Berlin-Babylon-Bagdad

Im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Transformation der Antike“ der Humboldt Universität zu Berlin wird eine ca. einwöchige Woche voller kultureller und geistreicher Veranstaltungen (Lesungen, Konzerte, Vortrag) angeboten. Die Reihe heißt „Berlin-Babylon-Bagdad“ und Informationen finden Sie hier: http://www.berlin-babylon-bagdad.de/ Das sind öffentliche Veranstalungen an verschiedenen Orten Berlins und ein lustiges „Teleporter“-Zeitreisespiel namens Zeitstromland im Internet.

Eröffnungsveranstaltung im Kino Babylon in Berlin Mitte.

Eröffnungsveranstaltung im Kino Babylon in Berlin Mitte. – Das Kino hat seinen Namen übrigens deshalb, weil es als letztes großes Stummfilmkino Berlins 1929 eben in jener Phase eröffnet wurde, als Berlin einem besonders starken Babylon-Hype verfallen war.

Drei große „B“s stehen tatsächlich in engem Zusammenhang, denn das alte Babylon liegt ja direkt vor den Toren der heutigen Stadt Bagdad und viele der sehr erfolgreichen deutschen Grabungen durch Koldewey um 1900 herum wurden unter Genehmigung des Osmanischen Reichs nach Berlin verschifft. Dadurch steht das berühmte Ischtar-Tor, eines der Stadttore Babylons, mitsamt seiner Prozessionsstraße voller Ischtar-Löwen heute in der Vorderasiatischen Abteilung vom Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel.

Das Ischtartor im Berliner Pergamonmuseum (Abteilung Vorasien) steht symbolisch für Höhepunkte, Schönheit und Glanz des alten Babylon.

Das Ischtartor im Berliner Pergamonmuseum (Abteilung Vorasien) steht symbolisch für Höhepunkte, Schönheit und Glanz des alten Babylon. – Dieses Panorama-Bild habe ich 2014 von ca. 30 Einzelfotos zusammengerechnet und für private Zwecke zweimal als Poster gedruckt (für mich selbst und einen besonderen Menschen), ich veröffentliche und verkaufe es nicht: Bitte keine Anfragen, ich gebe es nicht zum eigenen Drucken heraus! Es wurde nur diese verkleinerte Version damals vom Museum zur Veröffentlichung erlaubt. Ein Museumsbesuch dort ist natürlich immer ein guter Tipp!

Ischtar ist die babylonisch die Göttin der Liebe und des Krieges – und das ist nur vereinbar, wenn ihr Zuständigkeitsbereich „Liebe“ vor allem die sexuelle Liebe meint, bei der das Paar leidenschaftlich ringt, um – im Gegensatz zu echtem Krieg – miteinander spielerisch Spaß zu haben. Die babylonische Kultur übte aber nicht nur aufgrund der prunkvollen Kacheln des Tores enormen Reiz und Einfluss auf die Menschen des damaligen Berlin aus:

Berlin-Babylon ist seither eng verwoben und für immer verbunden. Auch der deutsche Kaiser Wilhelm II war begeistert von dem Babylon-Boom des beginnenden 20. Jahrhunderts. In seinen Memoiren notiert er, dass er keine einzigen Vortrag der „Deutschen Orient Gesellschaft“ (DOG) verpasst habe und ihm die Brücke sehr gefällt, die das Thema Babylon – und später auch auch der Panbabylonismus – einend durch die Gesellschaft schlägt. Stolz war er bspw. darauf, dass Theologen und Geistliche verschiedener Konventionen (beide christlichen, jüdische …) und Nationen (Kaiser von Siam u.a. Politprominenz wurden geladen) sich diesem Thema widmeten.

 

ein Baby-Bär zeigt diese Abbildung nicht direkt, aber das Mischwesen von babylonischem Manneskopf und Berliner Bär es dient als Maskottchen der Veranstaltung

einen Baby-Bär zeigt diese Abbildung nicht direkt, aber das Mischwesen von babylonischem Manneskopf und Berliner Bär es dient als Maskottchen der Veranstaltung

Bei der heutigen Eröffnungsveranstaltung der Kultur- und Wissenschaftswoche wurde es so dargestellt, dass das einstige „Spree-Athen“, Berlin, am fin-du-siècle, d.h. nach Gründung des Kaiserreiches das allgemeine Gefühl (Zeitgeist-Meinung) hatte, dass Athen nicht weltstädtisch genug sei, um dem neuen Image der jungen Kaiserreich-Hauptstadt gerecht zu werden. Athen schien zu klein, zu verträumt …

Berlin als neues Babylon

Die Ausgrabungen in Babylon kamen da also wie gelegen, denn damit hatte Berlin auch eine Weltstadt des Altertums, mit der man sich vergleichen konnte.
Dass das damals wie heute gleichermaßen gut geht, hat die heute Lesung von verschiedenen Reiseberichten des Herodot bis zu Künstlern des 20. Jh. gezeigt.

Dass der Name „Babelsberg“ des Berliner Vororts und Hollywoods der 1920er Jahre nichts mit dem biblischen Namen „Babel“ für Babylon zu tun hat, haben wir bei dieser Gelegenheit übrigens auch gehört: Dieser Ortsname ist slawisch und bedeutet „wo die Biber wohnen“ – also ganz anders als das hebräische „verwirren“, von dem sich der Name der Stadt im Altertum ableitet.

Leider werde ich selbst keine Gelegenheit mehr haben, den Rest der Festival-Woche zu besuchen – aber ich hoffe, dass viele von Ihnen diese wunderbare Möglichkeit nutzen, wer in Berlin/ Umgebung ist oder wenigsten einmal das Zeitreise-Spiel mitspielen: Das geht auch online und man spielt da mit Leuten vor Ort beim Event zusammen.

Screenshot "Zeitstromland". Hier wurde ein Durchlauf der Zeit von dem Jahr 200 v.u.Z. gestartet, bei dem man sieht, wie sich die beiden Städte bis heute (und weiter) entwickeln. Das "Spiel" bzw. eigentlich der Schabanack besteht darin, dass die Besucher der Events und die Online-Nutzer die jeweils beiderorts entstehenden Dinge ins jeweils andere verschieben können. Alle zwei Stunden wird geschaut, was wo steht und dann kommt - je nach Spieltrieb und Beteiligung - ein zufälliges Ergebnis heraus, das die Geschichte "neu" bzw. auf sehr eigenwillige Weise erklärt.

Screenshot „Zeitstromland“. Hier wurde ein Durchlauf der Zeit von dem Jahr 200 v.u.Z. gestartet, bei dem man sieht, wie sich die beiden Städte bis heute (und weiter) entwickeln. Das „Spiel“ bzw. eigentlich der Schabanack besteht darin, dass die Besucher der Events und die Online-Nutzer die jeweils beiderorts entstehenden Dinge ins jeweils andere verschieben können. Alle zwei Stunden wird geschaut, was wo steht und dann kommt – je nach Spieltrieb und Beteiligung – ein zufälliges Ergebnis heraus, das die Geschichte „neu“ bzw. auf sehr eigenwillige Weise erklärt.

Nach Anklicken erscheint auf dem Screen links die Zeitlinie von Berlin, rechts von Babylon. Da Berlin eine der jüngsten Hauptstädte Europas ist (1237 erstmals erwähnt), wird es noch eine Weile dauern, bis dort etwas anderes als nur Rehe und Fischerleute auftauchen. 🙂

Viel Spaß!

Nichtsdestotrotz ist es sicher ein interessante Idee, diese beiden Stadtgeschichten nebeneinander zu visualisieren.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte (beide Diplomarbeiten in Astronomie), promovierte in Wissenschaftsgeschichte sowie Medienwissenschaften, Physikdidaktik. Sie ist seit 1998 als Astronomin tätig (manchmal an Universitäten, manchmal in Planetarien und öffentlichen Sternwarten). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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