass wir bei aller theoretischen Unklarheit doch ganz praktische Ergebnisse erschließen können.

    Oder wenn man sich in der Biologie viel mit echten Tieren und Pflanzen beschäftigt, dann wirkt die teils unübersichtliche, immer im Prozess befindliche Theorie weniger abschreckend. Weil man dann das Objekt unmittelbar in den Händen halten kann.

  7. ‘Falschheit’ bedarf einer Definition, ist etwas falsch, weil es inkohärent ist, oder weil es nicht empirisch adäquat ist?

    In sich Widersprüchlches sollte nicht gelehrt werden, im akademischen Kontext : nicht gelehrt werden dürfen.

    Ansonsten ist es interessanter, Theorien (“Sichten”) meinend, Theoretisierungen (“Sichtenbildungen”) meinend, denn es gibt das Argument, dass auch empirisch nicht adäquate Theorien einen Wert behalten, wenn sie also nicht (mehr) empirisch adäquat sind, so nachgebessert werden könnte.

    Bspw. ist die Newtonsche Physik sozusagen überholt, sie kann dennoch punktuell im Ingenieurswesen stattfinden und Erfolge, ergo Anwendungen zeitigen.

    Sicherlich darf alles, das nicht dem Leitbild, dem Spruch “Sapere aude!” widerspricht, aus der wissenschaftlichen Veranstaltung ausgeschlossen werden.

    Dies ist aus diesseitiger Sicht sogar notwendig; nicht ausgeschlossen werden darf so aber kohärente Sicht, wenn sie nicht immer sozusagen empirisch adäquat ist, wenn nachgebessert werden könnte.
    Offenheit ist hier das Konzept, sofern Ergebnisoffenheit angestrebt bleibt, nicht neben der Anerkenntnis der szientifischen Methode [1] gesondert weitere Glaubensentscheide gefordert werden.

    Mit freundliche Grüßen
    Dr. Webbaer

    [1]
    Die szientifische Methode ist selbst per Entscheid anznehmen, in magischen Welten, Terry Pratchett sei an dieser Stelle gegrüßt, auch Philip K. Dick, wäre so nicht angefordert.

Schreibe einen Kommentar