Abschied (?) von beliebtem Astrohistoriker

In dieser Woche wurde unser Wissenschaftshistoriker, Herr Prof. Dr. Eberhard Knobloch (TU Berlin), verabschiedet. Einer seiner wichtigsten Schwerpunkte in den vergangenen Dekaden wissenschaftlicher Arbeit war die Astronomiegeschichte. Mal sehen, wie es um diese bestellt sein wird, wenn auch dieser virtuose multilinguale Meister seines Faches nicht mehr offiziell im Amt ist. Hoffentlich wird sein Nachfolger ebensolche Leidenschaft für das Fach und das Humboldtsche Bildungsideal entwickeln! Jedenfalls wird er es nicht leicht haben, mit dem Ruf von Herrn Knobloch zu konkurrieren: Ehrlich und neidlos zieht man den Hut vor Leute wie ihm, die es schaffen, bei allen Studierenden ebenso beliebt zu sein wie angesehen bei Fachkollegen, in zahlreichen internationalen Gremien engagiert zu sein und trotzdem immer für alle ansprechbar zu sein. Solche Menschen sind die kleinen Wunder des akademischen Lebens, an denen man sich erfreut.

Der Festvortrag wurde von dem berühmten Mathematiker Martin Grötschel gehalten, der die Nicht-Zweckgetriebenheit seiner Wissenschaft wunderbar auf die Schippe nahm: Nachdem er sich zur Beschreibung eines Algorithmus wunderbar in Rage geredet hatte, stellte er fest "ist toll, dass das funktioniert – aber vollkommen unnütz". Allgemeines Gelächter resultierte. Nun, das denkt man wohl oft von uns Geisteswissenschaftlern. Man sieht in der Mathematik (wie übrigens auch in der physikalischen Grundlagenforschung) nicht immer prompt die Anwendung – in den anderen Geisteswissenschaften wie Wissenschafts- und Technikgeschichte natürlich noch viel mehr. Man forscht einfach, weil es gerade "dran" ist, weil dies eben die nächste Frage ist, die sich gerade so ergibt und man das unbedingte Bedürfnis hat, sie jetzt zu beantworten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird später jemand darauf zurückkommen und evtl diese Erkenntnis anwenden. Ziel der Geisteswissenschaften ist aber nicht ein unmittelbar volkswirtschaftliches Bedürfnis wie die Entwicklung eines neuen Materials oder dergleichen. Das gilt sicher für die Astrophysik analog.    

Zum Abschluss der Veranstaltung bedankte sich ein zutiefst gerührter Prof. Knobloch bei Kollegen und Studierenden mit den Worten "Es ist doch ein schöner Beruf!" – Ja, ich glaube, das hat jede/r ihm angemerkt, dass er auch mit Enthusiasmus bei der Arbeit war – und das ist m.E. auch sehr wichtig in den Wissenschaften.
 
Persönlich freute mich diese Bemerkung auch deshalb ganz besonders, weil mir Herr Prof. Knobloch im persönlichen Gespräch noch am Anfang dieses Semesters ein sehr düsteres Bild künftiger Astronomiegeschichtsforschung malte, sodass ich ihm mit Hinweis auf Möglichkeiten des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte vorsichtig zu widersprechen versuchte. Außerdem wird seine eigene Stelle an der TU glücklicherweise ebenfalls wieder besetzt: Das gibt doch Hoffnung!

Leider wird Herr Knobloch zum Sommersemester die TU verlassen, aber wir hoffen natürlich auf weitere Vorlesungen – ein anderer ca. 70jähriger Professor, zu dem ich persönliche Kontakte pflege, gibt noch immer eine Vorlesung pro Semester. Er sagte einmal zu mir in bescheidener Zurückhaltung, "ich mach das ja nur für die Gasthörer und damit ich den Kontakt zu den Kollegen nicht verliere; fürs Studium brauchen die jungen Leute das nicht mehr". Na, wenn wir unseren (grauen) Eminenzen aber so gerne zuhören?! 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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