Atlas Astronomischer Traumorte

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae
Buchtitel – auf träumerischem Grund 😉
Fotos des Inhaltsverzeichnisses

Der Titel ist etwas neumodisch-irreführend, denn bei diesem “Atlas” handelt es sich nicht um ein Kartenwerk, sondern eher um einen (denknotwendig auf Unvollständigkeit ausgelegten) Katalog, ein bebildertes Nachschlagewerk. Das Buch aus dem Kosmos-Verlag präsentiert eine Selektion von Orten mit astronomiehistorischem Bezug – entweder, weil es dort eine historisch bedeutsame Sternwarte gibt oder weil an dem Ort eine für die Astronomiegeschichte bedeutsame Persönlichkeit einen Teil ihrer Lebenszeit verbracht hat. Wie der Autor selbst schreibt (S. 39), handelt es sich um “nur einen Reisebericht”. Ich würde das “nur” weglassen, denn das Buch wartet mit 58 Kurzvorstellungen von Reisetipps für Astro-Freaks plus 13 reich bebilderten, jeweils ca. 4- bis 8-seitigen persönlichen Erlebnisberichten eines Wissenschaftshistorikers auf Reisen auf. Mal trifft er Kollegen in Museen, mal durchstreift er exotische Landschaften und jedenfalls erzählt er davon in großväterlich belesenem Plauderstil. 

Hin und wieder wird der Text durch doppelseitige Schmuckbilder unterbrochen – wie hier einem großformatigen Foto des Teleskops der Hale-Sternwarte in den USA.

Wie das Inhaltsverzeichnis zeigt, ist die Präsentation der “astronomischen Traumorte” nach Kontinenten gegliedert. Auf der jeweiligen Startseite jedes Kapitels befindet sich eine Karte des Kontinents, auf dem die vorgestellten Ort eingezeichnet sind.

Beispiel: Kapitel-Startseite für den Kontinent Australien.

Anschließend folgen die Kurzdarstellungen von ausgewählten Orten. Sie werden mit jeweils einem repräsentativen Foto und 1-3 Sätzen charakterisiert, die darüber informieren, was diesen “astronomischen Ort” so besonders macht. Das Spektrum der Möglichkeiten ist dazu immens: So werden wir beispielsweise informiert, dass man das Geburtshaus von Sir Isaac Newton in Woolsthorp, UK, besichtigen kann (obwohl der Große Meister da zwar geboren wurde, wohingegen seine Wirkungsstätte später die Universität Cambridge, UK, war), während wir andererseits bekannte historische oder moderne Sternwarten (von Struves Sternwarte in Pulkovo, St. Petersburg über die Sternwarten der chinesischen Hauptstädte Peking und Nanjing bis hin zur modernen Europäischen Südsternwarte in Chile) vorgestellt bekommen. 

Beispielseite: Kurzvorstellungen in Bild und Text.

Nach den Kurzvorstellungen für jeden Kontinent folgen ein bis fünf “Reiseberichte” des Autors, in denen er von seinen Erlebnissen erzählt. Mal erfahren wir, dass die Italiener von ihrem katholischen Brauchtum sogar bei Galileo Galilei nicht abeweichen, denn sein rechter Mittelfinger wird als “Wissenschafts-Reliquie” in einem Museum aufbewahrt und mal wird uns von moderner Himmelsforschung in Chile berichtet. Zeitgenössische und moderne Kulturen auf verschiedenen Kontinenten zeichnen ein Astronomie- und Menschenbild. denn die “Geschichte der Astronomie ist eine Geschichte der Menschheit,” wie es im Klappentext geschrieben steht. Das spürt man in diesem Buch aus der Perspektive des Ich-Erzählers überall.

Beispiel-Artikel: Reisebericht aus Ägypten.
Auf der Startseite des afrikanischen Kontinents wird zwar richtig erwähnt, dass die meisten Liebhaber-Astronomen als Wiege der Astronomie eher Babylon als Ägypten kennen, aber da war vermutlich die Luft zu bleihaltig, so dass ein längerer Reisebericht nur für die Nil-Kultur dargereicht werden konnte. So bleibt es bei Pyramiden-Visuren und Gold-und-Mumien-Geschichten, während es künftigen Ergänzungsbänden oder gar zukünftigen Autoren vorbehalten bleibt, eine Bildergeschichte der mathematischen Astronomie hinterm blau-goldenen Ischtar-Tor zu schreiben.

Wie im aufgezeigten Fall der (vermutlich der politischen Situation zu schuldenden) babylonischen Lücke, erhebt dieses Buch natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die astronomischen Schätze der Welt lassen sich nicht auf 186 Seiten und auch vermutlich nicht zwischen zwei Buchdeckel pressen (die IAU arbeitet an Datenbanken zum Thema). Dennoch ist das Buch eine illustre Sammlung von touristischen Schauplätzen der Kulturgeschichte (Stonehenge, die äg. Pyramiden, Ayers Rock), Technikgeschichte (Jaipurs Sonnenuhren, Tycho Brahes Insel und Teleskope von Archenhold bis Hale und weiter), Reliquien/ personenkultischen Verehrungen (Newtons Geburtshaus, Galileis Mittelfinger) und Wissen(schaft)sgeschichte an verschiedenen besuchenswerten Orten und bei verschiedenen Völkern (Maya, Aboriginees, moderne Galaxienforschung) auf diesem Planeten. Ein Lesetipp für Weltenbummler mit astronomischen Interessen bzw solche, die es werden wollen. 

Das Buch ist nicht nur eine Einladung zum träumerischen Schmökern, sondern (hoffe ich) auch Animation zum eigenen Anschauen der Welt auf dem Weg zu grassierender kosmopolitischer Weltanschauung. 

Bibliographische Daten: 

Dieter B. Herrmann: Atlas Astronomischer Traumorte – Entdeckungsreisen auf den Spuren der Sternkunde, Franckh Kosmos Verlag, Stuttgart, 2019

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

2 Kommentare

  1. Warum in die Ferne schweifen…Da gibt es zum Beispiel in Sachsen-Anhalt das Himmelsobservatorium von Goseck bzw. die Himmelsscheibe von Nebra incl. einem Präsentationsbau dafür in Nebra. Ich weiß nicht, ob diese astronomischen Besonderheiten in diesem Buch einbezogen wurden. Ich zu mindestens finde sie interessanter als diesen angeblichen Mittelfinger von Galilei.

    • Nebra ist drin; siehe Inhaltsverzeichnis: Ich konnte nicht jedes Detail aufzählen. Selbstverständlich auch die Heimat-Einrichtungen des Autors, d.i. Babelsberg, Archenold-Sternwarte, Remplin in MeckPom, das durch einen Mitarbeiter der Archenhold-Stw. rekonstruiert worden ist. Es ist ein sehr persönliches Buch, quasi ein Ergänzungsband zur Autobiographie. Die Selektion der Reiseziele vermutlich ebenso persönlich.

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