Tür 8: Pfeil und Adler

Der Pfeil ist ein kleines, leicht auffindbares, wenngleich nicht sehr auffälliges Sternbild im Sommerdreieck. Auf dem Atlas Farnese ist er nicht abgebildet, aber das will nichts heißen, denn die kleinen Sternbilder als Relief aus dem Stein zu hauen, mag schwierig gewesen sein. Bei Ptolemaios wird er im Almagest genannt und so beschrieben, wie wir ihn kennen und auch bei Hipparch wird der Aufgang des Pfeils (als zwölftes Sternbild) genannt. Die mathematische Astronomie von Hipparch und Ptolemaios ebenso wie die poetische bei Aratos hat dieses Sternbild also durch alle Jahrhunderte hinweg gekannt.

Adler

Der Adler ist durch seinen hellen Stern Atair ein wichtiger Bestandteil des Sommerdreiecks. Atair wird im Englischen mit einem “l” geschrieben, also Altair. Das liegt an verschiedenen Transliterationen aus dem Arabischen: Das “L” des arabischen Artikels wird zwar im Arabischen geschrieben, ist hier aber stumm und darum darf man es auch in phonetischer Schreibung weglassen; ich hatte darüber in einem früheren Post einmal berichtet.

Sternbildhistorisch ist die interessantere Frage nach der Orientierung des Vogels auf dem Globus: In modernen Planetarien ist er meist so gelegt, dass der Kopf auf dem hellsten Stern liegt; so fliegt er dem Schwan entgegen und rechtfertigt den arabischen Namen an-nasr at-tair, der aufsteigende Adler, des hellsten Sterns. Auf dem Atlas Farnese hängt er aber kopfüber, so dass ihm der Schwan quasi in die Füße pickt:

Adler auf dem Atlas Farnese, Zeichnung SMH 2017.

Im Almagest – und übrigens auch in Joh. Elert Bodes Sternkarten aus dem 18. Jahrhundert – fliegt der Adler von West nach Ost und hat Atair am Nacken; optional (z.B. im Almagest) kann er dabei auch einen Jüngling namens Antinous tragen. Antinous war ein männlicher Geliebter eines römischen Kaisers, den Neider ermordeten, weshalb er von seinem mächtigen Freund in Trauer an den Himmel versetzt worden war.

Im Almagest kann man quasi “malen nach Zahlen”, was ich hier gemacht habe. Das Bild erhebt keinen Anspruch auf Schönheit, ist aber orientiert an der Beschreibung von Ptolemäus. Grundkarte Stellarium, SMH 2017

In Planetarien möchte man diese (vermutlich wahre) Geschichte aber vllt. nicht in Kindergruppen erzählen. Darum sei hier noch Joh. Elert Bodes Variante der römischen Dichter aus der Uranographia (1801) zitiert:

Nach verschiedenen Dichtern der Vorzeit war dies der Adler, welcher den schönen Knaben Ganymed, einem Sohn des phrygischen Königs Tros, am Berge Ida für den Jupiter raubte. Antinuos war gleichfalls ein schöner Knabe aus Bithynien, den der Kayser Hadrian an seinem Hofe hatte; nach anderen ist hier gleichfalls Ganymedes verstirnt.(…)”

So kann man bei Bedarf auf die Namensgleichheit zum modernen Jupitermond Ganymed verweisen und ist bei haptischen Objekten des Sonnensystems angekommen.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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