Allein gegen die Schwerkraft

Ein relativ neues Buch von Thomas de Padova. Es ist bereits 2015 erschienen (Hanser-Verlag), liegt mir aber erst jetzt zur Rezension vor.

Das Buch thematisiert die Episode von Einsteins Biographie in den vier Jahren des ersten Weltkriegs, 1914 bis 1918. Der dem Autor eigene, vortrefflich recherchierte und fundierte Erzählstil, der dennoch zu keiner Zeit abgehoben-unverständlich ist, zeichnet ihn als exzellenten Schriftsteller aus.

Die Geschichte beginnt im Sommer 1913 in Zürich, wo Walther Nernst und Max Planck den 34-jährigen Albert Einstein besuchten, um ihm ein Stellenangebot für Berlin zu unterbreiten. Letztlich nimmt er dieses Angebot an, um als „lebendige Mumie“ (wie er sagte) sich in Berlin ausschließlich der Forschung zu widmen.

de Padova stellt in diesem Buch Einstein als Mensch vor, erzählt von seinen gemeinsamen Bergtouren mit anderen Wissenschaftlern (Walther Nernst, Marie Curie), seinen zwei Ehen und seiner Wahrnehmung der Welt und der ihm stets ein wenig suspekten Großstadt Berlin. Durch seine Wahrnehmung anderer Menschen zeigt Einstein seinen eigenen Charakter, da ihm z.B. Fritz Habers Geltungsdrang sowie die Eitelkeit mancher Kollegen missfallen. Da er die Berliner im Allgemeinen als „Civilisation (Schön geputzte Zähne, elegante Krawatte, geschniegelter Schnauz, tadelloser Anzug), aber keine persönliche Kultur (Rohheit der Rede, Bewegung, Stimme, Empfindung).“ (S.61 zitiert) empfindet, sieht er seiner eigenen zunehmenden „Verberlinerung“ mit Unbehangen zu – so stellt es de Padova zumindest im 3. Kapitel dar. Die Liaison mit seiner Cousine Elsa Löwenthal ist in dieser Situation die rettende Zuflucht.

Kapitel 5 und 6 stellen Einstein im politischen Kontext des ersten Weltkriegs vor. Einstein, der privat dem Sohn von Fritz Haber Nachhilfeunterricht gibt, ist mit dessen Vater in politischer Opposition: Der als Pazifist bekannte Einstein engagiert sich für einen Verständigungsfrieden, während Haber Giftgaswaffen zum Einsatz an der Westfront entwickelt.

Nach diesen Worten zu Einsteins privaten und politischen Schlachtfeldern widmet sich de Padova in den Kapiteln 7,8 und 9 der Revolution des Verständnisses des Gravitations“feldes“, das Einsteins neue Theorie herbei führt. Die Allgemeine Relativitätstheorie, die 1915/16 quasi mitten im Ersten Weltkrieg erscheint, wird die Physik revolutionieren. Hier schreibt de Padova, dessen Buch im Einsteinjahr 2015 erschienen ist, noch von den vorhergesagten und bis dato noch unentdeckten Gravitationswellen. Erst später im selben Jahr sind diese ja tatsächlich nachgewiesen worden, was erst ein Jahr nach Erscheinen dieses wunderbar erzählten Buches, d.h. im Januar 2016, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist.

Der große Name, den Einstein sich mit seinen wissenschaftlichen Theorien gemacht hat, wird in der Politik allerdings sowohl in seinem Sinn genutzt als auch (z.B. von Walther Rathenau) missbraucht und in der Öffentlichkeit karikiert. So schließt de Padova seine Erzählung mit den Anekdote, dass bspw. die Vossische Zeitung schreibt, dass Einstein in Berlin der meistzitierte Philosoph sei, weil es „bei der Stadtbahn, Hochbahn, Fernbahn“, also überall aus den Lautsprechern „auf den Bahnsteigen vor Abfahrt: Einstei’n!“ ruft.

 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. De Padova scheint Leben, Zeit, Person und Werk Einsteins zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Wenn das dem Autor gelingt, dann hat er viel erreicht.

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