Neugebauer und die Vorsehung: City of Hope

Otto Neugebauer hat Mathematik studiert – und damit kann man ja bekanntlich alles machen, weil sie die methodische Grundlage für alles ist und das Thema dann frei wählbar ist. (Heute würde ich Informatik ergänzen, aber die gab es zu seiner Zeit noch nicht.) Er hat bei David Hilbert in Göttingen promoviert – Sie wissen schon, dem einzigen Menschen auf der Welt, der die Relativitätstheorie auf Anhieb verstand (von Einstein ist ja nicht sicher). Otto Neugebauer wurde selbst ebenso berühmt wie die zuvor genannten Größen seiner Zeit; aber weder für Mathematik der Hilberträume noch für Relativitätstheorie: Er erfand das Fach “Wissenschaftsgeschichte” quasi neu – nämlich mit stark mathematischen Methoden.
Otto Neugebauer (1899-1990)
Berühmt ist Otto Neugebauer aus verschiedenen Gründen: nicht nur fachlichen, sondern auch für seine Charakterstärke und den damit verbundenen Lebenslauf.
- Zwei Jahre nach der Promotion 1926 über “Grundlagen der ägyptischen Bruchrechnung” wurde er in Göttingen Hochschullehrer für Mathematikgeschichte. Das war neu!
- Allerdings wollte er 1933 nicht den Eid auf die neuen Machthaber leisten, was eine neue Voraussetzung für Hochschullehre war: Chuzpe! Da er dort nicht mehr arbeiten konnte, musste er Göttingen verlassen. Er kam zunächst in Kopenhagen unter,
- ging aber 1939 in die USA, Großraum New York (Princeton südlich von NYC, während Providence nördlich ist). Er war Professor in Princeton (wo auch Einstein lebte). An der berühmten Brown-Universität in Providence (Rhode Island, USA) arbeitete er mit dem Ägyptologen Richard Parker zusammen und schuf Pionierwerke zur alt-äg. Astronomie und Mathematik. In Providence durfte er nicht nur lehren, sondern es wurde sogar ein eigenes “Department” (ähnlich deutscher Fakultäten) zur Geschichte der Mathematik gegründet.
- Nach dem Krieg wurde er in den USA dort ordentlicher Professor und blieb dort bis zu seinem Tod tätig.
Brown Universität
Außer Mathematikgeschichte beschäftigte ihn natürlich auch die Naturwissenschaftsgeschichte der Anwendungen von Mathematik, insbesondere der Astronomie – und das ist meine Domäne, genauer gesagt: mathematische Astronomie (nicht unbedingt bzw. nur eingeschränkt beobachtende Astronomie, oder was man heute “theoretische = rechnende Astrophysik” nennt). Darum hatte ich die Ehre eines Gastaufenthalts an der Brown-Universität: und ja, es ist eine kleine idyllische Welt auf der anderen Seite des Großen Teichs, die aussieht, als wäre sie die Kulisse eines Harry Potter-Films (natürlich: New England). Nicht nur die Kulisse machte mich ehrfürchtig – auch die Tatsache, dass dort die klügsten Köpfe des Landes (und aus dem Ausland, solange der US-Häuptling sie lässt) studieren und lehren. Wenn man in Europa an amerikanische Elite-Universitäten denkt, fällt einem immer Harvard als die erste ein. In den USA weiß aber jeder, dass der Geheimtipp “Brown” ist: Lehre und Forschung sind auf dem gleichen Niveau (oder – je nachdem, wen man fragt – höher), die Auswahl ähnlich streng und die Akzeptanzraten nur deshalb leicht höher, weil es eben ein Geheimtipp ist (also nicht ganz so viele Bewerber): Wenn ich groß bin, möchte ich auch mal so schlau werden wie diese Menschen… .
Seit der Antike gehen Astronomie und Mathematik streng zusammen. Die Astronomie stellt hohe Bedürfnisse an die Mathematik und die Mathematik das Handwerkszeug für alle Wissenschaften, so dass ihre Weiterentwicklung durch die Astronomie (in den 1870ern Jahren durch Liaison mit der jungen Physik und jüngst methodisch weg vom Teleskop und hin zur Informatik) der Gesellschaft als Ganzes dienlich ist.
Die Vorsehung auf der Insel Rhodos
(Providence, Rhodes Island)
Im März fand die “Otto Neugebauer-Lecture” statt, die alle paar Jahre veranstaltet wird: Brown hat natürlich mehrere berühmte Persönlichkeiten und daher heißt die Fest-Vorlesung jedes Jahr nach einer anderen dieser Koryphäen; dieses Jahr war es eben Otto Neugebauer.
Der amtierende Professor, John Steele (nicht minder berühmt als der Institutsgründer, aber im Gegensatz zu jenem glücklicherweise noch quieklebendig) führte den Gastredner – Prof. Antonio Panaino, Iranist von der Universität Bologna – ein. Dieser ehrte dann zunächst, bevor er zum eigentlichen Thema kam, den großen Meister, der das Fach und das Institut geistig bis heute prägt. Er zitierte einen Artikel von Neugebauer über “Sinn und Unsinn in der wissenschaftlichen Alltagssprache” von 1960 – und, wie Sie sich denken können, ist das Thema heute so aktuell wie vor 60 Jahren: Mir fielen gleich zahlreiche Beispiele von Unsinnigkeiten ein – z.B. die nato-zentrische Sprechweise, alles mit “western” zu bezeichnen, das nicht indigen ist, die zur Zeit des Kalten Kriegs (Zeitgeschichte) sinnvoll war, aber in der epochenübergreifenden Wissenschaftsgeschichte oder sogar globalen Kulturastronomie weder Sinn ergibt, noch verständlich ist.
Wussten Sie beispielsweise, dass
- das Wort “dātā” (mit zwei langen “a”s) in der altiranischen Sprache Avestan (die hauptsächlich für die Liturgie im Zoroastrismus genutzt wird) die Bedeutung “Zahn” hat?
- Damit könnte das Wort “Bluetooth” eine ganze interessante Nebenbedeutung erhalten: “Blauer Zahn” wären dann “blaue Daten“. In Wahrheit leitet sich die Bedeutung des Wortes wohl ab von dem dänischen König (Harald Blåtand = Blauzahn) der verschiedene Stämme zu einem Königreich einte, aber das Logo zeigt zwei Zähne auf Blau.
Wir lernen, dass die Übersetzung und Etymologie nicht in jedem Fall sinnvoll oder auch nur sinnstiftend ist. Allerdings taugt sie allemal für schöne Geschichten, Querverweise und Anekdoten… jede Art von “akademischen” (gebildeten) Stammtischgesprächen. Ich bestehe selbst ja immer darauf, dass ich nicht Philosoph bin, weil ich weiß, dass solche Diskussionen über Terminlogie irgendwie stets an der Oberfläche steckenbleiben und eben oft kein tiefes Verständnis erreichen. Genau nach jenem gelüstet es mir aber und ich muss auch sagen, dass ich bei der Lehre und beim öffentlichen Sprechen/ Schreiben genau deshalb gründlich über solche Vokabeln nachdenke. An meinem hoch geschätzten Doktorvater, der Philosoph ist, sah ich, dass dies noch ganz andere Tiefen erreichen kann, die mir wohl verwehrt bleiben: ich protestiere nur bei Begriffen wie “western astronomy“, die in dieser Kombination so viele Interpretationsmöglichkeiten liefern, dass man sie besser mit einem anderen Wort ersetzt, das sagt, was man meint. Eine indische Kollegin hat z.B. kürzlich im Kontext von historischer indischer (vedischer) Astronomie das Babylonische als “western influence” bezeichnet, obwohl die BBC keine Sekunde zögern würde, Mesopotamien als “Middle East” zu bezeichnen: im Kontext von globaler Wissenschaftsgeschichte und epochenübergreifend ist der Begriff einfach nicht definiert, also muss man es anders beschreiben – tut ja auch keinem weh. Mir geht es nur darum, keine falschen Vorstellungen zu wecken und Verwirrung zu vermeiden. In vielerlei Hinsicht ist das aber schon durch den Kontext gegeben. Die von Neugebauer kritisierte inflationäre Verwendung von “astrolabe” im Englischen (für 3D und 2D-Geräte, mathematisch/ topologisch grundverschieden) hat mich zwar auch schon immer gestört, aber sie ist für mich ein weniger “bedrohlicher” (missverständlicher) Terminus.
Ich konnte bei dieser Gelegenheit auch einige andere schöne Aufnahmen in den USA machen. Wenn ich zuhause bin, arbeite ich ja viel zu viel, aber wenn ich im Ausland bin, nutze ich die Wochenenden und Feiertage für Ausflüge. Bereits im März hatte ich über das Ladd Observatorium geschrieben, das früher zur Brown-Universität gehörte und heute eine Volkssternwarte ist. In Dankbarkeit für amerikanische Gastfreundschaft möchte ich hier noch ein paar Fotos ergänzen.
















Hanlons Rasiermesser: Erkläre nicht mit Bosheit, was mit Dummheit hinreichend erklärt wird.
So entstehen Blutfehden: In meinem Kopf sind die Iraner schon gleichberechtigt. Wenn sie im öffentlichen Diskurs nicht auftauchen, gehe ich einfach davon aus, dass sie damit zufrieden sind, wie die Dinge laufen, mit sich selbst beschäftigt sind, und deswegen das Maul nicht aufkriegen. Weil das der Grund ist, warum ich und die Leute, die ich kenne, nicht aufmotzen, und eine andere Welt kenne ich nicht.
Nun gibt es irgendwo auf dem Planeten vielleicht einen Iraner, der dazwischen quatschen möchte. Vielleicht kommt er auf eine westliche Uni, wo ihm keiner zuhört, weil seine Einwände gegen westliche Terminologie für ihn wichtig, für die Anderen aber Haarspaltereien und Spleens sind, mit denen er ihre Zeit verschwendet, vielleicht begegnet er auch echtem Rassismus, der ihm Steine in den Weg legt. Also flippt er aus und fängt an, lautstark zu motzen.
Doch all das weiß ich ja nicht. Wenn ich ihn das erste Mal bemerke, ist er schon auf hundertachtzig. Für mich ist da einer urplötzlich aus dem Busch gehüpft, der mich anmotzt, als hätte ich seine Großmutter gefressen, obwohl ich ihn noch nie im Leben gesehen habe, und der ist anscheinend auch noch Rassist, für den alle Weißen gleich aussehen. Wenn das mein Erstkontakt mit den Iranern ist, begegne ich ab jetzt jedem Iraner mit dem Speer in Anschlag.
Für die Iraner ist dies dann die Bestätigung für westlichen Rassismus, und auch sie strecken die Speere vor. Und so geht es weiter bis zum großen Finale – siehe Gaza. Und das, obwohl es eigentlich keiner mit dem Anderen böse meint, sondern glaubt, in Notwehr zu handeln, und bei Begegnungen nur deswegen schnell zickig und aggro wird, weil er mit der falschen Erwartungshaltung in die Situation rein geht und angestauter Frust aus ihm sprudelt.
Es begegnen sich immer nur Menschen, doch sie stehen für Gruppen, und wenn man immer mit einer Gruppe spricht, kann es passieren, dass zwei Personen einen Dialog weiterführen, den sie mit völlig anderen Personen begonnen haben – und es nicht mal merken.
Es lässt sich so viel menschliches Tun mit Dummheit erklären, dass für Bosheit eigentlich kaum noch Raum übrig bleibt.
Die letzte Strategie, die man anwenden kann und sollte ist – wenn man mit einer Situation überfordert ist, einfach mal blind um sich schlagen und Chaos stiften, denn Chaos verändert die Situation am laufenden Bande, es ist wie ein Speed Dating mit Chancen und Risiken – vielleicht kommt rechtzeitig ein Moment, eine Situation, eine Konfiguration der Umstände, die einen intellektuell nicht überfordert. Noch wahrscheinlicher ist aber, dass die Umwelt genauso rabiat reagiert, um die Ordnung wiederherzustellen, und dann hat man viele gegen einen, deswegen ist diese Methode wie Russisch Roulette mit elf Kugeln in zwei Revolvern. Nur haben die Dummen halt ihr Repertoire an Problembewältigungsstrategien halt sehr schnell durch.
Der Europäer an sich ist dumm und arrogant, und nur am Letzteren kann er was ändern. Arroganz potenziert Dummheit hoch drei, und wenn man eh schon nur so schlau ist wie ein Mensch, kann man sich einfach keine Arroganz leisten. Ich werde mich für jede Arroganz entschuldigen. Doch wer mir aus meiner Dummheit einen Strick drehen will, darf sich damit selbst aufhängen.
@Paul S: “Arroganz potenziert Dummheit hoch drei, und …”
Ignorante Arroganz, die aus der bewusstseinsbetäubenden Bildung von/zu zeitgeistlich-reformistischer Suppenkaspermentalität mehr und weniger wettbewerbsbedingt-konfusioniert wird, potenziert Dummheit, in gleichermaßen unverarbeitet-instinktiver Bewusstseinsschwäche von Angst, Gewalt und “Individualbewusstsein”, zu Dumm-Verkommenheit – Schade um die Vernunftbegabung für Mensch!?
👋😎📸
@Paul S
“Nicht Mangel an Geist, sondern ein Geist*,
der sich ununterbrochen selbst gegenwärtig ist, eine Ausgeglichenheit** gegen die nichts und niemand ankommt.
Die Menschen reden, die Karawane zieht
vorüber: Die Dummheit erkennt man an jenem ruhigen Fortschreiten eines Wesens
das Worte von aussen weder ablenken
noch berühren können. Sie ist nicht das Gegenteil der lntelligenz, sondern jene Form der Intellektualität***, die alles auf ihr eigenes Maß zurechtstutzt und jeden Anfang in einem vertrauten Vorgang auflöst. Der Dummheit ist nichts menschliches jemals fremd; die macht – über die Lächerlichkeit hinaus – ihre unerschütterliche Kraft und ihre mögliche Grausamkeit aus.” (Alain Finkielkraut)
*Zeitgeist/Bewusstsein(sschwäche)
**ignorante Arroganz
***Bewusstseinsbetäubung (hto)