Berlin – A Planetarium goes VELVET

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

"großartig", "man hatte das Gefühl wirklich einzutauchen in den Ozean", "… und diese Möglichkeiten, wie man heute sowas zeigen kann", "ab und zu bin ich zusammengezuckt, weil es so echt aussah"… In der Stadt, in der vor 200 Jahren Wilhelm von Humboldt eine Universität mit neuen Bildungsidealen gründete und in der wenige Dekaden später die Populärbildungsinstitution "Urania" durch Wilhelm Foerster u.a. erfunden wurde, gibt es nun endlich auch eine neue Planetariumstechnologie: Full-Dome, die also die ganze Kuppel ausleuchtet und quasi einen Kinofilm über 360° projiziert.

"Meine Damen und Herren, schauen Sie sich um: Aus Nieten kann man eine ganze Menge machen!"

Nach einem halben Jahr des Arbeitens quasi "im Bau" oder am heimischen Esstisch lagen die Nerven der Mitarbeiter blank und jetzt sind sie alle heilfroh, dass alles geklappt hat und läuft. Wie immer in letzter Minute, aber somit eben allen Widrigkeiten zum Trotz pünktlich, 🙂 wurden die Bauarbeiten (wenigstens für die Premiere) eingestellt und eine viersprachige Schweizer Show vorgeführt. Erleichterung liest man in den Gesichtern des Vereinsvorstands und der Leitung des Hauses. Alles hat geklappt, die neuen Projektoren tun, was sie sollten: sie beleuchten die Kuppel. Finanziert wurde der Umbau aus Lotto-Mitteln, so dass der beglückwünschende Politiker, der Stellvertretene Berliner Bezirksbürgermeister von Steglitz-Schöneberg den Dank an alle lotto-spielenden Berliner Nichtgewinner weitergab: aus ihren Nieten wurde der Umbau finanziert.

Gewiss seien den leitenden und leidtragenden Mitarbeitern ganze Galaxien vom Herzen gefallen, als dann eben doch alles zum 15. Oktober 2010 fertig wurde. Die wissenschaftliche Leiterin, der Berliner Sternen-Engel Dr Monika Staesche, ist überglücklich: Sie weiß zwar, dass in nächster Zeit erstmal besonders viel Arbeit auf sie wartet, denn alle bisherigen Programme müssen auf das neue System umgeschrieben werden, aber sie freut sich schon auf diese Arbeit. Wenn das Grundgerüst dann steht, dann wird die neue Technologie Möglichkeiten eröffnen, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wären. 

Musikveranstaltungen, Kulturprogramm, Vorträge… all sowas kann nun im neuen Planetarium vorgeführt werden. Heute sah das erlesene Publikum ein importiertes Programm aus der Schweiz, "Stella Nova", das in Windeseile die kosmische Elemententstehung erklärt – natürlich nicht ohne ein bißchen Pathos nach dem Motto "ihr Menschen der Welt, reißt Euch zusammen; wir sind doch alle Sternenstaub" zu versprühen. Nach der Adaption des bisherigen Repertoirs müssen eigene Shows entwickelt und produziert werden. Dafür freut sich die Verantwortliche für die himmlischen Inhalte bereits auf den Erfahrungsaustausch mit anderen Planetariern über den RDP und anderen Fachleuten. Als promovierte Historikerin und humorvolle Hobbyastronomin nimmt sie auch gerne Inhalte von Astrophysikern, Naturkundlern, Musikern, Geschichtenerzählern u.a. auf. Astronomie ist Kultur und Planetarium ist ein Kulturmedium, also ein Kultur(ver)mittler. Ein paar Anfragen von interessierten Nutzern aus dem Medienbereich hat die Planetariumsleitung am Insulaner bereits (ich reihe mich da am liebsten gleich ein). Erfahrungsgemäß reicht das Spektrum der Fulldome-Nutzer von Künstlern bis hin zu Fachwissenschaftlern und ist somit deutlich weitreichender als das der "klassischen" Planetariumsklientel. 

Allgemein wird das als positiv bewertet, weil man somit in einem Planetarium quasi "appetizer" für die Beschäftigung mit Naturwissenschaft präsentieren kann. Allerdings sehen die "grauen Eminenzen" der (Berliner) Astronomie-Szene diese populistische Aufbereitung ambivalent: Ich sprach mit dem Ehepaar Mädlow. Edgar Mädlow, der den Neuaufbau der volkstümlichen Astronomie nach dem Zweiten Weltkrieg an vielen Stellen mitverantwortete, ist nicht besonders glücklich über die heutigen Darstellungen – ihn interessiert das nicht so sehr "wir haben das damals anders gemacht", ernsthafter und tiefgründiger. Seine Frau als studierte Astrophysikerin pflichtet ihm zunächst bei, denn auch sie war damals nicht durch Kino, sondern durch Bruno Bürgels "Ferne Welten" zur sachlichen Beschäftigung mit der Astronomie inspiriert worden. Allerdings, so räumt sie ein, wäre das vielleicht anders, wenn sie heute jung wäre.

Mit 16 Jahren, also als Teenager hat sie Bürgels Buch gelesen, während ich (als Astrophysikerin der übernächsten Generation) dagegen halte, dass mich bereits mit ca. 8 Jahren erstmalig in einem Planetarium ein sagenhafter Forscherdrang und Wissensdurst ergriff. Das Medium Planetarium (ob Fulldome-projizierend oder klassisch) kann und muss offensichtlich u.a. auch auf niedrigerem Niveau arbeiten und kann mithin auch viel jüngere Menschen erreichen. Dabei hat es ja nie behauptet, eine Schule oder Universität ersetzen wollen, sondern es ist eine wunderschöne Ergänzung – so wie auch niemand daran denken würde, Unis und ihre Seminare abzuschaffen, nur weil es im Fernsehen Wissenschaftssendungen gibt. – Ich persönlich vertrete die Meinung, dass jedes Medium seinen Zweck hat: So wie man auch nicht die Gabel abschafft, bloß, weil man Suppe mit einem Löffel isst oder umgekehrt den Löffel abschafft, weil er fürs Schneiden von Brot ungeeignet ist. Man braucht sie halt alle, jedes für seinen Zweck. 🙂 Wer sich über die Leichtigkeit des Kulturprogramms im Planetarium, Theater oder Kino beschwert, muss halt an die Volkshochschule oder Universität gehen.   

Im Bild rechts das erfolgreiche Quartett des Abends: Die wissenschaftliche Leiterin Staesche, der noch sehr viel Arbeit blüht, der leitende Zeiss-Ingenieur Lang, dessen Arbeit nun im wesentlichen getan ist, weil sein "Baby" namens Velvet erstmal arbeitet und der Geldeinwerber aus dem Vereinsvorstand, der im Augenblick nur froh ist, dass bisher alles geklappt hat.

Fulldome-Projektion! Schon als ich vor vier Jahren meine Promotion zum Thema "Visualisierungen" beginnen wollte, war das ein Schlagwort in aller Planetarier Munde. Es ist ein wirklich spannendes Thema: zunächst die technische Frage, wie man es realisiert, dann die didaktische Frage, wie man Inhalte damit kommuniziert und die philosophisch-medienwissenschaftliche Frage, welche (neuen) Kommunikationsinhalte das neue Medium ermöglicht und welche (alten) vielleicht nicht mehr.

Gestern Abend wurde FullDome also auch in Berlin endlich Realität! – Nicht zum ersten Mal realisierte Herr Lang, Geschäftsfeldleiter von der Firma Zeiss diese Installation erfolgreich. Vor drei Jahren hatte die Entwicklung begonnen und das Velvet-System wurde bisher mehrfach in Deutschland verkauft… und jedesmal lernt man dazu! Wenn man aber "nach 45 Jahren immernoch stolz auf seine Firma ist, dann weiß man, dass man sich richtig entschieden hat", resümiert der Ingenieur von der vordersten Front der Planetariumstechnologie. Er kennt auch viele andere Konstrukteure von Himmelsmaschinen und hatte alle nach Jena eingeladen: niemand kann so gute Projektoren bauen wie er, stellt er nüchtern-bescheiden anhand von Photometer-Messwerten fest und fügt hinzu, dass ihn das natürlich nicht befriedigt: Er will seine Projektoren noch besser machen! Ganz besonders stolz sind die Zeissianer auf den Schwarzwert ihrer Projektoren: Mit einem Kontrastverhältnis von mehr als 2,5 Mio : 1 ist der Range der VELVETs um mehrere Größenordnungen umfassender als bei den Beamern, die Sie für Ihr persönliches Heimkino oder in typischen Seminarräumen kennen. Verkaufen will er sie aber nicht einzeln. Bisher bietet Zeiss "nur" Gesamtkuppellösungen POWERDOME VELVET an. Für das Berliner Großplanetarium am Fuß des 78 m hohen Trümmerhügels "Insulaner" werden z.B. acht Projektoren nebst entsprechenden Rechnern eingesetzt. Da die Projektoren jedoch durch eine Korrekturlinse auf die Kuppelleinwand fokussiert werden, sei es auch möglich diesselben Projektoren für eine kleinere oder größere Kuppel zu verwenden – man kann dann vllt. auch mehr oder weniger Projektoren verwenden, aber im Grunde muss man an dem Projektor selbst nichts verändern: man kann ihn in eine 6 m-Kuppel genauso stellen wie in eine 25 m Kuppel! … und in Thüringen geht die Entwicklung der Technologie natürlich fleißig weiter. Es ist ein sagenhaft spannendes Feld! 

Starke Kombi

Ganz besonders freut sich aber Herr Lang (Zeiss), dass die Entscheidung "pro VELVET" nicht eine Entscheidung "gegen den alten Sternprojektor" war: Zeiss-Qualität bleibt eben auch nach Jahrzehnten noch sehr gute Qualität! Die Sterne könne der "Knochen" eben doch noch besser malen als jeder andere Projektor, gibt der leitende Ingenieur zu. Das tut der Sache aber an sich keinen Abbruch, sondern stellt nur erfreulicherweise dem Zeiss-Team neue Aufgaben! Flugsimulatoren sind ein weiterer möglicher nächster Schritt. 🙂   

  Da kriegt man richtig Lust, selber mitzumachen – ich bin gespannt!

 


Letztlich möchte ich mich persönlich bei Moni Staesche für die Einladung ins heimatliche Berlin bedanken (auch wenn mein Zug aus Hamburg Verspätung hatte, kam ich sogar noch rechtzeitig! herzlichen Dank) und bei der Firma Zeiss fürs Sponsoring des Catering! 

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Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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