Astro-Alex startet in Baikonur – und wir?!

“Die beste Rakete der Welt bringt ein tolles Team [Leute, die super Freunde sind, wie wir vorher gelernt haben: mehr als durchscnittlich die Teams und das will schon was heißen, bei Menschen, die sich derart gut kennen – da können sich die meisten von uns ein Beispiel dran nehmen] in das beste Labor der Welt.” Das waren die Schlussworte des Live Streams des DLR aus Oberpfaffenhofen.

So isses! Blogger-Kollege Michael Khan hat ja heute schon auf den Termin und die Dokus hingewiesen und es gibt in seiner Person und Eugen Reichl (der vor ein paar Tagen über die ILA schrieb) unter uns SciLoggern mehrere Leute, die mithin kompetenter sind als ich, diese Ereignisse nüchtern und sachlich zu besprechen. Und hier gibt’s sogar was Spektrum-Offizielles.

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Screenshot von der Live Übertragungsseite des DLR – 28.5.2014

Meine Botschaft soll heute Abend daher eine andere sein:

Man sollte DRINGEND einen Jugendaustausch mit Baikonur etablieren! Der Kontakt dafür ist seit meiner Mission 2012 vorhanden und die International Space School Baikonur wäre von so einer Kooperation auch hell begeistert. Nur da ich inzwischen mit Jugendarbeit aufgehört habe, gibt es leider derzeit keinen mehr, der das macht: Ich unterstütze gerne auch weiterhin jede Maßnahme, die in dieser Richtung operieren möchte! Es wird nur halt leider nicht bezahlt und charakterlich ist jemand wie ich dafür auch nicht so gut geeignet wie viele andere Menschen. Darum finde ich, sollen es die machen, die es besser können und Spaß dran haben. Ich helfe gern, wenn ich gefragt werde.

ein Traum wird wahr: Jetzt fliegt also wieder eine neue Besatzung hoch, drei Männer – ein Amerikaner, ein Russe und ein Deutscher. In München hatten sie darum einen Live-Stream, weil es ja nun mal ein Deutscher ist. Das ist aber ehrlich gesagt das nebensächlichste vbei der Sache. Uns Kosmopoliten ist es völlig Schnuppe, welche Nationalität die Menschen da oben haben, Hauptsache, sie sind ein funktionierendes Team. Viel wichtiger und warum viele von uns diesmal so besonders mitfiebern, ist eine andere Sache: “Astro-Alex” hat im Jahre 2008 diese “Stelle” gekriegt, auf die sich viele von uns beworben haben. Natürlich wussten wir alle, dass die Chancen gering sind, weil es so unglaublich viele Bewerber sind… aber es ist eben auch wahr, dass man jetzt eben umso mehr mitfiebert und aufpasst und sich dabei denkt: Wenigstens habe ich alles versucht, um jetzt an seiner Stelle zu sein. : – ) Bei 26°C in den sternklaren Himmel über der kasachischen Steppe zu düsen … das wäre toll. Für die drei Männer wird jedenfalls ein Traum wahr, den mit ihnen viele von uns geträumt haben und weiterhin träumen.

Warum ich aus diesem Anlass für den Jugendaustausch werbe und an Aktivisten appelliere:
In der Zwischenzeit war ich ja selbst auch einmal in Baikonur – leider nicht zu einem Raketenstart, sondern in anderer Mission, aber ich war da und da sieht man diese Live-Übertragung komplett anders. Man war ja mal da: Man kennt die Gebäude, die Quarantäne-Zone der Kosmonauten in dem Saal, in dem die Pressekonferenzen stattfinden sowie auch das Hotel, in dem die Raumfahrer vor ihrem Start nächtigen … Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn man nur zum drölfzigsten Mal die Bilder sieht, wie man sie schon hundertmal gesehen hat von übermütigen Leuten, die sich auf ihren baldigen Start freuen.

Hinweisen möchte ich darauf, dass ich bis zum Start vieles en detail nachfühlen konnte, da ich es – wie mir jetzt erst beim Anschauen des Lifestreams auffiel – eben in den letzten Jahren so oder so ähnlich auch mal erlebt habe. Sei es Baikonur als Stadt (2012), sei es das Astronautentraining (2009), sei es das Anprobieren eines Raumanzugs (2012), der Vergleich von verschiedenen Raumfahrtkulturen (Wussten Sie, dass es in Baikonur keinen öffentlichen Countdown gibt und dass der Countdown in Deutschland von dem Regisseur Fritz Lang für eine Kinofilm 1928 erfunden wurde?) oder einfach die All-gegenwärtige Begeisterung für den Weltraum und die Sterne. Kommt das alles zusammen mit persönlichen Eindrücken, dann ist das ganz Ereignis noch viel berührerender, viel bewegender und man fühlt sich eben viel mehr “live” dabei und mit tausendundeiner Erinnerung quasi am Set.

DARUM – “I have a dream”

titel_smh_Belegarbeiten

Das unbedeutende Booklet ist nur eine Auflistung meiner eigenen Projekte der Vergangenheit – sozusagen eine Produktion fürs Archiv. Was mir viel wichtiger ist, ist, dass AKTUELL jemand diese Fackel weiter trägt.

Sage ich hier und jetzt – nachdem ich diesen phantastischen Start verfolgt habe: Lasst uns Gruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach Baikonur reisen und dort SpaceCamps erleben lassen, die die Berliner SpaceCamps (seit 2007) ergänzen und einen echten Austausch ermöglichen. So könnten die Schüler der (abgeschlossenen) Stadt Baikonur – militärisches Sperrgebiet unter russischer Judikative in Kasachstan – auch mal raus und eine Stadt in Europa besuchen, wenn sie im Rahmen eines Austausches den Gegenbesuch antreten würden. Wie schon 2009 berichtet: Internationale Astronomie-Bildung – ZUSAMMENARBEIT ab jugendlichem Alter. Man lernt dabei so viel mehr als “nur” Astronomie, die für viele von uns einen exzellenten Zugang zur Wissenschaft schafft – sei es edukativ oder berufsbestimmend. Da könnten dann wirklich alle mitmachen und nicht nur die wenigen, die wirklich hochfliegen dürfen. Schon als Jugendliche hatte ich mir sowas immer gewünscht und als junge Erwachsene dann solche Projekte haufenweise (für andere) initiiert, koordiniert und geleitet. Ich wünsche mir sehr, dass dies (auch ohne meine unmittelbare Mitarbeit) weitergeht – und weiter heißt in diesem Fall eben m.E. unter Nutzung des Kontakts zur Novosibirsker Elite-schule “Aerokosmisches Lyzeum” und zu den Kollegen in Baikonur.

Das habe ich ehrlich gesagt leider nicht mehr in Angriff genommen, da das für mich keine Berufsperspektive ist und ich jetzt glücklicherweise in einem anderen Bereich arbeiten darf, wo ich mir eine Existenz aufzubauen versuche. Ich wünsche aber der Welt, dass so ein Austausch stattfindet, da er nach meinem Dafürhalten auch viel zum Weltfrieden, Völkerverständigung, Gleichstellung und Integration beitragen kann … natürlich neben dem Anheben des Bildungsniveaus und dem Wecken des Interesses für Wissenschaft und der Motivation zum Sprachenlernen…

Es hat so unendlich viele gute Seiten, eröffnet Chancen und Perspektiven, dass ich das jedem Menschen wünsche.


GIMMICK

Der spanische ESA-Astronaut Pedro Duke, der früher mit der Soyus flog und darum in Oberpfaffenhofen den Start live kommentierte, hat auf eine Frage nach dem Umgang mit Konflikten von einem Schüler geantwortet, dass die Raumfahrt dafür ein großartiges Beispiel mit Blick auf die Politik der “Großen” darstelle. Lassen wir die isolierten Chinesen mal aus der Betrachtung heraus und betrachten nur die traditionellen Raumfahrtnationen: In seiner astronautisch-kosmopolitischen Sichtweise sagte er, dass wir Europäer da gewiss die Aufgeschlossensten seien, denn die anderen leben viel isolierter “unter sich” … Russland und die USA sind ja in ihrer Ausdehnung gigantische Länder und man muss weit reisen, um mal aus dem eigenen Land zu kommen. In Europa hingegen treffe man alle Nase lang auf “Ausländer” (eigentlich “andere”, d.h. Inländer mit anderer Sprache und Kultur: so wie z.B. die slavisch sprechenden Sorben, die seit altertümlichen Zeiten südlich von Berlin leben – und das eben übertragen auf die europäischen Staaten), weil das eigene Land ja so (vergleichsweise) klein ist und man schon bald im nächsten ist, wo eine andere Sprache gesprochen wird etc. … Darum, sagt er, seien wir Europäer schon von klein auf viel besser auf Zusammenarbeit eingestellt als die anderen Raumfahrtnationen, weil man in Europa viel schneller zusammenarbeiten müsse.

europaflagge_xsAlso, wenn man das so hört, wünscht man sich, dass er das “lauter” und vor der Europa-Wahl letzten Sonntag gesagt hätte. Also, wenn ich früher im Ausland war und nach meiner Herkunft gefragt wurde, habe ich immer gesagt “Europa” und damit man das nicht mit dem Jupitermond verwechselt, fügte ich noch hinzu “Planet Erde”. Das ist aber durchaus auch meine persönliche Sichtweise: Ich will nicht als Deutsche, sondern als Europäerin wahrgenommen werden und darum machen mir die rechten Gewinner in Frankreich und die eigenbrödelnden Briten Sorgen und die darum finde ich die schwache Wahlbeteiligung in unserem Land sehr beschämend: liebe Landsleute, was macht ihr???

Auch das ist etwas, das wir von der Raumfahrt lernen können – und meines Erachtens sollten: Wie schon der Philosoph Sloterdijk schrieb, sollten wir diese Perspektivenumkehr, den Blick auf den BLUE DOT nutzen, um mal kurz über unser Tun und den Umgang mit unserer Umwelt (sowohl ökologisch als auch menschlich) nachdenken. Aber nicht als egoistische Nabelschau, sondern um daraus zu lernen und künftig was besser zu machen.

“Freunde sind Menschen, die dich sehr gut kennen und dich trotzdem lieb haben.”

duneBeob_RadiantStar_quer_web“Über den Wolken … muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…”

“Ich wär’ gern mitgeflogen”

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich wünsche mir sehr, dass dies (auch ohne meine unmittelbare Mitarbeit) weitergeht – und weiter heißt in diesem Fall eben m.E. unter Nutzung des Kontakts zur Novosibirsker [1] Elite-schule “Aerokosmisches Lyzeum” und zu den Kollegen in Baikonur.
    (…)
    Ich wünsche aber der Welt, dass so ein Austausch stattfindet, da er nach meinem Dafürhalten auch viel zum Weltfrieden, Völkerverständigung, Gleichstellung und Integration beitragen kann … natürlich neben dem Anheben des Bildungsniveaus und dem Wecken des Interesses für Wissenschaft und der Motivation zum Sprachenlernen…

    Es hat so unendlich viele gute Seiten, eröffnet Chancen und Perspektiven, dass ich das jedem Menschen wünsche.

    Kultur und dementsprechende Wohlbeschaffenheit lässt sich eher ohne Romantisierung bestimmter Gegenden finden. – Baikonur ist ein Pachtgebiet Russlands in einer unzivilisierteren Region.

    Also gerne mal absteifen – und, sofern möglich, im Sinne der Ideen & Werte der Aufklärung kommunizieren, wenn [2] es um das Politisch-Sittliche gehen soll.

    MFG
    Dr. W

    [1] liegt weiter im Osten
    [2] ansonsten, also wenn es darum nicht geht, soll gerne ohne dem hier vorgefahrenen sittlichen Überbau ausgekommen werden, was nett wäre

  2. Dr.W, mir scheint, Sie haben etwas nicht verstanden – vllt. meine Berichte und Dokumentationen der Vorjahre verpasst. Erstens ist mir unklar, was die Bemerkung über die geograph. Lage von Novosibirsk soll, die hat hier nix zu suchen. Es geht nur darum, dass es in Baikonur und in Novosibirsk jeweils Partner meiner früheren Projekte geht. Ich habe früher mit denen zusammengearbeitet gearbeitet und es ist politisch hochgradig wichtig, dass diese Arbeit weitergeht – und zwar ohne mich als Person, denn – wie tausendundein mal geschrieben – mache ich das nciht weiter und sehe ich darin keine Perspektive für *mich* – ABER für andere!

    Es tut mir leid, wenn das nicht Ihren persönlichen Geschmack trifft, aber – ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen – ich vermute, dass Sie persönlich hier nicht die Zielgruppe sind. Oder möchten Sie (unbezahlt) arbeiten, um Projekte der außerschulischen internationalen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit weiter zu entwickeln, zu konzipieren und durchzuführen? Oder vllt., um derartiges politisch zu vertreten?
    Wenn nicht, dann danke ich Ihnen zwar fürs reinschauen, bitte aber darum, Kommentare zu unterlassen, die sich nicht am Thema vorbei laufen.

    Darüber hinaus ist mir übrigens unklar, was das Wort “Romantisierungg” soll. In meinem Blogpost von 2012 habe ich die Lage von Baikonur und die Situation in der Stadt m.E. ausführlich beschrieben. Die Situation der Menschen, die dort leben,habe ich hier genannt: Was daran romantisierend sein soll, ist mir komplett unklar.
    Weder die Stadt ist es noch die Situation. Mein Punkt ist: Das will ich ändern. Dass das geht und was es bewirkt, habe ich mit anderen Projekten BEWIESEN (da ist goa nix romantisches dran, sondern nur eine mir lästige Arbeit und dennoch erbrachte Leistungen der Vorjahre).

    Mein Eindruck ist – bei allem Respekt und Dank fürs laufende Lesen meiner posts – dass Sie in diesem Fall nicht verstanden haben, worum es geht. Sorry. 🙂

    • Mein Eindruck ist – bei allem Respekt und Dank fürs laufende Lesen meiner posts – dass Sie in diesem Fall nicht verstanden haben, worum es geht.

      Kann schon sein. – Feedback im Web entsteht ja oft spontan und nicht wie übliche Arbeit größer angelegten Gedankengängen folgend.
      MFG, danke für Ihre Nachricht & schönen Tag des Herrn noch,
      Dr. W

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